Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIII (1961)
- Issue
- 6 (Junio, 1961)
- Date
- 1961-06-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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JUNIO 1961 BOLETIN INFORMATIVO 9 Deutschland und der Eichmann-Prozess ERNSTE BERICHTERSTATTUNG Wie wirken der Eichmann- Prozess und all das Entsetzliche, was er an den Tag bringt, auf die oeffentliche Meinung in Westdeutschland? Es ist schwer, sich darüber ein Bild zu machen. Wer unter oeffentlioher Meinung jene Meinungen verstehen will, die oeffentlich in Zeitungen und über den Aether ihren Ausdruck finden, der wird eine recht positive Zwischenbilanz ziehen. Den Publizisten des freien Deutchland muss bezeugt werden, dass sie ihre Aufgabe in diesem Zusammenhang mit grossem Ernst durchführen. Das deutsche Publikum wird von den Massenblaettern, von seinen Zeitungen, auch nicht geschont; das mit dem deutschen Namen verbundene Verbrechen des Voelkermordes wird, so wie sein schauriges Bild aus den Zeugenaussagen in Jerusalem entsteht, in aller Breite und Eindringlichkeit tagtaeglich geschildert. Der Eichmann- Prozess ist, wollte man ihn kaltschnaeuzig nur nach seinem Aktualitaetswert beurteilen, in den vergangenen Wochen gewiss nicht immer “hot news” gewesen, und die Raumflüge, Kuba, Laos, innenpolitische Geschehni s s e haben ihn oft aus den Schlagzeilen verdraengt. Die deutschen Redaktionen haben jedoch in der Regel der Versuchung nicht nachgegeben, ihn publizistisch abklingen und diese peinliche Rückblendung ins Dritte Reich von den politischen Gegenwartsdramen überspielen zu lassen, sondern halten ihren Berichten aus Jerusalem — viele Organe haben ihre eigenen Korrespondenten im Gerichtssaal —, oft entgegen dem Nachrichtengefaelle und wohl auch dem •Publikumsgeschmack, nach wie vor einen promi nenten Platz offen. Nicht weniger ernst und eindrücklicii ist die Berichterstattung in Radio und Fernsehen. Die Kommentare sind in ihrer allgemeinen Tendenz durchaus nicht auf Verharmlosung des ungeheuerlichen Tatbestandes aus und engen das Blickfeld auch nicht auf den einen Angeklagten und sein persoenliches Schuldregister ein. Kurz, wer Augen und Ohren nicht bewusst verschliesst, hat in der Bundesrepublik Gelegenheit genug, zu sehen, zu hoeren und zu erfahren, falls er nicht bereits Bescheid wusste. Er wird gestellt von seinen Informationsorganen, die in diesem Fall ihre Aufgabe als eine moralische und womoeglich therapeutische auffassen. Ob er sich selber der Vergangenheit seines Volkes und seiner Mitverantwortung füi das Geschehene stellt, das freilich haengt vom Bundesbürger ab. Uebergeht er den Zeitungsbericht aus Jérusalem, schaltet er sein Fernsehgeraet ab, wenn von Eichmann die Rede ist? Oder isoliert er sich mit einer Schutzschicht gegen das, was ihn nachdenklich machen müsste, flüchtet er sich in eine legere Oberflaechlichkeit, die zwar im Widerspruch zum überkommenen Charak t e rbild des Landes steht, der man aber so oft begegnet? UNEINHEITLICHES ECHO IM VOLK Darüber ist keine allgemeine Aussage moeglich. Es ist keine einheitliche deutliche Reaktlons erkennbar, die Symptome weisen in verschiedene Richtungen. Es gibt Anzeichen der Indifferenz, jener schlaefrigen Gleichgültigkeit, die schon oft am Verhaeltnis der heutigen Deutschen zu ihrer Vergangenheit bemerkt und kritisiert worden ist; solche Gedankenlosigkeit d ü r f tr wohl mehr als verstockter Witz im Spiel gewesen sein, als zum Beispiel gerade in den letzten Wochen die Tutzinger eine Strasse nach Ludendorff benannten und die Gemeindevaeter von Gifhorn auf dem Wege üblichen Stimmenhandels einen früheren SA-Gewaltigen und Nachfolger Roehms zum Bürgermeister waehlten. Dass dieser Mann in der vorhergegangenen Gemeindewahl die dritthoechste Stimmen|z a h 1 erreichen und sich seit Jahr und Tag als “Führer” einer Vertriebenengruppe aufspielen konnte, deutet allerdings schon auf mehr als auf mangelnden politischen Takt und verkümmertes Vorstellungsvermoegen, naem lieh auf eine stellenweise noch lebendige Gefolgschaftstreue auch und gerade für prominente alte Nazis. Sie hat zwar keinen alarmierenden Umfang und kündigt auch nicht eine Zunahme des Rechtsradikalismus an, laesst HITLERS "ENDLOESUNG" IN ARABISCHER VERSION Kairo zum Eichmann-Prozess Die Regierung von Kairo nahm gestern offiziell zum Prozess gegen Adolf Eichmann Stellung. Den Anlass dazu bot ihr die Interpellation eines Abgeordneten der Nationalversammlung. Diese wurde vom Stellvertretenden Aussenminister Hussein Zulficar Sabri mit einer längeren Erklaerung beantwortet. Aegypten sehe, so führte Sabri aus, davon ab, die mit dem Gerichtsverfahren in Jerusalem zusammenhängenden Rechtsfragen einem internationalen Gremium zu unterbreiten, nachdem Argentinien und die Bundesrepublik Deutschland gegen die Verletzung ihrer Souveränitaet nicht wirksam eingeschritten seien. Buenos Aires habe die Entführung einer in seinem Territorium wohnhaften Person hingenommen, und Bonn lasse es zu, dass ein Deutscher von israelischen Richtern für in Deutschland begangene Vergehen abgeurteilt werde. Alle Schritte, die auch nur als mittelbare Anerkennung des jüdischen Staats gelten würden, müssten unterbleiben. In den Augen der Araber nutzen die Israeli den Eichmann-Prozess aus, um für ihre Sache in der Weltöffentlichkeit neue Sympathien zu gewinnen. Wenn die Araber ihren Würgegriff lockerten, erklärte Sabri weiter, würde Israel aufs neue seine Grenzen an den Euphrat und den Nil auszudehnen suchen. Der Tag sei nicht mehr fern, da die Vereinigte Arabische Republik und ihre Verbündeten nach Bestrafung der Eroberer Palästina den rechtmaessigen Besitzern zurückgeben würden. Die an den Juden verübten Greuel, die im Prozess von Jerusalem Tag für Tilg mit all den grauenvollen Einzelheiten enthüllt werden, verschweigt die ägyptische Presse ihren Lesern. Man hat in Kairo über die Verfolgungswut der Nationalsozialisten besondere Ansichten. Sabri bestritt, dass Eichmann den Tod von sechs Millionen Menschen auf dem Gewissen habe. Im Jahr 1939 habe es elf Millionen Juden gegeben und im Jahr 1948 sechzehn Millionen. Der Zuwachs sei somit normal gewesen. Hitler habe den Juden die Auswanderung gegen Bezahlung einer bestimmten Summe gestattet. Die grmen Juden hingegen seien von ihm in Lagern gesammelt worden; er habe mit den Zionisten über ihre Abreise verhandelt, um sich Waffen und Geld für seinen Krieg zu verschaffen. Aber die Zionisten hätten ihre Zusagen nicht gehalten, mit der Absicht “Hitler zu seinen Verbrechen zu zwingen” und dadurch eine Legende im Hinblick auf die künftige Gründung Israels entstehen zu lassen; sie hätten die notleidenden Brüder für ihre “diabolischen Machenschaften” geopfert. Ben Gurion sei der wirkliche Verbrecher. Auf seinem Schuldkonto ständen die Massaker von Arabern in Deir Yassin, Kibia, Gaza und Rafah. In der arabischen Polemik spielen die Deutschen eine merkwürdige Rolle. Der Verfasser eines Kommentars zur “Farce von Jerusalem”, der in der Zeitung “Al Gumhurias” erschien, beschuldigt sie rundweg der “Unterwürfigkeit angesichts der jüdischen Anmassung”. Sabri meinte, die Bundesrepublik erweise sich Israel gegenüber so gefällig, weil sie dem Druck der “Besatzungsmächte”, der Vereinigten Staaten, Grossbritanniens und Frankreichs, dieser “Antreiber des Zionismus”, ausgesetzt sei. Hinter dieser Vorhaltung verbirgt sich die Sorge um die künftige Haltung Bonns, das, wie man fürchtet, unter dem Eindruck des Eichmann- Prozesses Tel Aviv erhebliche Zugeständnisse mach ein' könnte. Wie lebhaft ihr Argwohn ist, haben die Araber in der letzten Zeit wiederholt kundgetan. Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Abdel Khalek Hassouna, beginnt heute einen zweiwöchigen Staatsbesuch in Westdeutschland. Die Begleitmusik der Presse zu seiner Reise klingt nicht eben harmonisch. Der Gast gedenkt der Bundesregierung eine ganze Anzahl Beschwerden zu unterbreiten, so gegen die Verbreitung durch die westdeutsche Botschaft in Washington des Buches “Israel: Staat der Hoffnung”, eine angebliche Anleihe an Israel und gegen die Verhaftung von drei Agenten des FLN in Bonn. “Neue Zuercher Zeitung” aber auf verhaertete Restbestaende der alten Gesinnung schliessen, die besonders in Vertriebenenkreisen und da und dort in laendlichen Verhae'ltnissen, im Norden, in Bayern, neuerdings 'auch in der Pfalz, bei Gelegenheit aktiviert werden. Es gibt auch Zeichen von Trotz und Ressentiments gegen die erneute Aufrollung der Vergangenheit durch das “Ausland”. In rechtsradikalen Kreisen ist das Verfahren von Jerusalem oeffentlieh als “Schauprozess” bezeichnet und es ist ihm die Absicht unterschoben worden, Deutschland zu diffamieren. Derartige Aeusserungen in der Oeffentlichkeit sind zwar eher vereinzelt geblieben, aber niemand kann sagen, wie vieler Leute Empfindungen sie zum Ausdruck bringen. An einigen Orten kamen in diesen Wochen antisemitische Handzettel in Umlauf, und das eine und andere Hakenkreuz, das wieder an einer Wand erschien, mag eine psychologische Reaktion auf den Eichmann- Prozess darstellen. Doch sind solche Erscheinungen bisher sehr selten geblieben, weit seltener, als manche besorgte Leute im voraus befürchtet hatten. Auf der andern Seite zeugen geradezu verzweifelte Leserbriefe und Erfahrungen [ im Gespraech mit Deutschen davon, dass doch manchen Leuten ein Licht aufgegangen ist, dass viele tief berührt werden von dem, was sie aus diesem Prozess erfahren, und sich vielleicht zum erstenmal darüber klar werden, mit welcher Hypothek der deutsche Name in der Welt noch immer belastet ist und warum. Besonders getroffen dürfte die'junge Generation sein, der man allzu lange das Bild der Vergangenheit vorent h ¿ 11 e n hatte und die es sich heute mit eigener Bemühung aus den Fragmenten zusammenzusetzen sucht. Statistisch zu fassen und aufzureclmen sind diese positiven Reaktionen naturgemaess ebensowenig wie die negativen. In ihrer Qualitaet entziehen sie sich der Meinungsforschung. In der politischen Welt Bonns scheinen sich manche Routiniers mit der erleichterten Feststellung begnügen zu wollen, dass der Eichmann-Prozess den Deutschen bisher nicht jene Prestigeeinbusse und jenen politischen Schaden beschert hat, den sie befürchtet hatten — nicht zuletzt eben dank dem Umstand, dass andere akute Sorgen ihn aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit verdraengt haben. “Neue Zuercher Zeitung” BELASTUNG GLOBKES IM EICHMANN-PROZESS Am Freitag ist im Eichmann-Prozess zum erstenmal der Name Globke im Zusammenhang mit der Judenverfolgung in den Kriegsjahren gefallen: Die Anklage legte nämlich das Portokoll einer i n t e r d epartementalen Besprechung vom 15. Januar 1941 vor, in der unter dem Vorsitz von Ministerialdirigent Hering vom Reichsinnenministerium die Fragen der Entziehung der Staatsangehörigkeit sowie der Beschlagnahme des Vermögens der deutschen Juden behandelt wurden. Der Name Ministerialrat Globkes steht an zweiter Stelle der Teilnehmerliste, auf der anschliessend Vertreter des Reichssicherheitshauptamtes, des Auswärtigen Amtes, der Reichsministerien der Justiz, der Finanz und der Wirtschaft usw, angeführt sind. In dieser Besprechung wurde es als nicht angängig bezeichnet, die “artfremden” Juden im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit zu belassen, während “artverwandte fremdvölkische” als blosse “Schutzangehörige” von der deutschen Staatsangehör igkeit ausgeschlossen würden. Das Reichsinnenministerium schlage daher vor, allen Juden deutscher Staatsangehörigkeit im Inland wie im Ausland mit Ausnahme der in privilegierter Mischehe lebenden Juden die deutsche Staatsangehörigkeit ZU entziehen. Die Vertreter der anderen Ministerien und des Auswärtigen Amtes brachten gewisse Vorbehalte an und behielten sich ihre Stellungnahme vor, während sich der Vertreter des Reichssicherheitshauptamtes für die Einbeziehung auch der in privilegierter Mischehe lebenden Juden in die Ausbürgerung aussprach. In jener Sitzung wurde auch der noch im gleichen Jahr verwirklichte Entwurf einer Ministerratsverordnung behandelt, nach dem das Vermögen der im Ausland lebenden Juden, die die deutsche Staatsangehörigkeit verlieren, zugunsten des Reichs konfisziert werden sollte. ABLEHNENDE HALTUNG GEGENUEBER KAUL Die hiesigen Zeitungen hatten sich im allgemeinen darauf beschränkt, die vom ostdeutschen B e o b a c h ter Prof. Kaul gegen Globke gerichteten Angriffe zu registrieren . Die Erklärungen Globkes im deutschen Fernsehen und eine Pressekonferenz in Jerusalem zu der der Presereferent der offiziellen Beobachterdelegation der Bundesrepublik, Dr. Stärken, lediglich westdeutsche und israelische Journalisten eingeladen hatte, um den Staatssekretär des Bundeskanzlers gegen die Kaulschen Angriffe in Schutz zu nehmen, liessen die Diskussion jedoch Wiederaufleben. Man lehnt es hier sehr entschieden ab, sich in das ostdeutsche Kielwasser treiben zu lassen, und hält mit scharfer Kritik am Versuch Kauls, den Eichmann-Prozess Tom Boden Israels aus für Zwecke ganz anderer Art. auszunützen, nicht zurück. Anderseits lässt man keinen Zweifel daran, dass man das Verbleiben eines Mannes, der an der Vorbereitung judenfeindlicher Gesetze mitgewirkt und die Nürnberger Rassengesetze kommentiert hat, in einem der höchsten Aemter der Bundesrepublik (Fortsetzung Seite 11)