Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIV (1962)
- Issue
- 2 (Febrero, 1962)
- Date
- 1962-02-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Febrero 1962 BOLETIN INFORMATIVO 17 WIR ENTNEHMEN DER "ZEIT" ER HIESS BRUNO SCHULZ EIN JUEDISCHER ZEICHENLEHRER WURDE ERSCHOSSEN UND DIE DEUTSCHE LITERATUR WURDE AERMER Von WALTER JENS i. Die Szenerie: das Getto im polnischen (ehemals oesterreicmsch-ungariscnen, heute sowjetrussischen) Staedtchen Drogobycz am Fusse der Karpaten, nicht sehr weit von Lemberg entfernt. Die Zeit: ein November tag des Jahres 1942, ein paar Stunden, in denen Aiitaegiiches geschieht —Soldaten patrouillieren durch die Strassen. Transporte werden zusarpmengesteilt, die Vernichtungslager sind nah. Der Vordergund, das grelle Bild: ein Gestapomann namens Günther erschiesst — so wird berichtet — auf offener Strasse einen jüdischen Zeichenlehrer namens Schulz. Dieser Schulz :—wird weiter berichtet — war wahrscheinlich nur deshalb noch am Leoen, weil ein Gestapomann namens Landau sich seiner Bilder annahm. Da aber Landau ein Feind jenes Günther war, musste der Zeichenlehrer, wie man sagte, “dran glauben“. Dabei wussten weder der Mörder noch der verderbenbringende Patron, dass der ermordete Bruno Schulz nicht nur Zeichenlehrer, sondern auch ein grosser Schriftsteller, ein Prosaist von Kaikaschen Ausmassen war; vieieicht waere es ihnen auch gleichgültig gewesen, der Mord gehörte zu ihrem Metier, am selben Novembertag wurden hundert andere Juden in den galizischen Strassen erschossen. II: Bruno Schulz wurde -1892 in Drogobycz geboren; Jacob, sein Vater, übte den gleichen Beruf wie Hoflu. anns thais ürgrossvater, Isaak Löw Hof mann, aus: er war Tuchhaendler und verstand sich vor allem auf die Seidenherstellung. Offenbar beruhte Jacob Schulz’ Kennerschaft vor allem auf einer redlichen Unbestechlichkeit, mit deren ¿liiie er handwerklich Gediegenes von neumodischem ^enund zu unterscheiden wusste. Er war, so scheintes, weniger Haendler als Kenner, hatte einen Sinn rür die geheimen Valeurs ungewohnter Farbkombinationen und erscheint, zumindest aus der Perspektive des uohns, wie ein traeumender Aesthet unter einer Rotte von Geschaeftemachern... ein Farbnarr inmitten der Sohaecher: “Es war ein riesiges Register allerlei herbstlicher Farben, nach Schichten gestapelt, nach Nuancen sortiert, von unten nach oben gehend wie auf klingenden Treppenstufen, wie auf Tonleitern aller Farboktaven”. IN KUERZE BAUMWOLLKAEUFE Bür. 1 Million Dollar hat Israel in Griecnenland Baumwolle und Baumwollgarngekauft. Dies erfolgte, naenaem Israel in den letzten sieben Jahren Griechenland Waren für 3,2 Millionen Dollar verkauft hatte, von dort aber nur Güter im werte von etwa der- Haelfte dieses Betrags bezogen hatte. Die gekauften Garne sollen reexportiert, die Baumwolle aber im Lande verarbeitet werden. (Canfit”) ABKOMMEN MIT DIAMANTENSYNDIKAT GETROFFEN In London konnte ein neues Abkommen zwischen dem Diamantensyndikat und der Israel-Diamantenindustrie geschlossen werden, wonach nicht nur die bisherige Quote für Israel betraechtlleh erhoeht wird (auf Lieferungen im Werte von 12 1)2 Millionen Pfund Sterling, und weitere 2 1(2 Millionen Piund in anderen Sorten) sondern auch Steine geliefert werden, die bisher nicht in der Quote enthalten waren. < Canfit’’) ISRAEL WIRD TECHNISCHE HILFE AN 3 STAATEN LEISTEN Israel, wird Bolivien, Brasilien und Venezuela auf dem Gebiete der Errichtung von Mosehawim-aehnüehen landwirtschaftlic h e n Siedlungen und des Schikun-Wesens technische Hilfe leisten. Unter anderem wurde berichtet, dass Israel bei der Errichtung von 5-6 Moschawim im Norden von Brasilien helfen wird. "Canfit" Neuer el-al Rekord Ein Boeing Flugzeug der El Al Gesellschaft stellte einen neuen internationalen Geschwindigkeitsrekord auf, als es die Strecke Lud —Zürich in 3 Stunden und 18 Minuten zurücklegte. Damit hat El Al seinen eigenen Rekord verbessert, den sie seit Beginn der Wintersaison inne hatte. Der vorherige Rekord betrug 3 Stunden und 30 Minuten. ("Canfit") Nun, der Traumzauberer Jacob, der so wenig in die neue Zeit passte, machte Bankrott. Die galizische Provinzstadt, winklig, dunkel und von Höfen durchzogen, verwandelte sich schnell, in den Karpaten wurde Oel entdeckt, Spekulanten gaben Drogobycz ein neues Gesicht: Maki erviertel entstanden, iuftleichte Haeuser, Bordelle. Die Stadt und des Vater, Jacobs langsames, von Verwandlung zu Verwandlung hinausgezögertes Sterben und der Kampf zwischen Kleine- Leute-Juden und zugereisten Börsianern, windigen Trödlern. lachenden Eskamoteuren ... das sind die beiden grossen Themen, die Bruno Schulz ein Leben lang bewegten. Der Geister-Begegnung zwischen dem Reich der 'Zimtiaeden, einem sterbenden Reich, und der Flitterwelt der Krokodilgasse gilt sein 1934 publiziertes Hauptwerk — Bruno Schulz: “Die Zimt- 1 a e d e n”, übertragen von Josef Hahn, mit einem Nachwort von Andrzej Wirth; Hauser Verlag, München. Im Zeichen dieser Auseinandersetzung stehen auch “Das Sanatorium zur Todesanzeige” (1937) und “Der •tvomeü” (1933). Alle drei seit Jahren verschollenen Bücher sind nun endlich, ins Deutsene üoertragen, auch für uns erreichbar geworden. III. Ein Geisterbezirk, filigranhaft und dunkel, eine Schattenregion, von huschenden Zwergen bevölkert, die unter riesigen, gestirnweissen Himmeln leben: das ist die weit des Bruno Schulz. Unvermutet öffnen ¡sich Höfe und Schmutzlabyrinthe, hinter Jalousien kleben wachsame Augen, die Zeiger bewegen sicn langsam, selbst die Fenster scheinen zu schlafen, allein die Tapeten — Hauptfiguren der Schulzschen Romane— kommen niemals zur Ruhe. Nur ein paar Seiten — und schon gewinnen Zonen Gestalt, die sich dem Zugriff des Menschen entziehen: Vegetationszonen, Laender, deren Gesetze man im Zustand der séance plötzlich erkennt: “In einer Atmosphaere übermaessiger Leichtigkeit gedeiht hier jeder auch noch so leise Wunsch, knospt jede vorübergehende Spannung und waechst sich zu einem leeren, aufgeblasenen Gebilde aus, schiesst in die graue und leichte Vegetation flaumiger Unkraeuter, farbloser, zottiger Mohnblumen, bestehend aus einem gewichtlosen Gewebe von Phantasie und Haschisch”. Aber neben diesen Vierteln, über denen “das Fluidum der Sünde”, das Zeichen der Faulbaeume schwebt, deren Adern von Fiebern und deren Haeute von Narben durchsetzt sind, erhebt sich, nicht minder geisterhaft und nicht weniger iyrisehkonkret beschworen, das versinkende Königreich der Zlmtlaeden, in denen man chinesische Abziehbilder, Salamander und Tukane, die Alraunwurzeln und das Kolophonium aus Malabar finden xann. IV. Zauberbezirke: und doch, wie realistisch nimmt sich der Vordergrund aus! Bürofraeulein, bunt gesprenkelte Statistinnen, bewegen sich durch sommerliche Parks, baeurische Gestalten kauern auf dem Markt, Spaziergaenger sitzen, festtaeglich gekleidet, in den Restauralionsgaerten herum. Erst vor der Folie jener wirklichwahr h a f tigen Drogobycz- Welt, die, im Zentrum sonntaeglich, an den Raendern jaemmerlich endet, erst vor der Silhouette der galizischen Provinzstadt gewinnt die Schulzsche Szene ihr unverwechselbares Profil, werden die Antithesen glaubhaft, erscheint es als moeglich, ja, als natürlich, dass das Unbelebte sich zu regen beginnt, das Mehl, das Schachorett und die Tapete sachliche Attribute erhalten. Und hier also, meint man, zeige sich — allzu deutlich— der maechtige Schatten jenes Kafka, den Schulz übersetzte und dessen “Prozess” er mit einem Vorwort versah? Nun, es wird niemand in Abrede stellen, dass Schulz in der Tat von Franz Kafka abhaengig war: die vaeteriiche Tierverwandlung, der Einschrumpfungsprozess (ein Rentner wird wieder zum Kind), die Skurrilitaet des Feierlichen (der Vater prophetisch tönend, auf dem Nachtgeschirr), die Maeuse- Metaphorik; die Zweideutigkeit der Höfe und Gassen, Tapeten und Baerte, Küchen und Kübel; dieses “einmal geschehen, und nie wieder kannst du es rückgaengig machen”; diese Vermischung von Sexuellem und Hieratischem... das ist, kein Zweifel, Geist von Kafkas Geist: das ist Prag in Drogobycz. Aber im gleichen Masse, wie die Verwandtschaft gleichsam in die Augenspringt, bieten sich doch auch die Unterschiede an: Waehrend Kafka das Paradoxe realistisch beschreibt (ein einziger Sprung, eine Umkehr, und von da an ist alles “normal”), sprenkelt Schulz, von Szene zu Szene, kleine Realitaetspartikel in seine barocken Visionen hinein, winzige Ankerchen, die seine Traumwelt befestigen sollen — Stimmungsimpressionen, Himmelsbeschreibungen von grosser, erhabener Klarheit: “Wie ein silbernes A s t r o labium öffnete der Himmel in dieser Zaubernacht den Mechanismus seines Innern und zeigte in inendlichen Evolutionen die goldene (Mathematik seiner Raeder und Getriebe”. Astrolabium... Mechanismus... Mathematik... Evolution: die Wortwahl beweist, dass Schulz nicht nur sehr /idi lyrisch-pathetischer als Kafka schrieb, die Sprache ist auch abstrakter, bildungsgesaettigter und anspielungsdeicher als Kafkas Diktion. Kurzum, am Ende sind die Unterschiede grösser als die Gemeinsamkeiten; der erste Blick trügt; selbst der Va- .er ist eben kein daemoniich-starker Bijouteriewarennaendler, sondern ein Chagall-Greis, ein Eingeweihter, der sich mit Gott und den •vögeln versöhnt; und was die Schulzschen Automatenuguren betrifft, die Mannequins und Homuncuii, die wie Geschwister der Kafkaoenen unedermaenner erscüeinen, so sind auch sie jymooie der Zeit, Bergsonsciie Puppen und Artisten ,’or allem, die aus dem Scheinreich der sterbenden Monarchie stammen, aus dem Franz-Joseph-Reich der xiassizisuisclien aemosser und z e reinonieilen Marmortreppen, der Kanzleien und Zirkuläre, der ¡Schonbezüge und pathetischen Brunnen, der .vüDiiken und Sparten; aus der schwarz-gelben Demieurgen-Weit der backenbaertiuer Kaika-itegion aer Darch aaeuser, Höfe, Pawiatschen. V. Kein Zweifel, dass der neu entdeckte Bruno Schulz allzusehr in die Naene Kafkas gerückt worden ist. In Walirueic nehmen die falschen ¿Mure, unerwarteten Durchlaesse und fremden Gaenge, *ivimien die üaemmrig-vaetenienen Bezirke dar Registraturen und Kassen sich in seinem Werk nicht gewichtiger aus ais jenes heiter-ironisch beschriebene K. u. k.- Szenarium, das Schulz manchmal sogar im Stil einer Fontane-Persiflage voriülirt: nicht anders als Broch zu Beginn der “Schlafwandler”-Tnlogie, Immerhin, ob Kafka oder Broch, Freud oder Roth.,. Oesterreich-Ungarn hat der Literatur einen neuen grossen Schriftsteiler geschenkt. Ein halbes Jahrhundert nach Serajewo scheint der Brunnen immer noch nicht versiegt zu sein. Vieles freilich, allzu vieles, kommt postum zutage; weich ein Gedanke, dass Bruno Schulz, wie ein Witoid Gernbrowicz, noch unter uns lebte und die Zeichen Kafkas und Roths leuchtender aufflammen könnten! Ihr Elektriker E*loh Hannaoh ] Obicpe Donoso 11. Pep 1 1 T«l«EÓn 495941 j