Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXVI (1964)
- Issue
- 11 (Noviembre, 1964)
- Date
- 1964-11-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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NOVIEMBRE 1964 BOLETIN INFORMATIVO AM WENDEPUNKT Wir stehen, wenngleich dies auch oft nicht klar genug zum , Ausdruck gebracht wird, an einem Wendepunkt in der juedischen Geschichte. Weitaus staerker als vorauszusehen war, hat die Staatswerdung Israels das juedische Weltbild beeinflusst und vor neue, ungeahnte Probleme gestellt. Hofften einmal viele von uns, dass mit dem Entstehen ,des Judenstaates, .die “Judenfrage” geloest sein wuerde, hat die Wirklichkeit ge zeigt, dass diese, vielleicht in anderer Form, moeglicherweise mit anderen Vorzeichen, aber mit derselben, nein, mit weitaus groesserer Dringlichkeit als vorher bestehen geblieben ist. In den ersten Jahren der Existenz von Medinath Israel kam dies nicht so klar zum Ausdruck. Heute, nachdem der juedische Staat zu einer Selbstverstaendlichkeit geworden ist, ruecken die alten Grundfragen juedischer Existenz mehr und mehr erneut in unseren Gesichtskreis. Es ist symptomatisch fuer die Unruhe, welche die Verantwortlichen unserer Gemeinschaften erfasst hat, dass immer mehr Tagungen, Veroeffentlichungen, Artikel und Aussprachen sich mit diesem Themenkreis befassen. Auch der kuerzlich in Sao .Paulo abgehaltene Kongress der Centra, nahm zu diesem Problem Stellung, lautete doch die Arbeitsgrundlage dieser Tagung: “Schaffung eines Lateinamerikanischen Judentums”. In unserer in Israel erscheinenden Schwesterzeitschrift “MB” wurde kuerzlich ein Artikel von Kurt Tuchler veroeffentlicht, der unter dem Titel “Die Judenfrage nach Errichtung des Staates Israel” sich mit diesem, fuer das Ueberleben unserer Gemeinschaft vitalen Problem befasst. Im ersten Teil seines Aufsatzes gibt der Autor einen Ueberblick ueber die juedische Situation in der Welt mm ¡alsdann zu dem Problem selbst Stellung zu nehmen. Wir drucken nachstehend den Schluss dieses Artikels ab, stellen ihn zur Diskussion und bitten um Meinungsaeusserungen aus dem Kreise unserer Leser. Die Redaktion Weil der Staat Israel die, die kommen müssen oder wollen, aufnimmt, und weil überhaupt der Staat Israel da ist, hat die Assimilation für die, die nicht kommen wollen oder müssen, den Stachel des schlechten Gewissens verloren. Man ist durch Israel freier geworden für jede persoenliche und berufliche ausserjüdische Entscheidung. So ist es zu dem gekommen, was ich die Assimilation mit gutem Gewissen bezeichnet habe. In der gemeinsamen Sitzung im Maerz dieses Jahres, zwischen der Regierung und der Exekutive der zionistischen Weltorganisation sind diese Tatsachen und Probleme richtig gesehen und die sich daraus ergebende Aufgabe klar Umrissen worden. Mosche Scharet hat das Problem “survival in the face of toleration” genannt. Ich glaube, das von Israel eine grosse und lebendige Rejudaisierungsb e m ü h u n g ausgehen muss, eine Rejudaisierungsoff ensive gegen (oder für) die Juden der Diaspora. Wir leben hier, mit allen Unvollkommenheiten, in einer jüdischen Totaiitaet und wir kennen . nicht die Gefahr, dass unsere Kinder und Enkelkinder dem Judentum verloren gehen. Umso mehr sind wir m. E. verpflichtet und berufen, den Gefahren der totalen Assimilation, denen heute die westliche Judenheit ausgesetzt ist, entgegenzuwirken. Die Sammler für die Fonds, die Verkaeufer der Bonds, die ich bei ihrer Arbeit gesehen habe, vollbringen eine bewundernswerte Leistung. Aber sie kommen doch nur an einen begrenzten Teil der Juden heran und auch bei diesen besteht oft der Eindruck, dass sie sicht mit ihren Zahlungen loskaufen. Jedenfalls reicht eine Taetigkeit dieser Art nicht im geringsten aus, um der totalen Assimilation zu begegnen. Durch die erfreulichen Beschlüsse der gemeinsamen Kommission von Regierung und Exekutive ist nur ein Rahmen aufgestellt Dieser Rahmen muss ausgefüllt werden. Allgemein beklagt man sich, die Israelis in der Diaspora seien an den anderen Juden voellig desinteressiert. Ein franzoesischer Jude meinte: "Die Israelis sind so wie früher die deutschen Juden waren. Sie halten sich für etwas Besseres und halten sich von uns anderen Juden fern”. Es ist bekannt, wie wenig jüdische Arbeit von den tausenden israelischen Studenten im Ausland geleistet wird, und wie wenig sie sich selbst zur Abwehr der antiisraelischen Angriffe der arabischen Studenten zur Verfügung stellen. Aber wer von uns selber, die wir beruflich oder zur Erholung ins Ausland fahren, kümmert sich dort um die Juden des Landes? Wer sucht sie auf? Wer führt mit ihnen Gespraeche? Ehrlich gesagt, wir reisen doch in den nichtjüdischen Teil unserer europaeischen Vergangenheit zurück, aber nicht .in die jüdische Gegenwart, die es auch heute dort gibt. Es müsste da zu einem Einsatz aller verfügbaren Kraefte kommen, zu einer Bewegung, wie sie einmal jeden Zionisten, als Traeger einer unwillkommenen Id^e, überall die Judenfrage aufwerfen liess. Natürlich zu einer geistig und intellektuell vorbereiteten Bewegung Es ist nicht richtig, dass die Gründung des Staates, die ein geschichtlich revolutionaeres Ereignis war die Tuden der Welt revolutioniert haette. Wir selber haben den grundlegenden Zeitereignissen nicht Rechnung getragen, und die zionistische Ideologie jst seit dem Jahre 1948 stehen geblieben. Hier liegt eine Aufgabe, wie Holdheim richtig geschrieben hat, für einzelne Wenige. Aber die Bekaempfung der jetzigen “Assimilation mit gutem Gewissen” ist eine Aufgabe für viele, wenn nicht für alle. Herzl lehrte, dass wir Juden einen gemeinsamen Feind haben, .und dass dieser uns zu einem Volke mache. Und im Schlusswort zum “Judenstaat” raeumt er, so merkwürdig es klingt, die Befürchtung aus, dass wir einmal keine Feinde haben würden. Er sagt woertlich: “Ich meine, die Juden werden immer, auch nach Errichtung des Staates, genug Feinde haben”. Dies Bewusstsein, dass die Feinde Israels und die Feinde der Juden in der Diaspora gemeinsame Feinde sind, ist verloren gegangen. Koennen wir leugnen, dass manche Israelis es gern hinnehmen, wenn draussen in der Welt zwischen Juden, natürlich zu Gunsten der Israelis, unterschieden wird? Ist es richtig, dass israelische Studenten von allgemeinen sozialen Kontakten an Auslandsuniversitaeten Gebrauch machen, auch wenn diese Kontakte den diaspora-jüdischen Studenten nicht zur Verfügung stehen? Und beeilen sich, umgekehrt, nicht die Juden der Diaspora, den angeblich nicht antisemitischen, sondern nur antiisraelischen Charakter gegen •uns gerichteter Massnahmen hervorzuheben? Hat nicht in der Tat die englische jüdische Presse .erst kürzlich in der Affaire des Lord Mancroft, der ja schliesslich doch seine Position in der englischen Versicherungsgesellschaft verloren hat, nachzuweisen versucht, dass es sich nur um eine antiisraelische Boykottmassnahme handelte! Aber unsere Eeüide, unsere gemeinsamen Feinde haben dise Moeglichkeit einer Spal* tung in unseren Reihen wohl erkannt. Hussein hat eben jetzt in Washington wieder betont, die Araber seien nicht gegen die Juden, sondern nur gegen Israel. Und die Diaspora-Juden haben von der Aeusserung des Führers der englischen Nationalsozialisten, Sir Oswald Mos- 1 e y, irgendwie befriedigt Kenntnis genommen, auch er sei kein Antisemit, sondern bekaempfe nur die anti-arabische Politik Israels. Erkennen wir doch und verbreiten wir die Erkenntnis, dass es überall gemeinsame Feinde sind, dass die Araber laengst über ihre antiisraelische Politik hinaus zu einem allgemein antijüdischen Kampf in der Diaspora übergegangen sind, wobei sie sich ,in Kairo der Hitlerschen Arsenale und Gefolgsleute bedienen. Wir müssen erkennen, dass wir Juden hier und in der Welt gemeinsame Feinde haben, und das Bewusstsein dieser Gemeinsamkeit muss uns erneut mit den Juden der Diaspora einigen. Wenn nicht wir selbst, so hat doch eine wichtige fremde Instanz, der District Court in Washington, diese Wahrheit erkannt. Ein Bankier m Washington hatte vor dem Finanzkomitee des amerikanischen Senats scharfe antizionistische Äusserungen gemacht. Er war deshalb von einem Redakteur als Antisemit bezeichnet worden. Als er daraufhin wegen Beleidigung klagte, da er nur Antlzionist, aber nicht Antisemit sei, wies das Gericht seine Klage mit der bemerkenswerten Begründung ab: Antizionismus sei die heutige Hauptform des Antisemitismus. Hier liegt eine nichtjüdische Erkenntnis vor, die wir uns zu eigen machen sollten. Der gemeinsame Feind hatte uns nach der Erkenntnis Herzl’s geeinigt und schon vor der Errichtung des Staates wieder zu einem Volk gemacht. Die Erkenntnis dass auch nach Errichtung des Staates, Israel und die Juden der Dispora gemeinsame Feinde haben, sollte wieder das Bewusstsein der Einheit des jüdischen Volkes staerken. Die Wirklichkeit Israel, die den Zionismus — als dessen Erfüllung - abgeloest hat die grossartige, gefaehrdete, neue Wirklichkeit Israels gibt uns die Hauptwaffe im Kampf um die Rejudaisierung der assimilationsgefaehr deten Diaspora. Sie gibt uns diese Waffe umsomehr, als der neue Judenstaat nach Herzl’s Wort “mit seinen besseren Einrichtungen” zur Wahrheit wird. Schon hat sich Herzls Voraussage der Alijah als “einer auf steigenden Klassenbewegung” bewahrheitet. — Aber auch diese Waffe, die Wirklichkeit Israels — und das hat sich bereits gezeigt ,— nützt nichts, wenn sie, wie bisher, das Gewissen der Juden beruhigt, statt es aufzurütteln. Es kommt heute wieder auf die Beunruhigung der Juden an, ihre Beunruhigung wegen ihrer eigenen jüdischen Existenz Es kommt darauf an, die Erhaltung aller jüdischen Positionen, die Erhaltung des jüdischen Volkes als ganzem, als das uebergeordnete Ziel zu erkennen auf survival, wie Scharet es genannt hat. Zu grosse Verluste hat die jüdische Nation in unserer Zeit erlitten, als dass wir Israelis weitere Verluste wo und wie immer, .ohne aeusserste Gegenwehr hinnehmen koennten. Israel muss die Kontrolle über das juedische Menschenmaterial für die ganze Weltjudenheit übernehmen und gerüstet sein, Gegenkraefte ueberall da einzusetzen, wo jüdische Positionen, aeusserlich oder innerlich, gefaehrdet sind. Wir sind eine Nation, deren wesentlicher geistiger Charakter durch ihr Geschichtsbewusstsein geformt ist und deren Gottesbewusstsein auch auf dem Geschichtsbewusstsein, nicht auf der Beobachtung der Kraefte der Natur, beruht. Dieses Geschichtsbewusstsein, das Bewusstsein unserer eigenen einmaligen Geschichte, ist die Grundlage unserer Vorstellung, dass wir ein besonderes Volk sind. Diese Vorstellung von der Besonderheit unseres Volkes darf nie durch die aeussere Normalisierung des Volkslebens in unserem Staate verloren gehen. Das Gefühl der Besonderheit sollte durch die grossen erhabenen Ereignisse die in unserer Lebenszeit geschehen sind, ,neu gefestigt werden. Es müsste doch ein neues jüdisches Geschichtsbewusstsein auch in der Diaspora entstehen, das neue gemeinschaftsbildende Kraefte ausloest, so wie die gemeinschaftsbildende Kraft des Zionismus den neuen Staat geschaffen hat. Das zu er reichen, bedarf mehr als blosser Organisation. Das erfordert den Einsatz geschichtsbewusster Kraefte einer neuen nationalen Bewegung, die es nicht mehr zulaesst, dass dem jüdischen Volk so viele Kraefte durch Assimilation, Mischehen und Zuwendung zu fremden ¡Idealen verloren gehen. Kein Wort ist noetig darüber, dass eine solche, von Israel ausgehende Rejudaisierungsbewegung nicht nur für die Diaspora, sondern zugleich für Israel wirken würde, Die als Juden fuer die kommende und die kommenden .Generationen in der Diaspora bleiben, sind das Menschenmaterial für die Alijah der Zukunft. Aber auch heute schon, wo wir mehr und mehr in der Welt Angehoerige der vielen neuen arabischen Staaten am Werk sehen, am Werke gegen uns, brauchen wir den Einsatz der Juden der Welt, da wir keine anderen Bundesgenossen haben. Die jüdische Situation in der Diaspora ist nicht zuletzt deshalb gefaehrdeter als je. weil in unserer Zeit der erneuernde Nachschub von Kraeften aus den juedischen Zentren des Ostens fehlt. Vergessen wir nicht das diese juedischen Kraefte aus dem Osten mehr als ein Jahrhundert die jüdischen Gemeinschaften im Westen erhalten haben. Diesen Verlust kann Israel nie ersetzen, auch wenn es hoffentlich in absehbarer Zukunft vier Millionen jüdischer Bürger zaehlt. Denn wir wollen ja nie Menschen von hier an die Diaspora abgeben, sondern umgekehrt immer mehr Juden aus der Diaspora in das Land bringen. Aber doch sehe ich .für Israel die unumgaengliche Aufgabe, die Rejudaisierung der Diaspora, wenn auch in anderer Weise als es die jüdischen Zentren des Ostens vermocht haben, als eine eigene Aufgabe auf sich zu nehmen. Wir sind doch hier, trotz aller Schwierigkeiten und trotz aller inneren Gegensaetze, eine feste geschlossene und selbstsichere jüdische Gemeinschaft geworden. D i e gemeinschaftsbildende Kraft, die sich hier erneuert hat, muss die gemeinschafts bildenden jüdischen Kraefte auch in der Diaspora staerken. Mit einem Wort: wir Israelis müssen unsere . Brueder suchen, unsere juedischen Brüder in der Gola. Wir muessen mit ihnen in ein nie endendes Gsepraech kommen, damit sie Juden bleiben. Denn: die Judenfrage besteht fuer sie, und damit auch für uns, weiter!