Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIV (1962)
- Issue
- 7 (Julio 1962)
- Date
- 1962-07-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Julio 1962 BOLETIN INFORMATIVO 11 JUDEN IM DEUTSCHEN ' KULTURBEREICH y À y*. Ende 1934 schrieb der Herausgeber dieses Buches, Di. Siegmund Katznelson, in seiner Vorbemerkung zu diesem monumentalen Werk — es umfasst 1060 Seiten “Dieses Sammelwerk unternimmt den Versuch eines historischen Rueckblicks auf den Anteil den deutschen Juden am wissenschaftlichen, kuenstlerischen und sozialen Leben des deutschen Sprachgebietes bis zum Jahre 1933 genommen haben”. Die Idee zu diesem Werk war im Jahra 1933 von Dr. Leopold Ulistein, Mitglied der bekannten Zeitungs— und Buchverlege r f a m i lie ausgegangen. Auch der Bankier Max Warbui g unterstuetztesie waermstens. Es wurde ein Schema fuer das Werk °usgearbeitet und die Bearbeitung zustaendigen Fachbe arbeitern uebergeben.' 1934 war das Buch reif zur Veroeffentlichung. Voran ging ein Vorwort des Nobelpreistraegers Richard Willstaetter und von Dr. Katznelson. Aber die Staatspolizei Berlin verbot “im Interesse der oeffentlichen Sicherheit und Ordnung” das Erscheinen des Buches und beschlag nalimte die Auflage. Dr. Katznelson jedoch arbeitete an dem einmal begonnenen Werk weiter, auch als er spaeter nach Palaestina uebersiedelte. Leider ist er waehrend der erneuter« Drucklegung dieses Buches im “Juedischen Verlag G. m b. H. — Berlin”, am 20. Maerz 1959 ploetzlich gestorben. So konnte er —wie Robert Weltsch in seiner Vorbemerkung ausfuehrt— seine Absicht, in einem Vorwort den Grundgedanken und das Wesen des Buches zu erklaeren nicht mehr ausfuehren. Der Herausgeber nannte es “einc Schlussbilanz des deutschen Judentums “und verstand darunter den Beitrag, den Menschen juedischer Abstammung im weitesten Sinne, zur deutschen Kultur geleistet haben. Als die Idee des Buches entstand —im Jahre 1933— ging es um die Rettung der juedischen Ehre. Es ging darum zu beweisen dass der juedische Geist kein “Ungeist” ist. Darum wurden in diesem Werk auch Menschen eingeschlossen, d i e dem juedischen Glauben nicht mehr angehoerten. Wer in diesem Buch bl-aettert, wird in ihm ein Bild der nunmehr tragisch zu Ende gegangenen Geschichte der 150 Jahre der Emanzipation in Deutschland finden. Es ist nicht nur eine “Schluss bilanz”, sondern auch ein Spiegel des Ringen juedischer Menschen um ihren Platz an der Sonne, um ihre Teinahme an der Weit der Kultur. Literatur, Kunst Wissenschaft, Politik, Technik, Wirtschaft und Sport Auf allen Gebieten der Gesellschaft haben juedische Menschen gewirkt und ihren Beitrag zur Geschichte der deutschen Kultur geleistet Das alles wird in diesem Werk (das selbstverstaendlich nicht frei von gelegentlichen Irrtuemern oder Ausladungen sein kann), noch einmal zusammengefasst. Das Werk erfuellt ein Wort Nietzsches aus einem Brief an Franz Overbeck, das mit Recht an die Spitze gestellt wird: “... Ich habe an zustaendiger Stelle den Vorschlag -gemacht, ein sorgfaeltiges Verzeichnis der deutschen Gelehrten, Kuenstler, Schriftsteller, Schauspieler, Virtuosen von ganz— oder halb juedischer Abkunft herzustellen; das gaebe einen guten Beitrag zur Geschichte der deutschen Kultur... ”. So ist dieses Werk ein Spiegelbild einer Epoche, die tragisch zu Ende gegangen ist und doch eine der glanzvollen in unserer Geschichte war. Loewenstein. 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Die liefe Menschlichkeit und noble Gesinnung, die daraus sprach, bewog mich, mich naeher mit dem Werk dieses Dichters und politischen Schriftstellers (eine Mischung, die man gerade bei deutschen Literaten leider nicht sehr oft trifft) zu befassen und der erste Eindruck vertiefte sich bei naeherer Kenntnis seines Schaffens. Im Monat Juni hatten wir die Freude, Herrn Hagelstange in Santiago begruessen zu duerfen, wohin er als Korrespondent grosser deutscher Blaetter gesandt wurde, um ueber die Fussballweltmeisterschaft zu berichten. Auf einer im "Instituto Chileno—Alemán de Cultura" veranstalteten Dichterlesung bat ich ihn um ein Interview fuer unser Blatt, da er, wie kaum ein 'Anderer in der Lage ist, zu vielen Problemen die uns beschaeftigen, Stellung zu nehmen und klaerend zu wirken. Herr Hagelstange hat sich dieser Bitte nicht verschlossen und so koennen wir heute unseren Lesern Interviews bringen, das er nachstehend den Text des uns freundlichst gewaehrte. Frage: Wie wir der deutschen Presse entnommen haben, gab es in letzter Zeit in der Bundesrepublik einen “Fall Baumann”, dessen ursprünglich. von der Volksbuehne Berlin praemiiertes Stueck “Im Zeichen der Fische” nicht zur Auffuehrung gelangte, als sich heraussteil te, dass Hans Baumann der Verfasser des Liedes “Es zittern die morschen Knochen” war. Wir sind der Auffassung, dass es sich hierbei um eine grundsaetzliche Frage handelt —unabhaengig von der literarischen Qualitaet des in Frage kommenden Stuekkes— und bitten Sie um Ihre Stellungnahme. Antwort: Es gibt fuer mich persoenlich keinen ¿‘Fall Baumann”. Der eigentliche Fall lag bei den Preisrichtern der Volksbuehne, die —nach Morgen sterns beruehmten Wort “Weil nicht sein kann, was nicht sein darf”— ein doch offenbar in bestem Glauben gefaelltes Urteil revidierten. Fuer einen Menschen, der das Geistige ueber die politischen Zweckmaessigkeiten stellt, war das ein recht peinlicher Fall. Der neue “Fall Baumann” —die Behandlung seines nun aufgefuehrten Stueckes, seiner Person und Vergangen heit durch die Wochenzeitung “Die Zeit”— ist keiner. R. W. Leonhart hat lediglich versucht, eine objektive Bestandsaufnahme zu treffen und die sachlichen Merkmale abzustecken. Baumann war sehr jung, als die Nazis zur Macht kamen. Er hat das Recht auf eine Art Bewaehrungsfrist. Ausserdem waere es grundsaetzlich interessant, einmal die Zeit des Dritten Reiches in der Interpretation eines “Glaeubigen” zu sehen, der uns seine Irrtuemer begreiflich macht. Leider gibt es keinen nennenswerten Versuch einer literar i s c hen Bestandsaufnahme von Seiten ehemaliger Nationalsozialisten, aber etliche Rehabilitierungsversuche, die auf plumpe Rechthaberei hinauslaufen. Im Gegensatz zu den kommunistischen Apostaten (man denke an Silone, Plivier, Koestler, Milosz, Malraux und andere) gab es weder Apostaten auf dem Hoe- H. E. hepunkt der Macht noch gute und einsichtige Verlierer. (Weinheber ist eine ruehmliche Ausnahme. Er nahm sich aus Scham das Leben). Die anderen haben sich weder geschaemt, noch Konsequenzen gezogen. Ich glaube, dieser Fehlbetrag im Haushalt unserer Literatur (von Seiten ehemaliger nationalsozialistischer Schriftsteller) ist nicht allein auf (z. T.) altersbedingte —wie bei Grimm oder Kolbenheyer— oder grundsaetzliche Unbelehrbarkeit zurueckzufuehren, sondern auch auf mangelnde dichterische und schriftstellerische Potenz. Baumann, der juengere und nicht unbegabte, ist auf das Jugendbuch ausgewichen. Ich wuerde ihn ermutigen, seinen (einstigen) Fall in romanhafter Form einmal darzustellen (wie es z. B. Carossa in “Ungleiche Welten” getan hat). Aber nachdem er das 17 Jahre lang nicht getan hat, duerfte diese Erwartung kaum noch erfuellt werden. Die nationalsozialistische “Literatur” —Periode ist mit einem Fehlbetrag abgetreten, und vielleicht entspricht sie damit ihrer eigentlichen Bedeutung (gewisse Fruehwerke einiger spaeterer oder posthumer Favoriten —Johst. Grimm— sind dabei auszunehmen) . Frage: Auf gleicher Ebene liegt die von Friedrich Torberg begonnene Polemik” Soll man Brecht spielen”: —auch in diesem Fall wollen wir um Ihren Standpunkt bitten. Antwort: Solange Brecht lebte, War der Torbergsche Standpunkt einzusehen, obwohl auch zu Lebzeiten Brechts Fehldeutungen unterliefen, was seine Haltung zum Ulbricht-Regime betraf. (Sein Ergebenheitstelegramm am 17. Juni war ja in Wahrheit der Schlussatz eines laengeren Briefes, in dem sich Brecht mit den Forderungen der revoltierenden Arbeiter solidarisch erklaerte). Seit er tot ist und zu aktuellen Vorgaengen keiner : lei Haltung mehr einnehmen kann, halte ich einen Boykott Brechts fuer absurd, zumal ein Index fuer einige Brechtsche Stuecke in der DDR zu bestehen scheint. Wir sollten versuchen, uns Rudolf Hagelstange ÉUÉÜüIéÉH unserer Haut zu wehren, ohne uns auf das Niveau der Totalitaeren herabdruecken zu lassen. Frage: In einer Ihrer Re. den erklaerten Sie, dass “die Ehre des deutschen Volkes es gebiete, geistige und mat e r ielle Wiedergutmachung an den Juden zu leisten”. a) Wieweit glauben Sie in diesem Zusammenhang als Vertreter der jungen deutschen Kuenstler und Intellektuellen sprechen zu koennen? b) Welcher Art glauben Sie, dass die “geistige Wiedergutmachung” sein sollte? c) Inwieweit glauben Sie, dass diese “geistige Wiedergut m achung” ausgefuehrt ist? d) Es ist Ihnen sicher bekannt, dass die Bundesrepublik, mit Ruecksicht auf die beste henden Beziehungen zwischen ihr und den arabischen Laendern keine diplomatischen Beziehungen mit Israel unterhaelt. Es ist unsere Auffassung, dass gerade diese Frage in das Kapitel der “geistigen Wiedergutmachung faellt. Wir waeren fuer Ihren Standpunkt dankbar. Antwort : Wie zu allen Fragen aeussere ich auch zu dieser meine persoenliche Meinung. Ich weiss aber, dass die Meinung der meisten namhaften deutschen Kuenstler und Intellektuellen, was den Antisemitismus und die “Wiedergutmachung” betrifft, mit der meinen etwa uebereinstimmt. Unsere Bundes' republik hat die “Wiedergut. machung” ernsthaft im Materiellen und auf dem Sektor der Rep raesentation versucht. Auf dem Sektor der Allgemeinheit und der Jugenderziehung (die Schulen) ist vieles ungetan geblieben, was haette getan werden muessen. Die Vernichtung von Millionen von Juden bleibt ein heisses Eisen in unserer Alltaeglichkeit, obwohl die deutsche Presse nicht scheut, in dieser Frage Fraktur zu reden. Man darf freilich nicht vergessen, dass unsere wirtschaftliche Hochkonjunktur alle moralischgeistigen Komplexe hat in den Hintergrund treten las. sen. Darum bleibt die “Wiedergutmachung” hauptsaechlich auf das Materielle und die Repraesentanz (durch Regierungsstimmen und Intellektuelle) beschraenkt, wobei die Praxis der Regierung nicht selten zwielichtig erscheint. Und was die diplomatischen Beziehungen be- (Fortsetzung Seite 14)