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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1964-12-01 · 12 (Diciembre, 1964) · p. Seite 7

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXVI (1964)
Issue
12 (Diciembre, 1964)
Date
1964-12-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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DICIEMBRE 1964 7 BOLETIN INFORMATIVO Seit Monaten laufen in Frankfurt und anderen deutschen Staedten Prozesse, die noch einmal das Unfassbare, das Unbegreifliche der “Endloesung der Judenfrage” vor uns erstehen lassen. Der be kannteste von ihnen ist vielleicht der Frankfurter Ausch witz - Prozess. Es ist wie Horst Kroeger, einer der Leiter des Suedwestfunks Baden Baden erklaerte ("Ein Tag im Frankfurter Auschwitz- Prozess” — B. I., Oktober 1964), “eine unwiederholbare Moeglichkeit, der Vergangenheit in Fleisch und Blut, der Geschichte in ihren Akteuren den Taetern und ihren Opfern zu begegnen, nicht als Standbilder des Schreckens oder des Leidens, sondern als Menschen wie Du und ich” . Zwei Menschengruppen sind es, die zutiefst an dem, was sich dort im Roemersaal in Frankfurt und in den vielen anderen Gerichtssaelen der Bundesrepublik abspielt, Anteil nehmen: Einmal wir Juden, die wir noch einmal unserer Vergangenheit gegenueber stehen, und dann die Besten der jungen Generation in Deutschland, die selbst nicht als Handelnde in dieser Epoche aufgetreten sind sondern durch ihr Schicksal in dieses Geschehen hineingeschleudert wurden und sich nun veranlasst sehen Stellung zu nehmen und vielleicht auch Verantwortung zu tragen fuer das, was andere, ihre Eltern und Lehrer getan oder unterlassen haben. Wir wissen, dass keine Strafe erdacht werden koenn te, die imstande waere, derartige Verbrechen wirklich zu ahnden. Das Leben der sechs Millionen Ermordeter kann nicht wiederhergesteilt. werden. Und wenn diese Prozesse und andere die ihnen vorausgingen und vielleicht noch folgen werden, ueberhaupt einen Sinn haben, dann wohl doch nur den, durch den eisigen Schrecken, der aus den nuechternen Akten aufsteigt, zu verhindern, dass noch einmal eine Minderheit, ganz gleich welcher Art und aus welchem Grunde, zum Opfer einer verirrter, und verfuehrten Mehrheit wird. Denn, vergessen wir nicht: Die Nazis allein haetten dies nicht fertig gebracht. Sie fanden willige Helfer. Ueberall. Die Voelker wussten, was geschah und sie schwiegen. Mit Ausnahme einiger weniger Gerechter hat das Schicksal derjenigen, die von dem braunen Regime dort und woanders gequaeit, verfolgt und gemordet wurden —und dies waren nicht nur Juden— niemandem den Schlaf geraubt. Desh alb glauben wir, dass diese Prozesse, weit ueber uns, die direkt Beteiligten, hinaus, als grausige und abschreckende Beispiele fuer alle Voelker wichtig sind, eine Mahnung und eine Warnung fuer die Zukunft, denn es waren “Menschen wie Du und ich”, nicht nur die, welche dort ermordet wurden, sondern, und das ist das Schrecklichste, auch die, welche dort mordeten. Es waren Menschen, die man heute nicht, mehr von den anderen un- . terscheiden kann. “Sie sehen aus wie alle anderen, benehmen sich wie alle anderen, sind wohlgenaehrte, gutgekleidete Herren im gehobenen Alter: Akademiker, Aerzt e. Apotheker, Kaufleute, Handwerker, Hausmeister... harmlos, freundlich und vaeterlich-.. keine gewoehnlichen Moerder... keine Affekttaeter,, die jemanden aus Leidenschaft, oder Lust, oder UND DIE WELT SCHWIEG Verzweiflung umbringen... sondern die modernen, bisher unbekannten Moerdei... V rwalter und Funktionaere des Massentodes, Buchhalter u n d Knopfdruecker und Schreiber der Maschinerie. Funktionaere des Todes als Verwaltungsakt” (Rroeg e r “Ein Tag im Frankfurter Auschwitz - Prozess”). Und doch sind da die Berichte des Prozesses, der von diesen Menschen begangenen Verbrechen, unvorstellbar und dennoch grauenhafte Wahrheit: Verhandlung im Frankfurter ¡Auschwitz-Prozess: Der Zeuge Josef Glueck, jetzt Kaufmann in Haifa, frueher Textilfabrikant in Klausenburg, ist am 10. Mai 1944 verhaftet worden: “Weil ich Jude war”. Mit dem letzten Transport verliess er am 11 Juni Klausenburg mit 2800 Leidensgenossen, vie rhundert davon wurden in Auschwitz zur Arbeit selektiert, die anderen gingen ins Gas Mit ihm waren seine Frau, seine zwei Kinder, seine Mutter, seine Schwester und deren zwei Kinder, sein Bruder seine Schwiegermutter, seine Schwaegerin. "Sind Sie der einzige von all denen, die Sie genannt haben, der uebriggeblieben ist?”.! Des alten Mannes Antwort ist Erinnerung, Trauer, verwehte Spur derer, die einst das Leben mit ihm teilten; . “Ja”. Und die Welt schwieg. Den Zeugen uebermannt die Erinnerung. Erregt ruft er aus, er habe der Zeitung entnommen, “dass diese Herren nicht wuessten, was in Auschwitz geschehen sei”. Sie die Haeftlinge, haetten es schon hach zwei Tagen gewusst, ja selbst die Kinder Dann greift er in sein Jackett entnimmt der Brieftasche ein kleines Foto, reckt es mit starrem Arm 1 den Richtern entgegen und ruft weinend:. “Kinder haben sich die Arme aufgeritzt und mit Blut an die Barackenwaende geschrieben; wie mein Neffe hier, dieses Kind: Andreas Rapaport — lebte sechzehn Jahre”. Das Kind habe ihm zugerufen: “Onkel, ich weiss, dass ich sterben muss. Sag meiner Mutter, dass ich bis zum letzten Moment an sie gedacht habe”. “Dieser kleine Bub, er wusste, dass er sferben musste, nach zwei Tagen. Er wusste nicht, dass seine Mutter schon vergast war”. Der Zeuge namens Glueck ist erschoepft zusammengesunken. Weinend sitzt er an seinem Tisch, in der Hand das Bild seines Neffen Andreas Rapaport — /“lebte sechzehn Jahre”. i Und die Welt schwieg. Als Laeufer und Leichen . traeger in Auschwitz hatte Jan Weis wie er schilderte, das Grauen erlebt. Massenerschiessungen hatte er gesehen, mit seiner Leichenkarre in einer Ecke der Baracke wartend. Boger, < K a d u k, Broad will er beobachtet haben, wie sie die Muendung des Kleinkalibergewehrs an die Koepfe der Opfer gehalten haben. “Dann mussten wir die Toten holen; der eine fasste sie an den Fuessen, der andere legte sie auf die Trage, immer abwechselnd Vor dem Kanal kippten wir sie ,aus und rannten wieder zurueck”. In einer einzigen Exekution Im Hof der politischen Abteilung seien einmal 285 Haeftlinge erschossen worden. “Die SS-Maenner loesten sich mit dem Schiessen ab. Es dauerte zweieinhalb Stunden. Wir Leiohentraeger waren voll Blut. Ich weiss den Tag noch genau, es war an unserem Staatsfeiertag”. Im Block 28 erlebte der Zeuge das Massensterben der Menschen durch die Phenolspritzen. In zwoelf Monaten, sagt er, habe er allein den Angeklagten Josef K1 e h r “viele hundert- bis tausendmal” Haeftlinge mit der Spritze toeten sehen. Er selber, berichtet Weis habe die Nadel Klehrs auch zu spueren bekommen. “Das sollte zur Strafe sein, und zwar dafuer. weil uns einmal ein Toter von der Trage gefallen war ,— gerade in dem Moment, in dem ein SS — Mann mit einer Aufseherin vorbeikam. Sie nahmen an. dass wir den. Toten extra hingeworfen haetten, damit das Maedchen einen nackten Mann sehen sollte. Wir bekamen Ohrfeigen, unsere Nummern wurden , notiert, und wir mussten zu denen gehen, an denen medizinische Versuche vorgenommen wurden. Mir zog Klehr Fluessigkeit jaus dem Rueckenmark der SS-Arzt sass dabei und schrieb irgend etwas”. Und die Welt schwieg. Der fuchtbarste Tag aber war der 28. September 1942 “Ich weiss nicht, als wie vielter mein Vater dran war. Die Tuer oeffnete sich und mein Vater kam mit noch einem anderen herein, Klehr sagte zu ihm: Da, setz dich, du bekommst eine Spritze gegen- Typhus. Ich weinte und musste ihn dann selbst hinaustragen. Klehr hatte es .eilig an diesem Tag er spritzte gleich zwei, weil er noch zu; seiner Kaninchenzucht wollte. WAS SAGEN DIE TAETER? Man waere versucht, den Wunsch zu aeussern, dass wenigstens einmal einer derjenigen, die an all diesem Elend, diesem unsaeglichen Leid, wenn auch nur ausfueh rend, schuldig waren aufstehen wuerde und sich zu seinen Taten bekennen taete: “Jawohl, ich habe so gehandelt, aus Ueberzeugung, aus einer Idee heraus”. Nicht dass das Schreckliche dadurch (weniger grauenhaft wuerde, aber endlich einmal koennten wir menschliche Masstaebe an einen Degenerierungsprozess des Individuums anlegen, an ¡ein Verhalten, das jedem Versuch, es zu verstehen widerspricht. Aber nein, niemand will es gewesen sein, niemand hat je etwas gewusst: Was haben Sie fuer eine Aufgabe gehabt?”. “Ich hatte die Aufgabe dass keiner fluechten geht”. Ob er belehrt worden sei ueber das Verhalten bei Fluchtversuch? “Bei Fliehen sollte von der Waffe Gebrauch gemacht werden”. . Wenn der Haeftling auf Rufen nicht “haelt”. "Wie oft sollte man ihn denn anrufen? Einmal? Zweimal?”. “Das weiss ich nicht mehr”. "Sollten es gezielte Sehuesse sein oder Wamschuesse?”. “Es sollten Zielschuessesein”. Ja, der Lagerkommandant Hoess hat Instruktionen erteilt, auch der Kompagnicchef hat eine Ansprache gehalten”. Wer es war— Das weiss er nicht mehr. “Wurden denn mal Haeftlinge erschossen?”. “Bei mir nicht”. "Sind Haeftlinge in den elektrischen Stacheldraht gelaufen?”. “Bei mir nicht”. “Ist es denn ueberhaupt vorgekommen?”. “Ja, ich habe mal davon gehoert”. . "Wissen Sie was vom, Muetzenschiessen?”. “Ich habe davon gehoert”. "Was haben Sie denn gehoert?” “Ja, die haben erzaehlt. dass sie Muetzen werfen, und dann haben sie geschossen”. “Wer hat die Muetzen geworfen, wessen Muetzen und wer hat geschossen?” “Ja, das weiss ich nicht. Ich war ja nicht dabei”. Oder aber: Der Vorsitzende will vom Angeklagten Mulka wissen, ob er einen Fahrbefehl nach Dessau ausgestellt habe In Dessau wurde das Giftgas Zyklon B. produziert. Mulka: “Mir ist nur ein einziger Vorgang bekannt, bei dem ich einen Fahrbefehl nach Dessau zur Abholung von Desinfektionsmitteln ausgest eilt habe”. Vorsitzender in den Akten blaetternd: "Da hab ich aber mehrere hier. Ist das Ihre Unterschrift? Sie koennen sich ja davon ueberzeugen” Mulka eilt zum Richtertisch ‘'Was heisst hier auf dem Fahrbefehl Material fuer die Judenumsiedlung? Was haben Sie darunter verstanden?” fragt der Vorsitzende. Erst nach verlegener Pause antwortet Mulka: "Na ja. Zyklon B.” Aber manchmal geschieht doch noch das Ueberrascnende. Nicht etwa die Bekenntnis zur Tat, sondern ein so {starker ' “G e d a e c ih >t n i sschwund”, dass selbst entlastende Momente nicht anerkannt werden: “Aber das waren doch Sie — Sie haben mir doch das Leben gerettet”, wiederholt der Tscheche in beschwoerendem Ton. Hantl bleibt dabei: Im Sanitaetswaegen habe nur ein einziger Toter gelegen: und zu dem Schluss der Geschichte, der fuer den Angeklagten recht ehrenvoll ist, sagt Hantl kein Wort, verlaesst das Mikrophon und setzt sich wieder. Folgendes war nach den Worten des Tschechen geschehen: Hantl war mit einem Fahrer und zwei Haeftlingen in das weit entfernte, durch eine Massentoetung entleerte Ghetto Sosnowitz gefahren. Dort mussten die beiden Haeftlinge, den Laderaum des Sanitaetswagens mit Chlorkalk ausschmieren und “einige Tote und Halbtote”, die uebriggeblieben waren, einladen. Auf der Rueckfahrt nach Auschwitz,' es war sehr heiss, begannen die Chlordaempfe zu wirken. Vor Angst, zu ersticken, pochten die mit den Toten und Sterbenden zusammengepferchten beid e n Haeftlinge an das Fahrerhausfenster. Ein “Wunder” geschah: Hantl liess halten. . liess die hustenden, sich die Augen reibenden Haeftlinge aussteigen, den Wagen auslueften, gab ihnen eine Zigarette und fuhr, immer wieder haltend und den beiden eine Atempause goennend, weiter bis ins Lager. Dort erschoss ein SS-Mann die Halbtoten und, zur Sicherheit, auch die Toten. Als er sich anschickte, auch die beiden gesunde;' Haeftlinge zu toeten, fuhr Hantl dazwischen und sagte: “Nein, das sind meine Leute!” Hantl aber entsinnt sich nur dunkel einer Fahrt nach Sosnowitz. mit nur einem Toten. Dass er angehalten habe unterwegs, das stimme wohl. Mehr weiss er nicht. Fuer den Haeftling war es ein grosser Tag: er hatte eine menschliche Regung erlebt die ihm das Leben schenkte. Sonst hatte Ota Fabian nur anderes erlebt als Leichentraeger im Stammlager Auschwitz. Da musste er die wegen Fluchtversuchs mit den Dumdumgeschossen gctoeten Haeftlinge halb aufrecht am Lagertor aufbahren, damit die ein— und ausmarschierenden Arbeitskommandos die grauenhaften Wunden und das Schild “So geht es jedem, der hier fluechten will” sahen. Und Kaduk habe kommandiert. “Die Augen — links!”. Haeufig habe er, berichtet Fabian, die Berge der Erschossenen nach Menschen absuchen muessen, die noch atmeten. Dann haetten die Aufseher — das Erschiessungskommando sei schon abgerueckt gewesen — diese Menschen totgeschossen Einer der Aufseher habe Schlage geheissen. "Einmal war im Leichenhaufen ein Zigeuner, er lebte noch. Schlage sagte zu ihm: “Steh auf!” Der Zigeuner wollte aufstehen. Schlage: "Bleib liegen!” Der Zigeuner bekam einen weiteren Schuss Er atmete immer noch. Er wurde von vorn ins Herz geschossen, er wurde umgedreht, von hinten ins Herz geschossen, durch beide Schlaefen. Er atmete immer noch. Zuletzt bekam er eine Kugel durch den Hals. Da kam schwarzes Blut, und cs war zu Ende. Hat der ein Leben, wie eine Katze, sagte Schlage dazu”. Bruno Schlage, der gebeugte. eisgraue kleine Mann erhebt sich. "Ein solcher Vorfall ist mir ueberhaupt nicht bekannt. Ich habe auch nie im Block elf geschossen”. Der Vorsitzende: “Wo denn?” Schisse: "Nirgends”. Ja, niemand war es gewesen .niemand hat etwas gewusst, und, sollte jemals einer der Angeklagten des Wissens ueberfuehri werden, war er stets nur Befehlsempfaenger, ein kleines Raedchen in der gigantischen Maschine des Todes. Es ist eine schwere Aufgabe, welche sich die deutsche Justiz gestellt hat, eine Aufgabe der — wir muessen es anerkennen — die daran Beteiligten versuchen, nach Menschenmoegllch k eit gerecht zu werden. Und wenn auch, wie wir anfangs betonten derartige unmenschliche Verbrechen keine Suehnefinden koennen. bleibt die Hoffnung dass durch diese Prozesse die Katharsis moeglich wird, dass das Bewusstmachen der Unmenschlichkeiten Derartiges fuer alle Zukunft und fuer alle Voelker verhindern kann. \ H. E.

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