Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIII (1961)
- Issue
- 10 (Octubre, 1961)
- Date
- 1961-10-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Octubre 1961 BOLETIN INFORMATIVO 7 ZUR LAGE DER JUDEN IN DER WELT DEUTSCHE JUDEN IN DEN VEREINIGTEN STAATEN Berufliche und wirtschaftliche Leistung der deutschjuedischen Einwanderung in den U. S. A. (1935-1960) Von Julius und Edith Hirsch Die deutschen Juden, ein wertvoller Bestandteil deutscher Wirtschaft und deutscher Geistesarbeit, eine fleissige Mittelstandsgruppe wurden’, nach einem ungewoehnlich erfolgreichen Aufbau seit ihrer Emanzipation, einer Bluetezeit von 1810 bis 1930, fast ploetzlich ins Elend gestuerzt- Mit denen von ihnen aber, die mach Amerika kommen konnten geschah etwas Ausserordentliches. Etwa 200 — 250.000 Menschen, durchschnittlich mit hoeherem Lebensalter als andere Einwanderer-Gruppen es aufweisen, errichteten sie in wenig mehr als 20 Jahren eine neue Existenz; ein recht bedeutender Teil gelangte wieder zu Wohlstand; ihre Kinder erhielten die Chance freien Aufstieges. Diese Einwanderungsgruppen brachten durch ihre wertvollen Persoenlichkeiten geistige und fcuenstlerische Hoechstleistungen hervor, deren Wirkungen teilweise weit in die Zukunft reichen, und die das .Einwanderungsland nicht nur neidlos, sondern dankbar anerkennt. Die Einwanderung nach den Vereinigten Staaten begann langsam, die Uebersiedlung in mehr vertraute europaeische Laender war noch moeglich. Zudem war die U. S. A. seit 1930 in der schwersten wirtschaftlichen Krise, ihre Arbeitslosenzahl betrug noch 1939 9 Millionen. Zuerst kamen die, die persoenliche Beziehungen hatten. Professoren mit Berufungen, Kuenstler und Geschaeftsleute, die schon vorher Verbindungen hier hatten, Familien besonders aus Sueddeutschland, die Verwandte vorfanden. Als schliesslich die Verhaeltnisse in Deutschland immer unertraeglicher wurden und dann der Krieg in Europa ausbrach, wuchs die Einwanderung. Viele, die nach 1938 eintrafen, kamen aus Zwiscbenwanderungslaen dera. Eine grosse Zahl langte mit recht wenig Geld an und viele waren voellig mittellos. OFFIZIELLE UND INOFFIZIELLE EINWANDERUNGS- STATISTIK Aus den keineswegs uebereinstimmenden Statistik e ri koennen wir wohl fuer die “erste grosse Welle der Einwanderung, von 1933 bis 1944 mit ungefaehr 100 — 150.000 juedischen Refugees aus Deutschland und Oesterreich rechnen. Eine zweite Welle kam nach dem Weltkrieg und Anfang der 50 Jahre, als die Refugee- Kolonien in Shanghai und anderen Zwischenwa n d erungslaendern sich aufloesen konnten oder mussten. Bis 1955 mag die Gesamtzahl auf oder ueber 200.000 gewachsen sein, wovon etwa 150.000 aus Deutschland stammen. Die Einwanderung von 1933 ab unterschied sich in ganz wesentlichen Punkten gegenüber der von f r u e h e r, Wenn vorher Menschen gekommen waren, die in der alten Heimat keinen Boden gefunden hatten oder denen eine berufliche Ausbildung nach ihrer Wahl verwehrt worden war, also hauptsaechlich ungelernte Arbeiter, so kamen jetzt Menschen mit guter Schulung und Berufsausbildung, von denen »viele erfolgreich, oft (sogar besonders erfolgreich gewesen waren, und die ohne die Verfolgung die ihnen liebgewordene Taetigkeit nicht aufgegeben haetten. Waehrend frueher alleinstehende junge Maenner das groesste Kontingent gewesen waren, kam jetzt Familieneinwanderung. Die Frauen waren sogar ein wenig in der Mehrheit. Weiter war die Alterslage ganz ungewoehnlich hoch. Im Jahre 1945, also kurz nach dem Hauptstrom (1938-1941) setzte sich die Gruppe der Erwachsenen unter unseren Einwanderern wie folgt zusammen: Alter Prozent 16 — 30 16,2% 31 — 40 20,3% 41 — 50 27 % 51 — 60 21,5% 61 und mehr 15 % Hiesige private Erhebungen und Beobachtungen stimmen mit deutschen Statistiken dahin ueberein, dass die Neuankoemmlinge weitgehend finanziell und kulturell zu den mittleren und hoeher situierten Schichten gehoert hatten, und dass sie eine ungewoehnlich gute formale und berufliche Ausbildung mitbrachten. Besonders ungewoehnlich war auch ihre Berufsschichtung. Ueber die Haelfte aller Berufstaetigen i n Deutschland waren 1933 selbstaendige oder mithelfende Familienangehoerige gewesen. Zwei Fuenftel hatten sich in irgendeiner Form im Handel und Verkehr betaetigt und eine grosse Anzahl in den freien Berufen. Entsprechend war die Zahl der Handarbeiter ueberhaupt, aber besonders der ungelernten Arbeiter und der in der Landwirtschaft Taetigen und Hausangestellten sehr klein. Es war eine “Stehkragen” und sitaedtische Einwanderung mit spezialisierten Fachkenntnissen. War die Refugee-Einwanderung ein Erfolg fuer die Ankoemmlirige? War sie vor allem auch ein wirtschaftlicher und kultureller Gewinn fuer das grosse Land, das sie so freundlich aufnahm? Wir koennen beide Fragen aus vollster Ueberzeugung positiv beantworten. Von den Einwanderern aus gesehen: Praktisch haben alle, die ueberhaupt arbeitsfae h i g waren, hier ihr Auskommen gefunden. Gewiss, es geht der Gesamtheit nicht so gut wie frueher, aber die wirtschaftliche Lage dieser Gemeinschaft von zunaechst vielleicht 80 — 90.000 Erwerbs taetigen ist erstaunlich gut- und zeigt einen sehr deutlichen .stetigen “Zug” nach oben. Besonders eindeutig ist das bei der relativ grossen Gruppe der Akademiker und der freien Berufe. Es ist aehnlich in grossen Teilen des eigentlichen Wirtschaftssektors, in dem der Anfang fuer viele ungemein schwer war. VON DEM EINWANDE¬ RUNGSLAND AUSGESEHEN Wie hoch man den wirtschaftlichen Wertzuwachs einschaetzen mag, weit bedeutsamer und weit in die Zukunft reichend erscheint der geistig kulturelle Gewinn. Das ist das Gastgeschenk unserer Emigration. Es in seiner Fuelle hier darzustellen, ist unmoeglich; wir koennen nur andeuten. An erster Stelle steht der Betrag zur Umwandlung und Neugestaltung unserer Kenntnis der Struktur der Welt. Amerika betrachtet Albert Einstein als seinen vielleicht groessten wissenschaftlichen Geist. Ausser ihm aber kamen viele andere Mathematiker, Physiker, Chemiker und Biologen, deren Bedeutung nicht durch den einen Einstein verkleinert werden soll. Auch sind es nicht nur solche, die als bekannte Forscher hier ankamen. Schon begegnen uns unter den jungen Wissenschaftlern Namen, die uns auf demselben Feld von Deutschland her vertraut sind; die Kinder setzen aus Neigung die Tradition fort. Der Beitrag zur Psychologie ist mannigfach und hier muss insbesondere auf die' "Gestalt-Psychologie'” , hingewiesen werden. Mit Recht oder mit Unrecht weiss die Allgemeinheit am meisten von den Arbeiten der Schueler und Antagonisten Siegmund Freuds. Die Bedeutung der Nationaloekonomen sehen wir staerker als im rein Theoretischen in der Einfuehrung neuer Systeme volkswirtschaflicher Messungen prak- ¿ischer Natur. Die Befruchtung der Architektur dieses Lan des durch eingewanderte Architekten, die Bedeutung ihres Schuelerkreises ist weit sichtbar in unserem Staedtebild. Ueber ihre Verbindungen mit den Universitaeten und durch Veroeffentlichungen ist der Anteil unserer Geistesarbeiter an der literarischen, sprachwissenschaftlichen, anthropologischen und kunstwissenschaftlichen Ideenentwicklung stetig gewachsen. In der kulturellen Sphaere war aber vielleicht am weitgehendsten der Anteil, den die Einwanderung an der Neugestaltung des Musiklebens hatte, die sich in den letzten 20 Jahren vollzogen hat. Wir denken an die (Schaffung von Symphonieorchestern i n groesseren und mittleren Staedten, an das neu erweckte Interesse fuer Kammermusik und die Bildung von Kammermusikgruppen sowie an das junge Fach der Musikwissenschaft. Mit einem Hinweis auf die vielfaeltige Te i 1 n a h m e deutsch-juedischer Kuenstler aller Art an der Filmindustrie wollen wir diese ganz unvollkommene Zusammenstellung schliessen. Trotz der ueberragenden Bedeutung, die wir diesem geistig-kulturellen Einfluss beimessen, unterschaetzen wir nicht den wirtschaftlichen Beitrag, den wir mit den Faehigkeiten unserer .Besten mit dem grossen Arbeitswillen der Gesamtheit unserem Einwanderungslande brachten. Viele neue Arbeitsplaetze, viel zusaetzlicher Export und damit neue Produktionsmoeglichkeiten sind durch die Refugees geschaffen worden. Eine unabhaengige internationale Organisation wie die Unesco bescheinigt, dass die Refugees nicht nur eine grosse Anzahl Patente und ' anderer Neuerungen, sondern ein groesseres Mass von hier kaum oder noch garnicht vorhandenen Kenntnissen und Faehigkeiten mitgebracht haben. Mit Erstaunen koennen wir feststellen, dass fast keiner von uns noch ernsthafte Unterstuetzung aus oeffentlichen Mitteln braucht. Die Sorge unserer Selbsthilfeorganisationen gilt heute zumeist den alten Leuten, die nicht allein leben koennen und fuer die auch im allgemeinen noch lange nicht genug gesorgt ist, sowie Einwanderern aus anderen Laendern United Hias Service berichtete schon 1956: “Wenn wir von den Altersrenten absehen, schaetzen wir, dass es heute nicht mehr als 2.000 Refugees gibt, denen noch irgendwelche Hilfe, voll oder teilweise gegeben wird, weder durch private noch durch oeffentliche Institutionen, d. h. zwei Drittel eines Prozentes der 300.000 neuen Amerikaner, die seit der Hitlerverfolgung hier aufgenommen wurden. Das ist eine auffallend niedrige Zahl”. HELFENDE KRAEFTE Wenn nicht nur die Eingliederung in die hiesige Wirtschaft ueberrasch e n d schnell gegangen ist, sondern darueber hinaus kulturell und wirtschaftlich wertvolles geleistet worden ist, so muessen wir dankbar anerkennen, das ganz ungewoenliche Umstaende, mit denen im Zeitpunkt der Einwanderung durchaus nicht zu rechnen war, eine erhebliche, vielleicht die entscheidende Rolle gespielt haben. Dies waren: 1) Die wohlorganisierten Hilfsorganisationen. 2) Der stuermische Aufschwung der amerikanischen Wirtschaft. 3) Die deutsche Wiedergutmachung und die “Social Security”. DIE HILFSORGANISATIONEN . Wahrscheinlich zum ersten Mal wurde fuer eine Einwanderungswelle eine, m|a n moechte sagen, wissenschaftlich geplante und organisierte Hilfeleistung durchgefuehrt, im Zusammenspiel von Einzelpersonen mit Organisationen aller Art, und zwar sowohl juedischer als auch interkonfessioneller. An diesen Hilsfaktionen nahm das ganze hiesige Judentum einhellig teil; mit Geld und darueber hinaus mit grossen Entgegenkommen und menschlichem Ver-' staendnis. 1938, als der Hauptstrom kam, standen zudem auch schon die Selbst hilfeorganisatiohen der Refugees bereit Im Vordergrund der Hilfeleistungen standen eingehende Berufsberatung, Stellennachweis und Betreuung. Darueber hinaus scheint es, dass etwa 28% der. Einwanderer anfaenglich auch in irgendeiner Form geldlich unterstuetzt werden mussten. Dabei ist zu erwaehneri, dass etwaige Anleihen schnell und willig von den Refugees zurueckgezahlt werden konnten. Ein ausfuehrlicher Bericht ist im Jahre 1951 erstattet und legt dar dass die Durchschnittskosten der Einordnung fuer eine Familie 800 Dollar betrugen. Fuer diese Zwecke gab allein das International Rescue Committee im Jahre 1950, also als die Hauptflut vorueber war, noch $ 1,7 Mill, aus. DAS AMERIKANISCHE WIRTSCHAFTSWUNDER 1950-1960 Trotz aller Hilfeleistungen — wo waeren wir hingekommen ohne den riesigen neuen Bedarf an Arbeitskraeften aller Art, der 1939 langsam begann und der den Arbeitsmarkt vollkommen veraenderte. Der Aufschwung setzte ganz allmaehlich ein. Als der Krieg kam mit Einziehung von Arbeitskraeften und grossem Mehrbedarf aller Art, fanden viele Tausende von Einwanderern ihren ersten Arbeitsplatz. In der Fabrik und im Bureau (Fortsetzung Seite 8)