Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIX (1967)
- Issue
- 6 (Junio, 1967)
- Date
- 1967-06-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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JUNIO 1967 BOLETIN INFORMATIVO 11 DR. ABNER NECHUSCHTAN - TEL - AVIV OBDUKTION UNTER OBSTRUKTION SONDER-BERKHT EUR DAS B.I. “A. Hitler— A. Eichmann— H. Himmler — Dr. Mengeie — R. Hoess.. Zweiundzwanzig Jahre nach der “Goetterdaemmerung des “Dritten Reiches', fast auf den Tag, prangten die ominoesen Namen auf dem Fahrdamm zwischen den soggnannten “Ungarischen Haeusern” in Jerusalem, dem Wohnsitz eines Grueppchens juedischer Orthodoxer der unnachgiebigsten - und unergiebigsten - Observanz. Das Erstaunen auslaendischer, in der Regel nordamerikanischer Touristen, die sich dahin verirrt hatten, verschaerfte sich zu verstaendnislosem Entsetzen, als sie naeher zusahen: Neben den Namen des deutschen “Fuehrers’' war der eines “Dr. N. Kaplinsky’ gepinselt worden, neben Eichmanns Namen der eines “Dr. Ch. Unger” — und so fort. Ihre israelischen Freunde gaben ihnen Aufschluss. Das seien die Namen der aerztlichen Leiter der grossen hiesigen Krankenhaeuser und anderer landbekannter Mediziner. Und hinter ihrer Gleichsetzung mit den nationalsozialistischen Schwerverbrechern stehen selbstredend die Absicht der Asphaltbeschmierer, sie so infam wie moeglich anzuprangern. Warum? Der Tourist war, •nehmen wir an, zur Feier des staatlichen Unabhaengigfceitstages am 15. Mai in die Hauptstadt Israels gekommen. Noch hatte er sich von seiner Verblueffung ueber diese Art von Begleitmusik der Feiern kaum erholt, als ihm zur Beantwortung des Warum aus den “Ungarischen Haeusern'’ eine ■— in englischer Sprache geschriebene — Kampfschrift des “Ausschusses zur Wahrung menschlicher Wuerde” zugesteckt wurde. Unheimliche Dinge bekam er da zu lesen. “Den meisten derer, die hierzulande sterben, wird ein Begraebnis nach juedischem Brauch vorenthalten”. Liefern die Kliniken den Beerdigungsbruederschaf ten die. Leichen aus, “fehlt das Gehirn, die Zunge, die Leber, das Herz, fehlen die Augen oder noch andere wesentliche Teile des Koerpers; sie landen in den Abfallkuebeln oder werden Hunden zum Frass vorgeworfen’'. Und das sei kein Wunder. Denn insgesamt beinahe 62.000 Dollar haetten besagte “aerztliche Piraten” aus den Vereinigten Staaten unter der Bedingung ■erhalten, “totgeborene oder bald nach der Entbindung gestorbene Kinder und Erwachsene, wenn sie bei ihrem Tod nicht ueber 30 Jahre alt sind, ausnahmslos und wahllos zu sezieren”. Die Kaplinsky, Unger, Mann, Stein und wie sie alle heissen tun es, um ihre ueppigen Salaere noch weiter hochzuschrauben ... Unserem Touristen stehen, unorientiert wie er ist, die Haare zu Berge, wenn ihm derartiges im Lande seiner Vaeter vorgelogen wird. Vielleicht gab er dieser Tage — seiner Bedenken gegen oeffentliche Ruhestoerungen ungeachtet — mithin sogar dem zuegellosen Treiben ganzer Scharen von Obduktionsgegnern in den Strassen der Heiligen Stadt seinen Segen. Dass die Demonstranten mit ihren Steinwuerfen den Jerusalemer Polizeipraesidenten unter vielen Dutzenden Opfern ihres frommen Eifers erheblich verletzten, war in ihren Augen ein Betriebsunfall. “Blut muss fliessen'’ hatte einer der extremen Volksvertreter der Orthodoxie, nicht der erste beste, sondern immerhin der Bruder eines Jerusalemer Vizebuergermeisters, bei der parlamentarischen Behandlung einer Novelle zum “Anatomie — und Pathologie — Gesetz schon im vorjaehrigen Juli, als ihn der heilige Zorn packte, im Plenum der Knesseth ausgerufen. Und seine Gesinnungsfreunde hatten damals einen “Buss- und Bettag zur Abwendung des Verhaengnisses” angesetzt. HINTERBLIEBENE GEGEN AERZTE Nach dem sechsten, massgeblichen Paragraphen des eben erwaehnten, 1953 von der Knesseth verabschiedeten Gesetzes ist die Leichensezierung gestattet, wenn drei klinisch ausgebildete Aerzte unterschriftlich bestaetigen, dass die Todesursache nur dadurch festgestellt werden kann. Geben die Aerzte ihr Einverstaendnis, ist es ebenso erlaubt, dem Leichnam zur Heilung anderer Patienten Organe zu entnehmen. Soweit wie moeglich sollen dazu die Hinterbliebenen oder, vor seinem Tode, der Verstorbene ihre Zustimmung geben; es ist erwuenschc, aber keine unter allen Umstaenden zwingende Voraussetzung. Fast ein Jahrzehnt vorher, noch vor der 1948 erfolgten Gruendung des israelischen Staates, hatte immerhin keine geringere Autoritaet als der besonders angesehene damalige Oberrabbiner Dr. Herzog dem aerztlichen Personal der Krankenhaeuser diese Praxis empfohlen. Einer seiner Irrtuemer lag in der Hoffnung, dass sich damr auch die Leidtragenden samt und sonders abfinden wuerden. Einen stetig wachsenden Teil von ihnen stellten seit dem ersten Jahrzehnt nach 1948 Zehntausende juedischer Einwanderer aus mitteloestlichen und nordafrikanischen “Entwicklungslaendern’'. Sie muenzten ihre anfaengliche Hilflosigkeit in pauschalen Argwohn gegen die Dinge der modernen Zivilisation um, in die sie ploetzlich versetzt waren. Umso williger hoerten sie auf die Einfluesterungen der Eilerer, die die beruehmte Vision des Propheten Ezechiel von der Wiederholung allen toten Gebeins reichlich willkuerlich mit folgender umstrittenen Stelle des Talmud in Verbindung brachten: “Der Leichnam hat in allen seinen Teilen beerdigt zu werden; er gilt als unbeerdigt, wenn auch nur ein einziges Organ des Koerpers fehlt”. Wie es ihnen ultraorthodoxe Kreise rieten, bestritten zahlreiche Leidtragende aus solchen Schichten den Pathologen das Recht auf eine Autopsie infolgedessen auch dann, wenn eine post-mortem Diagnose unter Umstaenden von direktem volksgesundheitlichen, und vielleicht auch allgemein heilkundlichem Wert war, und, wie gesetzlich vorgeschrieben, von drei Aerzten angeordnet wurde. Ja nach und nach gerieten die Aerzte in nicht wenigen Einwandererdoerfern gar in den Ruf, jeden Leichnam in der Reichweite ihrer pathologischen Abteilungen oder Institute pietaetlos “kurz und klein zu schneiden”, auch wenn sie den Hinterbliebenen das Gegenteil vorher versprochen hatten. Ohne diese Atmosphaere des Misstrauens, die vorher schon mehr als einmal zu boesen Zwischenfaellen gefuehrt hatte, waere es kuerzlich vielleicht nicht zum Versuch eines Protestmarsches vieler hundert Frommglaeubiger gegen das grosse, bei Tel-Aviv gelegene Krankenhaus Tel-Haschomer gekommen. Dort war die herzkranke, 42 jaehrige Frau eines Talmudlehrers, nach dem lockeren hiesigen Sprachbrauch eine Rabbinerin, die Mutter von 9 Kindern, in Erwartung ihres zehnten eingeliefert worden. Das Kind kam tot zur Welt, das Herz der Mutter begannauszusetzen. Vergebens versuchte einer der 12 (zwoelf) Aerzte, die sich hingebend um sie bemuehten, sie mit Herzmassage zu retten — sie starb. Da sich der Herzmuskel waehrend der langwaehrenden Massage geloest hatte, blieb er ausserhalb des Leichnams, als die Kollegen des Gynaekologen die Schnittstelle vernaehten. Sie fuegten diesem ersten Fehler noch einen zweiten, ebenso bedauerlichen, eher psychologischen hinzu, das Herz der Beerdigungsbruederschaft nicht gleichzeitig mit der Leiche auf den Friedhof zugehen zu lassen. Sie Messen es in einem Beutel erst folgen, nachdem die Leichenwaescher den chirurgischen Schnitt entdeckt und einen frommjuedischen Arzt herbeizitiert hatten, der das Nichtvorhandensein des Organs feststellte und im Sinne des prophetischen Zukunftstraumes feierlich daraufhin erklaerte, dass diese Rabbinerfrau dereinst von der “Auferstehung allen Gebeins'1 ausgeschlossen sein werde... “Peccatur et intra muros auch “innerhalb der Mauern wird gesuendigt”, kann man da nur frei nach den Lateinern sagen. DIE STELLUNG DER AERZTESCHAFT Selbstredend sind weder der einen noch der anderen Partei, ultra oder intra muros der Krankenhaeuser, Zwangslagen anzulasten, die verantwortliche aerztli che Entscheidungen in einer Zeitspanne von Minuten erfordern. Professor Dr. Stein, Chef der ophtalmologischen Abteilung von ‘Tel-Haschomer’', ein Augenarzt von internationalem Ruf, hat waehrend der letzten zwei Jahrzehnte hierzulande 800 Menschen das Augenlicht gerettet, indem er 800 in seiner Klinik Gestorbenen die Augen unmittelbar nach ihrem Ableben entnahm, um die Cornea auf seine Patienten zu uebertragen. Die Hornhaut der Augen von Toten laesst sich dazu nicht mehr verwenden, wenn man die Zeit verstreichen laesst, die in der Regel zur Informierung der Hinterbliebenen und zur Erreichung ihres Einverstaendnisses noetig ist. Aber: welche Proteststuerme! Dr. Stein: “Dreihundert aufs schwerste Sehbehinderte, ja, faktisch schon Erblindete warten in meiner Abteilung darauf, an die Reihe zu kommen. Soll ich ihnen helfen oder nicht?” Auf der Pressekonferenz, die der Augenarzt mit anderen, ebenso prominenten Spezialisten und dem Stab seiner Assistenten gab, tat er recht daran, sich bei aller Erbitterung ueber das Trommelfeuer der kaempferischen Orthodoxie auf das schlechthin entscheidende Problem zu beschraenken: Ob laienhafte Unkenntnis und Empfindungen einer an sich gewiss ehrenhaften Piet a e t im Verein mit religioeser Mystik und Silbenstecherei den Gottesglauben der Vaeter, die religioese Grundlage des juedischen Staates dermassen in einen Totenkult verwandeln duerfen, dass es den Aerzten in Israel immer mehr erschwert wird, den Lebenden als heilkundige Helfer und als rastlose Erforscher der Bedingungen und Formen der Physis zu dienen. In einer besonders eindrucksvoll formulierten Erklaerung verurteilten denn auch drei andere Professoren hoechsten Ansehens, der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der Israelischen Medizinischen Gesellschaft und die Dekane der Medizinischen Universitaetsfakultaeten in Jerusalem und Tel- Aviv, genau so entschieden die Versuche jener orthodoxen Kreise, die Praxis der Obduktion unter die Daumenschrauben ihrer Obstruktion zu pressen. Sie verwiesen darauf, wie es dem jahrzehntelangen Kampf der juedischen Aerzte gegen Malaria, Kinderlaehmung usw. gelungen sei, Epidemien dieser Art, die im frueheren Palaestina zu den endemischen Krankheiten gehoerten, faktisch auszurotten. Seit Jahren hat es nicht an Versuchen gefehlt, den Konflikt zwischen diesem religioesen Veto und dem Anspruch der Aerzteschaft auf Forschungsarbeit und Hilfe am Mitmenschen abzuschleifen. Die im vorigen Jahre vor die Volksvertretung gebrachte Gesetzesnovelle sah mit dieser Tendenz vor, jeden Fall einer Autopsie oder der Verpflanzung von Organen eines Leichnams nicht nur vom Einverstaendnis dreier Aerzte abhaengig zu machen — von denen nach jahrelangem Brauch mindestens einer uebrigens religioes eingestellt ist — sondern von der Zustimmung auch eines Rabbiners. Irgendwie blieb der Antrag dann im parlamentarischen Tri e b w e r k haengen. Heute jedenfalls wuerde dem Oberrabbinat dieser Kompromiss nicht mehr ausreichen. Nur Rabbiner seien ohne jede Heranziehung von Aerzten befugt, derartige Entscheidungen zu treffen, dekretierte es. Es musste sich daraufhin vom Vorsitzenden der “Religioes -Nationalen Partei”, dem selber strikt gesetzestreuen und in allen Parteilagern hochangesehen Innenminister Schapiro sagen lasen, dass es einer juedisch religioes wie moralpolitisch gleich unerlaubten Hetze nur Vorschub leiste. Der Minister ist erfreulicherweise bei weitem nicht der einzige Repraesentant der Religioesen, der im Wunsch nach einer Bereinigung des Konfliktes dem Ministerpraesidenten Eschkol loyal zur Seite steht. Aber es laesst sich im Moment nicht Voraussagen, ob den Ausgleichsbemuehungen Eschkols Erfolg beschieden sein wird. Von tragischen Folgen waere es, fuer den bisher ueberdurchschnittlich guten volksgesundheitlichen Standard der Bevoelkerung Israels, wenn d i e medizinische Wissenschaft als “Besiegter” aus diesem phantastischen Streit um Leichen und Leichenteile hervorgehen sollte, und als “Sieger” eine fanatisierte Dunkelmaennerei, die den Obskurantismus einfaeltiger Gemueter missbraucht. Restaurant INNSBRUCK * Av. Las Condes 13300 (interior) Fon« 269 (Marcar 489) Ein gemuetlicher Treffpunkt bei bestem Europaeischen Essen und Musik. Nur 20 Minuten vom Centrum Wir haben auch Strudel und Kuchen