Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIV (1962)
- Issue
- 12 (Diciembre, 1962)
- Date
- 1962-12-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Diciembre 1962 BOLETIN INFORMATIVO 21 GEDANKEN ZWISCHEN GIORA JOSEPHTHAL S L. 2 UND 3 Wenn man heutzutage seinen Kindern oder Enkeln ein Maerchen erzaehlen soll ist das ein heikles Unternehmen. Freilich ist Grimm und Andersen immer schoen, auch lehrreich, aber fuer ein modernes, sachliches Kinderkoepfchen recht unaktuell. Der Faktor der tollen Phantasie ist-» verloren gegangen, des unvorstellbar Unmoeglichen, der anregende Moment des Nachahmen-Wollens. Der erzaehlenden ‘Muhme” (welch ein sinnloser Name fuer die Bikini - tragende Grossmutter von heute) wird es schwer gelingen, z.B. Gruseln durch Geisterstimmen zu erzeugen, weiss doch jedes kleinste Kind, dass ein Knopfdruck genuegt, um einen unsichtbaren Sprecher (itfi Radio) einzuschalten. Die warnende Schrift an der Wand') Television. Schneewittchens wunderbare ' Erweckung? Eine starke Vitaminspritze. Aschenbroedels Maerchenprinz? Ein reicher Amerikaner. Die boese Stiefmutter hat ihren Schrecknimbus eingebuesst, durch das Wissen un viele geschiedene Ehen, die nur in ihrer Unzahl ans Maerchenhafte grenzen. Die aeltesten Maerchen stammen aus der Zeit der Jaeger, Hirten und Fischer, heute in den Augen unserer jungen Generation keine Berufe mehr, sondern Hobbies der ueberarbeiteten Manager- Vaeter. Was sich frueher der Tapfere allein erjagen musste, um existieren zu koennen, ist heute Ferienvergnuegen mit ausgezeichneter Ausruestung in amuesanter Gesellschaft. D i e Wanderlust der fahrenden Gesellen, ihre unwahrscheinlichen Abenteuer mit boesen Geistern und guetigen Feen, ihrem ploetzlichen Reichtum als Belohnung fuer gute Taten, ihre naive Bestrafung fuer Schabernack oder schlechten Charakter, ist durch Auto, Flugzeug Raumschiff gegenstandslos geworden. Die Sehnsucht nach dem Glueck ist die Seele des Maerchens. Die Erzaehlung vom erreichten Glueck Anderer rueckt unseren eigenen Traum naeher in den Bereich der Moeglichkeit, gibt uns Hoffnung auf Erfuellung des maerchenhaft Fernen. Phantasie und Realitaet vermischen sich im Wunschtraum, Ruhe spendend, Zufriedenheit ausloesend. Das ist der Zweck des Maerchens. In jeder Menschenseele erhaelt sich zeitlebens ein Stueck Kindersehnsucht, Unmoeghches glauben zu duerfen. Ein Leben ohne Maerchen ist traurig und oede, schal u n d hoffnungslos. Kinder ohne Maerchen sind arm und benachteiligt, glanzlos, ziellos. Fuer sie wandelt Gott nie auf Erden, gibt es keine strahlenden Wunder, keinen edlen Ansporn zu Mut und keine schaudernde Ehrfurcht vor dem Uebernatuerlichen. Der Maerchenglauba lockert die Lebensangst auf zur strebenden Hoffnung, rueckt das Unendliche in den Bereich d£r Eigenkraft, messt Weite und Grosszuegigkeit einen Wall vor Egozentrik erstehen. Das "Es war einmal” ueberbrueckt Gene- : rationen und gibt mehr Erfahrungs-Belehrung als Moralpredigt und Verbot, denn “es war” ja schon einmal da und erfuellte gewagteste Wuensche una Traeume. < Wenn der Mensch von Dingen traeumt, die nicht nur unwahrscheinlich, sondern ueberhaupt unmoeglich sind, dann dichtet er Maerchen. Er setzt neben oder in die wirkliche Weit eine phantastische, in der es gerade imgekehrt zugeht, in der alles wunderbar ist und nichts Alltaegliches g eschieht. Da bluehen die Blu~ m e n in unvergaenglicher Farbenpracht, ewig lacht goldener Sonnenschein, Jeder Hungrige findet einen gedeckten Tisch, der Arme das Gold in Klumpen. Der Schwache wird riesenstark, jedes Maedchen ist schoene” holde Prinzessin, die der mutige Juengling aus verzaubertem Schloss und seufzendem Kummer erloest; es gibt keine Not und Trauer und Gefahren nur, weil die Helden sie ja bestehen muessen. Diese .verzauberte Welt der Maerchen aus Kindertagen darf einen Menschen nie ganz verlassen und sie tut es wohl auch nicht, wenn sie als waermespendender Hort in dankbarem Herzen bewahrt bleibt. Wer waere zynisch genug, nicht zuzugeben, dass er m kuehnen Traeumen hofft, das Zauberwort zu finden, das Tuer und Schloss zu geheimem Schatz oeffnet? Wer ersehnt nicht in seeligem Kinderglauben sein Leben lang, dass die gute Fee doch eines Tages mit dem Glucksfuellhorn erscheine? Haelt nicht jeder geheim seine drei Wuensche zum Vorschein, Ideale glaenzen und Sehnsuechte finden Ausdruck, die i ein Kinderherz schuechtern verbirgt. .Komplexe, von denen man nichts ahnt, ueberkompensieren sich in Schilderungen, die das Unterbewusstsein diktiert und oeffnen Einblick in die empfindsame Kinderseele. Erwachsene koennen von Kindermaerchen mindestens so viel erlernen, w i e umgekehrt. Mehr noch, da sie bewusster hoeren und die Jahre der Lebenserfahrung sie die “Moral” erkennen laesst. Maerchenerzaeh 1 u n g e n muessen klingen, muessen schwingende Tonwellen haben, die lauschenden Herzen ansprechen und erfuerchtig erschaudern lassen. Troc k e n e Schilderungen koennen nie in die Tiefe dringen, nie den bezaubernden Glanz der Wunschwelt erstehen lassen, der in Ton, Ausdruck, Wortlaut und oertlicher Erinnerung unverwischbar mit ins Leben genommen wird und Trost und Hoffnung in Einsamkeit bleibt. “Es war einmal” diese einmaligen, magischen Worte voll Versprechungen, voll Wert, dieser leuchtende Schein in der Ferne, von dem wir uns nie loesen, auf den wir immer zuschreiten. Warum sollte dieses “einmal” nicht wieder moeglich sein? “Es war einmal eine Welt voll Frieden und Eintracht...”. K.. ,g. Mit Giora Josepthal ist ein grosser Mensch und eine der wichtigsten Persoenlichkeiten der Medinath Israel dahingegangen. Als juengster Sohn der angesehenen und wirtschaftlich gesicherten Familie der Josephthal aus Nuernberg geboren, brach ueber den 21 Jaehrigen die Nazizeit herein. Schnell stell te er sich auf die neue Wirklichkeit ein und beschaeftigte sich — zunaechst im Rahmen der Gemeinde Muenchen — mit der Berufsumschichtung der juedischen Jugend. Von da aus wurde er in die Leitung des Hechaluz in Deutschland gerufen, wo er in kurzer Zeit zu seinem dynamischen und geistigen Mittelpunkt wurde. Er verstand den aeusseren Zwang zur Berufsumschichtung und zur koerperlichen Arbeit, zum Ergebnis des freien Entschlusses des Einzelnen umzuwa ndeln Seine persoenliche Autorltaet erhoehte das moralische Gewicht der Bewegung, die er repraesentierte. So wurde er als juengstes Mitglied in den Praesidialausschuss der Reichsvertretung der Juden in Deutschland gewaehlt und wurde zu einem der. Traeger der Jugendalijah. j In der Zeit als er den He.! chaluz in Deutschi and fuehrte, knuepfte er schon die Verbindung mit der Ha. ganah in Erez Israel an. Die Gestapo unterzog ihm ver. schiedener Verhoere, weil sie ihn mit Waffenkasufen fuer die Haganah in Verbindung 'brachte. Im September 1938 wan. derte er in Israel ein und schloss sich dem Kibbutz Giwath Chajim an. Von dortwurde er nach England ge schickt, um die landwirtschaftliche Ausbildung der Jugend aus Mitteleuropa zu foerdern. Hier entstand seine Freundschaft mit Chaim Weitzmann. Als die Jewish Agency die Parole des Militaerdienstes fuer die britische Armee ausgab, wurde er eine kurze Zeit Leiter des Rekrutie. rungsbueros in Haifa, um alsdann selbst in die Armee einzutreten. Nach seiner Entlassung schloss er sich der Einwan derungsabteilung der Jewish Agency an. Diese Taetigkeit machte ihn zum Herz und Hirn der Aufnahme und Integrierung der Massenein, wanderung. In der Exekutive der Jewish Agency wurden ihm spaeter die Verantwortung fuer das Finanzwesen uebergeben. In dieselbe Periode fallen die Verhandlungen ueber das Reparationsabkommen mit der Regierung Adenauer bei welchen er ei ne wichtige Rolle spielte. Von seiner Arbeit in der Jewish Agency folgte er dem Ruf der Mapai und wurde ihr Generalsekretaer. Im Oktober 1959 trat er als Arbeitsminister in das Kabinett ein. Die ungeheuren Anforderungen, denen er sich ohne Ruecksicht auf seine Gesundheit hingab, haben ohne Zweifel sein Ende beschleu- ' nigt. Auf einer Erholungsreise in der Schweiz ueberraschte ihn der Tod. Giora Josephthal hat dem Land und dem Staat Israel : sein Leben gegeben, er hat viel Liebe geweckt und trotz aller Schwierigkeiten eine tiefe Befriedigung aus sei-! nem Wirken empfangen. Sein Hinscheiden bedeutet einen schweren Verlust fuer uns alle. (Aus “M. B.”) DER LETZTE "AW BETH-DIN" (Zum 25. Dr. Jacob Freimann, Rabbiner der Juedischen Gemein de von Berlin, deren “Aw Beth-Din”, Vorsitzender des rabbinischen Gerichtshofes, er wor starb von nunmehr einem Vierteljahr hundert, am 24. Dezember 1937, im 72. Jahre eines Lebens, von dem aimscks am 30. Daunendecken mit importierten Daunen Steppdecken Fabrik "Marcelo" Max Wetzstein 6c Sohn Av. M. Montt 2656 Fono 43379 Neubeziehen und Umarbeitungen Modernste importierte Bezugsstoffe u. Inletts staendig auf Lager. Schlafsaecke für Ausflügler Komme einmal im Monat nach Vifia u. nehme Auftraege entgegen. VON BERUH Todestage von Rabb. Jacob ein Segen fuer Teile unseres Volkes ausging. Dieser gelehrte Rabbiner entstammte einer beruehmten Gelehrtenfamilie, in der Thora und Talmud heimisch waren. In Ostrowo (Prov. Posen) war er am 10. Oktober 1866 zur Welt gekommen; sein Bildungsgang war eigenartig: Als er mit 20 Jahren nach Berlin uebersiedelte, um mit Universitaetsstudien zu beginnen, besass er schon eine Rabbinerautorisation. So gruendlich war er von Kindheit an fuer sein künftiges Amt vorbereitet worden. Freimanns erster Amtssitz war eine kleine maehrische Gemeinde, die er bald gegen die bedeutendere von Holleschau eintauschte. Hier hat er mehr als zwei Jahrzehnte gewirkt, und es sollen seine gluecklichsten Jahre gewesen! sein. Hier, in Holleschau, soll er in seinen Lehrkursen den gesamten babylonischen und jerusalemischen Talmud I durchstudiert haben. Doch j daneben liefen noch seine; bedeutsamen Forschungen auf geschichtlichem und literarischem Gebiete, wovon seine Schriften Zeugnis ablegen. Seine Lebensgefaehrtin, eine Enkelin des beruehmten Altonaer Raws, Jacob Ettlinger, war auch eine Foerderin seiner wissenschaftlichen Taetigkeit; in ihr, Regina Freimann, einer Grosscousine, fand er einen starken Halt in allen Wirrnissen des Lebens. Von 1914 bis 1928 fiat Jacob Freimann als Nachfolger von Oberrabb. Dr. Feilchenfeld an der Grossgemeinde Posen gewirkt. Hier entfalte¬ Freimann) te sich seine ganze rabbinische Groesse, aber auch in den ernsten. Kriegs-und Nachkriegsjahren (unter polnischer Herrschaft) zeigte er sich den bedeutsamen Aufgaben, die an ihn herantraten, gewachsen. Dennoch war sein Wunsch, Posen zu verlassen, begreiflich, und er nahm die Berufung als Gemeinderabbiner nach Berlin an, wo ihm noch neun Amtsjahre beschieden waren. Zum ersten Male seit den Tagen Rabb. Hirschei Lewin’s (gestorben 1800) fuehrte wiederum ein Berliner Rabbiner den stolzen Titel “Aw Beth- Din”, und niemand duerfte diese Aufgabe mit mehr Berechtigung ausgefuehrt haben wie Jacob Freimann, unter dessen Leitung damals das gesamte Kaschrutwesen neu organisiert wurde. Gleichzeitig war er in dieser Epoche Dozent fuer Literaturgeschichte und Einfuehrung in die rabbinische Praxis am Berliner orthodoxen Rabbinerseminar, und er predigte an den Gemeindesynagogen konservativer Praegung. In Holleschau ist Freimann beigesetzt worden, seinem letzten Wunsche entsprechend, nachdem ihn auf einer Erholungsreise ploetzlieh der Tod ereilte. Trotz der juedischen Notlage in Deutschland an der Jahreswende 1937/38 war die Trauer um diesen grossen Rabbiner allgemein. Vielleicht wird eine spaetere Zeit erst ganz das bedeutende wissenschaftliche Werk von Jacob Freimann und sein e rabbinische Bedeutung voll wuerdigen koennen. Curt Wilk.