Mannheim
Compact Memory

Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1963-09-01 · 9 (Noviembre, 1963) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXV (1963)
Issue
9 (Noviembre, 1963)
Date
1963-09-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/8553624-8558686-9194540--3964-8558927
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

9 SEPTIEMBRE 1963 BOLETIN INFORMATIVO Aus der Festrede von Herrn Dr. Benno Kiwi, Vorsitzender der Repraesentanz SIND WIR DEN RICHTIGEN WEG GEGANGEN? ... Sicherlich ist unsere Zeitung mit den Jahren das beste Gemeindeblatt Suedamerikas geworden. Es lohnt sich, ab und zu auch mal einen Blick in die Seiten zu werfen, die in unserem Boletin ausser der Spalte ¡Familiennachrichten existieren. Ich sage das aus einem besonderen Grunde. Sie alle haben die Festnummer erhalten. Viele haben in ihr geblaettert, manche die Ueber - schriften der einzelnen Artikel gelesen; einige Sich sogar in den einen oder anderen Artikel vertieft. Diese Einzelnen werden vielleicht einen Beitrag entdeckt haben, der die Ueberschrift “Der Gemeindebund” traegt. Dieser Beitrag stammt von mir. Ich erwaehn e ihn. weil in seinem Schlussatz eine Frage aufgeworfen wird, ueber die wir heute sprechen wollen. Die Frage, die aufgeworfen wird, geht dahin, ob unsere Gemeinde den richtigen Weg eingeschlagen hat. Viele von Ihnen werden erstaunt aufblicken und sich denken: soll etwa nach 25 Jahre erfolgreicher Gemeindearbeit die Existenzberechtigung der “B’ne Jisroel” in Frage gestellt werden? DIE JUEDISCHE WURZEL Es scheint ein wenig weit hergeholt, einen solchen Gedanken ueberhaupt diskutieren zu wollen. Lassen Sie mich jedoch die Frage einmal anders formulieren. Die praesidenten unserer Gemeinde haben in ihren programmatischen Reden in den letzten Jahren - immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass unsere Emigrantengemeinde eine lateinamerikanische Gemeinde werden muesse. Das sei eine;der Hauptaufgaben f u e r die Maenner, die in unserer Gemeinde arbeiten. Um dieses Ziel zu erreichen, waerd da nicht der einfachste, kuerzeste und geradeste Weg der gewesen, dass jeder von uns sich nach seiner Einwanderung einer der hier bestehenden Gemeinden angeschlossen haette? Mussten wir den Umweg ueber die Emigrantengemeinde gehen, um zur suedamerikanischen Gemeinde zu kommen? . War nicht vielleicht der Weg der eigenen Emigrantengemeinde ein Weg in die entgegengesetzte Richtung, von der lateinamerikanischen Gemeinde, von der Verschmelzung mit den hier bestehenden Kollektivitaeten hinweg? Wir muessen uns bemuehen, eine Antwort auf diese Fragen zu suchen, denn diese Antwort soll uns gleichzeitig sagen, wo wir auf unserem Wege zur lateinamerikanischen Gemeinde stehen. Die Anwort ist wichtig fuer unsere kuenftige Arbeit. Ob allerdings die Antwort, die wir finden, die richtige ist, das kann nur die Zeit lehren. In meinem Artikel ist gesagt, dass die Beantwortung der Frage, ob der Weg, den wir eingeschlagen haben, der gegebene war, von .einem Studium der geistigen Bindungen abhaengig ist, mit denen wir in dieses Land kamen. Welches waren diese geistigen Bindungen? Sie hatten zwei Wurzeln: die juedische und die zentraleuropaeische. Ich will zunaechst von der juedischen sprechen. In Chile sind nach 1933 zwischen 12.000 und 15.000 deutschsprachige Juden eingewandert. Die erreichbaren Unterlagen lassen eher auf eine Zahl von 15.000 schliessen, unsere Gemeinde erfasste etwa 6.000 von ihnen d.h. rund 40%. Die uebrigen 60% sind, juedisch gesehen, voellige Randjuden. Das einzige Positive, was man von ihnen sagen kann, ist, dass sie ihr Judentum nicht verleugnen. Freilich hat es auch eine Anzahl von juedischen Einwanderern gegeben, die ihre Umsiedlung von Europa nach Chile zum Anlass genommen haben, ihre juedische Religion als laestigen Ballast ueber Bord zu werfen, und hier i n Suedamerika unterzutauchen. .Diese Menschen haben eine Konsequenz gezogen, die wir nicht billigen und an deren Erfolg wir nicht glauben. Ich lasse sie ausser Betracht. Sie sind fuer die juedische Gemeinschaft verloren. Interessant ist vielleicht nur die^ Tatsache, dass die Kinder dieser Konvertiten zu einem erheblichen Prozentsatz wieder juedisch heiraten. Es waere einer Untersuchung wert, die Gruende fuer dieses Phaenomen aufzuzeigen. Von den 40% die unserer Gemeinde angehoeren, kann man nur etwa 1/3 d.h. knapp 2.000 als 3-Tage-Juden bezeichnen. Denn diese Anzahl besucht den Gottesdienst an den Hohen Feiertagen oder kauft zumindest Karten fuer die Andachten. Die anderen 4.000 sind zwar Mitglieder unserer Gemeinde haben aber jahraus, jahrein keiner 1 e i gottesdienstliche Beduerfnisse. Sie zusammen mit den 9.000, die wir ueberhaupt nicht erfassen, machen insgesamt; 87% unserer Einwanderung aus. Die Prozentzahl der religioesen Juden, d.h. der Juden, die regelmaessig Gottesdienste besuchen, wage ich in dieser Statistik nicht zu nennen. Lege ich an die juedische Bindung den nationalen Masstab an, wird die Statistik etwas besser. Unser Sektor hat 1.200 Magbitzeichner, die fast ohne Ausnahme unseren Gemeinden angehoeren. Sie stellen ein Kontingent von 3.600 Seelen dar, d.h. 60% unserer Mitgliedschaft, 24% der Gesamteinwanderung. Zusammengefasst: 76% der deutschen Einwanderung hat kein irgendwie geartetes national-juedisches, 87% kein auch noch so bescheidenes gottesdienstliches Interesse. D i e deutschsprechenden Juden, die nach Chile kamen, waren zum groessten Teil Religionsjuden und keine politischen Juden. Unter politischen Juden verstehe ich in diesem Zusammenhang militante Zionisten, denn diese haben seinerzeit ihre Auswanderung nach Palaestina gelenkt, solange sie sie ueberhaupt zu lenken imstande waren, um so das Ideal, zu dem sie sich bekannten, fuer ihre Person zu erfuellen. Ich bitte, mich nicht misszuverstehen. Ich spreche vom Zionismus der dreissiger Jahre, der mit der Entstehung unseres Staates Israels seine Erfuellung gefunden hat nicht von dem Zionismus von heute, der uns alle angeht und der als Israelarbeit zur Aufgabe jeder Gemeinde gehoert; der aber, trotz der grossen Kontroversen —ich weise nur auf die zwischen Ben Gurion und Nahum Goldmann hin— noch keine endgueltige Definition gefunden hat. Das ist die juedische Bindung. Sie hat sich mit der Auswanderung nicht wesentlich geaendert. Sie ist vermutlich eher staerker als schwaecher geworden, denn eine Reihe unserer Menschen hat sich unter dem gewaltigen und grauenhaften Erlebnis des Zusammenbruchs auf sein Judentum besonnen. Ein Lichtblick fuer uns ist, dass Kinder von Eltern, die juedische Braeuche nicht mehr kannten, sich positiv zum Judentum einstellen, und wir danken unseren Rabbinern, dass sie diese spontane juedische Erneuerung gefoerdert und in die richtigen Bahnen geleitet haben. Die juedische Komponente war und ist auch keine Schwierigkeit fuer die Eingliederung in die lateinamerikanische Judenheit. Denn der Inhalt des Judentums, die Lehre, ist auf der ganzefl Welt gleich, mag auch das Gefaess, moegen auch die Formen und Braeuche in den verschiedenen Laendern .verschieden sein. Aber die religioese und die nationale Facette, deren sich ein nur geringer Prozentsatz unserer Menschen bewusst ist, bedeutet nur einen, oft nicht einmal sehr starken Kontakt. Sie reichte ’ und reicht nicht fuer die Eingliederung in das lateinamerikanische Leben aus. DIE ZENTRALEUROPAEI- SCHE KOMPONENTE Die andere Wurzel ist die mitteleuropaeische. Als wir hier ankamen, kamen wir mit der Mentalitaet von drueben. Eine andere konnten wir ja nicht haben. Wir merkten bald, dass sie verschieden war von der hiesigen Mentalitaet und dass wir wuerden umlernen muessen. Wir brachten ein Kulturpaket mit, . in dem sich fuer dieses Umlernen gute und schlechte Sachen befanden. Gute in dem Sinne, dass sie fuer hier wertvoll waren, und schlechte in dem Sinne, dass sie sich hier als nutzlos erwiesen. Wir mussten umlernen, um die Kenntnisse zu erwerben, die fuer unsere wirtschaftliche und kulturelle Einordnung noetig waren. Die Aneignung wirtschaftlicher Kenntnisse fiel uns nicht allzu schwer. Wir waren ja meist wirtschaftlich vorgebildet und fanden ein junges Land vor, jn dem Fachkenntnisse und Initiative sehr nuetzlich, sehr gesucht und sehr geschaetzt sind. Fuer die kulturelle Verschmelzung war die Problemstellung eine andere. Kultur kann man sich nicht von heute auf morgen verschaffen und zulegen. Man kann nicht hingehen und sie kaufen. Sie ist keine Ware, kein Handelsgegenstand. Sie ist vielmehr ein Prozess jahrelanger Erziehung und Bildung, ein Produkt jahrzehnt e 1 a n g e r Tradition, die Kenntnis von Wissenschaft- und Kunst, der Ausdruck eine Charakterpraegung und Dr. Benno Kiwi bei der Festrede anlaesslich des 25. Jubilaeums der Gemeinde: “Sind wir den richtigen Weg gegangen?” formung bestimmter Art. Der Mensch eignet sich im allgemeinen seine Kultur in den Jahren der Erziehung und Ausbildung, d.h. etwa in den ersten 20 bis 25 Jahren seines Lebens, an. Wir, die wir Kultur in einem bestimmten Kulturkreis bereits erworben und in ihm gelebt hatten, wir konnten sie gegen die Kultur die wir hier vorfanden nicht austauschen, nicht in einigen Tagen, nicht in zwei Monaten, nicht in einem Jahr. Man kann nicht von einem Kulturkreis zum anderen wechseln, wie man eine Wohnung wechselt. Es fragt sich, ob man es ueberhaupt kann. Der Uebergang von der deutschen zur spanischen Sprache, den wir in unserer Gemeinde offiziell noch nicht einmal vollzogen haben, genuegt d a f u e r natuerlich nicht. Wir kamen hierher, das Gros von uns ohne Mittel, mit Familie, gezwungen, sofort das taegliche Brot fuer uns und die unseren zu verdienen. Blieb uns Zeit fuer eine Umerziehung, um in der suedamerikanischen Kultur schnell heimisch zu werden? Es ist ein langsamer Prozess, dieses Hineinwachsen in eine neue Kultur, ein sehr langsamer und —sagen wir es offen— fuer viele ein unvollkommener. DER CHILENISCHE JISCHUW — EINE LATEINAMERIKANISCHE COMUNIDAD? Das erklaert, warum wir nicht in eine der hiesigen bestehe n d e n Organisationen und Gemeinden eintraten, fuer die unsere Denkweise in keiner Weise reif waren, sondern “tienda aparte” aufschlugen. Und hier ist die Frage zu stellen ob wir wirklich in eine lateinamerikanische Gemeinde eingetreten waeren, wenn wir uns seinerzeit dem Circulo Israelita, den Sepharden, den Ungarn oder der Chewra Kedischa angeschlossen haetten. Die Antwort, die ich mir und ihnen zu geben habe ist negativ. Das hat nichts mit der Wertschaet zung dieser Schwesterorganisationen zu tun, mit denen wir die freundschaftlichsten B e Ziehungen unterhalten. Juedisches Gemeindeleben besteht in Chile’seit dem Jahre 1906, also seit 57 Jahren, Man nimmt das Jahr 1906 als den Beginn dieses juedischen Lebens an, weil in diesem Jahr zu den Feiertagen zum ersten Mal ein organisiertes Minj an zusammentrat. Ein organisiertes Minjan ist zwar das wichtigste und essentielle Requisit einer Gemeinde, aber es reicht noch laengst nicht aus fuer das, war wir unter einer Gemeinde verstanden und verstehen. Die Aufgabenkreise einer Gemeinde sind Kultus, Sozialfuersorge, Kulturarbeit und heute die Arbeit fuer Israel. Die allgemeine Kultural?« beit, ein Ressort, dem ich mich in unserer Gemeinde seit vielen Jahren widme, ist eigentlich keine echte Gemeinde-aufgabe. Sie ist da notwendig, wo die Gemeindemitglieder am kulturellen Leben ihrer Umwelt noch nicht teilnehmen koennen. Wenn der Umfang der Kulturarbeit in einer sonst normal arbeitenden Gemeinde abnimmt, so ist das ein sicheres Zeichen dafuer, dass ihre Mitglieder im gleichen Masse den Anschluss an das kulturelle Leben der sie umgebenden Umwelt gefunden haben. Gemeinde mit den soeben genannten Aufgabenkreisen haben sich in Chile erst um das Jahr 1920 gebildet. Bis dahin waren es lediglich Vorlaeufer. Unser Gemeindeleben hat im Jahre 1934 begonnen. Die Differenz zu den anderen Gemeinden betraegt also in Wirklichkeit nur etwa 15 Jahre. Ich glaube, dass auch die anderen hier bestehenden Gemeinden noch keine late inamerikanischen Gemeinden sind, sondern genau wie wir auf dem Wege dazu, es zu werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.