Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXII (1960)
- Issue
- 1 (Enero, 1960)
- Date
- 1960-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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REOACCION« S.C. I. B'NE JISROHL AV. PORTUGAL 610. BOLETIN INFORMATIVO CASILIA 248?. SANTIAGO'CHH.K MITTEILUN G S B L A T T [SO C\l E p A D CULTURAL l,S RAEAITA "B'NE J 1 SRO EL" 1 AÑO XXII — NM SANTIAGO DE CHILE ENERO 1960 DIE GEHIRNE VON ELEKTRONEN UND von Dr. Abner Nechuschtan (Tel-Aviv) Ein Zimmer mit zwei plueschbezogenen Ruhesesseln, einer ebenso altfraenkisch anmutenden Chaiselongue und einem laenglichen Arbeitstisch aus schwerem Eichenholz, in dessen Mitte eine Marmorplatte eingelassen ist. Mit Widmungen beschriebene Photografien zweier der grossen Wissenschaftler aus der letzten Bluete des deutschen Judentums, Fritz Habers und Richard Villstaetters, flankieren in schmalen Bronzerahmen die Marmorplatte. Dahinter schmueckt die Wand ein Portrait des ersten israelischen Staatspraesidentgn, der nicht nur ein Fuehrer seines “gen Zion” verlangenden Volkes war, sondern auch ein weltbekannter Chemiker. Pietaet hat diesen kleinen Raum so erhalten, wie ihn der verstorbene Prof. Chaim Weizmann benutzte, wenn er sich mit wenigen Schritten ueber den Korridor zu ungestoertem Nachdenken oder einigem Ausruhen zurueckziehen wolte - hier, am noerdlichen Rande des Kleinstadt Rechowoth, im Herzen des Weizmann-Instituts. In einer auf weitem Gelaende zunaechst fast unuebersichtlichen Fueile von Forschungsgebaeuden sind in diesem Institut huete 180 Wissenschafler und an die 500 technische Kraefte und Verwaltungsbeamte taetig. Ihnen allen steht der selbe Abba Even vor, der bis zum letzten Sommer ein Jahrzehnt hindurch als Botschafter in Washington und bei den United Nations der fuehrende Vertreter des diplomatischen Aussendienstes dieses Staates gewesen war. Vom mehrstuendigen Rundgang ermuedet, nahm ich etwas ungeniert in einem der Weizmann’schen Fauteuils Platz. Der Abteilungsleiter, der mich gefuehrt hatte, war beilaeufig der Herr und Meister des “Weizac”, eines Elektronischen Gehirns, das aus Princeton (New Jersey) stammt und mir mit dem tausendfachen Flimmer seiner geheimnisvollen “Nervenstraenge” trotz langer Erklaerungen voellig unbegreiflich geblieben war. Er schien ueber meine Respektlosigkeit zunaechst verbluefft; dann schwang er sich auf besagte Marmorplatte und liess seine langen Beine herabbaumeln. Und so kamen wir ins Gespraech. VOR ZEHN JAHREN UND HEUTE Mit wenigen Worten laesst sich sagen, wie es am 2. November 1949 hier aussah, als das Forschungs-Institut mit einem Akademischen Festakt eingeweiht wurde, von dem mir am lebhaftesten Weizmanns feierliche Robe mit dem eckigen Doktor-Barrett in Erinnerung geblieben ist. Neben ihm hatte sich eine Gruppe beruehmter Forscher aus aller Welt auf der Tribuene eingefunden; nur der deutsche Nobelpreistraeger Prof. Otto Hahn hatte gefehlt, der den Besuch des Weizmann- Instituts soeben nachgeholt hat. Doch starrte das Terrain im uebrigen noch von Baugeruesten. Nach einem Jahrzehnt staunt der Laie, obwohl sich der Fachmann nicht wundert, wenn er aufzaehlt, was mittlerweile geschaffen worden ist. Eine Abteilung fuer Biochemie, in der die Struktur und das Wirken von Hormonen, Antikoerpern, Enzymen untersucht wird, eine Abteilung fuer “Polymere” — was ist das? Es sind, erfahre ich, Molekuele, Ketten von Atomen, zur Entwicklung plastischer Stoffe, synthetischen Gummis, Proteinen, zur Analyse roter Blutzellen. Eine Abteilung, in der das mit besonderer Muehe beschaffte, wie ein Heiligtum gehuetete Elektronische Mikroskop besagte Polymere und anderes fotografiert, und eine fuer angewandte Mathematik. Eine andere Abteilung erforscht in Verbindung mit Untergruppen fuer Infrarote Spektroskopie und Fotochemie die Isotope — und hier legt mein wissenschaftlicher Freund geradezu Pathos in seine Stimme: wir haben internationale Anerkennung gefunden, indem wir als erste das Isotop von Sauerstoff als Schweren Sauerstoff entwickelt haben. Hm, ich nicke so hochachtend wie verstaendnislos. Wir untersuchen, faehrt er fort, im Rahmen unserer Isotopenforschung chemische und biologische Reaktionen; der nordamerikanische Ausschuss fuer Atomenergie arbeitet dabei mit uns zusammen. Wir verfuegen ueber den groessten Refraktor der Welt fuer Infrarote Messungen, ueber eine Abteilung fuer experimentelle Biologie, in der sich mein Kollege Prof. Berenblum mit Forschungen nach dem Krebserreger abgibt, ueber Physiologen, die erste erfolgreiche Prozesse zur Geschiechtsbestimmung ungeborener Lebewesen in die Wege geleitet haben, ueber meinen “Weizac”, der abgesehen von den zwei hohen juedischen Herbstfeiertagen 24 Stunden taeglich alle moeglichen und unmoeglichen Fragen wissbegieriger Regierungsstatistiker und der verschiedensten Institute des In— und Auslands “verdaut”, beantwortet und schon so uebeTbeansprucht ist, dass wir ihm demnaechst einen zweiten Computer beigesellen werden. Nicht zuletzt verfuegen wir ueber den “Van de Graaff”, unseren “elektrostatischen Protonbeschleuniger” oder, wenn Ihnen der vulgaere Ausdruck gelaeufiger ist, einen Atomzertruemmerer, mit einer Einsatzkraft von immerhin drei Millionen Volt. ZWISCHEN REINER FORSCHUNG UND PRAKTISCHER VERWERTUNG Hm, sage ich zum zweiten Mal und bin gebuehrend beeindruckt. Aber wie ist es um die praktische Verwertung bestellt wenn eine so schnoede Frage dem genius loci nicht zuwiderlaeufti Ich weiss entgegnet mein Gegenueber. Sie denken an den recht kritischen Bericht, den David Schimschoni dem Ministerpraesidenten dieser Tage vorgelegt hat. Tatsaechlich, daran dachte ich. Dutzende Male waren die Forscher des Weizmann - Instituts waehrend der letzten Jahre in Rechowoth oder Jerusalem mit David Ben Gurion und seinen Beratern zusammen gekommen, um die Frage zu eroertem, ob rein wissenschaftliche Arbeit, gleichsam als Selbstzweck, in einem so jungen und armen Staat ausreicht, oder ob sie nicht staerker in den Dienst der Industrie, der Landwirtschaft, der Auswertung von Bodenschaetzen u. s. w. gestellt werden, muesse. Gewiss, dass es not taete, gaben auch die in ihre Laboratorien und ‘Teste” am leidenschaftlichsten versessenen Nichts-Als-Akademiker zu. Allein, so glaenzend wie das Elektronische Gehirn ihres “Weizac” scheinen die Gehirne der Fabrikanten und sonstigen Maenner der Praxis, die als ihre Partner ein gewichtiges Wort mitzureden haben, hierzulande nicht zu funktionieren. Im Schimschoni-Bericht wird den Praktikern vorgehalten, dass sie sich der Moeglichkeiten des Weizmann-Instituts bei weitem DER Von Auf dem Wege von Frankfurt nach Koeln unterbrach ich die Reise für eine Nacht in K., das ich seit zwanzig Jahren nicht gesehen hatte. Es war am spaeten Nachmittag, als der Zug einlief, noch . hell genug um die Zerstoerung zu erkennen, die der Stadt das Gesicht genommen hatte. Ich fand ein Zimmer für die Nacht und ging durch die Strassen, zu beiden Seiten von Trümmern flankiert, auf den Kaiserplatz zu. Von einer Bank in einem Grünstreifen konnte ich den Blick auf meinem Elternhaus ruhen lassen. Es stand unveraendert und unversehrt inmitten von Schutt und Baulücken. Laengst Vergessenes aus meiner Kindheit wurde wach und ich machte mich auf den Schulweg, den ich zwoelf Jahre lang von diesem Hause gegangen war. Es war schon dunkel, als ich an der Schule ankam. Der Haupteingang war geschlossen und die Silhouette des Gebaeudes gegen den Himmel von Bomben schaden gezeichnet. Auf der Rückseite schloss sich ein Park an den Schulhof, und da der Zaun an einigen Stellen niedergerissen war, konnte ich ihn ohne Mühe überqueren. Das Tor, an das ich trat, war nur angelehnt, die Treppe unbeschaedigt, und ich stieg ein paar Stufen nicht hinreichend bedienen. Die chemische Industrie des Landes verwendet weniger als 1 % ihres Umsatzes zu Forschungszwecken; die Gummi-Industrie jaehrlich nur 50.000 Israel-Pfund von einem Gesamteinkommen von 38 Millionen, die Industrie der plastischen Stoffe nur 180.000 IL von IV2 Millionen, und gar die Lebensmittelindustrie nur laecherliche 350.000 IL von einem Jahresumsatz, der an die 400 Millionen geht. Aehnliches gilt fuer die Textilindustrie, die im Export wie im inlaendischen Absatz eine Schluesselposition haelt — und sie einbuessen koennte, wenn sie von den vielfaeltigen Rechowother Forschungsergebnissen nicht endlich mehr Gebrauch macht, um die Qualitaet ihrer Erzeugung herauf — und die Kosten herabzusetzen. Es gilt mit Abstand auch von dem ebenfalls lebenswichtigen Wirtschaftszweig der Suche nach untergruendigem Wasser, zweckvollster Irrigation und systematischer Durcharbeitung des Projekts zur Verwertung ueberschuessiger Jordangewaesser fuer die Fruchtbarmachung der Oedflaechen im Negev, dem Sueden des Staates. Zwar sind die Vorarbeiten dazu bestens so weit gediehen, dass von der vereinten Arabischen Republik unter der Wortfuehrung ihres Staatschefs Abdel Nasser dieser hinauf, als ich aus einem Zimmer Licht Kommen sah -f oder so schien es mir wenigstens. Zaghaft oeffnete ich die Tür. Ein Mann stand am Katheder. Ich erkannte ihn sofort: Studienrat Dr. Zimmer, genannt “Die Banane” - der Klassenlehrer, der uns bis zum Abitur geführt hatte. Er war fast nicht gealtert. Die Glatze und ein kleiner farbloser Schnurrbart hatten ihm seit je ein zeitloses Aussehen gegeben. Vor ihm auf den Schulbaenken sass eine Anzahl von Maennern, aber bevor ich Gelegenheit hatte, ihre Gesichter zu studieren, wandte sich Dr. Zimmer an mich: “Einer hat sich verspaetet”, sagte er mit einem Tadel in der iStimme, der mir wohlvertraut klang, “Nehmen Sie Platz, ohne zu stoeren”. Er schien mich erwartet zu haben und fuhr, an die Klasse gerichtet, fort: “Ich wiederhole also, dass wir uns hier, zwanzig Jahre nach dem Abitur versammelt haben und - um mit Shakespeare zu sprechen - ‘Ein jeder frag’ und hoere, welche Rolle wir in dem weiten Raum der Zeit gespielt, seit wir zuerst uns trennten’.” Ich sah mich um, und wirklich, die Gesichter begannen zu sprechen. Unter den Furchen, die das Leben gezogen hatte, erkannte ich meine einstigen Klas¬ Tage mit einer Ableitung der in Syrien und im Libanon liegenden Quellfluesse des Jordan und sogar mit militaerischen Massnahmen gedroht wird. Was D. Schimschoni hier bemaengelt, ist vor allem das organisatorische Durcheinander: zwei Ministerien und drei oeffentliche Institute geben sich mehr oder minder unabhaengig voneinander mit Wasserforschung ab. Zugegeben, antwortete der Abteilungsleiter. Aber dann fuhr er fort: Wissen Sie indessen nicht, dass dieser Bericht schon vollen Effekt gehabt hat? Die abtretende Regierung hat noch kurz vor Toresschluss einen “Nationalen Ausschuss fuer wissenschaftliche Forschung und technische Entwicklung” unter dem Vorsitz meines Kollegen Prof. Dostrovski eingesetzt, der unsere Isotopen-Abteilung leitet. Schimschoni wurde zum Verwaltungsdirektor des Ausschusses ernannt. Der eine ist wahrscheinlich der hervorragendste Kopf unseres Instituts der andere steht wie kaum einer mit beiden Fuessen fest auf dem Boden der wirtschafts— und entwicklungspolitischen Wirklichkeit des Landes. Die Beiden werden es schaffen; darauf koennen Sie sich verlassen! Und mir schien — Weizmann an der Wand nickte zustimmend. senkameraden wieder. Wir winkten uns zu, erfreut einander zu sehen, und sofort traf mich ein Papierkügelchen, /nit einem Gummi abgeschossen - Boehlke, der schon immer mit solchem Unfug den Unterricht belebt hatte, schien diesen Sport nicht verlernt zu haben. Der 20. Jahrestag unseres Abiturs! Eine originelle Idee, ihn in der alten Schule zu begehen. Dr. Zimmer hatte das Klassenbuch vor sich und klopfte mit einem Bleistift ein paar Male aufs Katheder, um der Unruhe, die mit meinem Eintritt entstanden war, ein Ende zu machen “Becher”, rief er, “Sie als ehemaliger Sprecher der Klasse stellen fest, wer fehlt”. Becher stand auf, teuer und sorgfaeltig gekleidet. Er hatte schon als Schüler zu grossen Proportionen geneigt, trug nun dicke Falten im Nacken und sah aus wie einer, der sich wichtig nahm. “Alle anwesend, Herr Studienrat”. meldete er. Dann fügte er hinzu, gelockert: “Wir freuen un$r heute Vor Ihnen auf den Baenken zu sitzen, die wir bis 1930 gedrückt haben. Was auch jeder von uns inzwischen erlebt hat, das Wissen, das Sie uns durch die Feder der Klassiker vermittelt haben, war die Waffe in (Fortsetzung Seite 6) KLASSENTAG HERBERT FREEDEN D99D