Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIII (1961)
- Issue
- 12 (Diciembre 1961)
- Date
- 1961-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/8553624-8558034-9194497--3341-8558325- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Vermutung naneiegen, aass zumindest in der Sparte Papierproduktion der Ostblock die westliche Welt bereits heute ueberfluegelt hat und nicht erst in 20 Jahren, wie das Kruschev vorschwebt. EIN GANZ “PRIVATER” BRIEF Darunter befindet sich ein am 10. Juli datierter und hier am 27. Oktober eingegangener Brief unseres Glaubensgenossen Herrn Manfred Feist, wohnhaft in Berlin W 8, Mauerstrasse 45. Ob diese Mauerstrasse etwas mit der Mauer zu tun hat, hinter der die Volkspolizei die gesamte Bevoelkerung von Ostberlin, einschlieslich Herrn Feist, eingesperrt hat, erscheint im Hinblick auf das Datum zweifelhaft. Was schreibt uns nun besagter Herr Feist? Angeregt durch das Konzert eines Musikers aus Israel und durch ein Forum ue’oer den Eichmann-Prozess schildert er in eindringlicher Form, dass “hier im Osten Deutschlands dieses System, das die Juden in aller Welt ausrotten wollte, selbst mit der Wurzel gerodet wurde - vom Staat und von der gesamten Bevoelkerung, die seit 1945 bewusst umgelernt und die Lehren aus der finsteren Vergangenheit gezogen hat. “Wir erfahren, dass Denken und Handeln in der DDR von Begriffen wie Frieden und Voelkerverstaendigung, Achtung und Liebe, Humanismus und Humanitaet bestimmt werden, dass juedisches Kulturgut geachtet und geschuetzt wird, juedische Altertuemer, Friedhoefe und Bauten gepflegt und dass dem Landesrabbiner Dr. Martin Riesenburger der Vaterlaendische Verdienstorden in Gold verliehen worden ist. Diese und andere erfreuliche Umstaende fuehren ihn schliesslich zu der optimistischen, aber anscheinend wohl fundierten Prognose, dass ‘in naher Zukunft juedische ¡Musik und Dichtung auch von der Freundschaft und dem guten, gluecklichen Zusammenleben und Zusammenarbeiten mit Menschen der DDR aussagen werden”. Wie Goetz von Berlichingen aber sehr richtig sagt: “Wo viel Licht ist, ist starker Schatten”, so gewinnt dieses Panegyrikum auf die Deutsche Demokratische Reuaoo üiii i.ui ¿Ai Atemzug mit Himmler, Kaltenbrunner und Heydrich nennen kann, mit Vorliebe aber in der Zusammenstellung. EICHMANN UND GLOBKE Wenn es jemanden moeglich sein sollte, den Konzepten unseres freundlichen Korrespondenten ganz unvoreingenommen zu folgen, dann muesste er wohl spaetestens bei dieser Paarung stutzig werden: ist sie doch nicht nur offensichtlich willkuerlich, sondern vor allem das in diesem Zusammenhang abgenutzteste Klischee der offiziellen kommunistischen Propaganda. Eichmann und Globke, Globke und Eichmann sagt, funkt, druckt, karikiert und propagiert man seit Jahr und Tag aus Moskau, Berlin und den anderen Satelliten-Hauptstaedten. Der Eichmann-Prozess sei eine Farce, weil nicht auch Globke auf der Anklagebank sitze, wird behauptet. Die israelische Regierung sei gestuerzt, weil Servatius Globke erwaehnt habe, so hat man direkt aus Jerusalem erfahren. Ben Gurion sei in Bonn gesehen worden, wo er bei Nacht hingeflogen sei, um Adenauer zu versprec h e n, dass Staatsanwalt Hausner das belastende Material gegen Globke heimlich vernichten werde, wie ein absolut zuverlaessiger Reporter in Erfahrung gebracht hat. Die Absicht der Brandmarkung der BRD liegt klar zu Tage. Die Zusammensetzung ist ebenso willkuerlich wie naiv. Eichmann war, wie der Urteilsspruch von Jerusalem wohl in Baelde beweisen wird, aktiv und fuehrend an der physischen Ausrottung der Juden beteiligt. Globke war ein hoher Beamter des Innenministeriums und in dieser Eigenschaft, gemeinsam mit einem Kollegen Stukkart, mitverantwortlich fuer die Ausfuehrungsbestimmungen der Nuernberger Gesetze. Eine der groessten Autoritaeten in der Klaerung der Ausrottungspolitik, der Englaender Gerald Reitlinger, schrieb 1956 in seinem Werk “Die Endloesung” (Colloquium-Verlag, Berlin) u. a.: “Unter jenen, die spurlos verschwunden sind, befinden sich Heinrich Mueller und Adolf Eichmann, die beiden g r o e s sten Massenmoerder 1' i»i;UND | DRUEBEN Nun ist es gewiss nicht unsere Aufgabe, Herrn Globke zu rechtfertigen. Wir sind uns klar darueber, dass Buerokraten wie er den Weg fuer die Verbrecher freim^hten, dass sie nicht nur moralisch, sondern rechtlich mitschuldig sind und däss sie vor ein Gericht gehoeren und nicht in das Kanzleramt von Bonn. Wir sind uns ebenso klar darueber, dass sein Verbleiben auf dem Vertrauensposten Adenauers mehr ist als eine Unvernunft des Kanzlers, der damit das Propagandafeuer seiner Feinde mit Bergen braunen Strohs naehrt. Richtig versteht man es wohl nur, wenn man es im Zusammenhang mit der von vielen alten Nazis durchsetzten Verwaltung und Justiz sieht, den milden Urteilen gegen notorische Kriegsverbrecher und allen anderen Misstaenden, deren Anprangerung aber kein Monopol der kommunistischen Propaganda ist. Mindestens ebenso unermuedlich und von keinen politischen und opportunistischen U e b e rlegungen gehemmt, werden dieselben seit eh und je von der juedischen Presse denunziert und, zu ihrer Ehre sei es gesagt, von der grossen Mehrheit der demokratischen oeffentlichen Meinung Westdeutschlands. Denn —und hier kommt die Kehrseite der Medaille— auch in der BRD, unter dem gleichen Adenauer, der den ganzen Ballast der Vergangenheit noch nicht losgeworden ist, hat man einen Weg gesucht zu “Humanismus und Humanitaet”. Herr Feist mag seine Zweifel hegen ueber die praktische Bedeutung der sogenannten “Wiedergutmachung”, ueber die Hilfe, die sie fuer den Staat Israel ausmachte und die Erleichterung, die das Los greiser Fluechtlinge erfuhr, aber er darf sich von Leuten, die das nicht aus der Mauerstrasse und ueber eine Mauer hinweg beobachten muessen, gesagt lassen: Es hat seine Bedeutung und vor allem, es ist ihnen ernst damit. Man braucht dagegen nur an die geschmacklosen antiisraelischen Attacken z u erinnern, die der inzwischen v e r storbene Innenminister der DDR, Heinrich Rau, im Vorjahre anlaesslich seines ueberhaupt der P. ..gandist eines totalitaeren Staates, Misstaende der Demokratie... im Namen der Demokratie zu beanstanden?! DER ROTE ANTISEMITISMUS Herr Feist belehrt uns naemlich, dass “der Antisemitismus keine spezifische Eigenschaft des deutschen Volkes ist und dass seine Wurzeln in der Gesellschaftsordnung liegen, die bei uns (im Osten) ueberwunden wurde”. Selbst wenn man beide vor dem Komma aufgestellten Praemissen akzeptiert —Antisemitimus ist keine deutsche Eigenschaft und der Kapitalismus ist schuld—, so ist die Schlussfolgerung lpider so grotesk falsch, dass man lachen muesste, wenn es nicht so traurig waere. Seit dem Tage naemlich, da sein Brief geschrieben wurde, wurden seine Ideen widerlegt nicht etwa vom Presseamt von Bonn, nicht von Wall Street und nicht aus Jerusalem, sondern ganz schlicht von der Wirklichkeit. Der grauen Wirklichkeit von Moskau, den duesteren Ereignissen von Leningrad. In jeder dieser beiden groessten Staedte Russlands sind die drei prominentesten Fuehrer der dortigen Synagogen-Gemeinden zu langjaehrigen Strafen Gefaengnis und Zwangsarbeit verurteilt worden. Die Anschuldigungen, die natuerlich erst nach der Urteilsverkuendung bekannt wurden ebenso wie die ganzen, bis dahin geheim gehaltenen Prozesse ueberhaupt, sprechen vage von Kontakten mit einer Botschaft, offensichtlich der israelischen. Ausserdem wurde im Zuge dieser neuen “Aktion” die Schliessung von 12 Synagogen und der einzigen Jeschiwa vorgenommen. Evtuschenko, ein russischer Dichter, der in anklagenden Versen gegen den Antisemitismus in Russland Stellung genommen hatte, wurde Angriffen ausgesetzt, wie sie seit Pasternak kein Sowjet- Intellektueller erlitt und der Mann, der letzteren als “Schwein” bezeichnet hatte, ist zum Chef der Geheimen Staatspolizei befoerdert worden. Die israelische Zeitung “Hazofe” hat diese Ereignisse resigniert mit der Berner - Wie kommt es also trotzdem dazu? Wir koennen es Herrn Feist sagen: im totalen Staat kann alles sein! Und das ist es, was die sogen a n nten Volksdemokratien und die Sowjetrepubliken mit dem NS-Staat gemeinsam haben: Es gibt keine Teilung der Gewalten, es gibt keine Meinungs-, Glaubens-, Gewissens-, Versammlungsfreiheit, es gibt keinen Schutz vor Willkuer, mit einem Wort, es gibt kein Recht! VON STALIN ZU KRUSCHEV Trotz allem, wohlgemerkt, Herr Feist, wir lassen uns nicht dazu hinreissen, den Humbug “Globke und Eichmann” etwa mit einem Echo “Hitler und Kruschev” zu beantworten. Nein. Wir bewahren Sinn fuer Proportionen. Hitler, Himmler, Kaltenbrunner, Eichmann sollen das Privileg haben, die unterste Sprosse der Hoellenleiter allein einzunehmen. Wir wissen noch nicht einmal genau, ob Kruschev Antisemit ist. Es gibt viele Anzeichen dafuer, Dinge, die man in Russland Beweise nennen wuerde und wir wollen auch nicht leugnen, dass wir begruendeten Verdacht hegen. Es kommt uns aber garnicht so sehr darauf an. Worauf es naemlich ankommt, ist dass die juedische Minderheit dort dem immer moeglichen und jetzt leider wieder eingetretenen offiziellen Antisemitismus schutzlos ausgeliefert ist. Vor Stalins Tod war es der monstruoese Aerzteprozess —was waere mit den Juden Russlands nicht beinahe geschehen?—, heute sind es andere, ebenso aus der Luft gegriffen Anklagen. Aber die “Justiz” ist die gleiche geblieben seit den Tagen der Schauprozesse von Moskau, deren Urheber heute auch im Kreml Moerder genannt werden. Eine “Justiz” unter Ausschluss der Oeffentlichkeit, mit geheimen Verfahren, mit erpressten Gestaendnissen, ohne Verteidigung und mit politisch inspirierten Urteilen. Nur so ist auch die Mentalitaet zu verstehen, welche die unter peinlichster Beachtung einer korrekten Prozessordnung gefuehrte Anklage gegen Eichmann als “Farce” (Fortsetzung Seite 10)