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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1964-04-01 · 4 (Abril, 1964) · p. Seite 7

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXVI (1964)
Issue
4 (Abril, 1964)
Date
1964-04-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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ABRIL 1964 BOLETIN INFORMATIVO 7 DR. ABNER NEC HUSCH TAN, TEL AVIV, SCHREIBT: RESTLOS VERPFUSCHTE EXISTENZEN Ueber zwei typische Dutzendmenschen würde hier im Lande unlaengst das Urteil gesprochen: ueber Wolf Cohen, den frei erdichteten und dennoch bedenklich aus dem Leben gegriffenen “Helden” in Mosche Schamirs “Der Erbe”, und ueber Hirsch Barenblatt der im Gegensatz zu dieser Buehnenfigur Fleisch und Blut, und von der israelischen Wirklichkeit dennoch denkbar weit entfernt ist. Als die Oeffentlichkeit das Buehnenstueck, in desen Mittelpunkt der eine stand, und damit ihn selber im Dezember nach der Premiere im Haifaer Staedtischen Theater alsbald einrnuetig verdammte, vernahm das Tel-Aviver Bezirksgericht noch Zeugen darueber, dass der andere vor zwei Jahrzehnten als Chef des “Juedischen Ordnungsdienstes” den Deutschen in der obers'chlesisch - polnischen Provinzstadt Bendzin Zutreiberdienste geleistet hatte, statt moeglichst viele der zu einer Selektion zusammengetriebenen Juden des Ghetto unter der Hand aus der Deportationsgruppe in die Gruppe des Arbeitsdienstes zu schleusen, Fiktion dort, grauenhafte Realitaet im zweiten Falle — ist ein Gegensatz von noch groesserer Spannweite ueberhaupt denkbar? Und doch wird man nicht mit einem unbedingten Hein auf diese Frage antworten, wenn man seinen Blick nicht nur den Unterschieden der Umstaende zuwendet, sondern auch dem — sagen wir: hintergruendig Menschlichen. —O- Als Schwadroneuer tritt jener Wolf Cohen gleich zu Beginn in Erscheinung. Er erklaert in der ersten Szene dem Rabbiner der Chewra Kadisteha, bei dem er sich ueber die Vernachlaesslgung der Grabstaette seines Vaters Nissim beschwert, er sei Advokat; aber er ist nur ein obskurer Sprachlehrer, der in seinem Beruf ebenso gescheitert ist wie, er schmaeh- 1 i c h in seinen Beziehungen zu Hannah versagt hat, der hochsympathischen Tochter seiner Zimmervermieter. Im Zwielicht bleibt bei ihm auch sonst vielerlei So wird es trotz gewisser Informationen, die er in der Chewra Kadischa auf geschnappt hat, nicht klar, was ihn gpaeter zum Bestich des Obdachlosenheimes veranlasst, in dem er zufaellig auf die Papiere des dort gerade im Elend gestorbenen Wolf alias Wolfgang Cohen aus dem deutschen Staedtchen . Schwarzheim stoesst. und darunter auf die in allen Einzelheiten von diesem, seinem Namensvetter schon vorbereiteten Entschaedigungsantraege. Er bedient sich ihrer mit Hilfe eines gerissenen Anwalts, der uebrigens — nach seinem Namen Lu mis'ch zu urteilen— ebensowenig deutscher Landesherkunft ist wie er selber, der palaestinagebuertige Sabre. Aber mit den Geldern, Aktien, den Rueckuebertragungen von Gebaeuden, Fabriken, Beteiligungen, die nun in unerwarteter Fuelle zu stroemen beginnen, weiss der Betrueger so wenig anzufangen, dass er die Verfuegung darueber mehr und mehr in die Haende der Sekretaerin des Anwalts legt der gescheiten Leora, die ihn auch sexuell (scheint es) an sich bindet und in Luxushotels usW. jedenfalls so zu selnei staendigen Begleiterin wird, wie sie vorher das Zweite Ich Lumischs gewesen war... oder vielleicht auch geblieben ist. Soweit der Neureiche selber ueber den Goldregen disponiert, spendet er Abertausende wahllos fuer Zwecke die ihm gerade einfallen, darunter alberne, voellig sinnlose. Bis ihm das phantastische Uebermass des Reichtums so ueber den Kopf waechst, dass er in der letzten Szene nach vergeblichen telephonischen Versuc h e n, sich bei Hannah oder bei seiner als' dea ex machlna aus Amerika angereisten Mutter Rat zu holen, Herrn Lumisch und Leora mit dem Entschluss schockiert, auf alles verzichten und in die anonyme Aermilichkeit seines frueheren Daseins, moeglichst im Ausland, zurueckkehren zu wollen. Sie protestieren. Zu viel sei an Projekten im Gange, an Verhandlungen mit den Ministerien eingeleitet; eine Rückzahlung der Millionen an die Deutschen waere dem Prestige des Staates Israel so _abtraeglich wie moralisch Tn undenkbar. So argumentiert der Advokat und bestellt auf alle Faelle einen Irrenarzt. Die Sekretaerin ihrerseits droht mit der Polizei. Soll sich Wolf Cohen ins Gefaengnis Werfen, soll er sich die Zwangsjacke anlegen las sen, oder weiterhin den Erben des Riesenvermoegens spielen? Diese Frage laesst M. Schamir offen. Mit dem Verzweiflungsruf des' Multimillionaers ohne Anrecht und nun also wider Willen “Wer bin ich?” liess er den Vorhang {fallen. Kleiner Mann, was nun? Geschmacklosigkeiten sonder Zahl sind gegen dieses problematische Stueck besonders deshalb eingewandt worden, weil es auf die elementarsten Gefuehle von uns Ueberlebenden des Mordes an den 6 Millionen unserer Brueder beispielsweise dort keine Ruecksicht nimmt, wo der Autor von Vorbereitungen^ zu einem ISraelgastspiel der nicht umgebrachten Mitglieder des “Juedischen Orchester” von Auschwitz spricht. Staerker noch duerfte die Erbitterung, auf die “Der Erbe” gestos^n ’st, indessen darin begruendet gewesen sein, das's sich Schamir darauf versteift . zu haben scheint gewisse Schattenseiten des gewiss verwirrend weitschichtigen Pro. blems der deutschen Wiedergutmachungszahlungen a n Israelis masslos ,zu uebertreiben. Verleumdet Sahen sich die Anwaelte, die mit vollem Recht geltend machen koennen, dass sie nie gezoegert haben, advokatorische Leichenfledderer des grossen Totenackers der Juden Europas vorkommendenfalls aus ihren Reihen auszumerzen. IWomoeglich noch tiefer erregte es die weiten Scharen der ehrbaren Empfaenger von Entschaedigungs Zahlungen aus Deutschland, dass der Verfasser des Schauspiels einen so ueb len Schwindler als ihren Repraesentanten vorgefuehrt hat. Beabsichtigte er damit, den s'eit Jahren an Zahl immer mehr zusammengeschrumpften grundsaetzlichen hiesigen Gegnern der “Schilumim” wieder Auftrieb zu geben, oder den i Gegnern ueberhaupt eines jeden, wie immer gearteten Kontakts mit Deutschland? Wollte er zu einem neuen Kesseltreiben gegen die “Jeckes” aufrufen, die sich nach so starken anfaenglichen widerstaenden i m Lande waehrend der 1 e t z t en drei Jahzehnte s'chliesslich ,die volle, ihnen gebuehrende Anerkennung gesichert haben? Oder was bezweckte Mosche Schamir sonst? —o— zu seinen Gunsten sei ver* mutet: Nichts von all dem hier soeben Gesagten (bezweckte er, so gewiss die ungluecks'elige Konzeption und die Unzahl der verstoesse gegen Logik und Geschmack, die sich der sonst so ausgezeichnete Dichter in diesem seinem elften Buehnenwerk geleistet hat, solchen Missverstaendnissen Vorschubleisten mussten. Was er vermutlich zeigen wollte, war vielmehr das fatale und am Ende zu auswegslosen Sackgassen verdammte Schicksal eine KLEINEN MANNES, der sich mit eigenem oder ohne sein Verschulden — hier aus Schwadroniersucht und sonstiger Charakterschwaeche — in Lebensumstaende verirrt, denen er nicht gewachsen ist. Bezeichnenderweise laesst er seinen Wolf Cohen als' Motiv fuer den Betrug anfangs sagen, er wolle das Geld “fuer einige Broetchen und zur Errichtung eines Steins fuer das vaeterliche Grab” erschwindeln —. ach, welch kleinbuergerlich bescheidenes Idyll! Es sind beilaeufig auch keine Gewissensskrupel die es ihm am Schluss dann nahelegen, den ganzen Reichtum wieder los zu werden; er dem vorher die Pfennige gefehlt hatten, brach unter der Last nicht einer ploetzlichen Laeuterung sondern seiner ergaunerten Millionen zusammen. Und dieser seiner angemassten Rolle vermochte er ebensowenig standzuhalten wie Hirsch Barenblatt, Sohn eines Friseurs in Bendzin, und also ein kleiner Mann wie er selber. Die beiden Dutzendmenschen, der erdichtete und der reale, verpfuschten ihre Existenz, weil sie zu ¡hoch hinaus wollten. Allein, sind das' in unserer Welt und Gesellschaft extreme Ausnahmen, (und sonst nichts? Hand aufs Herz, gehoeren wir nicht samt und sonders, der eine mehr, der andere weniger, zur “Dutzendware der Natur”? SONDER-BERKHT FÜR DAS B. I. WO “SCHALOM” UNFRIEDEN SCHAFFT Wie |n einem | Taubenschlag ging es dieser Tage im Jerusalemer “Hechal Schlomo” zu, zu deutsch dem “Tempel Salomos”. Wie? Aber den Salomonischen Tempel hatten die roemischen Legionaere des Titus vor fast zwei Jahrtausenden doch bis auf die Grundfesten niedergerissen. Nun, obwohl den Juden in Israel gewiss allerlei zuzutrauen ist, sind sie nicht so weit gegangen, ihn wieder zu errichten. Das Oberrabbinat jedoch hatte diesen anspruchsvollen Namen dem prunkvollen Bau inmitten der modernen Stadt gegeben, in dem es seit geraumer Zeit residiert. Und dort fanden sich jetzt mehrere hundert geistliche und ‘weltliche” Beam te zusammen, um nach einem verzwickten Schluessel die Liste der 125 Wahlmaenner auszuhandeln, die sich ihrerseits demnaechst ueber zwei Rabbiner als die hoechste religioese Landesautoritaet der kommenden fuenf Jahre schluessig werden sollen. Doch wandten sich die Gespraeche der Funktionaere bald von der —nebenher laengst ueberfaelligen— rabbinischen Neuwahl schon deshalb ab, weil alle Einzelheiten dazu unter der Hand schon vorher geregelt waren, und befassten sich; mit dem spektakulaeren Erfolg, den die religioesen Kreise soeben fuer sich buchen konnten. In einem Zwist, der Aussensteh e n d e n bei erstem Hinschauen wie der sprichwoertliche Streit um des Kaisers Bart Vorkommen duerfte, haben sie sich nach monatelangem Hin und Her gegen die fuehrende Reederei des Staates Israel durchgesetzt, die Haifaer ZIM- Gesellschaft, an der die Regierung mit einem runden Drittel des Aktienkapitals beteiligt ist, und indirekt also gegen die Regierung selbst. Den Unfrieden aber hatte das neue Schiff der ZIM herbeigefuehrt, die “Sehalom”. Schalom ist bekanntlich das hebraeische Wort fuer Frieden ... Ein Streit um des Rabbis Kueche Zwar war die Schiffahrtsgesellschaft vermutlich nicht so naiv gewesen, anzunehmen, dass es ganz' ohne Schwierigkeiten mit den hiesigen religioesen Instanzen abgehen wuerde, als sie sich seinerzeit entschloss, neben der einen, streng nach juedisch - rituellen Speisevorschriften zu fuehrenden Kueche, also der Koscher-Kueche, noch eine zweite in die “Schalom” einzubauen, eine sog. “internationale. Kueche”. Aber ihre Direktoren vermuteten Grund zur Annahme zu haben, dass das Landesrabbinat am Ende nach einer Serie von Einwaenden und Verwahrungen, diesen kulinarischen Schoenheitsfehler nicht zum Anlass nehmen wuerde, der ersten der zwei Kuechen des Schiffes die Best a etigung, vorzuenthalten, dass sie traditionsgetreu gefuehrt werde. Die Direktoren wollten (und wollen) sich nicht auf juedische Gaeste fuer einen mit grossen Kosten denkbar luxurioes ausgestatteten Passagierdampfer beschraenken; um das 24.500 to-Schiff mit einer Fassungskraft von 1.100 Passagieren rentabel auf der transatlantischen Route auszunutzen, die es vor allem befahren soll, rechnet die Reederei selbstredend auch’mit nichtjuedischen Touristen aus den Vereinigten Staaten und Europa. Wie aber will man Nichtjuden, die an Bord eines solchen Luxusdampfers natuerlich entsprechende Ahsprueche stellen, begreiflich machen, dass sie nach; Diners mit F1 e i s chgaengen auf Milch zum Kaffee oder Mokka —und sei es auch nur ein Tropfen Milch.— verzichten muessen? Sollen ihnen die Stewards jedesmal Vortraege darueber halten, dass sich dies Verbot des juedischen Religionsgesetzes auf die Vorschrift der Bibel gruendet, “ein Boecklein nicht in der Milch seiner Mutter zu kochen’ (Ex. 23,19 und 34,26; Deuter. 14,21)? Auch gewisse Praezedenzfaelle trugen zum Optimismus der ZIM-Direktoren bei. Seit mehreren Jahren setzen sie zwei andere ihrer Liniendampfer in den Wintermonaten wieder und wieder von der amerikanischen Florida- Kueste aus nach den Insein d:s Karibischen Meeres ein. Eann werden dort fast ausschliesslich “internationale” Menus serviert, die dem Geschmack; dieser Vergnuegungsreisenden entsprechen. Und daran hatte der Jerusalemer Oberrabbiner Nissim als Chef der fuer die rituelle Speisekontrolle zustaendigen Behoerde eigentlich niemals Anstoss genommen. Diesmal .aber machte er S c h w ierigkeiten. Sie verschaerften sich zu einem verbissenen Nein, als die ZIM- Direktion auf den Einfall kam, sich vertraglich mit dem “Associated Legislative Rabbinate of America” zu verbinden, einer Rabbinervereinigung, die sich gegen entsprechend hohe Gebuehrenzahlung bereit erklaerte, den “Koscherzettel” fuer die eine, rituell behaltene Kueche auf der “Schalom” auch dann zu geben, wenn eine zweite Küeche “international” gefuehrt werden wuerde. Die Mitglieder dieser Vereinigung wurden von hiesigen religioesen Kreisen in schaerfster w o c h enlanger Polemik als obskure “Ges c h a eftsrabbiner” bezeich- (Fortsetzung ,Seite 11)

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