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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1966-04-01 · 4 (Abril 1966) · p. Seite 11

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXVIII (1966)
Issue
4 (Abril 1966)
Date
1966-04-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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ABRIL 1966 BOLETIN INFORMATIVO 11 r GEDANKEN ZWISCHEN ZWEI UND DREI 9. FORTSETZUNG Das Unternehmen Alphabet”, diese unverbindliche Unterhaltung und Sprach - Uebung, naehert sich seinem Ende. U und sein Umlaut UE sind nicht schwer .unterzubringen. In der deutschen Umgangssprache findet man sie in unglaublicher Ueberzahl. Unangenehmerweise allerdings und fast unvermeidlich in negativem Sinn, das die bis zum Uebendruss gebrauchte ¡Vorsilbe “Un” mit “nicht” zu uebersetzen ist. Diese unartige Vorsilbe vor einem negativen Ur — oder Stamm- Wort ergibt unweigerlich durch die Verneinung positiven ¡Sinn (Un-sterblich kieit, u nanfechtbar, un - eigen nuetzig, un-schaedlich usw.) waehrend die Doppel-Union und Doppel Verneinung “un be” bei negativen Woertern ohne Unterschied in Bejahung umkehrt, (unbe-kuemmert, unbe-scholten, unbesiegbar etc.) Eine Sprache ist natuerlich nie zu unifor mieren; es gibt in ihr eine Unzahl von Unregelmaessigkeiten, die logisch unsinnig erscheinen. So sagt man z. B. umgeben, umwerben, aber umsetzen, umstimmen. Ethymologie, die Lehre des Wort-Ursprungs und seiner Ueberlieferung und Umwandlung ist ein unendlich interessantes Gebiet, das, ungleich anderen, voll Ueberraschungen ist. Es gibt X Umstaende und Ursachen, Ueberschneid u ln |g e n von sprach-Usancen, ulkige Dialekt Ausdruecke, die ueoernommen wurden, uralte geographische Einfluesse von ueberall, durch bekannte und, unbekannte Vloelkerverschiebungen, Kriege und Unruhen in Politik und Kulturgeschichte, die unsichtbar und allmaehlich die eingeengten Ufer des Wortausdruckes im Laufe unzaehiiger Jahres erweitern und ummodeln. Jede neue Umgebung, in die man eine Sprache verpflanzt, uebt einen unumstrittenen Einfluss aus, unterzieht sie Veraenderungen die erst in der Unterhaltung und spaeter im schriftlichen Usus als urecht uebernommen , wer den. Es waere eine Utopie, versuche man im unerheblichen (es ist ja kein Unterricht) ueber ein universelles Thema, das ut supra nur als Utensilie dienen sollte, in einer Uhr-gebundenen Stunde erschoepfend zu unterbreiten. “Ultra posse nemo oligatur” (Unmoegliches , zu leisten* ist niemand verpflichtet), — unterbrechen wir also das unsinnige Unterfangen, verzichten wir auf a n d e re, allgemeinere Ueberblicke, und bitten wir untertaenigst um Urlaub, um uns den naechsten Buchstaben zu Verpflichten. DES ALPHABETS Hier will ich versuchen, Ihnen eine wahre kleine Geschichte zu erzaehlen, von der ich wirklich noch nicht weiss, wieviel W-Worte in ihr verwendet werden koennen. Waehrend des Rueckzugs der aus dem Westen nach Deutschland zurueck stroemenden Wehrmacht des 1. Weltkriegs, wurde jedem Haus, jeder Wohnung von Amts wegen Einquartierung aufgezwungen. Die fuer wenige Wartetage unser Fremden zimmer durchwandernden, staendig wechselnden Gestalten und Gesichter waren fuer uns Kinder wieder und wieder neue Sensationen, die wir wie Wunder bestaunten. Ihre Heldenerzaehlungen waren wohl zum groessten Teil nicht ganz der Wahrheit entsprechend, fuer uns aber Wirklichkeit, der wir mit weit offenen Augen und Ohren lauschten. Einer der letzten “Gaeste” war ein Stabsarzt, der mit seiner Ordonanz, einem wahren Riesen, der Wonne saemtlicher Dienstmaedchen des Hauses, den oberen Stock unserer Wohnung bezog. Dr. So-Wie- So machte wuerdevolle Antritts-Visite bei meiner Mutter, der keine andere Wahl blieb, als ihn willkommen zu heissen. Er war ein wohlerzogener, etwas eigenartig wirkender Mann, der wenig Wirbel ins Haus brachte und nur Wert auf Ruhe und Ordnung legte. Nach circa einer Woche Aufenthalt war seine Weiterfahrt faellig. In hoeflichster Weise bat er meine Mutter, ihm einen sehr persoenlichen Wunsch zu erfuellen und einen fuer ihn aeussert wichtigen, grossen Koffer in Wahrung zu nehmen, der ihm auf seinem weiten Weg nach Hause wesentliche Transport-Widrigkeiten verursachen wuerde. Er ueberg ab seine Wappen - geschmueckte Visitenkarte mit Adresse und Wohnort und versprach, den Kasten-Koffer so bald wie moeglich abholen zu lassen. Wilhelm, der Bursche, wuchtete den wertvollen Riesenkasten in einen schraegen Wandschrank des Dachbodens und Dr. von Was-Weiss-Ich trat nach Warmen Dank, seine Heimwaerts-Wanderung an. Wochen, Monate spaeter wurde die Franzoesische Besatzung wahr. Eine oeffentliche Warnung erfolgte, die jeglichen Waffenbesitz verbot und mit sofortiger Wirkung wissentliches Zuwiderhandeln mit G e f a e n gnis strafte. Durch einen Zufall bekam Vater Wind von dem (nie reklamierten) Koffer. Ein Brief an den wunderlichen Besitzer wurde als unbestellbar retourniert, Anfragen an Aemter wiederholten sich in der wertlosen Antwort “unbekannt”, —wir waren am Ende unserer Weisheit. Vater hielt es fuer ein Wagnis in den Wirrnissen der Zeit einen mit wer-weisswas-fuer-welchen ominoesen Dingen (Waffen? Waren? Wertgegenstaende?) gefuellten Koffer zu beherbergen. Wenn, wie wir beschlossen, der Kasten geoeffnet wurde, war es natuerlich wesentlich, einen waschechten Beamten der Buergermeisterei anwesend zu haben, der als Zeuge wirken und walten muesste. Herr Wittmeyer, wackerer Polizeidiener und wohlbestallte Amtsperson, weigerte sich nicht, mit aller Wuerde dem wichtigen Akt beizuwohnen. Mit Windeseile wirbelte die Sensations-Nachricht durch alle Winkel des Hauses; eine wahre Woge theoretischer Prognosen wischte jegliches andere Gespraech aus dem Weg, in immer wiederkehrender Walze wurde die einzige Wichtigkeit besprochen: Was waren die Wahrscheinlichkeiten des Inhalts, was barg die tiefe Woelbung des Koffers? Es summte wie in einem Wespennest, einer wollte mehr wissen als der andere, jeder weigerte sich von seiner “wissenschaftlichen Theorie” zu weichen. Wissbegier und wildeste Fantasie schlug hohe Wogen; wirre Wunschtraeume von wundervollen Schaetzen gaben weidlichen Anlass zu heftigern Wort-Wechsel. Das Treppenhaus wurde zum Parlament, wo Widersprueche wuetend nie der gezischt und wispernde Wetten geschlossen wurden. Man erging sich in weitgehenden, wechseln- Vermutungen und wiegte den sich in nicht enden wollender Hoffnung auf Welt-Wunder in Schmuck, alten Wandbehaengen, Gemaelden, Gold oder wenigstens Silber. Wir Kinder wechselten uns in der Wache vor dem ploetzlich so wichtigen Wandschrank ab, und leisteten weinend Widerstand, wenn man uns wegschickte. Endlich wurde der langerwartete Tag der Koffer-Oeffnung zur Wirklichkeit. In der winzigen Kammer wirkte sich das strahlende Sommer-Wetter zur bruetenden Waerme aus. Alle Hausbewohner waren erschienen, man wartete in wahrnehmbarer Spannung auf Herrn Wittmeyer, der wegen eines uns laecherlich scheinenden Polizeifalles unpuenktlich war. Das wispernde Gemurmel der weiblichen Stimmen wirkte wie das Plaetschern eines Wasserfalles; die Maenner wetterten ein wenig wegen Wittmeyers Wichtigtuerei, wussten aber, was sie ihrer Wuerde schuldig waren und warfen nur ab und zu ein wirksames Wort, in die ein-thematische Unterhaltung, zu der sie gespielten Abstand wahrten. Nervositaet und Muedigkeit wuchs, man wurde ungeduldig, aber niemand wollte weder wanken noch weichen. Wie eine Erloesung erklang endlich von weit unten, wo er als Waechter waltete, die helle Bubenstimme des kleinen Willy; die welken Energien wurden wieder wach. Die Treppe stoehnte aechzte —Herr Wittmeyer war auf dem Weg nach oben. Mit dem sonst so witziggemuetlichen Mann, den wir Kinder wissentlich noch nie als Werkzeug seiner amtlichen Bestallung gesehen hatten, war eine wahrnehmbare Wandlung vorgegangen. Den Walross-S c h n a u z bart gewichst, die weinselig-geroetete Knollennase wuerdig erhoben, Wurstfinger in weisseder Deckel weit auf, wie eine Woll-Handschuhe gezwaengt, jeder Zoll ein gestrenger Waibel — so wandt er sich pustend die Wendeltreppe zum Dachboden herauf. Respektvolle, fast weihevolle Stille empfing ihn. Mit wiederholtem “Mm, HM” warf er einen waegenden letzten Blick in sein entfaltetes Amtsschreiben, fragte ploetzlich mit Wotan-gewaltiger Stirn me: “Wo?” und man zeigte ihm die wurmstichige Wandtuere, fragte: “Wann?” und man nannte ihm ein wahrscheinliches’ Datum, fragte: “Warum?” und niemand wagte oder wusste eine Antwort. Ein Wink von seiner Hand wies den Frauen ihren Platz an den Waenden an, berief die Maenner an die wichtige Arbeit. Das Schloss wehrte sich, weil es total verrostet war und gab nur wider Willen dem wuehlenden Schluessel nach, die Tuer sprang auf und da war er, im fernsten Winkel, der wuchtige Wunderkoffer! Der Weg zu der Wunschtruhe war frei. Waghalsige letzte Wettgebote wurden laut, als vier kraeftige Maenner mit sichtlich wirklicher Anstrengung den unwahrscheinlich gewichtigen Kasten aus dem Wirrwar des Dachbodengeruempels wuchteten. Die Spannung wuchs zum Siedepunkt, wer konnte draengte weiter vor, wir Kinder wussten unsere Plaetze zu behaupten. Man wischte den flockigen Staub von den Spinnweb-umwobenen Schloessern und ging mit wuetender Entschlossenheit und Stemmeisen ans Werk. Mit weinerlichem Quietschen warf sich verrauschende Welle erstarb jedes Geraeusch. Winkte uns nun die wieder und wieder ertra eumte Schatz-Insel? Wurde wahr, was wir erhofft? Die letzten Sekunden wurden zu widerlich langsam schleichender Ewigkeit und wollten kein Ende nehmen. Und es kam, das Ende naehmlich aller wirren Traeume, der Weltuntergang wilder Hoffnungen fuer Gross und Klein, der Wendepunkt im Wunderglauben eines verwirrten Kindes, der derbe Wechsel von Illusion zur Wahrheit. Sie wollen nun mit Recht wohl wissen, was wirklich in dem Koffer war, wieso er so schwer wog und was der Witz vom Ganzen war. Der Inhalt war ein Wust von altem Zeitungspapier in wuestem Durcheinander, dikke, schwere, grobe Steine in wilden Mengen, willkuerlich hinein geworfen und — als einziger “Gegenstand— das Wrack einer Feld— Wald — und Wiesen-Petroleumlampe ohne jeglichen Wert. War es Diebstahl des Burschen, desequilibrierte Wunderlichkeit seines Herrn? Wer kann es wissen, von Beiden ward nie wieder gehoert. So endete er mit Wehmut und leichter Seelen-Wunde die Schatz-Hoffnung meiner Kindheit und wandelte sich zur Lehre fuer’s Leben, das WUNDER nie da zu suchen, wo es uns sozusagen vor die Nase gesetzt wird, sondern es mit eigenem Willen und Wissen sich selbst zu erobern. Schluss folgt K.:...g 7D. GEBURTSTAG EINES JUEDISCHEN ZEITDICHTERS Am 29. April wurde Walter Mehring 70 Jahre ait, dessen Gedichte und Chansons sich grosser Verbreitung und Beliebtheit erfreuen. Mehring wurde zu Berlin als Sohn eines Redakteurs geboren und studierte zun a e c hst Kunstgeschichte, um sieh aber bald dem freien schriftstellerischen Schaffen ,zuzuwenden. 1916, er war gerade zum Kriegsdienst einberufen worden, erschienen seine ersten Gedichte. Bald veroeffentlichte er seine Balladen in Harden’s und Jacobsohns “Weltbueh n e” Mehring wurde in den zwanziger Jahren eine Art Baenkelsaenger von Berlin. Seine Chansons wurden von den grossen Kuenstlern dieser Art in den Kabaretts zu Gehoer gebracht. Seine mitreissenden Lieder und Zeitgedichte brandmarkten das drohende faschistische Uebel; seit den Inflationsjahren wurde Mehring einer der klugen War ner und Mahner vor den kommenden Gefahren. Er ist dann den Nazis, die seine Buecher (verbrannten, entkommen, zuerst nach Oesterreich, dann mit knapper Not von dort nach Frankreich, wo er in den grossen Fluechtlingsstrom von 1940 hineingeriet. Schliesslich gelangte er 1941 auf Umwegen gluecklich nach Amerika. “Wedding - Montmartre”, “Die hoellische Komoedie”, “Die Nacht des Tyrannen" sind seine bekanntesten Buecher der europaeischen Jahren. In Amerika schrieb Walter Mehring das Buechlein “Verlorene Bibliothek” die , “Autobiographie einer Kultur” (1952), in der er untersucht, welche ererbten Werte weiterhin gueltig fuer uns sein duerften. Vor einigen Jahren gab RoRoRo unter dem Titel “Der Zeitpuls fliegt” eine Auswahl seiner besten Essays, Polemiken und Gedichte heraus. Freiheitlich gesinnt, weltoffen find hochgebildet, ist Walter Mehring ein echter Kultiurtraeger unserer Zeit, der Jude ist, ohne allerdings unseren speziellen Aufgaben sein Interesse zuzuwenden. CURT WILK HANS GOSSELS Distr. autorizado “Motorola” y “Sanyo” Autoradios — Televisores Antenas F. M. — TelevisiónReparaciones áy. Antonio Vara* 2597 — Teléfono 41754

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