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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1962-04-01 · 4 (Abril, 1962) · p. Seite 11

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXIV (1962)
Issue
4 (Abril, 1962)
Date
1962-04-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Abril 1962 BOLETIN INFORMATIVO 11 GEDANKEN ZWISCHEN 2 UND 3 Umfangreiche Dokumentation Baden-Wuerttembergs: Van 31000 Juden kamen nur 700 zurück ' Erstaunlich viele Menschen standen auf dem engen Perron des winzigen Landbahnhoefchens. Fahrplangemaess fehlten noch 15 Minuten bis zur Abfahrt des Bummelzuges nach der Stadt, aber die handbediente, scheppernde Glocke hatte noch nicht einmal die Ausfahrt aus dem benachbarten Nestchen ge-“ meldet; —man musste sich also mit Geduld wappnen. Es war bruetend heiss. Jedermann hatte Ueberroecke und Jacken, fein saeuberlich gefaltet (es waren sichtlich die besten Stuecke) auf Koerbe und Koffer gelegt. Es wimmelte von Kindern, die strahlend und verschmiert zwischen den ermuedeten Erw a c hsenen herumspielten. Die Dorfschoenen ergingen sich in schreiend bunter Pracht schwaetzend und lachend ,den Sonntagsbummel geniessend, ihre von Woche zu Woche sehnsuchtsvoll erwartete Verbindung mit der “grossen weiten Welt”. Die Burschen liessen die Maedchenschar an sich vorbeidefilieren, von Mal zu Mal wurden die Zurufe gewagter und das Gekicher schriller. Die Schattenbaenke waren besetzt. Auf einer doeste eine schwankende Gestalt, auf Meter im Umkreis in Alkoholduft gehuellt, eine andere quoll ueber von krippelnden und krappelnden Kinder aller Altersstufen, die eine erschoepfte Mutter, mit dem Juengsten an der Brust, in Schach zu halten trachtete. Mit Bonbons und Getraenken versorgt, die Schmutzhaendchen beschaeftigt und die Maeulchen gestopft, suchten sie sich zum Glueck bald ein neues Spielfeld. Von Zeit zu Zeit versuchten die Familienvaeter an der immer noch holzverschlossenen Kasse die Fahrkarten zu loesen: —es war unmoeglich, da der ueberbeschaeftigte Angestellte (Vorsteher, Schalterbeämter, Verfrachter und Perronaufseher in einer Person) sie immer wieder vertroesten musste. Mit stoischer Ruhe wurde die Situation akzeptiert; nur die kleine Auslaendergruppe wurde nervoes. Schweissueberglaenzt rannte der kleine, rundliche Beamte an die Glocke, die in einem Baum hing und durch einen haeufig geknoteten Strick bedient wurde. Bewegung durchlief die Wartenden; man rief die auf den Schienen spielenden Kinder, sammelte Taschen und Jakken und hoffte auf endliches Erscheinen des Zuges. Ein, wie der Berliner sagt: typischer Fall von Denkste! ¡Pustend und knatternd, mit traktoraehnlichem Auspuffgeraeusch, naeherte sich aus der entgegengesetzten Richt u n g eine Draisine. Mit sprachlosem Staunen beobachteten nun unsere Israeli-Freunde den wuerdigen Vorsteher in ihnen unbegreiflicher Taetigkeit und Pose. Angespannt, wie ein startbereiter Springer stand er am Schienenrand, in hocherhobener Hand einen rundgebogenen Weidenzweig, in den ein gruener Zettel — die Durchfahrtsgenehmigung — geklemmt war. Ohne ihre Geschwindigkeit zu verringern, durchratterte das altersschwache Schienenauto das Bahnhofgelaende. Der Chauffer beugte sich weit heraus, liess den Weidenreif in seinen ausgestreckten Arm gleiten, entnahm ihm den Schein und feuerte den leeren Ring in die Gegend. Dieses primitive, aber wirksame System beobachteten die verbluefften Zuschauer mit dem Interesse einer sportlichen Schaustellung sogar bei einem durchbrausenden Schnellzug. Die Erzaehlung von einem ungeschickten Lokomotivfuehrer, der den Reifen nicht erwischt hatte und den rasenden Zug weit nach der Station zum Stehen bringen musste, rueckwerts wieder hineinrangierte, um sich sein gruenes Zettelchen (das natuerlich erst gesucht werden musste) abzuholen, stiess auf Unglauben, ist aber authentisch. Warten ist ein gottgegebener und gleichmuetig akzeptierter Zustand. Mit Geduld steht man Schlange, wartet auf bessere Zeiten, auf Regen, Sonne, den Postboten, oder das vor 3 Monaten faellig gewesene Monatsgehalt. Geschehnisse kommen hierher von aussen; in sehr seltenen Faellen werden sie aus eigener Initiative oder Ambition geschaffen. Wir Europa-Benervten beobachteten daher mit Staunen und fast Neid die Mitwartenden auf dem bruetend heissen, 1 a ermerfuellten Bahnsteig. Die Uhr war mittlerweile gut 3|4 Stunden ueber die Abfahrzeit gelaufen und noch immer kamen see- 1 e nruhig kofferschleppende Menschen ueber die Schienenstraenge geschlendert. Sie machten es sich auf ihrem Gepaeck bequem, oder diskutierten mit enormem Stimmaufwand ueber die beste Stelle, an der spaeter der wenigst besetzte Wagen halten wuerde. Mit einzigartiger Geduld wurden Schachteln und Koerbe hin und her geschoben, wurde sogar noch umgepackt. Was hatten sie nicht alles mitgebracht! Sandias und Melonen, Blumen in riesigen Buendeln, Huehner und Korbflaschen. Eine Tuete Tomaten zerplatzte spritzend auf dem Boden und zeitigte, statt Aerger, helles Gelaechter und schlagfertige Zurufe. Nichts konnte die gute Laune verderben. Wieder bimmelte in erschoepftem Rythmus die primitive Glocke und nun schien es Ernst zu werden. Pustend und schnaubend schob sich das Zueglein um die Kurve, hielt mit bockigen- Stoessen und verschnaufte seinen letzten Dampfstrahl. Der Perron wurde ein Pandaemonium an Gewimmel und Getoese, das Geschrei kataklistisch. Die Maenner stuerzten an den gerade erst eroeffneten Billet-Schalter,. Muetter sammelten ihre vor Uebermuedung bruellenden K i n d er, Koffer blieben vereinsamt stehen und alle Welt genoss sichtlich das heillose Durcheinander. “Nur eine Toleranz, die den Naechsten nicht nur duldet, sondern ihn so anerkennt, wie er ist, kann Deutschland wieder für jüdische Mitbürger wohnlich machen.” Diese Worte des Hamburger Ersten Bürgermeisters Nevermann zur Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit finden ihren Rückhalt in den Bemühungen vieler privater und amtlicher Stellen in Baden- Württemberg, sich mit dem Schicksal der jüdischen Mitbuerger zu befassen. Dass Baden-Württemberg als erstes Land der Bundesrepublik eine umfassende Dokumentation der Judenverfolgung im Dritten Reich besitzt, ist vor allem der Privatinitiative eines Mannes zu verdanken. Vor drei Jahren hatte der evangelische Pfarrer in Stuttgart-Feuerbach, Majer-Leonhard, das statistische Landesamt um Unterlagen für einen Vortrag über den Antisemitismus und seine Auswüchse unter der Hitler-Regierung gebeten. Der Pfarrer erhielt einen negativen Bescheid und muss te feststellen, dass im ganzen Bundesgebiet keine zuverlaessigen statistischen Angaben über die Judenverfol- Allmaehlich klaerte sich die Situation, die Gruppen trennten sich in Reisende und Zuschauer, der Bahnhof gewann seine Wuerde wieder. Und nun erschien in stolzer Haltung, mit amtswichtiger roter Muetze der Herr Vorsteher, der mit Grazie saemtliche andere Posten, wie nie gewesen, abgestossen hatte, beorderte mit Autoritaet alle Muessiggaenger einen Schritt vom Schienenstrang zurueck und besah sich stolzgeschwellt “seinen” Zug. Mit der einmaligen Dignitaet, die nur ein Subalternbeamter possenhaft zur Schau stellen kann, liess er die Zugangestellten rapportieren, wimmelte er laestige Frager ab. Der Start-Diskus wippte in seinen auf dem Ruecken gekreuzten Haenden, der ganze Mann war um einige Zoll mit seiner verantwortlichen Wuerde gewachsen. Aller Augen hingen an ihm, dem Herrn und Meister eines beladenen Zuges, dem nur er das Startzeichen geben konnte. Mit Anmut und Praezision hob er die Scheibe, pfiff paeremptorisch auf einer Trillerpfeife und stoehnend und aechzend, mit stossendem Kuppelungslaerm dampf te das Zueglein in die Welt hinaus. Erst als der letzte Wagen um die Kurve gebogen, der Abschieds-Pfiffgruss verhallt war, goennte es sich der Mann seine stramme Haltung zu lockern und sich den Schweiss von der Stirne zu wischen. Der grosse Moment seines Tages war vorueber. K...g Von Carl Steinhausen gung vorhanden waren. So nahm er die Sache selbst in die Hand. Majer-Leonhard arbeitete einen Fragebogen aus und verschickte ihn an 386 Gemeinden in Baden-Württemberg, wo nach seinen Informationen 1933 Juden gelebt hatten. Manche Gemeinden gaben sich mit der Beantwortung grosse Mühe, andere fanden sich erst nach mancherlei Ausflüchten und langem Draengen zur Herausgabe der Unterlagen bereit. Einige Staedte, wie Stuttgart, Rottweil und Ulm, wurden durch die Aktion des Pfarrers, aber ¡auch durch Rückfragen früherer jüdischer Mitbürger aus Israel oder den Vereinigten Staaten inzwischen zu einer gründlichen eigenen Dokumentation veranlasst. Die selbstgestellte ehrenamtliche Aufgabe des Stuttgarter Pfarrers hat sich inzwischen — fast ohne sein Zutun — zu einer “Hilfsstelle für rassisch Verfolgte” entwickelt. Dort treffen staendig Briefe aus aller Welt ein, in denen um dokumentarisches Material gebeten wird. Die Hilfsstelle ist inzwischen um eine umfangreiche Bücherei erweitert worden. Das von ihr ermittelte Zahlenmaterial hat die Hilfsstelle den statistischen Aemtern und — im Einverstaendnis mit dem Kultusministerium — den Schulen Baden- Württembergs zur Verfügung gestellt. Die Zahlen sind erschütternd, 1933 lebten im heutigen Gebiet Baden-Württembergs etwa 31.000 Juden. Davon konnten vor dem Kriege noch fast zwei Drittel auswandern. Von den restlichen 10.000 sind mindestens 8.500 nach ihrer 'Verschleppung umgebracht worden. Nur etwa 700 jüdische Bürger haben die Verschleppung überlebt und kehrten nach dem Kriege an ihren alten Wohnsitz zurück. Die Verbrechen an den sechs Millionen Juden, die noch zu Beginn des Krieges in Deutschland oder in von Deutschland beherrs c h t e n Gebieten lebten, werden besonders eindrucksvoll am Beispiel einer Stadt demonstriert. In Ulm, wo der erste Einsatzkommando-Prozess stattfand und die zentrale Verfolgung der nationalsozialistischen Verbrechen ihren Ausgang nahm hat die Stadtverwaltung einen umfangreichen Bericht über das Schicksal ihrer jüdischen Mitbürger zusammengestellt. 1933 lebten in Ulm 530 Juden. Davon sind 365 gezwungen oder freiwillig ausgewandert oder aus Furcht vor der Verfolgung verzogen. Von den rund 120 Deportierten sind nur vier am Leben geblieben und nur zwei nach dem Kriege in ihre Vaterstadt zurückgekehrt. Unter den Verbannten und Geflüchteten befanden sich der Nobelpreistraeger Albert Einstein, der Kunsthistoriker Professor Julius Baum und die Maler Leo Kahn und Ludwig Moos. Im Vorwort zum “Schicksalsbuch der Ulmer Juden” schreibt Oberbürgermeister Pfizer: “Vielleicht das düsterste Kapitel im Buch der deutschen Geschichte bilden die Verfolgungen der Juden in den Jahren 1933 bis 1945. Was damals durch ein verbrecherisches Regime geschah, kann nicht wiedergutgemacht werden. Die Stimmen, Vergangenes nicht mehr aufzurühren, von Unrecht und Greuel sich abzuwenden, werden immer wieder laut. Ihnen gegenüber muss unüberhörbar die andere Stimme mahnen, diese schwere Schuld nicht zu vergessen, so wenig wie die ' Not, das Blut und die Traenen der Opfer.” (“Die Welt”) "DAS DEUTSCHE VOLK WILL WIEDERGUTMACHEN" Zu gegenseitiger Achtung aller Menschen und zur Besinnung auf das gemeinsame Erbe der geistigen Freiheit haben aus Anlass der “Woche der Brüderlichkeit" Bundespraesident Lübke und Bundeskanzler Adenauer aufgerufen. ln einem Grusswort für die “Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland” erkennt Lübke dankbar an dass die Juden in Deutschland die Abwehr der von totalitaeren Machten drohenden Gefahren zu ihrer eigenen Sache gemacht haetten. Der Bundespraesident und der Kanzler, der ebenfalls in der Wochenzeitung Stellung nimmt auessern ihre Ueberzeugung dass das deutsche Volk sich bemuehe, nach Kraeften wiedergutzumachen, was unter Missbrauch seines Namens geschehen sei. Der Berliner Regierende Bürgermeister Brandt schreibt, das deutsche Volk sei zwischen die “Mahlsteine menschlicher Uneinigkit” geraten. Gerade die Berliner haetten jedoch erkannt, dass ein bewusstes Einstehen fuer Freiheit und Menschenwuerde lebenswichtig sei. (“Die Welt”)

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