Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIV (1962)
- Issue
- 7 (Julio 1962)
- Date
- 1962-07-01
- Page
- Seite 23 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Julio 1962 BOLETIN INFORMATIVO 23 H&S Wá teten, then, ieteee..¡ '1 Eine deutsche Stimme zum Filbert-Prozess: KRIMINELLE KRIMINALISTEN? GESTERN STURMBANNFUEHRER—HEUTE POLIZEIDIREKTOR Die Zuschauer im Moabiter Schwurgericht wollten ihren Augen nicht trauen. Es war am achten Tag der Verhandlung gegen “Dr. jur. Alfred Filbert und andere”, gegen sechs ehemalige Angehörige des Einsatzkommandos 9 denen der Anklaeger die Ermordung von 11.000 litauischen und russischen Juden vorwirft. Vor die Richter und Geschworenen traten die ersten der rund 120 Aufgebotenen Zeugen, unter ihnen Georg Fleischmann Auch er gehörte zu dem Mordkommando Filbert. Jetzf sollte er seine Aussage beeiden. Der Vorsitzende forderte ihn auf, seine Hand zum Schwur zu erheben. Und da geschah es: Fleischmann riss stracks seineh Arm hoch, vorschriftsmaessig in Augenhöhe, so wie er es früher stets getan hatte — zum “Führergruss”. Durch die Reihen der Zuschauer ging ein Raunenmanehe .kicherten, ¡manche raeusperten sich vernehmlich. Da erst bemerkte der Zeuge seine Fehlleistung Schleunig korrigierte er seine Armhaltung und hob die drei ¡Schwurfinger hoch: Georg Fleischmann, einst SS-Hauptsturmführer, heute Kriminalrat in Ludwigshafen. .. Schon in diesem Augenblick mochte sich mancher fragen; Was sind das eigentlich für Beamte, die heute hinter den Schreibtischen unserer Kripo-Aemter sitzen? Diese Frage draengte sich abermals auf, als ein paar (Tage spaeter zwei, andere Maenner in den Zeugenstand traten: Konrad Zimmer und Gustav Hein. Als Kriminalkommissare gehörten au"h sie zum Einsatzkommando 9. Vor Gericht sagten sie zwar, von Erschiessungen haetten sie damals nichts gehört. Der Richter freilich schenkte ihnen keinen Glauben; sie .blieben unvereidigt, um sie nicht selbst in ein Verfahren zu verwickeln. Zimmer und Hein sind heute Kriminalinspektoren in der “Sicherungsgruppe Godesberg”, jener Kriminalpolizei des Generalbundesanwaltes also, die als Hüter der freiheitlichen Ordnung unseres Rechtsstaates gilt und d’e den Auftrag hat, die Bundesrepublik vor Landesverraetern, Hochverraetern und Spionen zu schützen. Drei unter vielen, dere •> Namen bisher bekannt wurden. Aber auch: Drei unter Hunderten, deren Fall wohl niemals ans Tageslicht kommen wird und mit denen dennoch gerechnet werden muss. Die Staatsanwaelte aus Ludwigsburg, die seit 1953 in der Zentralen Stelle die Vore r m i 11 lungen gegen dis Massenmörder in den Einsatzkommandos leiten, wissen genau, warum sie meist auf Ausschrei b u n g e n in den Fahndungsbüchern der Polizei verzichten. Oft genug haben sie erfahren müssen, dass sie mit ihren Suchaktionen nicht weiter kamen, dass die Fahndungslisten in die “falschen Haende” gerieten Ein Beispiel mag genügen. Als ein Kriminalkommissar auf Grund der Ludwigsburger Nachforschungen verhaftet werden musste, bekannte er in dem Verhör frank und frei: Es haette jeweils nur 24 Stunden gedauert, dann sei er immer genau im Bilde gewesen, welcher Zeuge oder Beschuldigte in dieser oder jener Sache vernommen werden sollte. Also erübrige sich, ihn nun in das Untersuchungsgefaengnis einzuliefern. “Fluchtverdacht”, das müsste man doch einsehen, sei in seinem Fall ausgeschlossen. Er haette schliesslich ja schon laengst “abhauen” können, nach allem was er auch über seinen Fall wisse... Auch die Bildung der Sonderkommissionen bei den Landeskriminalaemtern,. die seit einigen Jahren im Auftrag der Ludwigsburger Zentrale und der Anklagebehörden die speziellen Ermittlungen für die NS-Prozesse übernommen haben, war eine reine Vorsichtsmassnahme. Die Praxis hatte nicht nur gezeigt, dass gerade fuer diesen Bereich der Nachforschungen Polizeibeamte mit fundierten Kenntnissen gebraucht wurden. Bald war auch ruchbar geworden, dass manchen Kriminalkommissaren, denen das Ludwigsburger Anklagematerial auf dem Amtswege zugeieiter wurde, eines Tages selbst der Prozess gemacht werden musste; ihnen wurden Verbrechen zur Last gelegt, die sie selbst verfolgen sollten. Doch damit nicht genug. Auch die Staatsanwaltschaften, die nach den Angaben der “Zentralen Stelle” die Ermittlungen for t s e t z e n. stossen haeufig auf Hemmnisse. Da hat etwa der zustaendige Kriminalb e a m t e die Zeugen nicht rechtzeitig für das Verhör benachrichtigt; oder dem Staatsanwalt, der die Nachforschungen an Ort und Stelle vornehmen will, wird im lokalen Polizeibüro erst ein Schreibtisch oder eine Sekretaerin zur Verfügung gestellt, wenn er energisch wird und damit droht, sich beim Revierchef zu beschweren. Solche Obstruktion gibt sich nun niemals offen als ein Hinhalte-Manöver zu erkennen, als ein vorbedachter Widerstand. Zumeist werden “triftige” Gründe ins Feid geführt, Platzmangel hier. Ueberlastung dort. So mancher Staatsanwalt indes kann ein Lied davon singen auf welche Schwierigkeiten er waehrend seiner Arbeit gerade bei Polizisten stösst mit welchem Misstrauen sie oftmals seine Taetigkeit verfolgen. Haeufig ist bei den Krimi- Von Dietrich Strothmann nalbeamten eine falschverstandene, irregeleitete “Sohdaritaet” mit im Spiel, nach dem Leitspruch der SS: “Unsere Ehre heisst Treue:” Manchmal mag es auch Furcht sein, die sie dazu verleitet, die Dinge “langsam laufen” zu lassen. Sie haben vielleicht Angst vor einer Denunzierung, nach dem Motto: “Wenn du mich in die Pfanne haust, dann packe ich einmal ordentlich über dich aus!” Manche S t a a tsanwaelte j edenf alls fragen; “Wissen wir denn, was sich da bei den Verhören der Kripo so alles abspielt, wenn sich etwa herausstellt dass der eine in demselben Haufen war wie der andere oder damals die gleichen Be fehle befolgte?” Mancherlei Tatsachen und Begebenheiten geben in der Tat zu denken. Vor zwei Jahren wurde der Oberkommissar und frühere Polizeimajor Johannes Pradel verhaftet. Bis 1960 war er Leiter der Abteilung “Polizei” beim Regierungspraesidenten von Hannover. Im Dritten Reich arbeitete Pradel als Referatsleiter im Reichssicherheitshaupt amt Heydrichs und Kaltenbrunners. Als er sich nach 1945 um einen neuen Posten in der niedersaechsischen Landeshauptstadt bewarb, wurde ihm ein Dokument vorgelegt, dass unter der Signatur P 501 bereits beim Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess aufgetaucht war. Es trug Pradels Unterschrift. Nun aber behauptete der Bewerber schlankweg: Dieser Schriftstück habe er zwar unterschrieben, gelesen habe er es damals nicht. Man vertraute ihm, stellte ihn ein und beförderte ihn alsbald. Pradel wurde ein enger Mitarbeiter seines Regierungspräsidenten. Doch dann entdeckten die Ludwigsburger Rechercheure eines Tages * neues Material, dass Pradel schwer belastete Da half kein Leugnen mehr; er wurde suspendiert und wartet nun auf sein Verfahren. Schon das Nürnberger Dokument hatte eindeutig ergeben; Johannes Pradel war einer der Erfinder der fahrbaren Gaskammern. Er hatte den Konstruktionsbericht jener Todeswagen genehmigt, die ab 1941 zur Liquidierung polnischer Juden “eingesetzt” wurden. Dieser Mann aber blieb jahrelang ungeschoren, wurde sogar ein hoher Beamter einer Landesregierung... Im Februar 1961 wurde in Koblenz der Kriminaloberrat Georg Heuser festgenommen Früher war er SS-Hauptsturmführer und — wie Ludwigsburg herausgef u n d e n hatte — Leiter eines Exekutionskommandos im Mittelabschnitt der Ostfront. Er soll an Massenerschiessungen von Juden teilgenommen haben. Heuser, dem in seinem Entnazifizierungsverfa h r e n nichts vorgeworfen werden konnte, war kein “gewöhnlicher” Beamter. Er war der Leiter des Landeskriminalamtes von Rheinland-Pfalz. Noch wenige Tage nach seiner überraschenden Verhaftung rühmte Innenminister Wolters, dass Heuser sein Amt “einwandfrei” geführt und eine Prüfungskommission “keine den Vorschriften widersprechende Handlungen” festgestellt habe. Unö als dann doch bekannt wurde, wer sich hinter dem “faehigen” und “untadeligen” Kripo-Chef Georg Heuser verbarg, schickten ihm seine Koblenzer Amtskollegen einen Blumenstrauss in die Gefaengniszelle... Auch das entdeckten die Ludwigsburger Fahndungsbeamten: In der Kriminalpolizeibehörde einer grösseren westdeutschen Stadt fanden sich nach und nach die “alten Kameraden” einer ehemaligen SS - Einsatzgruppe — vom Führer bis zum Kraftfahrer — wieder ein. Aus den Unterlagen der nordrhein - westfaelis c h e n Bezirksfachabteilung Polizei der Gewerkschaft “Oeffentliche Dienste, Transport und Verkehr” (OTV) geht hervor, dass der Chef, sein Stellvertreter und vier Gruppenleiter der Kölner Kriminalpolizei früher den Rang von SS- Sturmbannführern bekleideten. Allein in Nordrhein- Westfalen, so fand die Düsseldorfer OTV-Polizei heraus, sind noch heute zwölf Kripc- Chefs, drei stellvertretende Leiter und fünf Gruppenleiter aus dem Landeskriminalamt im Dienst, dieebenfalls einmal die Uniform eines SS- Sturmbannführers trugen. Und nicht alle Kriminalraete, die an Rhein und Ruhr in Amt und Würden sind, können sich damit herausreden. dass sie lediglich SS- Angleichungsgrade führten. Nicht jeder von ihnen kann sich auf jenen Befehl Himmlers berufen, der bestimmte, dass jeder höhere Kriminalbeamte automatisch in seinen Sicherheitsdienst (SD) übernommen wurde. Nachpruefungen ergaben vielmehr, dass sich manche von ihnen auch freiwillig zur SS gemeldet hatten, die mit ihrem “Persilschein” beim Entnazifizierungs-Ausschuss der Polizeikommission glatt durchgekommen waren. Bis zum Sommer 1960 waren allein in Nordrhein - Westfalen fünf Kripo-Leiter verhaftet worden, wegen Aussageerpressung oder Rechtsbeugung die einen, wegen Mordverdachts in einzelnen oder mehreren Faellen die anderen. Aehnliche Beobachtungen lassen sich freilich auch in anderen Bundeslaendern feststellen. Auch dort gibt 'e ■ genug "Faelle”, die Aufsehen erregen. So wurde erst kürzlich der Leiter der Giessener Schutzpolizei, Hans Hoffmann, zu drei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt. Im November 1939 hatte er in Polen mit seinem Exekutionkommando mindestens 162 Juden erschiesscn lassen. Fast alle der vierzig Zeugen, die in diesem Prozess auftraten und die zu der Einheit Hoffmanns gehörten, sind aktive Polizeibeamte. Als der Ministerpraesident eines Bundeslandes von der “lautlosen Unterwanderung” der Kripo durch frühere SS- Führer hörte, da behauptete er sogleich: “Aber meine Leute sind in Ordnung.” Er sollte sich taeuschen. Bald darauf musste er über dreissig höhere Beamte vom Dienst suspendieren. Viel“ Jahre blieb auch der Kriminalhauptkommissar im Landeskriminalamt Hanno v e r, Bodo Strude, unbehelligt. 1959 wurde er plötzlich v°rhaftet; heute steht er ais Filberts Mitangeklagter im Moabiter Einsatzkommando- Prozess. Das ist nur eine kleine Auswahl von symptomatischen Beispielen. Sie zeigen, dass sich die Misstaende nicht auf ein bestimmtes Bundesland beschrae n k e n Dabei sind die Ermittlungen der Ludwigsburger Fahndungsstelle noch lange nicht abgeschlossen; sie werden noch Jahre dauern. Wie gross mag die Zahl jener .Polizeibeamten sein, die noch als Mörder oder Mordgehilfen entlarvt werden? Und wen kann da der Argwohn so mancher Staatsanwaelte wundernehmen? Gewiss muss man siel., hüten, alle in einen Topf zu werfen, und zu behaupten, jeder höhere oder aeltere “Kriminale” sei von vornherein suspekt. Im Bund "gebiet gibt es annaehernd 10.000 Kriminalbeamte, die Angehörigen der ~ weiblichen Kripo und der Landeskriminalaemter nicht mitgerechnet. Gegenüber dieser Zahl ist die Gruppe der “Belasteten” oder “Verdaechtigen” sicherlich klein. Bedeutungslos, ohne Einfluss ist sie dennoch nicht. Niemand, zumal nicht die Verantwortlichen in den Personalbehörden, kann es sich leisten, achtlos daran vorbeizugehen. Ein Fall wie der des Kriminalrats Georg Fleischmann, der seinen Arm zum “Heil Hitler” erhebt, wird vielleicht keine unrühmliche Ausnahme bleiben. Ein Fall Georg Heuser aber sollte sich, siebzehn Jahre nach Kriegsende nicht wiederholen. Hier muss endlich ein Schlusstrich gezogen werden. Es ist an der Zeit, dass die Polizei mit sich selber ins Gericht geht... (Die Zeit’)’ LUBLINPROZESS ‘Die Staatsanwaltschaft in Wiesbaden hat gegen acht ehemalige Angehaerige der 'Sicherheitspolizei, des Sicherheitsdienstes und der Schutzpolizei die richterliche Voruntersuchung beantragt, weil sie waehrend des Krie” ges im polnischen Distrikt Lublin an den Massenerschiessungen von Juden und russischen Kriegsgefangenen beteiligt gewesen sein sollen. Bei zwei Massenerschiessungen sollen einmal 14.000, das andere Mal 17.000 Juden umgebracht worden sein. Drei der Angeschuldigten sind schon seit laengerer Zeit in Wiesbaden in Untersuchungshaft. Wie Oberstaatsanwalt Dr. Rahn mitteilte, sind bereits mehrere hundert Zeugen, darunter auch eine grosse Anzahl Auslaender, vernommen worden. Hauptangeschul" digte sind der ehemalige Kriminalkommissar Hermann Worthoff aus M. ,Gladbach und der fruehere Leiter des staatlichen Kriminalkommissariats Limburg, Kriminaloberkommissar Lothar Hoffmann.