Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXVI (1964)
- Issue
- 3 (Marzo, 1964)
- Date
- 1964-03-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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MARZO 1964 BOLETIN INFORMATIVO ALS ANGEKLAGTE VOR GERICHT DIE MOERDER VON AUSCHWITZ TODESURTEIL IN RUSSLAND JACK RURY: DER MOERDER DES MOERDERS Die letzten Wochen haben die Aufmerksamkeit unserer Leser in starkem Masse von den politischen und wirtschaftlichen Fragen, die im allgemeinen in derem Zentrum stehen, wieder einmal zu den Nachrichten aus verschiedenen Gerichtssaelen hingelenkt. Sowohl aus chronologischen Gruenden wie aus solchen seiner Bedeutung- Stehen an erster Stelle die aus dem Frankfurter Roemer, wo der groesste Kriegsverbrecher-Prozess seit den Tagen des Hohen Allii erten Militaergerichts von Nuernberg vor sich geht. Auf der Anklagebank sitzen '22 Maenner, denen z.T. Mord und z.a. “Beihilfe zum' Mord” in einer “unbestimmten Vielzahl von Faellen” vorgeworfen wird: gemeint ist damit ihre Taetigkeit in dem groessten der hitleristischen Vernichtungslager, Auschwitz, wo Millionen Menschen ausgerottet wurden: vier Millionen, wie wir zu befuerchten Anlass und Unterlagen haben “nur” zweieinhalb Millionen, wie manch einer beschwichtigend, wohlmeinend und “entschuldigend” behauptet. Unter ,den 22 Angeklagten befindet sich Robert Mulka, unter allen noch am Leben befindlichen Menschenschindern dieses grausigen Ortes der ranghoechste, nachdem zwei seiner Kommandanten nach 1945 verurteilt und hingerichtet und der dritte, Richard Baer, vor Beginn der Verhandlungen i n diesem Prozess, dessen Hauptangeklagter er haette sein sollen, im Vorjahre starb. Ferner Dr: phil. Victor C'apesius, SS- Sturmbannfuehrer und ehemaliger Lagerapotheker, Dr. med. Franz Lucas, Dr. med. Willi Ludwig Schatz und andere Akademiker, denen jene komplizierten oder wissenschaftlichen Details im Vernichtungsprogramm ihres Fuehrers oblagen, die von den anderen Mitangeklagten, ihres Zeichens Heizer, pt'oertner oder ,-Schlaechter, nicht bewaeltigt werden konnten. In achtzig Baenden, auf 16.000 Seiten, ist das Ermittlungsergebnis zusammengetragen; 1.300 Zeugen haben an seiner Vorbereitung mitgewirkt. Weitere 250 Zeugen aus Deutschland und 14 anderen Laendern sollen im Laufe dieses Prozesses, dessen Dauer man -bis mindestens Ende dieses Jahres veranschlagen darf, noch aussagen. Aber bereits die ersten Wochen haben das gleiche Bild ergeben, das sich nun schon in all diesen Verhandlungen der Nachkriegszeit wiederholt: mit Ausnahme von einem, der seine Jugend von damals als Erklaerung dafuer anfuehrte, Boeses von Gutem nicht habe unterscheiden zu koennen, berufen sich alle Angeklagten darauf, von nichts etwas gewusst und nichts gesehen, ganz gewiss persoenlich niemandem ein Haar gekruemmt zu haben und auf alle Faelle selbst nur ein kleines, unbedeutendes Schraeubchen in dieser gewaltigen Todesmaschine, deren Funktionieren man nur unter Opfer des eigenen Lebens .stoeren, aber nie verhindern haette koennen, gewesen zu sein. Selbst Eichmann hat das in Jerusalem behauptet und man kann, nach der guenstigen Erfahrung, die alle Nazi-Strafverteidiger mit dieser verlogenen Taktik eingeheimst haben, heute getrost annehmen, dass es im Rahmen ihrer , Argumentation hoechstens einen einzigen Schuldigen gab: selbst ein Himmler, Heydrich oder Goering wuerden sich heute wahrscheinlich auf Befehlsnotstand und Fuehrerprinzip berufen. Parallel zu dem Erlebnis im und den Nachrichten aus dem Gerichtssaal geht in Deutschland selbst mit verstaerkter Intensitaet d i e nicht mehr neue Debatte vor sich, ob es heute, zwei Jahrzehnte nach der Tat, nicht schon an der Zeit waere, die ganze Sache ad acta zu legen. Die Argumente sind nicht neu und ihre Propagierung ist oftmals den gleichen Kreisen zuzuschreiben, die den Schuldigen sehr aktiv behilflich waren, fuer den gleichen Zeitraum unterzutauchen. Es besteht wohl kein Anlass, sie an dieser Stelle wieder zu entkraeften: es geschah erst vor einem knappen Jahr anlaesslich der gleichen Verjaehrungs-These zugunsten des Massenmoerders Rauff, hier in Chile, Fuer unser Gefuehl, fuer unser Gerechtigkeitsempiinden und fuer das eines jeden anstaendigen Menschen haben die 1945 geschriebenen Worte Theodor Kramers solange MONATSSPIEGEL 0 Gueltigkeit, wie auch nur noch einer der an dem groessten Verbrechen d e r Menschheitsgeschichte M i tschuldigen am Leben ist; “Der Schacht ist erkaltet; doch nahe und fern legt Schwalch auf die Laender sich hin, und fortfrisst, solang nicht vom Henkerbeil faellt des letzten Schinderknechts Haupt, an der Welt die blutige Schmach von Lublin”. Doch kann kein Zweifel bestehen, dass auch in diesem Falle das Argument der quasi-Verjaehrung, zusammen mit anderen politischen und juristischen Faktoren —unter letzteren die Abschaffung der Todessstrafe in der BRD—, seine Wirkung nicht verfehlen wird. Ohne gegen das noch lange ausstehende Urteil schon heute ,ein Vorurteil aussprechen zu w'ollen, eins steht fest: die Relation von Schuld und Strafmass wird unbefriedigend sein muessen. Sogenannte “Vergehen gegen die Wirtschaft” Nicht minder unbefriedigend, aber mit umgekehrten Vorzeichen, ist das Urteil, das vor wenigen Tagen als eines in einer Reihe von vielen, in der Sowjet-Union ausgesprochen wurde. Es lautete auf Tod fuer alle Angeklagten, sieben Juden, denen diverse Vergehen gegen die Wirtschaft —wie illegale Fabrikation und Vertrieb, Diebstahl und Unterschlagung, sowie Besitz von Gold und Devisen— zur Last gelegt wurden. Und das wesentliche Element an dem Gefuehl der Abscheu, die man empfindet, wenn man liest, dass alle Angeklagten an den Galgen kommen 1 sollen, besteht wahrhaftig nicht in der Tatsache, dass es Juden sind. Es besteht darin, dass es nur Juden sind und darin, dass “Schuld und Suehne” sich nicht die Waage halten. Die empoerende Desproportion zwischen Vergehen und Strafe braucht man garnicht erst an anderen Prozessen zu messen —hier Tod fuer Diebstahl oder Unterschlagung, dort Anrechnung der Untersuchungshaft fuer Mord an soundsoviel Tausenden von wehrlosen Haeftlingen—: es gibt ueberhaupt keinen Masstab dafuer. Der einzige liegt in der Wucht des antisemitischen Gewichts, den die Sowjet-Regierung auf die Waagschale der Schuldseite wirft. Das Nachrichtehblatt der amerikanischen Gewerkschaften (AFL-CIO) schreibt zu diesem, sowie zu den vielen gleichen, ihm vorangegangenen Prozessen: “Die gegenwaertigen Kreml-Herrscher geben der juedischen Bevoelkerung der UdSSR die Schuld an den schlimmen Folgen der ungesunden Wirtschaftspolitik ihres Regimes und machen sie zu Pruegelknaben. Der Kreml hat bei der Verfolgung sogenannter Wirtschaftsverbrechen Juden in den Vordergrund gestellt. Tausende von russischen Juden haben die strengsten Strafen —in vielen Faellen die Todesstrafe— erlitten wögen “Vergehen”, die nirgendwo in der zivilisierten Welt als Verbrechen betrachtet wuerden. Straftaten werden erfunden zwecks Durchfuehrung von Kampagnen, die die herrschende kommunistische Parteiclique von der Schuld an ihrer eigenen fehlerhaften Poltik reinwaschen sollen.- Gerichtsverhandlungen g egen angeklagte Juden werden mehr durchgefuehrt, um die Oeffentlichkeit zu taeuschen, als um der Gerechtigkeit willen. Zu diesem Zwekke werden sowjetische Zeitungs- und Rundfunkberichte derart abgefasst, dass sie eine antijuedische Hysterie erzeugen. Die juedischen Namen der Angeklagten werden besonders betont. Manchmal werden sie beschuldigt, ihre sogenannten Vergehen i n der Synagoge begangen zu haben. Ihre familiaeren Bindungen in Israel und anderswo werden unterstrichen. Die Judenverfolgung ist ein Mittel, das die sowjetische Politik der verstaerkten Feindschaft gegen die Juden in der arabischen Welt ifoerdern soll, eine Politik, die einen arabisch-israelischen Frieden hindern will” Sensation in Dallas Der Prozess gegen Jack Rubinstein, alias Ruby, der in diesen Tagen in Dallas vor sich ging, hat mit dem (vorher zitierten gemeinsam, dass auch ein Jude auf der Anklagebank sitzt. Damit hoeren die Gemeinsamkeiten auf, um einer endlosen Reihe von Gegensaetzlich k e i t e n Platz zu machen, wie man ■ sie sich frappanter nur schwer vorstellen kann. Waehrend dort der Prozess unter Ausschluss der Oeffentlichkeit stattfand, m u t e t dieser durch die Flut der geschriebenen und gefilmten Information fast w i e ein Theaterstueck an; waehrend dort wirkliche oder erfundene Zivilvergehen politisch ausgeschlachtet werden, wird hier 'ein Verbrechen mit weltweiter politischer 'Resonanz in erster Linie unter dem Gesichtspunkt des Privatlebens seines Autors behandelt; waehrend dort die vielleicht ganz unschuldigen, aber bestimmt im Verhaeltnis zur Strafe nur sehr begrenzt schuldigen Angeklagten unsere uneingeschraenkte Solidaritaet verdienen, laesst uns der Pistolenheld von Dallas kalt und kann keinen Anspruch auf mehr als den Wunsch erheben, dass die Strafe, die er verdient hat, gerecht ausfallen moege. Gewiss beruehrt uns der Fall Ruby, Moerder des mutmasslichen Moerders von Praesident Kennedy, insofern es sich dabei um einen Juden handelt, nur wenig mehr als unsere sonstigen Zeitgenossen. Wenn dies ueberhaupt der Fall ist, dann wohl nur unter folgenden Aspekten: Dieser Ruby ist nicht ganz normal. Mit dieser Behauptung soll nicht etwa dem Trick der Verteidigung, ihr Klient habe unter dem Einfluss einer momentanen Geistesstoerung gehandelt, das Wort geredet werden. Es sollen nur seine innerlich nie ueberwundene Herkunft aus armseligem Milieu und seine daraus entstandene zwielichtige “berufliche” Laufbahn, sowie von Komplexen bestimmte Haltung in Erinnerung gerufen werden. In weitem Masse koennten diese drei Faktoren jeglichem Zeitgenossen eigen sein. In einem Sinne aber erscheint sie tragischerweise als typisch juedisch: Ruby soll einmal geaeussert haben, in seinem Leben seinen Mitmenschen (Fortsetzung Seite 18) FREITAG den 17. April um 20 Uhr FUER DIE GESAMTE KDLLEKTIVITAET ANLAESSLICH DES JOM HAAZMAUT IN UNSERER SYNAGOGE, AVDA. PORTUGAL BIG