Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIV (1962)
- Issue
- 7 (Julio 1962)
- Date
- 1962-07-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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- Tunis 2× ep/1048155
- Oran 1× ep/1048048
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Julio 1962 BOLE TJ N INFORMATIVO 13 ZUR LAGE DER JUDEN IN DER WELT DIE NORDAFRIKANISCHEN FLUECHTLINGE IN PARIS Von Lois Hackett, AJDC, Genf "ES IST FAST WIE 1945" Die Büros der jüdischen Wohlfahrtsorganisa t i o n in Paris sind von mehr als 6.000 tunesischen Juden überlaufen, die seit der Bizerta-Krise im Juli 1961 nach Frankreich gekommen sind. Und wie immer in Notzeiten, haben sie sich an den Joint um Hilfe gewandt. “Es ist überall wieder wie 1943”, sagen die geplagten Maenn°r der jüdischen Wohlfahrtsorganisationen, Kantinen und Jugendfürsorgestellen, der Schulen und Kliniken. “Und es werden mehr; auch Algerier kommen in immer grösserer Anzahl, besonders seitdem die Ueberfaelle der Terroristen in Algier und Oran zugenommen haben.” Bekanntmachungen strömen nur so herein; Not-, Empfangs- und Beratungszentrale (gegründet durch die FSJU, die zentrale französisch-jüdische Hi 1 f sorganisation): “Pro Tag suchen 200 neue nordafrikanische Familien um Hilfe bei der Beschaffung von Stellen, Wohnungen, Aufenthaltsgenehmigungen nach”; CBIP (Jüdische Familienfürsorge): “Neue Faelle von 40 auf 361 pro Monat gestiegen (über 1000 Menschen fallen darunter)”; FOYER AMICAL (Flüchtlingskantine) : “Mehr als 1000 koschere Mahlzeiten pro Tag ausgegeben, d. h. Erhöhung um mehr als 50 Prozent seit August 1961”; SSJ (Jüdische Jugendfürsorge): “Fonds für Stipendien verbraucht. 115 tunesische Studenten in Paris gestrandet; kein Geld mehr von zu Hause”. MEHR NOT ALS HILFE Das ist nicht alles. Jeder Tag bringt neue Anforderungen an den Joint heran, der vor die unlösbare Aufgabe gestellt ist, die Not mit den begrenzten Mitteln, die durch den United Jewish Appeal zur Verfügung stehen, aufzufangen. Ob man die Kantine, die Empfangs- und Beratungszentrale, die OSE-Klinik besucht, man stellt fest, dass die Mehrzahl der Neuankömmlinge aus Tunis ordentlich angezogene “Stehkragen”-Typen sind. Auch trifft man Spezialarbeiter, Schneider, Friseure u. dgl. Sie sehen nicht aus Wie das, was man sich unter Flüchtlingen vorstellt, obwohl ihre Gesichter die Unsicherheit und Besorgnis bezüglich ihi er Zukunft verraten. Es gibt natürlich auch aermere Flücbt linge. Die meisten sind indes Leute des Mittelstandes, die, bevor sie Tunis verliessen, in gesicherten Verhaeltnis s e n lebten und genug Geld flüssig machen konnten, um ihre Reise nach Frankreich zu bezahlen. Sie waren bei französischen Firmen als Versicherungsangestellte, Kassenbeamte, Verkaeufer und Buchhalter besc h a e f t ig t. Aber die Anstellungen gingen durch die neuen Gesetze, die darauf abzielten, Geschaefte und Berufe zu nationalisieren, verloren. Das wiederum bedeutete eine starke Einschraenkung der Arbeitsmöglichkeiten für alle Europäer, für Nichtjuden wie für Juden. Tout est fini”, sagen sie, “die Juden sind in Tunesien fertig”. Beigetragen zu ihrer Besorgnis hat die unsichere Situation gegenüber der tunesischen und französischen Verwalt u n g. Sie mögen Schwierigkeiten gehabt haben, ihre Paesse zu erhalten, nicht weil sie Juden sind. Besonders in den ersten Wochen des August 1961 wechselten die Bestimmungen von Tag zu Tag. Selbst noch spaet im September standen die Menschen die ganze Nacht vor dem französischen Konsulat in Tunis Schlange, um am Morgen gesagt zu bekommen, dass keine Antragsformulare ausgegeben würden. Die Verwaltung konnte einfach nicht mit den tausenden Antragstellern fertig werden, die ihre Büros überschwemmten. Noch immer ist die Passituation in Tunis verworren. Arm oder reich, aengstlich oder zuversichtlich — sie verlassen das Schiff in Marseille mit leeren Haenden. Sie dürfen aus Tunis nur einen Dinar (= 2,50 Dollar), 88 Pfund- Gepaeck und ihre Fahrkarte nach Paris mitnehmen. IN PARIS: UNTERKUNFT UND ARBEIT? Es sind Bemühungen im Gange, die Flüchtlinge in Gruppen einzuteilen und woanders hinzuschicken. Einige bleiben in Marseille oder gehen in kleinere französische Staedte. Für dh meisten sind aber die hellen Lichter von Paris das, was für die Motte das Licht ist. Waehrend der letzten 10 Jahre sind bereits Tausende nordafrikanischer Juden nach Paris gekommen, sodass die Neuankömmlinge im allgemeinen Verwandte und Freunde finden, die ie aufnehmen und ihnen behilflich sind, Arbeit und Unterkunft zu erlangen. Paris blüht. Anstellungen sind nicht schwer zu finden. Da die Flüchtlinge französisch sprechen, haben sie keine Sprachschwierigkeiten. Die notwendigen Papiere zu erhalten, nimmt Zeit in Anspruch. Was die Flüchtlinge nicht kennen, ist das Leben in einem Klima, wo der Winter Nebel und Feuchtigkeit, Kaelte und strenge Winde mit sich bringt. Sie wissen auch nicht, wie hoch die Preise in. Paris sind, wie akut die Wohnungsknappheit ist oder was es für ihre Familie bedeutet, Monat um Monat in einem schaebigen kleinen Hotelzimmer zu wohnen, in einer Arbeitergegend wie Montmartre eder, zusammen gepfercht mit Verwandten 15 bis 20 Menschen in zwei Zimmern, mit Kindern. DIE AELTESTE HILFSORGANISATION: DAS CBIP Die “Rundreise” zu den örtlichen jüdischen Wohlfahrtsstellen führt durch ganz Paris, in Gegenden, in die nicht viele Touristen kommen. Die Büros sind alles andere als anmutig, die meisten sind dunkel und eng; die hohen Raeume in den alten Gebaeuden sind durch Verschlaege unterteilt. Hier und da erinnern ein Marmorkamin, eine geschnitzte Fensterbank oder eine Steintreppe an einstige Grösse. Auf einer steilen Strasse, am Montmartre gelegen, fast im Schatten des weissen Doms von Sacré Coeur befindet sich CBIP (Comité de Bienfaisance Israélite de Paris), eine der aeltesten jüdischen Organisationen in Paris, seit anderhalb Jahrhunderten bestehend. “Die grosse Mehrheit der tunesischen Familien, die sich um Hilfe hierher wenden, ist tunesischer National i t a e t zum Unterschied zu denen französischer Nationalitaet”, erklaerte Emerik Kohn, der Direktor. Französi sehe Staatsangehörige haben keine besonderen Schwierigkeiten, Daueraufenthaltsgenehmigungen und Anstellungen zu erhalten, und haben wie alle französischen Staatsangehörigen Anrecht auf viele Arten öffentlicher Hilfe einschliesslich finanzieller Unterstützung, medizinisc her Versorgung, Unterbringung. Ungefaehr die Haelfte der Neuankoemmlinge hat jedoch die tunesische Nationalitaet; 75 Prozent von ihnen haben überhaupt keine Geldmittel. Die meisten kommen auf Besuchsvisen nach Frankreich, die nach mehr oder weniger grossem Zeitaufwand und v i e le n Vorsprachen b e i staedtischen Behörden in v o r ü b e rgehende Aufenth a 11 s b e w i lligungen umgeaendert werden können und auf Grund eines vor Jahren zwischen Frankreich und Tunis getroffenen Abkommen den Inhaber berechtigen, eine Stelle anzunehmen, sofern er sie finden kann. In vielen Faellen hat die französische jüdische Gemeinschaft jedoch eine Garantie geben müssen, dass der Neuankömmling dem Staat nicht zur Last faellt. Auch waehrend der Zeit, in der sie sich niederzulassen versuchen, zwischen einem und drei Monaten, müssen sie sich wegen Hilfe an die CBIP wenden. Vielte Familien wohnen bei Verwandten und haben somit keine Hotelausgaben. Dennoch benötigen sie finanzielle Unterstützung, Nahrungsmittel, Kleidung. Um die Zeit, bis sie Arbeit und Unterkunft finden, zu überbrücken überziehe die CBIP ihr Budget gegenwaertig um 4.000 Dollar pro Monat, sagte E. Kohn. Es gibt auch eine grosse Anzahl von Faellen, in denen entweder der Familienvorstand allein kommt, um den Weg vorzubereiben; junge Leute kommen auch als Studenten. ZUSAMMENGEPFERCHT Ausser den tunesischen Familien, deren Zahl von durchschnittlich 10 in den ersten sechs Monaten von 1961 auf über 200 pro Monat gestiegen ist, hat die Zahl der algerischen und marokkanischen Flüchtlinge ebenfalls stark zugenommen Bei den neuen algerischen Faellen berichtete E. Kohn von zwei Witwen, deren Maenner von den Terroristen umgebracht waren. Die Algerier und Marokkaner sind im allgemeinen primitiver als die Tunesier; insbesondere benötigen d i e Frauen Aufklaerung über das staedtische Leben. Wir besuchten eine der zahlreichen von CBIP betreuten Familien. Sie wohnt mit der Familie des Bruders des Ehemannes zusammen in einer Zweizimmerwohnung in St. Antoine. Wir mussten über einen gepflasterten Hof gehen, dei voller Waesche hing, mit einer Aussentoilette. Die Kinder der Familie, die hier gewohnt hatte, mussten in Tbc- Sanatorien gebracht werden. Hier wohnen 22 Personen in den beiden kleinen, dunklen und feuchten Parterrezimmern mit elektrischer Beleuchtung und messendem Wasser, aber ohne Heizung. In dem einen Zimmer standen ein Gasherd, ein Spülstein, ein Küchentisch und einige Stühle, in dem anderen ein schmales Bett und eine Kommode. Drei Koffer waren an der einen Wand aufeinandergestellt. In einer Ecke lag ein Haufen Decken, die die Familie von der CBIP erhalten hatte. Nachts wurden sie für die Kinder auf den Boden gelegt. Mme. S. erzaehlte, dass sie Bizerta am 15. September verlassen hatte. Ihr Mann sei koscherer Metzger gewesen und haette seine gesamte Kundschaft verloren. Jetzt haette er eine Anstellung als ungelernter Arbeiter. Sie haetten alle Hotels abgeklappert, aber keines haette sie wegen ihrer sieben Kinder aufnehmen wollen. Ueberdies haetten sie im Hotel auch nicht ihr eigenes Essen kochen können. Aber abgesehen davon, waren sie guten Mutes und auch Willens, durc h z u s t e h e n, bis die Neuankömmlinge eine eigene Unterkunft gefunden haetten. UEBERFUELLTE KANTINE Die Flüchtlingskantine, das “Foyer Amical”, ist ein Tollhaus. Der Speisesaal liegt im 2. Stock. Mittags sind die Treppe und der darunterliegende Raum mit Juden aller Nationalitaeten. die für ihre Essenskarten anstehen, überfüllt'. Ungefaehr ein Drittel der Leute sind Nordafrikaner, die meisten Tunesier. Kinder sieht man kaum, (sie sind entweder in der Schule, oder d i e Eltern nehmen das Essen mit ins Hotelzimmer, weil in der Kantine einfach kein Platz für grosse Familien ist. Trotz allem macht der Speisesaal einen freundlichen Eindruck. Die Tische sind mit leuchbendgelbem Plastikmaterial über zogen. Das von weiblichen Hilfskraeften hereingefahrene rituelle Essen sieht gut aus und scheint, wie man sieht, den Leuten zu schmecken. Es ist ihre Hauptmahlzeit. Ein wohlhabender Kürschner, M. Leitkind, ursprünglich aus Russland, hat die Kantine 1937 gegründet Sogar waehrend des Krieges geöffnet, ist sie seither sein “Baby”; er selbst achtet jeden Tag darauf, dass “die Leute eine anstaendige Mahlzeit bekommen”. Seine Frau und seine Tochter sind unter den 40 Frauen, die freiwillig den bezahlten Kraeften helfen. “Wir schikken niemals jemanden hungrig fort”, sagt er stolz, “aber manchmal müssen wir Würstchen und Eier geben, wenn das normale Fleischgericht ausgegangen ist”. Das kommt heute nicht mehr vor. FSJU hat einen Mann angestellt, der die geschaeftliche Seite handhabt. Die Nahrungsmittel kosten 6.000 Dollar pro Monat. “Bei so vielen neuen Nordafrikanern setzen wir jetzt manchmal, Cous Cous’ auf die Speisekarte; die Polen und Zentraleuropaer mögen das nicht sehr, aber den Tunesiern schmeckt es wie zu Hause.” EINZELSCHICKSALE Mme. Z., die wir dort treffen, ist eine plumpe, dunkelhaarige Frau, Enddreissigerin, mit drei Kindern im Alter von 10 bis 16 Jahren. Sie flüchtete aus Tunis überstürzt, nach der Bizerta-Krise, alles zurücklassend; das Café, das sie mit ihrem Mann zusammen betrieb, und das Juweliergeschaeft, an dem sie beteiligt war. Für keines der beiden konnte sie einen Kaeufer finden. Indes die Familie Z. ist glücklicher daran als viele andere. Sie sind bereits auf dem Wege der Eingliederung Durch Hilfe von Freunden hat Mr. Z. eine Anstellung in der Galerie Lafayette, der Sohn besucht die ORT- Schule in Monteuil, und die aelteste Tochter hat begonnen, in einem Schönheitssalon. zu arbeiten. Mme. Z. glaubt, dass alles gut gehen wird, wenn sie eine Wohnung gefunden hat; denn das eine Hotelzimmer, das die fünf bewohnen, ist noch viel zu teuer, obwohl zwei Familienmitglieder ein Gehalt verdienen. Weniger gut daran ist Daniel A., ein junger Buchhalter, der allein nach Paris kam in der Hoffnung, se.ine Eltern, spaeter nachholen zu können. Sein Vater sei einer von 10 Angestellten, die ihre Stellung verloren haben, da ihre (französische) Firma das Geschaeft aufgegeben habe: er konnte keine andere Stellung finden. Daniels Situation ist unsicher. Ohne V e r w a ndte franzoesischer Nationalitaet war er nicht in der Lage, Papiere zu erhalten, und deshalb kann er selbst keine Arbeit finden. Er möchte nicht um das Asyl nachsuchen, das die französische Regierung tunesischen Staatsangehörigen angeboten hat; denn dann müsse er garantieren, ¡nie mehr nach Tunis zurückzukehren, was er aber seiner Eltern wegen vielleicht tun muss. Er wird von der SSJ (Service Social de Jeunes) unterstützt und hat die FSJU um eine Garantie gebeten, dass er dem Staat nicht zur Last fallen wird. (Fortsetzung Seite 29)