Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXVI (1964)
- Issue
- 10 (Octubre, 1964)
- Date
- 1964-10-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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BOLETIN INFORMATIVO OCTUBRE- 1964 12 EIN TAG IM FRANKFURTER AUSCHWITZ-PROZESS (Schluss von Seite 9) dert zu sein, sie haben schwarze Spazierstoecke mit Gummizwingen bei sich Sie werden einiges durchgemacht haben. Der Aelteste im tadellosen, dunkelblauen Anzug hat ein etwas roetliches ■Gesicht, das Haar schlohweiss, und mein Kollege sagt: '‘Das ist Mulka, Robert (Mulkia, «SS-Obersturmbannführer und Adjudant des Lagerkommandanten Hoess. Heute Exportkaufmann in Hamburg. Er wohnt hier im Frankfurter Hof, und in den verhandlungsfreien Tagen faehrt er mit einem TEE rasch einmal nach Hamburg, um nach seinen Geschaeften zu sehen (Mulka wurde inzwischen in Haft genommen). Die Anklage wirft ihm unter anderem vor, für die Einrichtung und Sicherung der Vergasungsanlagen und .für die Herbeischaffung des für die Vergasung erforderl i c h e n Zyklon B verantwortlich gewesen zu sein. Mitwirkung bei der Aussonderung an der Rampe, Mitwirkung beim Transport der zur Vergasung ausgesonderten Personen zu den Gaskammern mit Lastkraftwagen”. Und ich bin sprachlos, blicke verstohlen hin und blicke wieder weg, moechte nicht aufdringlich wirken, moechte diese Gruppe nicht anstarren, wie man im Zoo seltsame, wilde Tiere anstarrt, bin fassungslos, dass Moerder so aussehen, so harmlos, so freundlich und vaeterlich. Aber dann wird mir bewusst, dass diese gutmütigen Herren keine gewoehnlichen Moerder sind, keine Affekttaeter die jemanden aus Leidenschaft oder Lust oder Verzweiflung umbringen. Das ist ja menschlich. Das gibt es. Aber das hier sind die modernen, bisher unbekannten Moerder, die Verwalter und Funktionaere des Massentodes, die Buchhalter und Knopfdrükker und Schreiber der Maschinerie: Techniker, die ohne Hass und Gefühl operieren, kleine Funktionaere aus dem grossen Reich von Eichmann Hier wird ein neuer Stil des Verbrechers sichtbar: der Tod im technischen Zeitalter als ein Verwaltungsakt. Die Moerder sind angenehme und korrekte Beamte, Verwalter wie aus einem Roman von Kafka Der Saal beginnt sich langsam wieder zu füllen. Der gruene Inspektor am Eingang hatte dem Publikum im Foyer einen diskreten Wink gegeben, und was eben noch plaudernd und rauchend wie auf einer Party waehrend der Buchmesse miteinander zirkulierte, teilt sich nun wieder auf, übernimmt wieder seine Jtollen, ist ploetzlich getrennte, geschiedene Gruppe, ist Partei, spielt seine juristische Rolle weiter... Seit zehn Minuten spricht nun wieder die Stimme über den Lautsprecher. Ich weiss inzwischen, dass sie dem ersten Zeugen der Anklage geboert,- dem ersten Zeugen von 160, die folgen werden. Der Zeuge heisst Dr. Wolken, ist ein Arzt aus Wien, ein weisshaariger, aelterer Herr, der in seinen Bewegungen etwas steif und starr wirkt. Jetzt hoere ich die Stimme des Zeugen: “Eine Gruppe von neunzig Kindern kam, blieb einige Tage im Quarantaenelager, dann trafen Lastwagen ein, auf die sie verladen wurden, um zu den Gaskammern gefahren zu werden. Einer war da, ein etwas aelterer Junge, der rief ihnen zu, als die Kinder sich straeubten: Steigt’s nur hinauf aufs Auto, schreit doch nicht. Ihr habt’s doch gesehen, wie Eure Eltern und Grosseltern vergast wurden. Dort oben sehen wir sie wieder. Und dann wendete sich der Junge zu den SS-Leuten und rief: “Aber glaubt nur nicht, dass Euch das geschenkt wird. Ihr werdet krepieren, wie Ihr uns kre pieren laesst”. Und die Stimme im Lautsprecher fügt nach einer Pause hinzu: “Es war ein mutiger Junge. Er hat in diesem Augenblick gesagt, was er sagen musste”. Es ist ein qualvoller Augenblick. 11.47 Uhr zeigt die Uhr im Saal; aber stimmt diese Zeit eigentlich? Steht sie hier nicht für einen Augenblick i still? (Es ist einer jener Momente, wo das Gericht nicht mehr Gericht ist wo sich die Waende oeffnen, wo es zum Tribunal des Jahrhunderts wird. Es geht doch jetzt gar nicht um diese vielen, kleinen Boesewichte, diese Mulkas und Bogers und Kaduks. Hier wird Geschichte bezeugt, Geschichte geschrieben, Bestand aufgenommen, Zeugnis vom Totentanz im 20. Jahrhundert abgelegt. Die Spieler dieses schauerlichen Stückes sind versammelt, die Taeter und die Opfer, sie sollen sich hier sehen, sollen bezeugen, was war, sollen der Welt sagen, was geschah. Auch dies war geschehen: “Es waren da viele nackte Frauen, die i ach einer Selektion auf einen Lastwagen hinaufgeprügelt und dann zur Gaskammer gefahren wurden. Wir standen Appell vor der Baracke, und sie schrieen zu uns Maennern herüber, sie erhofften von uns Hilfe... wir waren doch ihre natürlichen Beschuetzer. Aber wir standen nur da. zitternd, wir konnten ja nicht helfen. Dann fuhren die Lastwagen fort, und am Ende jeder Kolonne fuhr der Wagen mit dem Roten Kreuz. Aber der hatte keine Kranken, er hatte das Giftgas”. Ich blicke mich im Saal um: überall verlegene Ge- 'siidhter, betretenes 'Sfchweigen, deutsche Betroffenheit — endlich einmal. Links sitzen die Journalisten und schreiben wie gebannt mit. Links oben auf der Empore sitzt das Publikum, etwa 130 Menschen, dicht gedraengt, die sich jeden Morgen, schon vor acht Uhr, hier in einer Nebenstrasse in einer Schlange anstellen, um die wenigen Eintrittskarten zu bekommen. Wer ist das? Wer kommt von den Deutschen freiwillig hierher? Es sind gute, hoffnungsvolle Gesichter, viel Jugend, Studenten und Schüler, Zwanzig] aehrige mit Brechtfrisuren Und Jazzkellerbaerten, die mit fassungslosem Staunen einem Schauspiel beiwohnen, das ihre Eltern veranstaltet haben sollen. Ihre Eltern? Ach nein, sicher nicht ihre, aber doch andere Eltern. Ein paar alte Gesichter sind auch da, Sechzig— oder Siebzigjaehrige, denen man ansieht, dass sie hierher nicht aus Sensationslust kommen. Was da oben fehlt, ist ¡meine Generation, die Generation, die es (doch wohl angeht, die dabei war. Aber die wollen davon nichts mehr wissen, die wissen alles, die. kennen es, die müssen jetzt kurz vor zwoelf arbeiten, verdienen, müssen das Wirtschaftswunder in Gang halten. Wer zurücksieht, ist verloren. Rechts neben mir sitzen drei Ordensschwestern, maed chenhaft --^schmal und früh gealtert. Es müssen evangelische Schwestern sein us Darmstadt. Marienschwestem, die sich nach dem Kriege zum ersten Male zu einer ordensaehnlichen Gemeinschaft zusamm engeschlossen haben. Sie wollen der christlichen Sühne am Judentum dienen und schikken immer einige Ordensfrauen hierher, damit sie auch wissen, wofür sie beten sollen: Typ einer neuen, modernen Kirche. Beten die Marienschwestern in diesem Augenblick für die nackten Frauen auf dem Lastwagen? Helfen hier Gebete? Helfen hier Richtersprüche und Urteile? Was kann hier überhaupt helfen? Ich weiss es nicht, ich schon gar nicht, ich weiss nur ploetzlich, dass ich nun wirklich im Auschwitz-Prozess bin, und dass es gut war zu kommen... Hier in Frankfurt, Unterlindau 87, praktiziert heute ein Rechtsanwalt und Notar, der war SS-Richter,- als er nach Auschwitz kam und die Hoelle sah, begann er, die Folterknechte einzeln anzuklagen. Dr. Morgen heisst er, wird in diesem Prozess noch aussagen, aber schon heute steht fest, dass dieser SS- Offizier den Mut hatte, geigen SS-Dienstgrade in Auschwitz Gerichtsver fahren iwegen Gefangenenmisshandlung durchzuführen. Es wurden Zuchthausstrafen bis zu 12 Jahren ausgesprochen Sogar gegen den Lagerkommandanten Hoess soll dieser Mann in Weimar vor dem SS-Gericht 1943 ein Strafverfahren eroeffnet haben, das natürlich im Sande verlief. Thema fuer Ionesco oder einen anderen . Absurden: SS-Justiz führt hochnotpeinliche Prozesse wegen Haeftlingsmisshandlung in Auschwitz: Verstoss gegen Führerbefehl. Zuchthaustr a f e n werden vollstreckt, und daneben brennen die Krematorien Tag und Nacht hell: kein Verstoss gegen Führerbefehl. Aber nein, kein absurdes Theaterstück von 1963, das war die. Wirklichkeit von 1943. Mittagszeit. Der Vorsitzende hat schon mehrfach prüfend nach der grossen Normaluhr geblickt, die kurz vor halb eins zeigt. Mittagszeit, Essenszeit, Zeit zum Nachhausegehen, üb e r a 11 legt man jetzt in Deutschland die Arbeit nieder und setzt sich yor die dampfenden Suppen, vor die Kohleintoepfe, vor den Braten und trinkt ein Glas Bier dazu. Auch hier wird man das tun — natürlich. “Die Sitzung wird bis 14 Uhr unterbrochen”, hoere ich den Vorsitzenden sagen und alles atmet auf, erhebt sich, hat es mit einem Mal eilig. Vor mir geht Breitwleser, der intellektuell aussehende Buchhalter mit Zyklon-B-Erfahrung. Er hinkt etwas auf der Treppe. Wohin wird er wohl gehen? Und für einen Augenblick verfolgt mich die verrückte Idee, ihm nachzugehen, ihn zu beobachten In welches Auto er steigen wird, ■mit wem er die Mittagspause verbringt. Aber dann weiss ich, dass das ganz uninteressant waere. Leute mit Zyklon B - Erfahrung essen und schlafen und lieben in diesem Lande wie alle anderen auch sie sind Zeitgenossen, Genossen dieser kranken, irren Zeit. DIE KRISTALLNACHT... das oesterreichische Judentum und als seine Folge wurden viele Gemeinden liquidiert. Im Burgenland und in Niederoesterreich wurden die Synagogen zerstoert. In Krems wurden auf Anordnung der SS Fenster und Tueren der juedischen Haeuser zerbrochen. In St. Poelten wurden alle Juden verhaftet. In Baden wurde die Synagoge, zwei Bethaeuser, das Friedhofsgebaeude und das Gemeindehaus gesprengt Hunderte juedischer Wohnungen mit allem Mobiliar, Wertstuecken und Bankkonten wurden beschlagnahmt. Bis Februar 1939 wurden 1900 Juden aus dem Burgenland ausgewiesen und weitere 1510 nach Wien abgeschoben. In Klagenfurth, der Hauptstadt von Kaernten, begmiegten sich die Nazis nicht mit der Zerstoerung der Synogogen, sondern zerschlugen systematisch alle juedischen Wohnungen. In Insbruck wurden drei Juden getoetet und einer schwer verletzt. Der entsprechende Bericht erklaert lakonisch: “Sollte ein Jude im Verlauf der Operationen nicht erfasst worden sein, ist dies nur auf ein Versehen zurueckzufuehren”. Alle Juden in Linz wurden verhaftet und mussten den Bezirk innerhalb von drei Tagen verlassen in Salzburg wurden 70 Juden verhaftet und sieben Geschaefte zerstoert. Im Gegensatz dazu distanzierten sich in Graz sogar Mitglieder der Behoerden von diesen barbarischen Handlungen. Sofort nach dem “Anschluss” war Graz als oes t e r reichische “Hauptstadt der Erhebung” proklamiert worden, und die Verwaltung hatte ihr moeglichstes getan, um Graz als erste Stadt Oesterreichs “judenrein” zu machen. Dies sollte jedooh auf igesetzmaessigem Wege geschehen, durch Auswanderung der Juden unter Mitnahme ihres Vermoegens und ihrer beweglichen Habe. Auf Initiative des Vorsitzenden der dortigen Gemeinde. Eliahu Gruenschlag, und mit Einwilligung von Gauleiter Schmidt, hatte im Verlauf dieser Aktion Eichmann einem Transfer von 5 Millionen Mark nach Palaestina zugestimmt, der es 600 Juden ermoeglicht haette, die Stadt zu verlassen. Die November- Pogrome vereitelten dieses Projekt und die Behoerden machten keinen Hehl aus ihrer Misstimmung. Sie wiesen darauf hin, dass nunmehr das Projekt, alle Juden aua Steiern noch in diesem Jahr auswandern zu lassen, undurchfuehrbar sei. Der Widerstand der Lokalbehoerden ging soweit, dass der bereits verhaftete Gruenschlag wieder in Freiheit gesetzt wurde und man ihm gestattete, 50 Juden, die schon Ausreisevisen besassen, ebenfalls zu befreien. Er wurde in einem Gestapowagen in die geschaendete Synagoge gefahren, um die verbrannten Thorarollen an sich zu nehmen und sie rituell beerdigen zu koennen. Selbst nach den Pogromen blieben die Kontakte bestehen. So verbot Eichmann, auf Empfehlung des Sipo-Ohefs von Graz, die Ausweisung der steierischen Juden, und mehr als 80% dieser konnten auswandern. Erst als die lokalen Behoerden von Reichsdeutschen besetzt wurden, aenderte sich das Bild. Auf Grund der Informationen des SD steht fest, dass im Verlauf der November-Aktion in Oesterreich 8.000 Juden verhaftet wurden. 1226 von ihnen hatten Ausreisegenehmigungen. 5000 wurden nach Dachau gesandt, wo 680 Selbstmord veruebten. Aber auch in den Wochen der Unmenschlichkeit war es, wie die Dokumente aus Graz beweisen, den gemaessigten Elementen moeglich, den Kraeften der Zerstoerung Widerstand zu leisten, die erst spaeter, nach dieser Generalprobe, uneingeschraenkt ihre blutige Herrschaft antreten sollten. Nach einem Artikel von J. H. Rosenkranz im “Yad Vashem Bulletin” 6.000 JUEDISCHE FAMILIEN UEBERLEBTEN KRIEG IN BERLIN In seiner Abschiedsrede wuerdigte der hiederlaendische Generalkonsul Adrianus Millenaar, der laenger als drei Jahrzehnte in Berlin taetig war, die Haltung der Berliner waehrend des zweiten Weltkrieges: “Dass in dieser schweren Zeit 6.000 juedische Familien in der Stadt das Kriegsende ueberlebten, ist ein Beweis dafuer, wie viele Berliner ihr Leben aufs Spiel setzten, um sie zu retten”, sagte M i 1 e n a a r, nachdem ihm der Regierende Buergermeister Willy Brandt das Grosse Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik im Rathaus Schoeneberg ueberreicht hatte. (Die Welt)