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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1961-07-01 · 7 (Julio, 1961) · p. Seite 9

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXIII (1961)
Issue
7 (Julio, 1961)
Date
1961-07-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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JULIO 1961 BOLETIN INFORMATIVO 9 DIE "JUDENSPANISCHE" MUNDART Am 1. Maerz ds. Js. erschien in der “Neuen Zuercher Zeitung’’ unter dem Titel “Zum heutigen Stand des Judenspanischen’’ eine von E. Wh. gezeichnete Abhandlung. Der Referent befasst sich darin mit der Widergabe eines Vortrags der an der Universitaet Zuerich taetigen Hispanistin Dr. Eva Salomonski, die wir nachstehend zum Abdruck bringen: Der Judenspanische Dialekt, denn um einen solchen handelt es sich vom philolor gischen Standpunkt aus, vermag weitere Kreise als bloss den Hispanisten zu interessieren, fuehrt einen doch seine aeussere Geschichte waehrend des beinahe fuenf Jahrhunderte dauernden Bestehens in die entlegensten Gebiete, wo niemand “spanisch“ sprechende Menschen vermuten wuerde. Es handelt sich hier um die Sprache, die von den Ende des 16. Jahrhunderts aus Spanien vertriebenen Juden gesprochen wurde und von deren Nachkommen noch heute gesprochen wird. Die Benennung dieser Mundart ist ziemlich komplex. Es kommt vor allem darauf an, wer sie benennt. Fuer deutschsprachige Hispanisten heisst sie Judenspanisch, in Anlehnung an die franzoesische und spanische Bezeichnung. Daneben ist spaniolisch gebraeuchlich und Spaniolen fuer die Traeger dieser Sprache. Die heutigen in Israel lebenden Spaniolen nennen ihre Muttersprache in gehobenem Stil judeoespa¬ ñol und einfach espaniol im familiaeren. Fuer die anderssprachigen Bewohner Israels ist es ladino, das insofern zweideutig ist, als es von den Spaniolen fuer die archaisierende Hochsprache biblischliturgischer Texte gebraucht wird. Auf spanisch heissen die Spaniolen sefardíes (Einzahl sefardí) oder sefarditas und auf hebraeisch s’fardim, die alle auf den geographischen Namen s’farad (in der Bibel einmal, Obadja 20, belegt) zurueckgehen, dessen Lokalisierung umstritten ist, der aber seit dem 1. Jahrhundert mit Spanien identifiziert wird. Sephardische Juden sind also jene, die aus Spanien stammen, wohingegen jene aus Mittei- und Osteuropa, vor allem dann die deutschen, als aschkenasische Juden bezeichnet werden, von Aschkenas, einem Urenkel Noahs (1. Moses 10, 3); dieser Name wurde von den spaeteren Juden fuer Deutschland gebraucht. Auch gar nicht aufs Spanische oder Juedische bezogenen Namen begegnet man: judío “juedisch“ und jargón. Die Bedeutung des Judenspanischen liegt vor allem darin, dass es uns ein lebendiges Bilcl einer archaischen Stufe, peninsulaeren Sprachzustandes vermittelt, vergleichbar etwa dem Spanischen Suedamerikas und, auf deutsches Sprachgebiet uebertragen, dem Jiddischen. Aber auch seiner rein aeusseren Geschichte, seinem Schicksal, gilt unsere Aufmerksamkeit. Geographisch gesehen, kann man sagen, dass die Exulanten sich praktisch im tuerkischen Reich niederliessen, zu dem in gewisser Hinsicht auch Nordafrika zu rechnen ist. Auf diesem Riesengebiet kristallisierten sich allmaehlich zwei Zentren heraus: ein westliches mit Schwerpunkt Marokko und ein oestliches mit dem Balkan bzw. Bosporus als Brennpunkten. Mit der Vertreibung aus der Wahlheimat, in der die spanischen Juden waehrend eineinhalb Jahrtau senden lebten, beginnt deren Schicksal und entsteht ihre Sondersprache. Am 31. Maerz 1492 erlassen die katholischen Koenige das Edikt, durch welches die Juden gezwungen wurden, anderswo eine neue Heimat zu suchen. Sie fanden diese, zum Teil voruebergehend, in Portugal, Nord afrika, Italien und der Tuerkei; die Gruendung der bekannten nordeuropaeischeu Kolonien von Amsterdam, Hamburg und London erfolgte erst spaeter, gleichzeitig mit der Wanderungsbewegung nach den amerikanischen Kolonien. In Portugal fanden nur wenige staendiges Asyl: einige reiche Familien und gewisse Handwerkskategorien; der grossen Mehrzahl, etwa 95.000, versprach Koenig Johann II. gegen Bezahlung voruebergehende Aufnahme und Schiffe zur Weiterfahrt, was jedoch die an der Grenze ausgepluenderten F1 uechtlinge nicht aufbringen konnten, worauf sie einfach zu Sklaven erklaert wurden. Johanns Nachfolger, Manuel, erliess 1496 unter spanischem Druck ebenfalls einen Auswanderungserlass. Mangels noetiger Mittel liess sich ein grosser Teil im nahen Nordafrika nieder, und zwar in den sogenannten Berberstaaten Marokko, Algerien, Tunis, Tripolis und bis nach Aegypten. Hier bildeten sie gegenüber den dort bereits ansaessigen Juden eine Art Oberschicht. Das eine sefardische Zentrum, Marokko, ist heute infolge der politischen Ereignisse gefaehrdet, und das Spaniolische ist dort einem immer staerkeren Einfluss des Neuspanischen ausgesetzt, so dass wohl hier mindestens mit der Aufgabe des Dialektes zugunsten der Hochsprache gerechnet werden muss. In Algerien sprechen die Juden heute Arabisch, und es haben sich dort hoechstens einzelne Hispanismen gehalten. In Tunis sind ihre Sprachen Arabisch und Franzoesisch. Franzoesisch wurde übrigens an vielen Orten im Verlauf der letzten hundert Jahre zur Kultursprache der Oberschicht. In Tripolis herrscht neben Arabisch das Italienische, und was in Aegypten verblieb, spricht heute neben Arabisch Franzoesisch und Englisch. Hierhin gelangten dann übrigens im 18. Jahrhundert nochmals Spaniolen aus der Türkei, die um 1900 noch ihre Muttersprache beibehalten hatten. In Nordafrika sind also auch die letzten Reste des Spaniolischen (Nordmarokko) im Untergang begriffen. In Italien Hessen sich die Exulanten in Rom, Neapel, Ancona, Venedig, Ferrara und Padua nieder. Infolge der nahen sprachlichen Verwandtschaft des Italienischen mit dem Spanischen erfolgte hier schnell eine Assimilation. Von grosser Bedeutung ist dann aber das türkische Asyl Dort entstand, wie wir bereits wissen, ein wichtiger Brennpunkt, und von dort rekrutierten sich spaeter die meisten der heutigen Spaniolen in Israel. Heute noch leben 30.000 Juden in der Türkei mit spaniolischer Muttersprache, Die Zahl der dort gastfreundlich aufgenommenen Juden betrug um 1500 etwa 100.000. Erstes Zentrum war Konstantinopel, das aber bald von Smyrna und Saloniki, dem damaligen Klein- Madrid, überflügelt wurde. Das türkische Reich stand damals im Hoehepunkt seiner Macht und Ausdehnung, und das erklaert die Spaniolenkolonien in Griechenland, Jugoslawien, Bulgarien, Rumaenien und Ungarn, hier allerdings nur im Grenzbereich. Der Niedergang der sefardischen Gruppen des oestlichen Mittelmeerbeckens beginnt mit den Balkankriegen und dem Ersten Weltkrieg, das heisst mit dem Zerfall der Türkei und der Entstehung der Balkannationen. Diese Situation zog bei den sefardischen Juden eine neue Wanderbewegung nach sich. Viele von ihnen gingen nach Westeuropa und Amerika, wo sie ihre Sprache im südlichen Kontinent natürlich mit dem Neuspanischen tauschten. Die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges für die sefardischen und asch kenasischen Juden waren derart, dass als einzige Gruppe die bulgarische der Vernichtung entging; sie befindet sich heute in Israel. Fast ganz zerstoert wurden die jugoslawischen Gemeinden und die griechischen, mit Ausnahme der in Athen ansaessigen. Damit ging die spanische Kultur auf dem Balkan zu Ende. Den Ring ums oestliche Mittelmeer soll ein Blick auf die Verhaeltnisse in Vorderasien schliessen. In Syrien wurden die Juden arabisiert. Aber wie steht es mit Palaestina, das heisst mit dem heutigen Israel? Auch dorthin sind Exulanten aus Spanien gelangt, erhoehte sich doch die Zahl der jüdischen Familien, die 1488 70 betrug, auf 5000 zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Die Hauptzentren waren dort Jerusalem, das heute in Jordanien gelegene Hebron, Haifa, Jaffa, Tiberias und Safed. Da führten sie bis zum Ersten Weltkrieg ein kümmerliches Dasein. Die Lage aenderte sich aber mit der Balfour-Erklaerung von 1917, der Geburtsurkunde des heutigen Israel, und die, an Bedeutung gewinnende zionistische Bewegung hatte, neben andern, auch eine sefardische Inmigration zur Folge, so dass die heute in Israel lebenden Spaniolen meist ■ türkischer Herkunft sind. Ihre Zahl ist schwer festzustellen, und Angaben gehen von 45.000 bis 100.000. So fanden nun die ums Mittelmeer zerstreuten Nachkommen der Exulanten aus Spanien des Schicksals ist es, dass diese Heimkehr gleichzeitig auch das Ende dieser Sondersprache bedeuten wird, wie es für alle andern von den Juden dort als Muttersprache gesprochenen Sprachen der Fallsein wird, da ja bekanntlich Neuhebraeisch die Nationalsprache ist und für alle werden sollte. Wie nun diese Sprache aussieht, welches die Unterschiede zur neuspanischen Schwestersprache und die Parallelen zum Altspanischen sind, das zeigte zum Schluss die Referentin in einem mustergültigen Exkurs durch die lautliche, morphologische, syntaktische und lexikologische Struktur des heutigen Judenspanischem, wie es in Israel'überlebt. Die Tatsache, dass sowohl das Judenspanische des Balkans als auch das jenige Marokkos verschiedentlich Gegenstand der Forschung bildeten, erlaubten es ihr, sich so zu beschraenken. Dazu stützte sie sich auf Material, das ihr die beiden in Israel einmal bzw. dreimal woechentlich erscheinenden Zeitungen lieferten, die, nebenbei gesagt, den revolutionaeren Schritt von der hebraeischen zur lateinischen Schrift getan haben. Wir greifen aus der Vielfalt des Gebotenen das heraus, was uns besonders wichtig oder charakteristisch erscheint. Für den Hoerenden, der das Spanische nicht kennt, sind wohl allein die Unterschiede phonetischer Natur feststellbar, und dies ist hier insofern der Fall, als das Judenspanische Laute bewahrt hat, die im Neuspanischen unbekannt sind, wobei Neuspanisch im Sinn von Hochsprache gebraucht ist. So sagt der Spaniole für “er sagte” dicho (wobei ch den Lautwert des frz. ch. hat), also mit einem stimmlosen praepalatalen Reibelaut, der Spanier hingen dijo mit der bekannten spanischen Jota, also einem stimmlosen velaren Reibelaut, seit dem 16./ 17. Jahrhundert (lat. dixit). Für “Sohn” hat das Judenspanische ijo (wobei j auch wieder den Lautwert des frz. j. hat), mit stimmhaftem, praepalatalem Re i b e 1 a u t, neuspanisch hijo mit dem selben Laut wie dijo; altspanisch fijo (mit gleichem Laut wie das Judenspanische) (lat. filius). Dieselbe Differenzierung stimmlos/stimmhaft stellen wir auch bei den folgenden Beispielen fest: lateinisch platea ergab altspanisch placa mit stimmloser alveolarer Affrikata, das neuspanisch zu plaza, mit stimmlosem interdentalem Reibelaut wurde; judenspanisch plasa wird mit stimmlosem alveolarem Reibelaut gesprochen. Lateinisch facere "machen” führte über altspanisch fazer, mit stimmhafter Affrikata, zu neuspanisch hacer, das seit dem 17. Jahrhundert mit gleichem stimmlosem Laut wie plaza ausgesprochen wird. Das judenspanische azer bewahrt nun wieder den stimmhaften Laut. Wir haben in den nachstehenden Woertern ebenfalls Erhaltung de" stimmlosem im neuspanischen: nozotros “wir”, prezentar “vorstellen” und paizes “Laender”. Aus dem Gebiet der Formenlehre moegen die folgenden Beispiele Einblick in die Unterschiede zum Neuspanischen geben. Lateinisch sum, sto, vado, do werden zu so, estö, vö, dö, neben spanisch soy, estoy, voy, doy. Neben sö “ich bin” steht ein ebenfalls archaeiches sos “du bist” für spanisch eres. Hier handelt es sich ursprünglich um eine auf den Singular übertragene zweite Pluralform, doch ist dies ein Sonderfall, da das Judenspanische im Gegensatz zum Argentinischen den zweiten Singular bewahrt hat. Wie lautet nun also der zweite Plural? Es ist soch statt spanisch sois und wach statt vais. Die Normalendungen des zweiten Plural Praesens Indikativ sind -ach, -ech und -ich neben spanisch -äis, -6is und -is. Der zweite Singular des Praeteritums lautet -ates, -ites neben spanisch -aste, -iste: lateinisch intravisti zu judenspaniseh entrâtes, spanisch entraste. Dass wir Genusunterschieden bei Woertern, die im Altspanischen schwankenden Gebrauch zeigten, begegnen, ist nicht weiter auffaellig; so hat sich das Judenspanische für das Femininum der Woerter auf -or entschieden, waehrend sie im Neuspanischen Maskulina sind: dolor “Schmerz”, color "Farbe”, calor "Waerme”, nur labor “Arbeit” ist auch im Neuspanischen Femininum. Im Gebrauch von Diminutivsuffixen faellt auf, dass -ico durchgehend verwendet wird, im Spanischen jedoch meist -ito oder -illo (Dimin. mit bet. i). Die im Spanischen uniformen Adjektiva auf -al erhalten im Judenspanischen eine weibliche Form auf -ala: social/ sociala. In der Syntax heben wir besonders hervor den Gebrauch der Praeposition en nach Verben der Bewegung: venir en el pais (ins Land kommen’, arivar en Paris “in Paris ankommen” anstelle des üblichen a im Spanischen. Aber auch dafür gibt es Beispiele im Altspanischen. Auffallend ist ferner der Gebrauch des Praeteritums anstelle des Perfektes: El sekretario de la O. N. U. formo una komision konsejera statt spanisch ha formado. Auf dem Gebiet der Lexikologie schliessich muss man behutsam Vorgehen, wenn man den dem Neuspanischen unbekannten Woertern auf den Grund gehen will. Man muss unterscheiden zwischen Archaismen, das heisst Bewahrung alter Woerter, die im heutigen Spanisch nicht mehr Vorkommen, und Lehnwoertern, das heisst aus andern Sprachen eingedrungenen Elementen. Zu den erbwoertlichen Elementen, die i m Neuspanischen nicht mehr lebendig sind, zaehlen kale “es ist noetig”, merkar “kaufen” und ansi als alte Form von spanisch asi. Agora “jetzt” (ahora) und ainda “noch” (todavia) koennen Lusismen sein, aber da jenes altspanisch allgemein war und dieses ein moeglicher Gallizismus ist, wird man sich für beide zu einem Hispanismus entsc h e i d e n, ebenso im Falle von arivar “ankommen”, das ja auch Gallizismus sein koennte, für spanisch llegar. Ein echter Lusismus liegt hingegen bei alfinete “Stecknadel” vor, anstelle von spanisch alfiler. Als Gallizismen, die sehr zahlreich sind, dürfen angesehen werden inebranlavle “unerschütterlich”, des i d a r “beschliessen” von franzoesisch décider wegen des Konjugationswechsels (spanisch decidir). Als syntaktischer Gallizismus gilt vengo de enterrar “ich habe soeben” für acabo de. Die nicht minder zahlreichen Italianlsmen sind vertreten durch enpiegado von italienisch impiegato “Angestellter” für empleado, mit Suffixangleichung, wie serenata “Serenade”. Auch ma anstelle von pero erweist sich als eindeutiger tftalianismus. Die hebraeischen Lehnwoerter nehmen naturgemaess staendig zu. Erwaehnt sei der aus der Bibel stammende Plural los sielos und mazal “Glück” (ursprünglich Sternbild) für spanisch suerte.

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