Mannheim
Compact Memory

Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1967-05-01 · 5 (Mayo, 1967) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXIX (1967)
Issue
5 (Mayo, 1967)
Date
1967-05-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/8553624-8559960-9195070--5126-8560045
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

MAYO 1967 BOLETIN INFORMATIVO 9 ANTISEMITISMUS IN ARGENTINIEN Argentinien ist seit vielen Jahren ein Zentrum nazistischer und antisemitischer Umtriebe, sodass gelegentliche Zeitungsmeldungen ueber Zwischenfaelle schon fast zur Routine gehoeren. In den letzten Monaten, genauer gesagt, seit der Machtuebernahme des Generals Ongania, haben aber einerseits die Provokationen der Extremisten bedenkliche Ausmasse angenommen und ist andererseits die Passivitaet der Behoerden derart eklatant, dass die juedische Kollektivitaet im Nachbarland und ihre verantwortlichen Leiter aus ihrer Beunruhigung kein Hehl mehr machen. Es ist selbstverstaendlich, dass wir Juden in Chile ihre Besorgnis sowohl aus Gruenden der geographischen Naehe, wie vor allem aus solchen juedischer und allgemein menschlicher Solidaritaet vollauf teilen. Wie erinnerlich, empfing der erste Innenminister des neuen Regimes wenige Tage nach der Machtuebernahme die Fuehrer der Gruppe “Tacuara’', die eine Art Stosstrupp der nazistischen Bewegung in Argentinien darstellt. Offensichtlich ermuntert durch diese ihnen bislang versagte Form der offiziellen Anerkennung, ging diese Bande zu einer verschaerften Form des Terrors gegen juedische Institutionen, Synagogen, Versammlungen, Handelshaeuser und Privateigentum ueber. Die Po lizei verhielt sich dagegen auf fallend passiv, ganz Im Gegensatz zu dem rueden Vorgehen gegen die Universitaetsprofessoren —vor allem die juedischen—, die sich nicht zu Komplizen der Knebelung der akademischen Freiheit machen wollten. Nach dem Wechsel im Innenministerium erachtete die DAIA, das dortige Comité Representativo, den Moment fuer gekommen, um den neuen Minister Dr. Guillermo A. Borda auf die Gefahren hinzuweisen, die sowohl den juedischen Buergern wie' dem sozialen Frieden in Argentinien ueberhaupt seitens dieser hetzerischen Umtriebe drohen. Das war, genau gesagt, am 16. Maerz. Einen Monat spaeter lag noch keine Antwort oder sonstige Stellungnahme des Ministers vor, dagegen fiel ein junger Polizist, der bei einem Ueberfall auf ein juedisches Kunst- Institut intervenierte, den Kugeln der Nazis zum Opfer. Bo sah sich die DAIA genoetigt, dem Innenminister am 18. April ein neues Memorandum vorzulegen, auf das bis Ende des Monats (Datum unserer letzten Nachrichten diesbezueglich) auch noch die Antwort ausstand. Ungefaehr auf der gleichen Ebene bewegt sich die Haltung der Kirche, von deren Seite keine dem “Oekumenischen Geist’’ entsprechende Stellungnahme gegen Hass und Intoleranz verlautbart wurde. Im Gegenteil, ein junger Priester, der dies auf eigene Faust unternahm, wurde einer anderen Dioezese unterstellt, ein Verfahren, das man, waere es beim Militaer vorgenommen worden, nur als Strafversetzung definieren koennte. Dagegen wurde ein ganz besonders schwerwiegender Zwischenfall, naemlich der Aufmarsch einer Gruppe Banditen mit Hakenkreuzen, erhöbe n e m Arm und “Heil-Hitler”-Gejohle, der sich im Vorhof einer katholischen Kirche abspielte, von der Hierarchie mit Stillschweigen uebergangen. Die Ueberlegung draengt sich auf, warum solche Dinge dort geschehen und hier gluecklicherweise nicht, ob sie hier auch geschehen koennten und wie ihnen zu begegnen ist. Summariscn gesehen und in Anbetracht der historischen Erfahrung, muss eine erste und oberflaechliche Antwort offensichtlich lauten, dass antisemitische Ausschreitun gen ueberall dort moeglich sind, wo Juden in der Minderheit leben. Das heisst, ueberall, ausser in Israel. Und zu begegnen ist ihnen durch das einzige, bisher als wirksam bekannte Mittel gegen den Antisemitismus, naemlich den Zionismus, das heisst, die nationale Sammlung und ihre auf Israel und Alij ah gerichtete Tendenz. Das entbindet uns aber nicht von der Verpflichtung zu analysieren, warum ein Land wie Argentinien so besonders anfaellig gegen den sozialen und intellektuellen Krebsschaden des Antisemitismus ist, sowie einige —durchwegs zu Gunsten Chiles ausfallende— Vergleiche anzustellen. Es ist logisch, dieselben mit einer Gegenüberstellung der Bevoelkerungszahlen, des prozentualen juedischen Anteils, speziell in der Hauptstadt, zu begi n n e n und mit einer Analyse der Berufsschichtung fortzufahren. Sodann muesste man den Grad der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes, d. h. vor allem den Verlauf und Stand seiner Industrialisierung untersu c h e n, sowie den Anteil der juedischen Bevoelkerung. Beides sind Aufgaben, die den Rahmen dieses Kommentars und die Kompetenz seines Autors weit ueberschreiten, was nicht heisst, dass sie nicht dringlichst zum Gegenstand von Untersuchungen gemacht werden sollten, die unsere verantwortlichen Instanzen in die Wege leiten und zu studieren haetten. Andere Dinge aber liegen auf der Hand. Da ist vor allem die bittere Tatsache, dass Argentinien ein politisch unreifes Land ist. Wenn es heute dort gar keine Parteien geben darf, so kommt das nicht von ungefaehr, sondern ruehrt von der Tatsache her, dass es nie richtige Parteien im Sinne von Traegern einer demokratischen Struktur hatte. Nur so ist es zu erklaeren, dass ein Phaenomen Perón ueberhaupt moeglich war, mit all seiner demagogischen Phraseologie, seinem Persoenlichkeitskult —er ist heute noch im Bewusstsein der Massen!— und seiner durch und durch unernsten Art der Staatsfuehrung. So ist ein Frondizi zu verstehen, der ein ganzes Wahlprogramm meistbietend verkaufen konnte, ein Illia, der bei aller Honorabilitaet an der Dynamik der Probleme gemessen sich mehr als Bürgermeister einer Kleinstadt ausnahm denn als Praesident einer kontinentalen Macht. Die chilenische Politik dagegen bewegt sich in den klassischen Bahnen einer wirklich funktionieren den Demokratie, mit marxistischen Linksparteien, einer buergerlichen Rechtspartei und der sozialdemokratischen Alternative. Letztere regierte —mit Unterbrechung der Regierungszeit Ibänez— 25 Jahre lang mit dem Etikett der Radikalen Partei und tritt heute mit neuen und ernsten Formeln im Christlich - Demokratischen Gewand an die Waehler heran. Kein Wunder, dass das politische Vakuum des Nachbarlandes immer wieder Generaele und Admiraele in den Regierungspalast saugt; ebenso logisch, dass das Primat der Zivilisten hierzulande ueberhaupt nicht angezweifelt wird. Die Rueckwirkung auf die Situation der Juden ist klar: wir identifizieren uns. mit der demokra-. tischen Regierungsform. Abgesehen davon, ist in jeder anderen Regierungsform — Faschismus, Kommunismus, Militarismus — der Willkuer Tuer und Tor geoeffnet und wo die Willkuer herrscht, kann sich keine Minderheit sicher fuehlen. Auf der anderen Seite bietet die Demokratie nicht nur weitgehende — in der Verfassung verankerte — Garantieen, sondern die Parteien, die sie tragen, beschaeftigen sich mit den Problemen des Landes unter ernsten Gesichtspunkten, meist wirtschaftlicher und sozialer Praegung. Keiner sozialistischen oder christlich - sozialen oder buergerlich - liberalen Partei wird es ernstlich einfallen, die Schuld fuer Inflation oder Deflation bei Juden oder Radfahrern zu suchen. Dagegen, was kann einem General der die Macht und nur die Macht, ohne Ideologie, ohne Programm, ohne Ziele erobert und dann verteidigt, was kann dem nicht alles einfallen?! Zu der unerfreulichen Rolle des Heeres in Argentinien gesellt sich die nicht minder unerfreuliche der Kirche. Ein Priester namens Meinville gehoert zu den namhaften Fuehren der Nazi-Bewegung, ohne dass der Kardinal - Erzbischof Caggiano sich je bemuessigt gefuehlt haette, ihn “strafzuversetzen” oder auch nur zur Ordnung zu rufen. Wie anders verhielt sich doch stets ein Kardinal Caro, wie himmelweit darueber steht ein Kardinal Silva Henriquez, ein Kirchenfuerst der mit seinem argentinischen Kollegen nur gemeinsam hat, dass er den “Oekumenischen Geist” des Konzils auch nicht nach Hause brachte, aber nur, weil er ihn schon vorher praktizierte. Ein Faktor, den es auch zu untersuchen gilt, besteht in der Haltung zweier Kollektivitaeten, naemlich der arabischen und der deutschen. Waehrend wir ueber erstere hier nicht namhaft zu klagen haben, war in Buenos Aires jahrelang ein eigens aus Kairo entsandter Hetzer taetig, dem es gelang, betraechtliche Unruhe zu schaffen. Schliesslich wurde es selbst der Regierung Illia, die ansonsten im Zweifelsfall stets (Fortsetzung Seite 16) -□ MONATSSPIEGEL KONRAD ADENAUER Mit dem Todes des ersten Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland hat ein Staatsmann das Zeitliche gesegnet, dessen Bedeutung die Grenzen seines Vaterlandes weit hinter sich laesst. Was er fuer Deutschland getan hat, das er aus den Truemmern des Dritten Reichs wieder zu Wohlstand und Ansehen gefuehrt hatte, ist in der Weltpresse eingehend gewuerdigt worden. Desgleichen wurde seine Bedeutung in dem historischen Prozess der Einigung Europas, an dem er sowohl durch seinen persoen- 1-ichen Beitrag zur Ueberwindung der saekulaeren deutsch -franzoesischen Feindschaft wie auch in allen anderen Aspekten maassgebend beteiligt war, gebuehrend unterstrichen. Und schliesslich kann es keine bessere Illustration fuer seine konstruktive Rolle in der Neugestaltung der westlichen Welt geben als die Tatsache, dass bei seiner Beisetzung die Praesidenten und Premierminister der ehemaligen Feindstaaten persoenlich zugegen waren. Die Behauptung, der groesste deutsche Staatsmann seit Bismarck sei mit ihm dahingegangen, ist gewiss mehr als eine rhetorische Wendung und kann vielleicht nach einer vergleichsweisen Untersuchung sich mehr als ein “Understatement” als eine Uebertreibung herausstellen. Was uns aber ansteht festzustellen, sind mehr als die obenerwaehnten Wertschaetzungen vor allem jene, die Adenauers Beziehungen zum juedischen Volk und zu Israel beruehren. Wenngleich er waehrend der Nazizeit nicht direkt zu der —ohnehin sehr reduzierten— aktiven Opposition gehoerte, so war er doch zweifellos ein erklaerter Gegner des Regimes und selbst ein Verfolgter. Schon durch diese Tatsache fuer die fast unmoeglich scheinende Aufgabe einer Wiederaufnahme der toedlich vergifteten Beziehungen zwischen Deutschen und Juden nach aussen hin qualifiziert, verwandelte er sie kraft innerer Ueberzeugung zu einem ebenso nationalen und politischen, wie vor allem persoenlichen Anliegen. Der politische Ausdruck von Scham, Reue und Suehne, der mit dem unzulaenglichen Vokabel “Wiedergutmachung” gekennzeichnet wird, ist zum grossen Teil eine Schoepfung Konrad Adenauers und wird mit seinem Namen immer verbunden bleiben. Er war es, der in Unterredungen mit Dr. Nahum Goldmann dieser Idee die ersten konkreten Formen gab: nach seinen eigenen Worten verspuerte er bei der ersten dieser Sitzungen “den Fluegelschlag der Geschichte” im Konferenzzimmer. Er war es, der bei mehr als einer Gelegenheit die ins Stocken geratenen Verhandlungen durch eine persoenliche Entscheidung aus der Sackgasse subalterner Ueberlegungen oder buerokratischer Beden k e n der deutschen Delegierten herausfuehrte. Bekanntlich stiessen die Abmachungen, die schliesslich in Luxemburg unterzeichnet wurden, auf leidenschaftliche Ablehnung eines recht respektablen Teils der oeffentlichen Meinung in Israel. Zu den Argumenten, die gegen die sogenannte Wiedergutmachung a n g efuehrt wurden, gehoerten eines, demzufolge darin ein politisches Manoever mit dem Zweck zu sehen sei, Deutschland wieder gesellschaftsfaehig zu machen. Selbst in Kreisen, die das Abkommen befuerworteten, hat man sich diesen Gedankengang zu ei gen gemacht. Nun kann man selbstverstaendlich geteilter Meinung ueber den Grad des Ansehens sein den Deutschland heute in der Welt gemessen wuerde, wenn es sich seinerzeit nicht dazu durchgerungen haette, eine Busse fuer das im deutschen Namen veruebte Grauen auf sich zu nehmen. Skepsis an der Sensibilitaet der Weltmeinung oder das oesterreichische Benehmen einerseits, sowie die wirtschaftliche und strategische Bedeutung der BRD andererseits liefern ganz gewiss auch Argumente fuer die Annahme, dass die deutsche Position in der Welt ohne Reparationsabkommen und Wiedergutmachung nicht minder “gesellschaftsfaehig” waere. Es waere muessig darueber zu streiten, da mit “wenn” und “aber” ebenso viel behauptet wie widerlegt werden kann. Was aber nicht hinweggeleugnet werden kann, ist die Tatsache, dass offensichtlich Adenauer tief von der Ueberzeugung durchdrungen war, dass die “Wiedergutmachung” so wie er sie konzipierte und verstand, einen moralisch notwendigen Schritt in Rahmen, der deutsc h e n Rehabilitierung darstellte: vielleicht sogar vom Standpunkt der Moral aus, den wichtigsten. Und das wird ihm immer zur Ehre gereichen. Vor wenig mehr als einem Jahr fuehrte er seinen lange geplanten Besuch in Israel durch. Wenn er dies auch nicht mehr in seiner Eigenschaft als Kanzler tat, so unterstrich er mit dieser Reise und den Strapazen, die er als 90-jaehriger damit auf sich nahm, doch den grossen sittlichen Ernst, der ihn in seinen Beziehungen zu uns beseelte. So wird sein Name nicht nur in der Geschichte seines Volkes weiterleben, sondern auch in der unseren als der eines Mannes, dem aufgrund seiner Haltung und seiner Taten aufrichtige Anerkennung gebuehrt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.