Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXVI (1964)
- Issue
- 8 (Agosto, 1964)
- Date
- 1964-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/8553624-8559039-9194597--4252-8559204- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
BOLETIN INFORMATIV/O SOCIEDAD CULTURAL ISRAELITA ' B ' N E JISROEL' REDACCION: S.C.I. B'NE JISROEL AV. PORTUGAL 810 CASILLA 2487 ■ SANTIAGO CHILE AÑO ¿XXVI — N° 8 SANTIAGO DE CHILE AGOSTO 1964 WARUM STEHST DU DRAUSSEN? Aus der Ansprache von Prof. Ernst Simon anlaesslich der Abschlusskundgebung der “Monumenta Judaica” in Koeln. Unsere Kundgebung steht unter dem Zeichen “Warum stehst Du draussen?”; sie stellt also das Problem: Was ist draussen und was ist drinnen? Mit anderen Worten, was koennen wir, Juden und 'Christen und Moslems, tun. um uns nicht von aussen^ sondern von innen zu sehen. Welcher Jude, um ein konkretes Beispiel zu geben kennt vom christlichen Neujahr etwas anderes als den Strassenlaerm der Silvesternacht, statt den Gottesdienst am ersten Januar? Welcher Christ hat einen lebendigen Begriff von der verborgenen und intimen Heiligkeit eines juedischen Hauses bekommen, fuer den auch die hervorragenden Ausstellungsobjekte keinen vollen Ersatz bieten koennen? Aber “Drinnen und draussen” stellt noch ein zweites Problem, das nicht weniger dringend ist: Wer darf von sich sagen, er stehe drinnen im Heiligtum, und von anderen, sie staenden draussen? Und was muessen wir Gottesglaubenide und ihn bekennende Menschen, fuer all unsere Menschenbrueder, jeden Glaubens und Unglaubens, tun, damit die Menschheit gerettet werde? Der Versuch zu beiden Fragen wenigstens die Andeutung einer Antwort zu geben, sei mein Dank fuer die Ehre,die Sie mir mit dieser Einladung erwiesen haben. Nicht immer ist die Synagoge von der Kirche nur von aussen betrachtet worden. Sie haben wohl alle, die beiden Statuen “Kirche und Synagoge” am Strassburger Dom oder in ihrer Wiedergabe ln der Ausstellung gesenen. Der deutsche Christ Ernst Stadler, einer der grossen Hoffnungen der deutschen Dichtung, der 1914 fiel, hat in seinem Gedicht ueber die beiden Gestalten den Baumeister sprechen lassen and ihn so interpretiert, dass er der Synagoge, gerade als der unterlegenen, die hoehere Schoenheit gegeben habe. Sie sei von “Niedrigkeit umglaenzt”. Aber nicht allein den Glanz der Niedrigkeit haben die Nichtjuden an Israel erkannt. Lessings Nathan strahlt in der Majestaet der Weisheit; seine Hoheit ueberragt nicht nur die amtliche des Patriarchen und die moralische des Tempelherren, sondern auch die herrscherliche des Sultans. Aber hat er die Loesung fuer unsere erste Frage, die, nach dem echten Miteinander der Weltreligionen, mit seinem Gleichnis von den drei Ringen gefunden? Wir brauchen zwar auch heute, und heute gerade wieder den tapferen, maennlichen Geist der Aufklaerungszeit und wir Maenner der organisierten Religionen brauchen seinen scharfen frischen Wind mehr als jeder andere. Wir brauchen ihn, aber er ist nicht genug. Wenn die drei Ringe einander zum Verwechseln gleichen, wenn der echte Ring vermutlich verloren ging, wenn das glaeubige Leben sich auf sittliches Verhalten reduziert, dann wird der Menschheit das Geifaess der Gnade aus den Haenden geschlagen, ohne das sie nicht leben kann. Dafuer hat gerade die abgelaufene Schreckenszeit, ln der das Wort von Lessings Patriarchen “Tut nichts, der Jude wird verbrannt” millionenfach Wirklichkeit wurde, uns einen neuen Beweis geliefert. ln der zeit, da der mechanisierte Satan ein grosses Volk unter seine daemonische Her r s c h a f t brachte, gab es. im ganzen gesehen, immer noch mehr Widerstand von Seiten glaeubiger Menschen, und ganz schlicht Glaeubiger, wie der “ernsten Bibelforscher” als von Seiten der nur politischen Gruppen oder Personen. Bürgerlicher Mut, so selten und noetig er ist, muss wohl doch aus tief eren Quellen als aus denen des Verstandes gespeist werden, wenn der Teufel die Welt regiert. Letzten Endes hilft nur der Glaube gegen den Widerglauben. Wie muessen also hinter Lessing und die Aufklaerung zurueckgehen, um einen Ansatz fuer diejenige Haltung zu finden, die in die Zukunft fuehrt. Genau vor 400 Jahren, im Jahre 1564. ist der Kardinal Nikolaus vori Cusa, ein Mosellaender aus der Naehe von Trier in die Ewigkeit '.abgerufen worden. Er war das erste philosophische Genie der Deutschen und wohl der groesste deutsche Philosoph vor Leibnitz und Kant. Die drei Motive seines Denkens: Die Vereinbarkeit der Gegensaetze in Gott, die belehrte Unwissenheit als Grundlage einer einsichtitigen Glaubenserfahrung, die im Wissen um ihre Grenze diese immer wieder ueberschreltet, und das Prinzip der Individuation, d.h. dei Einung des Universums in ausgestalteten Figuren von Voelkern, Religionen und Persoenlichkeiten, diese drei Hauptmotive fuehrten ihn zu einer fuer das christliche Abendland neuen Konzeption des ‘‘Glaubensfriedens”. In seinem kleinen, kostbaren Buche “De pace Fidei” wird, in Form eines theologischen Gespraeches zwischen den Vertretern vieler Voelker unu Religionen, um den Einheitsgrund allen Glaubens gerungen. “Wenn Gott dazu helfe, so heisst es gleich im ersten Kapitel, dann werden alle zu der Einsicht kommen, dass die Religionen, in aller Verschiedenheit der Riten, letzthin nur eine sei. Nun muss (allerdings gesagt sein, dass diese eine Religion fuer den frommen Kirchenfuersten natuerlich nichts anderes sein konnte als das Christentum in seiner Dreifaltigkeitslehre, die den stoerrischen Juden und den Bekennern des Islams besonders schwer oder garnicht einging. Auch in seiner Praxis ist der Kardinal zwar seiner Zeit voraus gewesen, konnte aber ihre Bedingungen nicht ueberspringen. So (hat er auf der Bamberger Synode von 1451 nicht nur die Kleiderordnungen fuer die Juden wieder eingeschaerft, sondern auch eine an sich von ihm gefoerderte “menschenfreundliche Behandlung der Juden davon abhaengig gemacht, dass sie von ihrem haesslichen Zinsgeschaeft” den Christen ge- In Gottes Orchester kann jeder von uns nur sein eige^ nes Instrument spielen”. mm genueber abliessen. Die ganze Tragoedie der juedischen Diaspora-Existenz im Mittelalter und nicht nur im Mittelalter wird an dieser Forderung deutlich. Wir Juden sind 'nicht als Zinsnehmer geboren — und unsere produktive Arbeit in meinem Vaterlande, dem ¡Staate Israel, beweist es — sondern wir wurden in diese Rolle durcn ein wahrhaft hassenswertes und haesslich.es Privileg hineingedraengt. Die dogmatische Auffassung, deren Erweichung wir in diesen unseren Tagen zu sehen hoffen, dass die Kirche allein die Erbschaft des wahren Israel angetreten habe, so dass die sozialethischen Gebote der hebraeischen Bibel, und unter ihnen das zinsverbot, nicht mehr fuer die Juden gelten, sondern nur noch fuer die Christen — sie hat einen paradoxen Zustand erzeugt, aus dem auch der groesste und humanste Kardinal vor 400 Jahren keinen Ausweg fand, weil er ihn naemlich garnicht, ins Licht seiner sonst so durchdringenden. Analyse bekam. Auch hier scheinen sich Einsicht und Praxis in unseren Tagen zum Besseren zu wenden. An einer anderen Seite von Nikolaus’ Schrift ueber den Glaubensfrieden findet sich eine auch schon bei Thomas von Aquino vorkommende Idee: Die innere Absicht aller Gottesdienste, der christlichen wie der nichtchristlichen, sei auf Gott gerichtet. Auch der Irrtum in der aeus seren Form intendiere also auf die Wahrheit. Sowie ich sehe — sagte Prof. Simon — ist dieser Gedanke zum ersten Mal auf juedischem Boden ausgesprochen worden und zwar von dem hebraeisch spanischen Dichter und Philosophen Salomon Ibn Gabirol, im 11. Jahrhundert. In seinem grossen religioeseu Gedicht ‘‘Die Koenigskrone”, das heute noch in manchen Synagogen am Abend des Versoehnungstages gelesen wird, heisst es etwa: “Du bist Gott und kein Gott ist ausser Dir. Aber es tut Deiner Ehre keinen Eintrag, dass andere anderen dienen, denn die Meinung ihres Herzens ist auf Dich gerichtet. “Zwar fuegt auch Gabirol hinzu, dass nur die Juden sich auf dem geraden Weg der Wahrheit befinden, waehrend die anderen 'zwar das Richtige meinen, aber auf falschem Wege irren. ¡Wir. muessen noch weiter zurueckgehen, dem Ursprung noch naeher kommen, um den Kern der juedischen Auffassung vom Miteinander der Religionen zu fassen. Der Talmud hat im Traktat Sanhedrin den Begriff Ider “Frommen der anderen Voelker” gepraegt. die ebenfalls ‘‘Anteil an der (Foto Rolf Vogel) kommenden Welt” haben. Durch Maimonides, den grossen . Gesetzlehrer aus dem '12. Jahr under t, Ist diese Konzeption, fuer das Judentum bindend geworden. Sie wurde moeglich auf dem Boden einer Religionsnation, die im eigenen Glauben den absoluten Weg fuer sich selbst sah, aber allen Menschen, welche die sogenannten sieben noachidischen Gebote vornehmlich sittlichen Charakters als Gebote annehmen und befolgen, die kuenftige Seligkeit verheisst. Das Judentum hat Mauern, und gerade deshalb weiss es vom “Heil ausserhalb der Mauer”, vom “salus extra muros”. Gerade deshalb sind wir gegen Mission so besonders empfindlich, weil sie die grundsaetzliche Verfassung des Judentums als Religionsnation theoretisch bedroht oder verneint. Dei’ Juedisohe Weg zur Gemeinschaft zwischen den Religionen kann nicht der christliche sein. Wir ¡muessen jeder auf unserem eigenen Weare zum gemeinsamen Ziel streben. Dazu wird auch der Islam seinen Beitrag geben. Ein arabischer Gelehrter aus Palaestina, der Mitglied vieler akademischer Koerperschaften war, machte niemals von seinen Titeln Gebrauch. Er fuegte seinem Na- (Fortsetzung Seite 15)