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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1961-11-01 · 11 (Noviembre, 1961) · p. Seite 9

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXIII (1961)
Issue
11 (Noviembre, 1961)
Date
1961-11-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Noviembre Í961 BOLETÍN INFORMATIVO 9 STEFAN ZWEIG Zur Wiederkehr seines 80. Geburtstages Von Hans-Günther Jonas VORGEFUEHL Linder schwebt der Stunde Reigen Uebcr schon ergrautem Haar, Denn erst an des Bechers Neige Wird der Grund, der goldne, klar. Vorgefuehl .des nahen Nächtens, Es verstoert nicht... es entschwert. Reine Lust des Weltbetrachtens Kennt nur, wer nichts mehr begehrt, Nicht mehr fragt, was er erreichte, Nicht mehr klagt, was er gemisst Und dem Altern nur der leichte Anfang seines Abschieds ist. Niemals glaenzt der Ausblick freier, Als im Glass des Scheidelichts, Nie liebt man das Leben treuer Als im Schatteg des Verzichts. STEFAN ZWEIG, AM VORABEND SEINES TODES Vor 80 Jahren, am 28. November 1881 wurde Stefan Zweig in einer Sternenstunde m Wien geboren, in einer Welt von gestern. Und wenn wir heute auf sein Werk zurückblicken, so sei es mit den Worten, die er selbst als Vorwort waehlte: “So sprecht und waehlt ihr Erinnerungen statt meiner und gebt wenigstens einen Spiegelschein meines Lebens, ehe es ins Dunkle sinkt”. Dreigeteilt ist das Leben Stefan Zweigs, wie es vor uns steht die Zeit seiner Jugend, der Entwicklung, des Aufstiegs bis zum ersten Weltkriege dann die Zeit zwischen den beiden Kriegen, in der sein Licht den literarischen Himmel kometenhaft durchzog und zuletzt die Zeit, nach der seine Werke verbrannt wurden, er wandernd ging von Land zu Land. Und als die Flammen des letzten Weltkrieges seine Welt von gestern zerstörten, da fand er nicht mehr den Mut weiter zu leben, neu zu wirken. Sohn eines reichen Industriellen, vom orthodox religiösen Judentum weit entfernt, war für Zweig Judesein nichts anderes als eine nun einmal durch Geburt anhaftende Unvermeidlichkeit, etwas aeusserliches, an das er nicht zu denken brauchte. Es bedeutete ihm nichts anderes als die Zugehörigkeit zu einer Religion, wie jede andere, bis ihn äussere Umrtaende zwangen, ganz Jude zu sein. Und es mag kein Zufall sein, dass er die Frau katholischen Glaubens, mit der er über 25 Jahre in glücklichster Ehe lebte, verliess, um eine Jüdin, eine Emigrantin, Lotte Lehmann in London, zu heiraten, die ihn auch in das selbstgewaehlte Exil, nach Brasilien, begleitete und mit ihm zusammen den freiwilligen Tod waehlte. Zweig besuchte die Schule, die Universitaet, und seine Erstlingsgedichte deutscher Lyrik wurden veröffentlicht als er noch Student war. Mit 21 Jahren wendet er sich an den Feuilletonredakteur der “Neuen Freien Presse”, Theodor Herzl, mit einer Prosaarbeit, die auch angenommen wurde. Mit Theodor Herzl, der das junge Talent Zweigs erkannte, und der ihn für die zionistische grosse Arbeit und Aufgabe zu gewinnen suchte, kam er mehrere Male zusammen, doch schlugen diese Bemühungen fehl. Das war 1901. Einige Jahre spaeter, mit 25 Jahren, auf seinen Reisen ins Ausland, wird Zweig mit Emile Verhaeren bekannt, dessen Gedicht werke und drei Versdramen er ins deutsche übersetzt und dadurch Verhaeren weiten Kreisen bekannt macht. Er reist viel, ganz Europa ist seine Heimat, er lebt in Paris, in England, Italien, Spanien und Holland. Er trifft mit Rainer Maria Rilke zusammen, mit Gerhard Hauptmann, Artur Schnitzler, Beer-Hoffmann und vielen anderen. Als Feuilletonist stehen ihm fast saemtliche deutsche Zeitungen zur Verfügung. Er veröffentlicht ein Versdrama “Thersites”, schreibt einen Einakter “Der v e r wandelte Komoediant”, doch hat weder mit dem einen noch mit dem anderen Erfolg. Der Sommer 1914 traf Zweig wieder bei seinem Freunde Verhaeren in Le Coq, einem Badeort in Belgien, und der Weltbürger wurde mit der Kriegserklaerung wieder der oesterreichische Staatsbürger, der mit dem letzten Zuge Wien zu erreichen suchte. Und wenn er auch den Krieg verurteilt, wird er doch in eine Uniform gesteckt und machte einige Jahre den Krieg mit. Waehrend des Krieges reift in ihm die Idee zu dem Versdrama “Jeremias”, ein Werk gegen die Tyrannei, gegen den Krieg. In der biblischen Gestalt des Jeremias, entwirft er ein Bild der Rettung des Geistes in der Niederlage, im vergeblichen Ringen um den Sieg. Und als Zweig dieses Werk Jahre spaeter mit den Augen des Juden übersieht, schreibt er: “Unbewusst hatte ich an etwas gerührt, das in mir bisher ungenutzt gelegen: An die im Blut oder Tradition dunkel begründete Gemeinschaft mit dem jüdischen Schicksal”. 1917 erscheint der “Jeremias” in Buchform und wird vom Züricher Stadttheater zur Uraufführung gebracht. Zweig selbst gelingt es, in die neutrale Schweiz zu gelangen, aus der er nach Beendigung des Krieges nach Salzburg zurückkehrt, wo er noch im Kriege ein Haus gekauft hat, 20 Jahre wird er in ihm wohnen, dort schreibt er sein Werk, das ihn berühmt macht. Dort schreibt er seine Trilogie “Baumeister der Welt”, seine Novellen “Amok” und “Brief einer Unbekannten”. Ein kleines Inselbaendc-hen historischer Erinnerungen, “Sternstunden der Menschheit”, erfaehrt eine nie dagewesene Auflage von 250.000 Exemplaren in deutscher Sprache. Alle gehören sie zusammen, diese Werke, bilden einen Kreis, einen Abschnitt dieses Schaffens, dieses satten, behaglichen, emsigen Schaffens von Gestalten. In der ihm eigenen, neuen Sprachform, wohlgeformt gehen sie ineinander über, diese Werke, sie sind geschrieben aus der Liebe an der Schönheit des Wortklanges, dem-Zusammenspiel, dem fliessend e n, aneinanderreihenden, vergleichenden, sie sind geschrieben aus dem Bedürfnis heraus zu schreiben, aus dem Bedürfnis der Befreiung innerer Gestaltung des Gedachten. Als ein grosser Verehrer Dostojewskis hat Zweig sich an dessen Biographie herangewagt. 5 Jahre bringt er mit den Vorarbeiten zu —einzigartig in seinem Schrifttum, dass er sich mit einer Arbeit so lange befasste— und doch muss gesagt werden, dass sich ihm die dunklen, verborgenen Kammern der Seele eines Dostojewski nicht öffnen. Schön geformt sind sie seine Vergleiche in der Dostojewski - Biographie mit Rembrandt, dem Maler, doch der Lichtmensch Zweig sucht Licht, und das sucht er vergebens, und deshalb dringt er nicht ein in das Werk des ihm Entgegengesetzten. Dostojewski rang immer wieder mit Gott, mit Gott, wie Zweig schreibt, der ihn wie Hiob geisselte; er glaubte tief und religiös an Gott, an Russland und den russischen Erlöser. Zweig . glaubte nicht, nimmt sein Judesein hin als etwas unvermeidlich Angeoorenes, bis er durch aeussere Geschehnisse ganz Jude wird. Zweig bleibt im Gegensatz zu Dostojewski im Sehenden, im Geschehenen, im Raum einer Zeitepoche gebunden, waehrend sein Gegenspieler in die Gedankengaenge des Unterbewussten, Unterirdischen e i n d r i n g t. Zweig war nie Kaempfer, er hasst Kampf, er sucht Ruhe, Schönheit, Freiheit und Weite, und da man sie ihm nimmt diese notwendigen Attribute von Ruhe und Schönheit, Freiheit und Weite, da muss er zerschellen an den Klippen des ihm aufgezwungenen Schicksals. Was den einen niederzwang, hat den anderen erhoben. Wir müssen Stefan Zweig verstehen, den Hellen, Lichtbedürftigen als Beherrscher des geschriebenen Wortes, dessen Wortklang gleich der Musik auf uns wirkt, schön, angenehm, mild, als eine Symphonie gesprochener Gedanken, aus der Fülle der Gedanken, die er als Europäer empfand. Im dem Jahrzehnt der Ruhe zwischen 1920 und 1930 hat Zweig' den Erfolg, der nur wenigen Sterblichen beschieden. Seine Werke wurden in 18 Sprachen übersetzt, denn es bleibt das Besondere, das Ueberragende in seinem Schrifttum, dass er in die Prosa das Lyrische bringt, einen verstaendlichen Satzbau findet und benutzt, der es erlaubt, in freier Nach gestaltung inhaltlich auch in anderen Sprachen nicht nur verstaendlich zu sein, sondern auch in seiner Romantik zu wirken. Und dann kam die Zeit des Niederganges, wie Zweig es nennt, des “Sonnenunterganges”, die Zeit des Rückfalls der Kultur, der Durchbruch des Bestialischen im Menschen, des aufgeschürten Massenwahns, da man Juden als Freiwild betrachtete. Und Jude war auch Zweig. Da verlaesst er Salzburg und geht nach London. Dort, in diesem kalten Lande, schreibt er mit der ganzen Waerme seines Herzens einen Roman, der von seinem bisherigen Schaffen abweicht: “Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam”. BrutaJe Gewalt stellt er dem Humanen gegenüber, er sucht und findet in der Gestalt des EraSfhus sich rebst, wenn er schreibt: “Erasmus hat viele Dinge geliebt, die wir lieben, die Dichtung und die Philosophie, die Bücher und die Kunstwerke, die Sprachen und die Völker, und ohne Unterschied zwischen ihnen allen die ganze Menschheit um der Aufgabe höherer Versittlichung willen. Und er hat nur ein Ding auf Erden wahrhaft gehasst: den Fanatismus. Im tiefsten hat Erasmus immer gewusst, dass dieser Unheilgeist der menschlichen Natur, dass der Fanatismus ihm seine eigene, mildere Welt und sein Leben zerstören werden”. Das schreibt Zweig über Erasmus und meint sich selbst. In London auch, in dieser letzten Epoche seines Lebens, findet er zurück, das tief in ihm vergraben schlummerte, zu seinem Judentum und er erweckt es zu neuem Leben, Aufleben, Aufglühen, als ei sich erinnert an eine alte Maer, erzaehlt von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht und er schreibt die “Legende vom vergrabenen Leuchter”. Er findet den Weg zu dem in ihm vergrabenen, köstlichen Gut, das in seinem Blute schlummerte, und es mag eine Ironie des Schicksals sein, dass er es fand fast am Ende seiner schöpferischen Laufbahn und nicht zu seinem Anfang, als er mit Herzl in Verbindung stand. Und es ist wie ein Schrei den er in den Mund des Kindes legt, wenn er schreibt: “Doch warum liesset ihr euch den Leuchter nehmen’ Warum duldet Gott diesen Frevel?”. Und er laesst den Alten antworten: “Du hast mich gefragt, mein Kind, aus der Einfalt deines Herzens: warum duldet Gott diesen Frevel an uns und an ihm? und ich antworte dir aus der Einfalt meines Geistes, so redlich ich vermag, ich antworte dir: ich weiss es nicht. Denn wir kennen nicht Gottes Plaene und ahnen nicht seine Gedanken, aber immer, wenn ich selbst mit ihm rechte in der Torheit meines Schmerzes und im Uebermass unserer gemeinsamen Leiden, dann versuche ich mich zu trösten, indem ich mir sage: vielleicht ist ein Sinn in dem Leiden, das er uns zumisst, und vielleicht büssen wir jeder eine Schuld. Vielleicht ist unser wahrer Weg dies, dass wir immer am Wege sind, wehmütig zurückblickend und sehnsüchtig voraus, immer nach Ruhe begehrend und immer noch ruhelos; .denn immer ist nur dies ein heiliger Weg, dessen Ziel man nicht kennt, und den man beharrlich doch schreitet”, Als Zweig London verlaesst, Europa mit Brasilien als Wahlheimat vertauscht, enttaeuscht von der Welt, schreibt er in seinem geistigen Testament “Die Welt von Gestern”: “Aber das Tragischste in dieser jüdischen Tragödie des 20. Jahrhunderts war,, dass die, die sie erlitten, keinen Sinn mehr in ihr finden konnten und keine Schuld”. Zweigs Glaube an die Welt war zerstört, seine Kraft erlahmt, nicht mehr hatte er den Mut zu überleben, zu bestehen, zu siegen. So ver- .’iess er diese Welt. In vielem hat er geirrt, denn auch er war nur ein Mensch und was er über Erasmus, den Begründer des Humanitaet sgedankens schrieb, kann man auf ihn selbst anwenden: “Er war ein Geist, vielleicht nicht höchsten Ranges, aber weitesten Wissens”. floteé RESTAURANT BAR BRILL Alle Arten von festlichen Veranstaltungen. Erlesen gute Küche für den verwoeh niesten Geschmack. Unsere Terrasse erwartet Sie zum Te. Verlangen Sie Kostenvoranschlaege, die sich Ihren Moeglichkeiten anpassen. Telefon 82911 immer zu Ihren Diensten

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