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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1961-12-01 · 12 (Diciembre 1961) · p. Seite 21

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXIII (1961)
Issue
12 (Diciembre 1961)
Date
1961-12-01
Page
Seite 21 (sequence 19)
Language
German
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Diciembre 1961 BOLETIN INFORMATIVO 21 LERNT ISRAEL WIEDER LACHEN? HUMOR AUF HEBRAEISCH VON EPHRAIM KISHON “Heute ist der jüdische Witz fast nur eine historische Erscheinung”, schrieb Salcia Landmann in ihrem glaenzenden Buch über den Humor der Juden. Die Geschichte des jüdischen Witzes ist vorbei, so meinte sie weil die Geschichte der jüdischen Tat begonnen habe. Viele, die in den letzten Jahren Israel besucht haben sind denn auch unter dem Eindruck zurückgekehrt, das es ein humorloses Land sie, ein Land, dessen Bewohner im Verhaengnis der Vergangenheit und in der Bedraengnis der Gegenwart das Lachen verlernt haben. Jetzt bringt Ephraim Kishon dieses Urteil ins Wanken. Lernt Israel wieder lachen? Lernt es gar, über sich selbst zu lachen? Jedenfalls hat es in Kishon einen Humoristen von Rang gefunden, einen eigenen Humoristen.. Die blitzenden Pointen des alten juedischen Witzes fehlen nicht in seinem Werk, aber sie durchwirken einen Stoff, der ganz und gar Gegenwart ist — israelisch eher denn jüdisch. Wir entnehmen die beiden heiteren Satiren dieser Seite dem Buch “Drehen Sie sich um, Frau Lot”. Es erscheint dieses Jahr im Verlag Albert Langen/Georg Müller, München. Die Uebersetzung stammt von Friedrich Torberg. DER PASSIERSCHEIN ODER DAS UNTERNEHMEN BABEL Neben der spezifisch jüdischen Mentalitaet besitzt Israel noch weitere Gemeinsamkeiten: das allumfassende Durcheinander seiner Umgan gssprachen. Die Heimführung der Zerstreuten aus saemtlichen Winkeln der Welt mag eine noch so grossartige, ja epochale Leistung darstellen — in sprachlicher Hinsicht hat sie ein Chaos erzeugt, gegen das sich der Turmbau von Babel wie die Konstruktion einer bescheidenen Lehmhütte ausnimmt. In Israel werden mehr Sprachen gesprochen, als der menschlichen Rasse bisher bekannt waren. Zwar kann sich auch ein Waliser mit einem Schotten und ein Schotte mit einem Texaner nur schwer verstaendigen. Aber es besteht zwischen ihnen' immer noch, eine ungleich grössere linguistische Verwandtschaft als zwischen einem Juden aus Afghanistan und einem Juden aus Kroatien. Die offizielle Sprache unseres Landes ist das Hebraeische. Es ist auch die Muttersprache unserer Kinder — übrigens die einzige Muttersprache, welche die Mütter von ihren Kindern lernen. Amtliche Formulare müssen hebraeisch ausgefülh werden. Die meistgelesene Sprache ist Englisch, die meistgesprochene Jiddisch Hebraeisch laesst sich verhaeltnismaessig leicht erlernen, fast so leicht wie Chinesisch Schon nach dr°; oder vier Jahren ist dei Neueinwanderer in der Lage einen Strassenpassanten in fliessendem Hebraeisch anzusprechen: “Bitte sagen Sie mir, wie spaet es ist, aber womoeglicb auf Englisch.” Im Umgang mit den Behörden wird der Bürger gut daran tun, sich der offiziellen Landessprache zu bedienen, damit man ihn versteht Noch besser ist es allerdings sich der offiziellen Landessprache nicht zu bedienen und nicht verstanden zu werden. Als .Beweis für diese These diene das folgende Erlebnis: Es begann damit, dass ich zwecks Einfuhr eines Röntgenapparates bestimmt'- Schritte unternehmen musste. Ich rief im Ministerium für Heilmittelinstrumente an und erkundigte mich, ob man für die Einfuhr eines Röntgieniapparates eine Lizenz benötigte, auch wenn man den Apparat von Verwandten geschenkt bekommen hat und selbst keir Arzt ist, sondern nur an Bulbus duodenitis leidet und den Magen so oft wie möglich mit Röntgenstrahlen behandeln muss. Im Ministerium ging alles glatt. Am Informationsschalter sass ein junger Mann, der seinen Onkel vertrat Der Onkel war gerade' zur Militaerübung für Reservisten abkommandiert, und der junge Mann schickte mich zum Zimmer 1203, vor: wo man mich auf Nr. 4 umleitete. Nachdem ich noch durch die Nummern 17, 3. 2004, 81 und 95 hindurchgegangen war, erreichte ich endlich Nr. 604, das Büro von Dr. Bar Cyanid, Konsulent ohne Portefeuille für Angelegenheiten der externer, Röntgenbestrahlung. Vor dem Zimmer Nr. 604 stand niemand. Trotzdem wurde ich belehrt, dass mar das Amtszimmer nur mit einem numerierten Passierschein betreten dürfe, dei auf Nr. 18 erhaeltlich sei Durch diese Passierscheine sollte die laestige Schlangenbildung hintangehalten werden. Vor dem Zimmer Nr. 18 stand eine entsetzlich lang- Schlange. Ich begann blitzschnell zu rechnen: Selbst wenn keine der sich anstellenden Personen laenger als 30 Sekunden in Anspruch naehme und jede fünfte Person durch plötzlichen Todesfall ausschiede, würde ich frühestens in füni bis sechs Jahren drankommen. Das ist angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Verhaeltnisse, unter denen wir leben müssen, eine sehr lange Zeit. Ein gewisser selbstsüchtiger Zug, der in meinem Wesen immer wieder durchbricht verleitete mich, das angrenzende Zimmer Nr. 17 zu betreten und von dort ins Zimmer Nr. 18 einzudringen, wc man die zur Vermeidung vor Schlangenbildungen eingeführten Nummernsc h e i n fr bekam. Das Zimmer war leer. Nur hinter dem Schreibtisch sass ein vierschrötiger Beamter, der mich durchdringend ansah und — vielleicht aus Schreck über mein unvermutetes Auftauchen — die folgenden unhöflichen Worte von sich gab “Eintritt durch den Nebenraum verboten. Wer durch die Seitentüre kommt, wird nicht abgefertigt. Haben Sie draussen keine Schlange gesehen? Auch SiP müssen ¡sieh anstellen, genau wie jeder andere!”. In solchen Situationen muss man sich etwas Ungewöhnliches einfallen lassen sonst ist man verloren. “Bulbus”, sagte ich mi* Nachdruck. “¡Bulbus duodenitis.” Der Beamte war offenkundig ein medizinischer Laie. Er glotzte mich verstaendnislos an. “Was?” fragte er. “Wer? Wieso?” Und in diesem Augenblick kam mir der erlösende Einfall, der sehr wohl zu einem epochalen Umschwung in der Geschichte des israelischen Schlangestehens führen könnte. “Dvargitschoke p 1 o k a y g’viytschir?” auesserte ich in fragenden Tonfall und mit fre u n d 1 i c h e m Laecheln “Schmusek groggy. Lati- Das blieb nicht ohne Wirkung. “Redste Jiddisch?” fragte der Beamte. “Odder vielleicht du redst Inglisch?” “Dvargitschoke plokay.” “Redste Fransoa?” “G’vivtschir u mugvivtschir... Der Beamte erhob sich und rief seinen Kollegen aus dem Nebenzimmer herbei. “Der arme Kerl spricht nur Ungarisch”, informierte er ihn. “Du stammst doch aus dieser Gegend. Vielleicht kommst du dahinter, was er will?” “Chaweri”,- sprach der andere mich an. “Te mit akarol mama?” “Dvargitschoke pl o k a y”, lautete meine prompte Antwort. “Latiten?” Der Transsilvanier versuchte es noch mit Rumaenisch und einem karpathoruthenischen Dialekt, zuckte die Achseln und ging ab. Als naechster kam ein hohlwangiger Kassier aus der Abteilung für Kalorienforschung und unterzog mich einer arabischen, einer türkischen und einer hollaendischen Fühlungnahme. Ich verharrte standhaft bei meinen Dvargitschoke und hob bedauernd die Arme. Ein Ingegenieur aus dem zweiten Stock ging mit mir fast alle slawischen Sprachen durch; das Ergebnis blieb negativ. Sodann wurde ein Botenjunge aufgetrieben, der finnisch sprach. “Schmusek”, wiederholte ich verzweifelt. “Schmusek groggy.” Der Koordinator für die Fruchtbarmachung toter Sprachen wollte mich in eihe lateinische Konversation verwickeln, der Generaldirektor des Amtes für Reiskornzaehlung in eine rhaetoromanische. “G’vivttchir” war alles, was sie aus mir herausbekamen. Eine unbekannte Dame erprobte an mir ihre italienischen, spanischen und japanischen Sprachkenntnisse, der Portier des Gebaeudes, ein Immigrant aus Afghanistan, nahm mit Freuden die Gelegenheit wahr, einige Worte in seiner Muttersprache zu aeussern, und gab freiwillig noch einige Brokk e n Amharich zu. Ein Buchhalter Pygmaee und mo eglic herwe ise Kannibale — versuchte sein Glück mit dem Dialeke des Balu-Balu- Stammes. Um diese Zeit war bereits éine ansehnliche Menschenmenge um mich versammelt, und jeder entwickelte seine eigene Theorie, woher ich kaeme und was ich wollte. Die Mehrzahl der Kassierer neigte der Ansicht zu, dass ich ein Mischling einer Mestizenmutter mit einem weissen Indianervater sei die Buchhalter hielten mich für einen Eskimo, was jedoch vom Leiter der Osteuropa- Abteilung, der selbst ein Eskimo war, entschieden bestritten wurde. Der Chefkontrolleur des, Amtes für verschwindende Vorraete, telephonisch herbeigerufen, unternahm einen tapferen Klaerungsversuch auf Siamesisch, scheiterte jedoch an meinem soliden Verteidigungswall von Dvargitschoks. Nicht besser erging es dem Verwalter der Oeffentlichen Illusionen auf Aramaeisch. “Plokay.” Wallonisch. Baskisch. “Mugvivtschir.” Norwegisch, Papuanisch, Griechisch, Portugiesisch, Tibetanisch, Ladinisch, Litauisch, Suaheli, Esperanto, Volapük... nichts. Kein Wort. Nach ¡und nach brachen die mich Umringenden erschöpft Zusammen. Pa machte ich ein paar rasche Schritte zum Schreibtisch des Beamten und raffte — als haette ich sie eben erst entdeckt — einen der dort liegenden Nummernscheine an mich. (Das war, man erinnert sich, der eigentliche Grund meines Hierseins.) “Er will eine Nummer!” Die frohe Botschaft verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Kanzleien und Korridore. “Eine Nummer will er haben! Endlich! Eine Nummer! Halleluja!” Die Beamten nötigten mir zur Sicherheit einen zweiten Nummernzettel auf klopften mir auf die Schultern, gratulierten mir, umarmten mich, und wenn iph nicht irre, küsste ein Kontrolleur sogar den Saum meines Gewandes. Traenen standen in aller Augen, und der Jubel über die Heimführung der Zerstreuten war allgemein. “Dvella”, murmelte ich und war selbst ein wenig bewegt. “Dvella...” Zu Hause fand ich in meinen Rocktaschen noch weitere zwanzig Nummernzettel. IN ZIMMER 314: ’’NEHMEN SIE PLATZ” Die auffaelligste Eigenheit des israelischen Staatsbeamten besteht darin, dass er nicht vorhanden ist. Das heisst, er ist vorhanden, aber nicht dort, wo er sein sollte Also nicht in seinem Büro Meistens befinden sich die israelischen Beamten in einer Besprechung. Es gibt mehrere tausend Vorwaende für die Abhaltung von Besprechungen. Manche Besprechungen ziehen sich zwei bis drei Tage hin, andere dauern nur fünf bis sechs Stunden. So lange muss man eben warten. Eines heissen Sommertages bekam mein Schwiegervater Bernhard — ein alter Zionist, der erst kurz zuvor nach Israel gekommen war — einen Empfehlungsbrief an die Wohnbaugenossenschaft “Amidar” mit dem Ersuchen, ihm eine Wohnung zuzuweisen und ihm womoeglich keinen höheren Preis zu berechnen als den üblichen. Auf Wunsch meines Schwie gervaters ging ich selbst in das Zentralbüro der “Amidar”, um die Sache rasch zu erledigen. Man wies mich zum Zimmer Nr. 314, wo sich ein Herr namens Cheschwan meiner annehmen würde. Zimmer Nr. 314 war leer. Im Nebenzimmer erfuhr ich. dass Herr Cheschwan gerade eine Besprechung mit Herrn Stern haette, aber jeden Auge n b 1 i c k zurückkommen müsste. Ich wurde freundlich aufgefordert, solange Platz zu nehmen. Ich nahm Platz Ich sass eine Weile. Ich ging eine Weile auf und ab. Ich nahm abermals Platz. Dann öffnete sich die Tür. Ein Mann steckte den Kopf he_ rein und fragte: “Wo ist Cheschwan?” “Er ist in einer Bespremit Stern”, sagte ich. “Nehmen Sie Platz.” Der Mann schien in Eile zu sein, denn er verschwand wortlos. Wenige Minuten spaeter erschien ein anderer Mann, offensichtlich ein Beamter, und sah sich nervös im Zimmer um. “Seien Sie nicht nervös” beruhigte ich ihn. “Cheschwan ist in einer Besprechung mit Stern, aber er muss jeden Augenblick zurückkommen. Nehmen Sie Platz ” “Keine Zeit. ¡Wenn Cheschwan zurückkommt, bestellen Sie ihm bitte, dass Mayer ihn zu einer dringenden Besprechung erwartet.” “In Ordnung”, sagte ich. Eine knappe Viertelstunde war vergangen, als wieder ein Beamter hereinkam und fragte: “Wo ist Kirschner?” “Er war gerade hier”, antwortete ich. “Wenn Cheschwan von Stern zurückkommt, schicke ich ihn sofort hinüber. Nehmen Sic Platz.” “Danke. Wissen Sie zufaellig” ob er schon etwas wegen des Wohnbauprojektes Ramat Aron unternommen hat?” “Das ist sehr wahrscheinlich”, sagte ich. “Dann nehme ich die Mappe gleich mit. Wenn er nach Feintuch fragt, sagen Sie ihm, dass ich eine Besprechung mit Mayer habe.” Einige Sekunden spaeter stand Kirschner atemlos vor mir: “Wo ist die Mappe Ramat Aron? Der Alte wird tobsüchtig, wenn; sie sich nicht sofort findet!” “Um Himmels willen!” rief ich. “Vor einer Minute hat Feintuch die Mappe zum Alten mitgenommen!” “Und wo ist Cheschwan?” “Er konferiert noch immer mit Stern. Ich warte hier auf ihn. ” “Gut”, meinte Kirschner “Wenn das so ist, dann geben Sie doch bitte den Goldberg-Plän in die Givath-Seren-Mappe!” (Fortsetzung Seite 23)

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