Mannheim
Compact Memory

Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1963-08-01 · 8 (Agosto, 1963) · p. Seite 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXV (1963)
Issue
8 (Agosto, 1963)
Date
1963-08-01
Page
Seite 31 (sequence 31)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/8553624-8558686-9194537--3923-8558887
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

1 AGOSTO 1963 BOLETIN INFORMATIVO -PHILOLOGISCHE PLAUDEREI UEBER DAS ISRAELISCHE HEBRAEISCH- 31 WIE WIR SPRECHEN... Was unserem Volk widerfaehrt, geschieht auch seiner Sprache, so sagt Jehuda Halevi in seinem “Kusari”. Und wenn das juedische Volk in unseren Tagen jenen Geschichtsphilosophen, der es als Fossil ansehen will, ad absurdum gefuehrt hat, so hat auch das Hebraeische mit seinen normalen, kraeffcigen Lebensregungen bewiesen, dass es nicht zu den toten Sprachen gerechnet werden darf. Tatsaechlich ist es gerade die aelteste lebende Sprache; seine Geschichte spannt sich ueber 3.300 Jahre und heute befindet es sich in einem Zustand vitaler Entwicklung, die es zu einem der beliebtesten Studienobjekte moderner Linguistik macht. Im Hebraeischen kann man naemlich Entwicklungsprozesse in kuerzester Zeit sich abspielen sehen, die sich in anderen Sprachen ueber Jahrhunderte erstreckt haben. Hebraeisch war nie zu einer unbenutzten Sprache geworden, nicht nur, dass die Kette der literaris chen Schoepfung von der Bibel, ueber Sektenrollen, Mischna, spanisch-j ued'ische Dichtung bis zur Aufklaerungsliteratur nicht abreisst, sondern auch im iBriefverkehr, sogar im religioesen Gespraech bediente man sich gelegentlich, der heiligen Sprache. Was jedoch, dem Hebraeischen voellig mangelte, als sie allein ausreichendes Kommunikationsmittel werden sollte, waren zwei Gebiete: die alltaegliche Umgangssprache und die wissenschaftliche und techn i s c h e Terminologie der Neuzeit. Bei der Neuschoepfung nun ging das Hebraeische einen eigenartigen Weg. Waehrend bei anderen Sprachen die jeweils neue Schicht lediglich aus der vorangegangenen schoepft, also das moderne Deutsch sich aus dem Mittelhochdeutsch entwickelt hat, wobei aeltere Elemente nur durch dessen V e r mittlung uebernommen und; eingegliedert wurden, bezieht das moderne Hebraeisch, das Ivrit Yisreelit, seine Bestandteile direkt aus allen seinen Sprachtraditionen. Vereinfacht gesagt: Die Wort formung, Deklination und Konjugation, geht nach biblischem Muster, der Satzbau nach der Mischna, waehrend der Wortschatz selbst aus den Mosaikstelnchen saemtlicher Zeiten zusammengesetzt ist. Wo also der Englaender Schwierigkeiten hat, Chaucer zu verstehen, der vor nicht viel mehr als 500 Jahren schrieb, vom ang 1 o saechsischen “Beowulf ” ganz zu schweigen, hat das israelische Kind von der sprachlichen Seite her keine Muehe, die Bibel oder die Mischna zu lernen, die vor etwa 2.500 bezw. 1.800 Jahren niedergeschrieben wurden. Man hat von den Sprachen behauptet, sie seien versteinerte Philosophien; sie sind aber vor allem auch Zeugen geschichtlicher Entwicklung Jedes Wort hat sein Schicksal, seine Geburtsstunde, seine Bedeutungsentwicklung. In vielen Faellen sind uns nicht alle Einzelheiten bekannt, aber wo wir sie verfolgen koennen, vermoegen sie uns anregenden und oft wertvollen Aufschluss ueber den die unzaehligen Eindruecke seiner Umwelt verarbeitenden Menschenverstand zu geben. Aus dem unerschoepflichen Gebiet “mayim sche’en lahem ssof’’, wie der Talmud sagt (Wasser die kein Ende haben), seien ganz willkuerlieh einige Beispiele herausgegriffen. Der junge Staat heisst bekanntlich “Medinat Jisraei”, dem mode rnen Sprachge - brauch entsprechend, der “Medina’’ fuer den Begriff “Staat” anwendet. Woher kommt dieses Wort? Woher seine neue Bedeutung? Das Wort selbst erscheint zwar schon in der Bibel, aber dem Stamm “din” gemaess, bezeichnet es urspruenglich einen Gerichtsbezirk, spaeter eine Provinz. In erweitertem Sinn galt es auch wohl fuer Land und im Talmud wird ein ueberseeisches Gebiet auch “Medinat Hayam” genannt. Doch die Anwendung dieses Wortes auf das moderne Staatsgebild'e leitet sich von einer anderen Quelle ab: Als die Araber im Mittelalter begannen, die griechischen Philosophen zu uebersetzen. gaben sie die griechischen “Polis” wortgetreu mit dem arabischen Aequivalent fuer “Stadt”, naemlich “Medina” (Mekka und Medina, letzteres schlechthin die Stadt) wieder. Da aber die platonische ‘Politeia” den griechischen Stadt-Staat behandelt und spaeter eben fuer ausgedehntere politische Gebilde hinweisend’ wurde, verstand man den Begriff “Medina” in erweitertem Sinn (so wird ja auch Plato’s Werk ins Deutsche mit “der Staat”, ins Englische “The Republic “uebertragen). Das Hebraeische geht hier also seit unseren mittelalterlichen Uebersetzern im Gefolge des Arabischen. Diese komplizierte Etymologie hat es aber mit sich gebracht, dass es von diesem Wort kein Adjektiv in der Bedeutung “staatlich” gibt. Zwar ist die Ableitung “medini” vorhanden, doch sie hat bereits den Sinn von “politisch” (das ja auch von “Polis” herstammt) angenommen. So muss man also, wenn man etwa von einer staatlichen Schule sprechen will, Gebrauch von dem Worte ‘mamlachti” machen, das von “Mamlacha” Koenigtum (Melech-Koenig) abgeleitet ist, also eigentlich 'koeniglich” bedeuten muesste!: haben wir hier nicht ein taegliches Gedenkzeichen daran, dass unser erstes Staatswesen das Koenigreich unter Saul und David war? Zwei andere Worte seien erwaehnt, die in der Bibel in ganz verschiedener Bedeutung Vorkommen, als . ihr heutiger Gebrauch es ahnen laesst: “Chaschmal” ist der neuhe braeische Ausdruck fuer “Elektrizitaet”, “Mechona” fuer Maschine. Wenn wir in der Schrift nachblaettern, finden wir, dass “Chaschmal” in den wunderhaften Visionen des Propheten Ezechiels vorkommt und wohl ein Glanzerz, ein strahlendes Metall bezeichnet. Da es aber von der griechischen Uebersetzung, der Septuaginta, und in ihrer Folge von der lateinischen Vulgata mit “Elektron”, dem Bernstein wiedergegeben wurde, von dem in den modernen Sprachen der Begriff “Elektrizitaet” abgeleitet wurde, ging das hebraeische Wort einen aehnlichen Weg. Bei “Mechona”, das in der Bibel ein Gestell bezeichnet, war offensichtlich der Anklang an “Mechane-Mechanik” und “Maschine” ausschlaggebend, dass man ihm seine heutige Bedeutung verlieh. Viele andere Worte sind Neupraegungen, entweder sogenannte “loan-translations”, also getreue Nachbildungen fremdsprachiger Ausdruecke (z. B. “Gan-Jeladim” Kindergarten) oder, dem hebraeischen Sprachgeist getreuer, Anpassungen einer bestehenden Wurzel an eine bedeutungstragende Wortmolde (etwa: “Mazlema” — Photoapparat vom biblischen “Zelem”— Abbild und der Wortform der Werkzeuge “Ma e-a”, wie “Makdecha” —Bohrer, “Mamtera”— Rasensprenger, usw.). Welche der Moeglichkeiten bei der ,Neupraegung gewaehlt wird, ist oft Zufall; immerhin ist der sich aendernde Zeitgeschmack ein nicht unbetraechtlicher Faktor. So haben die vielfach dem Deutschen nachgebildeten Zusammensetzunzen an Platz gegenüber anderen Formen verloren; um auf obiges Beispiel zurueck zukommen, heisst der Kleinkindergarten nicht etwa “Gan Jeladim Ketanim” sondern schlicht “Ganon”, also “Gan” mit dem neuhebraeischen Verkleinerungsmorphem “-on”, das sich augenblicklich groesster Beliebtheit erfreut. Man darf niemand “Tipesch” — Dummkopf ungestraft schelten, aber “Tipschon” Dummerchen ist fast ein Kosewort. Es laesst sich also beinahe das Alter eines hebraeisch Sprechenden danach bestimmen, ob er fuer “Eisschrank” “Aron Kerach” benutzt oder aber dem neueren “Mekarer” (von “kar”- kalt) den Vorzug gibt. Die ganz Modernen reden natürlich auch im flotten Ivrit nur vom “Frigidaire”. Wer ist es nun aber, der die Sprache staendig weiterentwickelt? Es iwaere Unrecht, den Vater der neuhebraeischen Sprache, Eliezer Ben-Jehuda unerwaehnt zu lassen, der in seinem Monumentalwerk, einem 17-baendigen Thesaurus, sowohl aus alten Quellen alle Worte zusammensuchte, als auch neue Ausdruecke schuf. (Beispielsweise : “I t o n”-Zeitung von “Et”-Zeit, “Aviron”-Flugzeug, von “Avir”-Luft mit Anklang an Avion! Wir lernen hiervon beilaeufig, dass das Morphem —on damals also keinen diminutiven Charakter besass. Dann gab und gibt es immer Koerperschaften, heute die hebraeische Sprachakademie, die sich die Weiterbildung und staendige Anpassung der Sprache an die Zeitumstaende zur Aufgabe gemacht haben. Und doch ist das Entscheidende (denn es gibt ja schliesslich auch organisierte Bemuehungen, das Lateinische zum gebrauchsf aehigen Ins trument der modernen Welt umzuschaffen...!), dass das ganze Volk halb- und unbewusst, an der Sprachformung aktiven Anteil hat. Vieles Benjamin-Kedar Kopfstein- - - —.--- J __: 4« ~ was auf der Strasse, in der Werkstatt, im Buero entsteht, wird von der Presse aufgegriffen, spaeter dringt es in die Literatur, , um schliesslich die Autorisation durch die hoechste Sprachinstanz zu erringen. An die obengenannte “Mechona”, die Maschine, schloss sich bald “Die Maschine”, naemlich das Auto, Ivrit: “Mechonit”, an und als die Polizei unzufrieden mit der haeufigen Verwendung , des Fremdwortes “Taxi” wurde, praegte sie im Anklang an “Mechonit” fuer ein Mietauto “Monit” (von “moneh” — zaehlen: vergleiche “Minjan” —die gezaehlten Zehn). Und da wir bei Fahrzeugen halten, soll gleich ein Kuriosum aus dem Ivrit-Slang erwaehnt werden, dass er naemlich den engl ischen Ausdruck fuer Reifenpanne “puncture”, u e b e rnommen und fuer jedes planwidrige Hindernis verwendet, allerdings in verstuemmelter Aussprache “Panscher”. Das Bezeichnende ist nun aber, dass dieser fremde Wortstamm in saemtl ichen hebraeischen Konjugationsformen eingereiht werden kann, man demnach von “mefunschar” sprechen kann, wenn etwas defekt ist, oder betruebt feststellen mag: “hitpanscharti”, wenn man einen Misserfolg buchen musste. Der Slang ahmt hier aber nur die Hochsprache nach. Denn auch in dieser heisst es “Telefon”, aber telephonieren wird nach grammatischen Regeln und Lautgesetzen zu “le-talpen”, aehnlich wie es neben Telegraf “le-talgref” heisst. Ganz aehnlich geht es sogar dem Philosophen (das Wort “Pilosof” kommt bereits im talmudischen Schrifttum vor), dessen Philosophieren auf Ivrit eben als “lehitpalsef” bezeichnet wird Es duerfte uns nunmehr nicht mehr verwundern, wenn wir bei der Einzelanalyse eines bestimmten Sachgebietes Elemente unterschiedlichster Herkunft m synchronischer Harm onie vereint finden. Als Beispiel sei das Heer gewaehlt, Ivrit “Zava", ein schon biblisches Wort fuer Heeresmacht, das bekanntlich auch in der Liturgie —und nicht nur der juedischen— in der Wortkombination “Herr Zevaoth”, “E)ominus Sabaoth” (Herr der Heerscharen) vorkommt. Der Hauptmann “Seren” traegt den Titel, der eigentlich nur den philistaeischen Fuersten gebuehrt und von dem vielleicht aas griechische “Tyrranos” herstammt. Dem einfachen Soldaten hingegen wurde eine [Neubildung zugebilligt: “Chajal” vom biblischen “Chajil” — Streitkraft in der Substantiv-Bildung der Berufe, (-a—a-: wie “Naggar”-Tischler, “Tabbach”-Koch oder, weniger e h r e n h a ft, “Kajjas”-Taschendieb). Wenn eine Kanone abgefeuert wird, ein “Totach”, so wird man kaum noch an die biblische Bedeutung des Wortes erinnert, die die weitaus harmlosere einer “Keule” war; wenn dagegen eine Handgranate geworfen wird, ein “Rimon”, so explodiert, im sprachlichen Sinne, eine Lehnuebersetzung, denn das hebraeische Wort bezeichnet ja auch urspruenglich die viel angenehmere Granatfrucht. Der Kampfflieger hat in seinem Namen “T a j j a s kravi” d i e hebraeisch aramaeischen Elemente d'es Stammes “tus” (urspruenglich vom Fluge des Raubvogels gesagt) in der oben erwaehnten Substantivierung der Berufskategorie, und des Adjektivs vom Hauptwort “Krav”-Schlacht abgeleitet Wenn er ein Duesenflugzeug, einen “Silon” faehrt, so benennt er sein Fahrzeug mit dem talmudischen Wort fuer “Roehre, Leitungskanal”,’ das aber selbst dem Griechischen (solaen) entlehnt wurde. Die Aufzaehlung einiger kriegerischer Artikel sollte man mit dem Wunsch schliessen, dass der Welt “Schvitat Neschek”- das Ruhen der Waffen, beschieden sein moege, woran sich allerdings noch die sprachliche Bemerkung knuepfen kann, dass das zweite Wort des Kompositum von altersher ueberhaupt “Ruestung” bedeutete, waehrend das Wort “Schvita” mit dem Schabbat in Zusammenhang zu bringen ist, es aber nicht nur ‘Ruhe”, sondern auch den modernen streik bezeichnet. Bei den gerade aufgezaehlten Dingen handelt es sich um die Sicherheit, “Bitachon”, des Staates. Im weihevollen Hebraeisch der vergangenen Jahrhunderte fand das Wort, allerdings “Bitochen” ausgesprochen, lediglich Verwendung fuer die eine Art der Zuversicht, das Gottvertrauen. An dieser Bedeutungsaenderun g laesst sich der Prozess der Saekuiarisierung beobachten, der sich auch sonst im Neuhebraeischen stark bemerkbar macht. Eine “Kehunna” bez°ichnet heute jedes Amt, nicht nur das priesterliche (Kohen); Opfer und Anstrengungen koennen “Kodeech” sein (eigentlich also heilig), das heisst gewidmet wirden auch jedem profanen Zweck: Chassidim, urspruenelich die Frommen im Lande, besitzt heute jede. Ideologie und Schule. Der Ausdruck “Chasside Torat Hapsichoanalisa”. Anhaenger der Psychoanalytischen Lehre, wird keinem als selten auf fallen. Es zeigt sich, dass die Sprache Ausdruecke aus dem stark entwickelten religioesen Gebiet in mangelhaft versorgte Sachgebiete verpflanzt. Das israelische Ivrit besitzt die Extreme der Hochsprache und des Slangs; zwischen den beiden gibt es die ueberaus reiche Skala verschiedener Qualitaetsstufen. Unter den vielen Eigenheiten der kultivierten Sprache sei hier nur ihre Tendenz erwaehnt, hier und da Redewendungen und Sprich wortfragmente aus dem traditionellen Schrifttum einzuflechten (dies haeufig sogar in aramaeisch! Die Parallele zu lateinischen Zitaten in europaeischem Gelehrtengespraech liegt nahe). Als kuerzlich ein Abg e o r dneter im Parlament (bekanntlich genannt “Knesset”. der Name der Synode zu Zeiten des zweiten Tempels) gegen die Einladung (Fortsetzung Seite 52)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.