Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXV (1963)
- Issue
- 9 (Noviembre, 1963)
- Date
- 1963-09-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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SEPTIEMBRE 1963 7 BOLETIN INFORMATIVO Festpredigt von Herrn Rabbiner Manfred Lubliner an|laess!ich des 25. Jahrestages der Gemeinde: RUECKSCHAU UND AUSSCHAU Im (Rhythmus des juedischen Jahres sprechen wir an jedem Freitag Abend die k o e stlichen Psalmen worte: “Gut ist es, dem Ewigen zu danken, ein Lied dem goettlichen Namen anzus'timmen, zu kuenden am Morgen seine Liebe und in den Naechten seine Treue”. Wann haetten wir mehr Veranlassung dies zu sagen, als an diesem Sabbat par excellence als in dieser Feierstunde, in der wir zusammen gekommen sind, um aus vollstem Herzen dem Ewigen dafuer zu danken, dass wir errettet wurden und dass wir die ewige Wahrheit an uns erfahren haben; “Gott ist in den Stunden des Morgens uns' gnaedig, aber auch in den Stunden der Nacht verlaesst uns nicht seine Treue in der Erwartung eines neuen Morgens”. Ewige Wahrheit: das ist der Geist, der in seinem Hause lebt, wo alles Irdische nur sub specie aeternitatis, im Zeichen der Ewigkeit betrachtet werden soll. Ewige Wahrheit, wo ueber Zeit und Raum hinweg der Mensch sich zu den Hoehen erheben soll, in denen 1.000 Jahre wie der gestrige Tag, in welchen 1.000 Jahre einer einzigen Nachtwache gleiehkommen. Wenn dieser Gedanke diese Staette beherrscht, was bedeuten dann schon 25 Jahre? Jenes zeitliche Moment, das uns ja heute im letzten Grunde in diese Gottesstaette gefuehrt hat? Haben wir Sterbliche ein Recht, 25 oder 50 Jahre, sicherlich Meilensteine im individuellen wie im Gemeinschaftsleben, festlich zu begehen? Sind 25 Jahre ein wichtiger Grund fuer eine Gemeinde, um ihr Bestehen zu feiern? Wir wagen diese Frage zu bejahen, denn das ist der grosse Unterschied zwischen: goettlicher Schoepfung und menschlichem Schaffen. Goettliches Schaffen ist Schoepfung, abgeschlossene, vollendete. Das Bereich der Natur ist dem ewigen Naturgesetz unterstellt, das der forschende menschliche Geist wohl entdecken, freilegen kann, aber alles was er aufdeckt, ist nichts Neues, sondern von Uranfang an vorhanden. Demgegenueber steht das menschliche Schaffen als' das Schwebende, nie vollendete, nie abgeschlossenedenn a 11 es menschliche Schaffen spielt sich in der Welt der Geschichte, ab, wo nicht ein Tag dem anderen gleicht. Hier ist “alles in Fluss, im kuenstlerischen, politischen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt auch im rehgioesen Leben”. Deshalb ist eS dem Ohnmaechtigen im Gegensatz zum Allmaechtigen gestattet, von Zeit zu Zeit auf dem Wege seines Schaffens Einschnitte zu machen, u m Rueckschau und Ausschau zugleich zu halten. So wollen wir denn Rueckschau und Ausschau halten, in dieser Feierstunde, die dem Gedenken eines menschlichen' Werkes, der Schaffung dieser Gemeinde, gewidmet ist Wisse* “woher Du kommst, und wohin Du gehst“. Als Akabia ben Mahalael diesen Ausspruch getan hat, hatte er ihn mehr im Sinne des individuellen menschlic h e n Lebens aufzufassen beabsichtigt. Was ist Schon der Mensch? Wo kommt er her? Und wo geht er schon hin? Wir wollen aber diese Sentenz in einem anderen Sinne verstanden wissen. Wir verstehen sie als eine ernste Frage: Woher kommst Du? Alle die Maenner und Frauen, die vor 25 Jahren die Grundlage zu dieser Gemeinde gelegt haben, alle Maenner und Frauen, die dann spaeter an diesem Werk durch die Errichtung der Synagoge und des Gemeindehauses tatkraef t i g mitgearbeitet haben, kamen aus jenem Land, in dem juedische Existenz seit den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung historisch belegt ist. Es kann nicht Aufgabe dieser Stunde sein, vor unserem geistigen Auge das wechselhafte Schicksal der juedis'chen Gemeinschaft in Deutschland in allen Jahrhunderten von seinem Beginn an, zu entwickeln. Nur die letzten hundert Jahre, das letzte Jahrhundert, duerfte von einem besonderen Interesse sein, das uns direkt an die aufgeworfene Frage woher kommst Du— heranfuehrt. Emanzipation, das Zauberwort des 19. und des' beginnenden 20. Jahrhunderts, hat unsere Grossvaeter und Vaeter in eine neue Welt hineingefuehrt, in eine Welt, in der ihnen fast alle Tueren und Tore offen standen. Die grosse Frage, wie weit man sich dieser neuen Welt und ihrer geistigen Struktur anpassen sollte, ist die Frage der Beziehung; zwischen deutsch— und Judentum. Abgesehen von denen, die sich dieser neuen Welt vollstaendig aufgeschlossen hatten und damit die juedische Substanz vollstaendig aufgegeben, hatte der groessere Teil den Weg zu einer Symbiose, zu einem Zusammenleben zwischen der eigenen und der anderen Welt fuer moeglich gehalten. Keiner wird leugnen, dass aus dieser Symbiose, aus der Befruchtung beider Kulturen grosse Geister auf allen Gebieten menschlichen Lebens hervorgegangen sind. Wir nennen keinen mit Namen, um keinen zu verletzen, aber fest steht, dass wir auf den Gebieten der Geschichte, Philosophie, Kunst, Theater und letztlich auf dem Gebiet der Bibelwissenschaft, der Welt und uns gros'se Geister geschenkt und damit eine grosse Bereicherung im geistigen Betaetigungsfeld zu verzeichnen haben. Aus der Ueberzeugung einer friedlichen gegenseitig sich achtenden Koexistenz, um ein modernes Wort zu gebrauchen, versteht es' sich, dass wir in einer solchen Welt lebend, geglaubt haben, dass die juedische Frage ihre endgueltige Loesung gefunden hatte - trotzdem ringsherum um uns dieses Problem zu einer brennenden Tagesfrage geworden war. Nur Wenige in unseren Reihen vertrauten nicht dicker Koexistenz, glaubten nicht an das ehrliche Zusammenleben mit der Umwelt, sie fuehlten eine tiefere engere Verbundenheit zur gesamten Judenheit, zum juedischen Volk in allen Teilen der Welt, nur zu ihm allein. Seit 30 Jahren wissen wir, dass sie Recht hatten, dass die Symbiose nur Schein und Trug war. Sie ahnten ein bevorstehendes Unwetter, eine ernste Auseinandersetzung, gewiss aber nicht das Ausmass, das uns' spaeter so grauenvoll treffen sollte. Der verlorene erste Weltkrieg, Inflation, Arbeitslosigkeit, sind nur einige wenige Phaenomene, die Vorboten fuer den nachfolgenden Sturm waren. Fuer all diese Uebel wurde der Verantwortliche gesucht, und wie stets in unserer langen und doch glorreichen Geschichte im Juden gefunden. Der Jude ist der Schuldige. Die Juden der Welt sind fuer all die Misstaende verantwortlich. Gewiss, nichts Neues an sich, aber als aus dem Schrei die Tat wurde, als in seiner Urgewalt diese Katastrophe ueber uns hereinbrach, kam sie fuer die Mehrheit unerwartet, unverhofft, unvorbereitet, nichtahnend, dass sie jemals eine solche Dimension der Zerstoerung an Geist und Blut annehmen koennte. Denn wir glaubten! Wir glaubten an den Menschen in seiner Menschlichkeit, wir glaubten in einem Kulturland zu leben wegen der Denker, Dichter und Kuenstler, Philosophen und Wissenschaftler, die stets eine fuehrende Rolle im geitig-politis'chen Leben eingenommen hatten. Wir glaubten in einem Land hoechster Kulturstufe zu leben— aber nicht im Land von Untermenschen. Von wo kommst Du? Von dort Kommst, Du. Von dort kamen wir Alle, als wir e n t w u rzelt, ausgeschaltet wurden, aus Landschaft, Umgebung, als wir den Boden unter den Fuessen verloren hatten, Freiwild geworden, zu den Gezeichneten gestempelt wurden, und da stellte sich uns die neue grosse Frage, als wir vor dem Nichts standen; Wohin gehst Du? Zwei Aspekte enthaelt diese Frage. Die erste ist oertlich, geographisch aufzufassen, aeussere Rettung— der zweite umfasst die innere Rettung, die geistige Richtung, den geistigen Weg, die juedische Antwort auf dieses scheinbar unsinnige Erleben. Wohin gehst Du? Die Antwort war nicht allzu schwer zu finden. Dorthin, wo es noch Voelker gab, die bereit waren, dem Ahasver, dem fluechtenden Juden eine Zuflucht zu gewaehren. Und wo gab es diese Voelker? Palaestina hatte sein Quotensystem. Der groesste Teil der Welt stellte sich taub und nur wenige Voelker waren es, die ihre Eingangstore einen Tuerspalt oeffneten, um einen kleinen Teil der Unzaehligen die in Lebensgefahr schwebten, hereinzulass'en. Zu diesen Laendern — insbesondere des neuen Kontinents— gehoert mit an erster Stelle das demokratische Land Chile. Deswegen ist es in dieser Feierstunde unsere oberste Pflicht, diesem Land und seiner Regierung aus ganzem Herzen fuer jene rettende Tat zu danken. In diesem wunderbaren Land haben wir eine Heimatstaette gefunden, in der wir in den 25 Jahren unserer neuen juedischen Existenz in Frieden leben und schaffen koennen, sind zum grossen Teil Buerger dieses Staates geworden, der uns in der hoechsten Lebensgefahr durch seine menschliche Grossherzigkeit vom sicheren Tode bewahrt hat. Niemals werden wir diese menschliche Haltung vergessen und wollen stets bemueht s’ein, diesem Staat in allen seinen sozialen und . wirtschaftlichen Problemen tatkraef tig zur Sejte zu stehen, um so einen kleinen Teil unserer grossen Dankesschuld fuer das zurueckzugeben, was er fuer uns' getan hat. Wohin gehst Du? “Einst’ weist in die Vergangenheit und in die Zukunft zugleich, so sagte einmal Thomas Mann. Einst hatten wir den Boden unter den Fuessen verloren, einen neuen, voellig unbekannten, hatten wir dank der humanitaeren Haltung dieses Landes wiedergewonnen und gleichzeitig mit der wirtschaftlichen Einordnung stand vor uns nunmehr die zweite grosse entscheidende Frage, harrte ihrer Loesung. Wohin gehst Du? Was ist Dein Weg? was Deine Antwort auf das furchtbare Erlebnis? Flucht, Verrat, am Judentum, heraus aus dem Judentum? Leugnung des Judeseins? Oder ewige Treue? Trotz allem, ja sagen, zu seiner Tradition, zu seinem Volk, zu seinem Gott, der nicht nur in den hellen Morgenstunden, sondern auch in den dunkelsten Nachtstunden sein Gott ist und bleiben wird? Die Maenner und Frauen, die als Erste in den Jahren 1933 — 1937 Deutschland verlassen haben und nach hier gekommen sind, waren von dem Gedanken erfuellt, das, was sie in der alten Heimat aufgegeben haben, hier aufs Neue erstehen zu lassen. Ihrer Initiative ist es zu danken, dass sie, die zu Anfang wenige an Zahl, den geglueckten Versuch' unternahmen. Alle zu einer Gemeinschaft, zu einer Chewra zu vereinen, so wie sie es in ihren Heimatgemeinden vor sich gesehen haben. Als Juden zu leben, ihrem Gott zu dienen und als Juden zu sterben. Das war ihr Zielen und Trachten. Aus diesem Kreis leuchtet bis auf den heutigen Tag jene ehrwuerdige Ge-- stalt hervor, die als erster Praesident diesen Gemeindekreis vorbildlich gefuehrt hat, Sigmund Freudenthal, ein liberaler bewusster Jude, der durch seine vornehme Erscheinung, edle Gesinnung und ausgleichendes Wesen, zusammen mit Seinen uebrigen Mitarbeitern das Fundament fuer die spaetere juedische Grossgemeinde gelegt hat, die heute auf diesem Kontinent in Amerika und in Israel als Kehilla B’ne Israel sich einen guten Namen erworben hat. Ais inzwischen das Unwetter in Deutschland in seiner ganzen Wucht und Schwere begann, als die Hoelle mit der Kristallnacht ausbrach verliess ein gröesserer Strom von Auswanderern am Ende 1938 rand Anfang 1939 die alte Welt und erreichte gluecklich und sicher den Hafen seiner neuen Heimat: Chile. Als diese Verfolgten den chilenischen Boden in Valparaiso betraten und von dort nach Santiago kamen, wurden sie hier schon in herrlicher Form von jenen Schicksalsbruedern auf genommen, die sich einst zur Chewra zusammengeschlossen hatten. Diese neue gros'se Einwanderungswelle wurde schliesslich von dem bestehenden kleinen Gemeindekreis aufgefangen und erweiterte den Grundstock fuer die bis auf den heutigen Tag in eine Gemeinde sich umformende Gruppe. Wenn auch der groesste Teil aus' dieser Emigrationswelle ohne jede materielle Mittel nach hier gelangte, einen unzerstoerbaren Schatz fuehrte auch sie mit sich, den festen Willen und Entschluss, das drueben grausam Erlebte nie zu vergessen und gleichzeitig zu einem bewussten Jasagen zum Judentum zu gestalten. Ihr Leitmotiv war das alte Jesaja-Wort, das wir morgen nach mehr als Zweieinhalbtausend Jahren wiederum vernehmen werden: “Schaut auf den Felsen, aus dem Ihr gehauen ,auf die Quelle, aus der Ihr gespeist werdet, schaut auf Abraham, Euren Stammvater, auf Sara Eure Stamm-Mutter“. Die nunmehr vollzogene Gruendung der juedischen Gemeinden nach dem Vorbild europaeischer Heimatgemeinden, forderte ihre Konsolidierung und ihren Ausbau auf allen, die Gemeiindearbeit betreffenden Gebieten; Kultus, Wohlfahrt, Erziehung Kultur, um nur einige zu nennen. Eine solche Arbeitsfuelle zu bewaeltigen, bedurfte es eines juengeren, dynamischen Mannes, zumal die hehre Gestalt Sigmund Freudenthals' in das hohe Alter gekommen war, wo jedem Manne das Recht zusteht, sich eines ruhigeren, beschaulichen Lebensabends zu erfreuen. Nach einer 8— jaehrigen anstrengenden Arbeit trat Sigmund Freudenthal von seinem Amt zurueck und uebertrug die Verantwortung fuer die Gemeindefuehrung einem juengeren Mitarbeiter: Dr: Josef Hirs'chberg, jenem Manne der von einem so aussergewoehnlichen Dynamismus, Willenskraft und ‘Arbeitsfreude beselt war. Das Haus, in dem wir nunmehr als Juden leben, Gottes— und Volkshaus zugleich eine neuen Synthese der neuen Zeit, ist sein Werk, das er zusammen in unerschuetterlichem Enthusiasmus mit all den Maennern und Frauen geleistet hat, die sich der dringenden Notwendigkeit einer eigenen juedischen Heimstaette in diesem Lande nicht verschliessen konnten. In seiner Jugendzeit noch, den Idealen einer Symbiose zwischen Deutsch- (Fortsetzung Seite 35)