Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXV (1963)
- Issue
- 8 (Agosto, 1963)
- Date
- 1963-08-01
- Page
- Seite 39 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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AÍ50ST0- 1963 BOLETIN INFORMATIVO 39 SEINE LETZTE ROLLE --Von Dr. Herbert Freeden (Jerusalem) —- Nachstehend bringen wir eine Erzaehlung, die uns unser Berichterstatter , in Jerusalem, Herr Dr. Herbert Freeden, fuer unsere Jubilaeumsausgabe sandte. In seinem Begleitbrief fuehrte Dr. Freeden aus: “In der Anlage erlaube ich mir, Ihnen den Beitrag . fuer Ihre Festnummer zu uebersenden. Da dieses Jahr fuer Juden aus Deutschland voller Gedenktage ist, vom 30. Jahrestag des 1. April 1933 bis zum 25. Jahrestag der Novemberpogrome 1933, habe ich eine Arbeit ¡ausgesucht, die mir besonders lieb ist. ( Nehmen Sie bitte, anlaesslich des 25-jaehrigen Bestehens Ihrer Gemeinde und Ihrer Zeitung imeine herzlichsten Glueckwuensche entgegen. Ihr “Boletín ’ Informativo” ist die Bruecke der deutschsprachigen Juden Chiles zu den deutschsprachigen Judenheiten der Welt, ihre Stimme und ihr Stolz. Moege es diese einigende und bindende Funktion auch weiterhin auf gleichem Niveau tragen”. Als ich im Jahre 1946 zum ersten Mal nach dem Krieg wieder nach Berlin kam, las ich unter den Theateranzeigen auf einer Litfassaeule in fetten Buchstaben: Ronald Ronaldson. ¡Er spielte . auf einer Buehne im russischen Sektor und sein Name war wie bei “Prominenten” dem Titel des Stuekkes vorangestellt. Vor zehn Jahren hatte ich ihn das letzte Mal gesehen, und obwohl ich in wenigen Tagen nach London zurueck musste, kaufte ich noch fuer den gleichen Abend ¡eine Karte im “Neuen Theater”. Ich erkannte ihn nicht sofort in der ¡Rolle des Dieners in einer Komoedie von Seribe, und erst gewisse Outriertheiten, wie seine Art zu lachen oder sich (lieber die Haare zu streichen, riefen alte Erinnerungen zurucck. Ich hatte dieses Lachen oft genug in Schwanneckes Ktfenstlerkneipe gehoert, aber mir schien, als habe es seine befreiende Frische m jenen Erfahrungen verloren, die dazwischen lagen. Nach der Vorstellung liess ich mich in seiner Garderobe melden. Er hatte Muehe mich zu , erkennen, aber diese Fremdheit war wechselseitig. Auch ich suchte nach vertrauten Zuegen in seinem Gesicht, in das die Jahre furchtbaren Erlebens Furchen gepfluegt hatten. “Sie muessen nachsichtig sein”, sagte er und deutete mit (pathetischer Geste auf seinen Kopf. “Das Gedaechtnis, verstehen Sie, sie haben mir das Gedaechtnis genommen —nicht ganz, oh nein,-ich kann wieder Rollen lernen, und ich erinnere mich an die Zeit in Dachau und ihn, SS-Obergruppenfuehrer Schwarzer, der mich mit Nagelstiefeln auf den Kopf trat— aber die Zeit davor Ist wie ausgeloescht. Mein Leben hat sozusagen erst mit den Nagelstiefeln, begonnen”, fuegte er bitter hechelnd hinzu. Es war seit je Ronalds Art gewesen, im Privatleben so zu sprechen als staende er auf der Buehne, und auf der Buehne, als sage er etwas ganz Privates, und darin lag zweifellos sein Kuenstlertum. Er hatte Jene Redeweise bewahrt, aber vergebens suchte ich den alten Kontakt wiederherzustellen. Er lehnte ab, in meinem Hotel mit mir zu (essen, da er abends nie ausginge. Auf mein Draen. gen schlug er vor, ich solle ihn nachhause begleiten. Als er dem Taxichaufeur zurief zu halten, standen wir vor einem Steingeroell Die Strasse in Steglitz —oder war es ein Platz— war niedergemacht, und wir kletterten ueber Schutthaufen auf ein Haus zu, dessen eine Seite (von einem Einschlag abgerissen war. “Dort wohne ich”, sagte er und deutete auf die Haelfte, die noch istand. Es gab kein elektrisches Licht und um. staendlich zuewdete er eine Petroleumlampe an. “Ist es nicht deprimierend, in diesen Ruinen zu wohnen?”, fragte ich. “Exaltierend, mein Freund, exaltierend”. rief er aus und fuehrte mich in ein Zimmer, das offenbar seit Tagen nicht aufgeraeumt war. “Wenn ich auf jene Truemmer ¡blicke, dann weiss ich, dass meine Leiden nicht umsonst waren. Die Ratten kommen wieder aus ihren Loechern, entnazifiziert, verstehen Sie, als gute Demokraten, aber” —und er wies mit einer Geste auf die Verwuestung draussen— “das hier sagt mir, dass ich geraeoht bin”. “Warum brechen Sie nicht mit der Vergangenheit”, warf ich ein, "lassen das ' alles hinter sich und versuchen sie anderswo als Mensch unter Menschen zu leben?”. Er sah mich an, aber seine Augen standen nicht still: sie rasten ueber mich hinweg wie zwei gehetzte Tiere. “Ich bin hier mit meiner Aufgabe noch nicht fertig”, deutete er geheimnisvoll an, waehrend er nach einem Kognak suchte. “Sie glauben, jene laep. pisehe Rolle in Seribe haelt mich zurueck? Nicht einmal Koenig Lear koennte mich bewegen, einen Tag laenger zu bleiben als ich muesste. Und ich muss, bis ich ihn gefunden; habe —ihn, Sie verstehen”. Nicht nur seine . Augen waren die eines Gehetzten. Wie oft konnten Uefoerlebende eines Konzentrationslagers die geduckte Haltung, den misstrauischen Blick, eine Art leichter Verfolgungsmanie fuer lange Zeit nicht abstreifen. In Ronald hatten sich diese Z u ege in unheim. 1 i c h e r Weise ■ gesteigert. Selbst seine Sprache war, trotz der melodramatischen Toenung, die eines Besessenen. “Sie wissen, wen ich suche, im Geroell, im Schutt —nur im Geropli'und Schutt kann ich hoffen, ihn zu finden. Sechs Jahre lang hatten wir auf derselben Buehne gespielt, Schwarzer und Ich— er Dr. Elerbert Freeden kam nicht ueber Episodenrollen hinaus, und er vergab mir schon damals nicht, dass mir der Mephisto zufiel und ihm der Valentin. Er schob das natuerlich nur dem juedischen Regisseur zu oder dem juedischen Direktor" niemals klagte er den Gott in seiner eigenen Brust an. Nein, er war nicht unbegabt —in manchen Augenblicken, wenn wir , allein auf einer Probe waren, da zuckte etwas wie Genie in seinem Spiei. Aber es entfaltete sich nicht, im Gegenteil: es versackte. Und als ¡es dann ausbracn, schauerlich verwandelt ln Hass, teuflischen Hass, traf es mich furchtbar, mich und die anderen im Lager, Mich traf es hier "—er deutete auf seinen Kopf—” mit Nagelstiefeln, die anderen traf es zu hunderten mit dem Maschinengewehr”. Ronald gab die Suche nacn dem Kognak auf. “Jaja, Schwarzer hat es auf dern Theater nie zu einem Namen gebracht; erst.. in . Dachau wurde er zu einer Beruehmtheit”. Die Petroleumlampe in jenem verwuesteten Zimmei, inmitten von Ruinen, gab seinem Plaedoyer die Szenerie eines Schmierentheaters. Es war spaet geworden. Als er mich aufstehen sah. hielt er mich .zurueck. "Niemand ausser mir wira Schwarzer aufspueren koennen. niemand —verstehen Sie jetzt die groase Aufgabe die vor mir liegt? Eine Aufgabe, deretwillen ich menschlichen Eingang und . menschliche Behausung aufgegeben nabe?” Es war zwecklos, ihn davon abzubringen. Sein Hass auf Schwarzer war manisch. Una ploetzlich kam-mir. der Verdacht, waehrend er Jene Saetze hervorstiess, das er wahnsinnig war —seine Gesten, seine Worte, seine Augen, die Veraenderung seines Gesichtes— alles deutete darauf 'hin,‘dass die Erlebnisse im Lager zu gewaltig fuer ihn gewessen waren. Aber dann dachte ich $n Seribe und dass er Theater spiele dort wie hier, und dass bei Ronald die Grenze' zwischen Spiel und Wirklichkeit immer verschwommen war, und ich versprach wiederzukommen, bevor ich Berlin yerliess. Er wollte mir, so versicherte er, eine “Botschaft” an die freie Welt mitgeben. Als ich ueber die Steine den Weg zuruecktastete, hoerte ich hinter mir Schritte. Es war dunkel und ich suchte ueber das menschenleere Geroell die Strasse zu erreichen. Aber jene Schritte, von keuchendem Atem begleitet, waren schneller als ich. ich blieb stehen, nahm einen Stein auf, der mir als Watte dienen koennte und erkannte Ronald. “Entschuldigen Sie” —sagte er atemlos— “Sie wissen, ich war niemals ein glaeubiger Jude —ist es juedisch, seinen Peinigern zu verzeihen?”. “Es ist juedisch, sie der Gerechtigkeit zu ueberlie. fern”. Er winkte ab. “Ich meinte, ist mein Hass auf Schwarzer juedisch oder unjuedich?”. “Er ist ungesund”, sagte ich. “Ronald, gehen Sie schlafen und fangen Sie morgen frueh ein Leben ohne Schwarzer an, und wenn Ihnen das in diesen Truemmern nicht gelingt dann sehen Sie zu, dass Sie schleunigst herauskommen”. Damit Hess ich ihn stehen. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Als ich am Morgen vor meinem Abflug an seinem Haus vorbeikam, um seine “Botschaft” zu empfangen, war es leer. Die Tuer stand offen, und das Zimmer, nunmehr voelllg verwueetet, schien unbewohnt. Ich rief im “Neuen Theater” an und hoerte, dass seine Rolle umbesetzt war; mehr konnte ich nicht erfahren. Als ich nach meiner Rjueckkehr die Londoner Zeitungen der vergangenen Tage durchsah fand ich eine kleine Notiz'aus Berlin, in der es hiess, dass der wegen .Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesuchte SS-Ober. gruppenfuehrer Schwär z e r sich freiwillig den Behoerden gestellt haette. Er hatte lange Zeit die Oeffentlichkeit dadurch getaeuscht, dass er nicht nur die Papiere und Maske, sondern auch die Allueren und Gewohnheiten des juedischen Schauspielers Ronald Ronaldson angenommen hatte, den er in Dachau zu Tode gequaelt hatte. Deutsche Buecher Neben unseren vielen Mitgliedern bieten wir allen Deutsch sprechenden und literarisch Interessierten eine grosse Auswahl deutscher Buecher von hervorragender Qualitaet. Unsere Preise sind sehr guenstig. Jede Mitgliedschaft ist voellig zwanglos und wird ganz individuell behandelt. Als Geschenk bieten wir Gesehenkmitgliedschaften. 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