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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1959-12-01 · 12 (Diciembre, 1959) · p. [Seite]

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXI (1959)
Issue
12 (Diciembre, 1959)
Date
1959-12-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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■1 reoaccion* 6. C. I. B*NE JISRORL AV. PORTUGAL BIO. CASILLA 2417. «AM9MO*CHIU BOLETIN INFORMATIVO MITTEILUNGSBLATT r </> o C'l EDAD CULTURAL IS RAEilTA " B ' N E J 1 SROEL" | ARO XXI — N? 12 SANTIAGO DE CHILE DICIEMBRE 1959 Der Mythos der Makkabaeer Von Robert Weltsch Viele Erzaehlungen der alten jüdischen Geschichte sind sozusagen zu Urformen der Vorstellungswelt des Abendlandes geworden. Da die Bibel eines der Bücher groesster psychologischer Weisheit ist, daher das Verhalten von Menschen in allen Zonen und unter allen Umstaenden potentiell einbezieht, haben nicht nur Einzelne, sondern auch ganze Voelker in den biblischen Begriffen, die in der jüdischen Geschichte auch der nachbiblischen Zeit nachwirken, Spiegelungen ihrer eigenen Lebensprobleme gesehen. Nicht nur haben religioese und metaphysische Ideen, die in Jerusalem ihren Ursprung haben, das Denken der europaeischen Voelker umgebildet, sondern die Erlebnisse des jüdischen Volkes wurden haeufig zum Symbol der Vorgaenge im Leben anderer Voelker. Oft haben diese sich direkt mit dem Volke Israel identifiziert. Nicht nur die Puritaner beriefen sich auf das Alte Testament, es hat auch gottestrunkene Lüstlinge gegeben, die sich “Koenig von Zion” nannten, die Atmosphaere der Kreuzzüge ist erfüllt von judaistischer Eschatologie, und der vor 200 Jahren geborene, diese Woche in England gefeierte mystische Dichter William Blake hat sein groesstes phantastisches Gedicht -“Jerusalem” genannt. Anlaesslich des Sieges eines englischen Koenigs schrieb Haendel das Oratorium “Judas Makkabaeus” —Urbild des siegenden Glaubenshelden. Es waere eine dankbare, erst in den Anfaengen stehende Aufgabe, zu untersuchen, welche Rolle jüdische Ideen bei der Entstehung des modernen Nationalismus gespielt haben. Obwohl wirtschaftlich und politisch erklaerbar, durch die Aufklaerung und die industrielle Revolution gefoerdert, haette der Nationalismus gewiss niemals seine unwiderstehliche Macht und seinen quasi-religioesen Charakter erlangen koenen, wenn er nicht seine Kraft aus mythischem Dunkel und mythischen Erloesungsvorstellungen geschoepft haette. Bewusst und unbewusst hat dazu gewiss beigetragen die Geschichte des jüdischen Volkes, die dem ganzen Abendlande vertraut ist. Im Judentum ist Religion und Volkstum eng verbunden. Wie immer man den Begriff des Auserwaehlten Volkes interpretieren mag, unzweifelhaft ist er ein Element nationalen Selbstbewusstseins. Die messianische Zukunftshoffnung hat einen nationalen Charakter. Dies alles ist in hoeherem oder geringerem Ausmass in den modernen Nationalismus übergegangen, oft in verzerrter Form. Diese Zusammenhaenge sind noch nicht umfassend und objektiv untersucht worden, obwohl es darüber viele Teilbetrachtungen gibt. Hans Kohn hat in seinen Werken über modernen Nationalismus oft auf diese Ursprünge hingewiesen. Der Aufstand gegen einen Unterdrücker, mit goettlicher Hilfe, ist schon beim Auszug aus Aegypten als Quelle und Folge des Nationalismus gekennzeichnet, aber in einer reineren, sozusagen moderneren Form, gewinnt er klassische Gestalt in der Geschichte des Makkabaeer - Aufstandes. Es ist kein Wunder, dass der moderne Zionismus, der den zeitgenoessischen Nationalismus in das Judentum einführte, sich von Anfang an die Makkabaer-Geschichte als Vorbild gewaehlt hat. In vielen Aufsaetz*n, auch in Gedichten, besseren sowie kitschigen, wurde das der Assimilation entfliehende, aber innerlich bereits assimilierte Judentum des beginnenden 20. Jahrhunderts verglichen mit den gegen das Griechentum der hellenistischen Weltkultur revoltierenden gottbegeisterten Scharen in den Bergen Judaeas. Theodor Herzl, ein bei all seinem Scharfblick sozusagen “naiver” Jude, schrieb am Schluss seiner zionistischen Programmschrift die rührenden, visionaeren Worte: “Darum glaube ich, dass ein Geschlecht wunderbarer Juden aus der Erde wachsen wird. Die Makkabaeer werden wieder aufstehen”. Die Sehnsucht nach dem Heldischen regte sich in der Brust des Mannes, der in Salons und Redaktionsstuben zuhause war. Wunderbare Juden! Das Wort hatte einen faszinierenden Zauber. Es war wie eine Parole aus dem Dunkel zum Licht. Die Klaenge der Haendel’schen Triumph-Musik schwangen mit. Etwas Sentimentalitaet war auch dabei, begreiflich und verzeihlich. Die Makkabaeer wurden zum mythischen Vorbild, oft zitiert, im richtigen und falschen Sinne. Die Analogie bezog sich vor allem auf das komplizierte Problem der Assimilation; hier bestand in der Tat eine verblüffende Aehnlichkeit d. Hintergrunds-Situation. Nur dass es sich bei den jüdischen Nationalisten nicht um den Aufstand eines in seinem Lande sitzenden, von einem Oberherrn unterdrückten und zwangsweise assimilierten Volk handelte, sondern um eine Assimilation, die sich dadurch ergab dass der Oberherr den Juden sozusagen die Freiheit schenkte, die Tore des Ghettos oeffnete. Wie immer dem sei, tatsaechlich kann man das Beispiel der Makkabaeerkaempfe auf viele Voelker anwenden, die in ihrem Lande um politische und kulturelle Unabhaengigkeit kaempfen. Dies ist sozusagen ein Schema geworden im 20. Jahrhundert, in einem Zeitalter, das, wie kein anderes vergleichbar ist mit dem der letzten vorchristlichen Jahrhunderte. Denn die Kolonisation des 19. Jahrhunderts hat riesige Teile der Welt teils zwangsweise, spaeter vielleicht auch teils freiwillig, in den Bereich der europaeischen Zivilisation hineingezogen. Die kolonialen Voelker wurden politisch abhaengig, haben aber zugleich oekonomisch und technisch gewaltige Fortschritte gemacht, wurden von Europa erzogen, teilweise sind sie —zumindest die gebildeten Oberschichten— kulturell assimiliert^ worden. Sie haben die Begriffswelt ihrer Zwangsherren in sich aufgenommen, und damit auch das Werkzeug, gegen diese Herrschaft zu revoltieren. Wir sehen in vielen Laendern einen Verlauf, der dem Schema des Makkabaeer - Aufstandes entspricht: Mit den Mitteln der allgemeinen Zivilisation und gemaess den im fremden Bereich erlernten Ideen von Freiheit kaempft man gegen die fremden Herrscher, unter Ausnützung der in der Welt bestehenden Gegensaetze und politischen Spannungen; den neuen Staat will man “modern”; d. h. wie man es von den ändern gelernt hat, zugleich aber auch national unter Wiederbelebung des eigenen Mythos. Nach diesem Schema koennen wir die Freiheitskaempfe der asiatischen und afrikanischen Voelker begreifen. Fast ueberall gibt es eine Verquickung von Religion und Nationalismus. Ueberall einen vagen Wunsch, gleichzeitig assimiliert und voelkisch zu sein. Fast allgemein ist die Sympathie der Welt auf Seite der Freiheitskaempfer, weil es zu einem Dogma geworden ist, nationale Freiheit als hoechstes Gut und als einen natuerlichen Anspruch zu betrachten. Trotzdem die Logik der modernen Technik, des Verkehrs und der unheimlichen Kriegsmittel dagegen spricht, wird jedem noch so schwachen Volk das Recht auf Alleinstehen zuerkannt —helfe es sich dann, so gut es kann. Das ist die “Welle der Zukunft” wie das einmal ein bekannter Amerikaner ausdrueckte, als ihm Nazideutschland imponierte. Der Glaube an den Makkabaeermythos ist so stark wie noch nie. Die Erkaempfung der Freiheit ist natuerlich nur der erste Schritt. Der Ueberschwang des Nationalismus in der Welt draengt diese einfachste aller Erkenntnisse ueberall in den Hintergrund. Es interessiert die Welt auch weniger, was nachher kommt. Dramatisch ist nur der Aufstand, der grosse Entschluss, das Bekenntnis zu sich selbst. Aufregend ist der Sieg des Schwachen ueber den Starken, der Sieg des Glaubens, Sieg der Idee. Es ist vielleicht kein Zufall, dass auch die juedische Nationalbewegung sich vor allem an dieses ideelle Moment gehalten hat. Der grosse Glaube und der grosse Mut der Makkabaeer der ersten Periode, das war es, was einen Sinn auch fuer heute und fuer alle Zeiten zu haben schien. Den konkreten Vergleich geschichtlicher Vorgaenge darf man nicht weiter f u e h r e n, denn hier liegen die Dinge ganz anders. Die Reinigung des Tempels war eine Tat, ihr widmete das juedische Volk das Lichterfest von Chanukka. “Kein Amt ist beglueckender als das eines Dieners am Licht”, sagte Herzl beziehungsvoll beim Anzuendei der Menorah. Diener am Licht! Darin steckt das Bewusstsein einer nationalen Aufgabe die weit hinausgeht ueber das Ereignis der Befreiung. An diesen Anfang halten wir uns. Nur selten fragen wir, was daraus geworden ist. Das Makkabaeerreich hat eine historische Rolle gespielt im Leben des juedischen Volkes, aber ein Reich des Lichtes ist es nicht gewesen. Schon die ersten Makkabaeischen Fuersten, die ihre Herrschaft einer zufaelligen Konjunktur verdankten, verwandelten sich in Wahrheit in hellenistische Satrapen. Die Makkabaeerherrschaft ist gekennzeichnet durch ununterbrochene blutige Streitigkeiten und Bürgerkriege. Bis schliesslich das Koenigshaus sich selbst in eine grausige Moerderbande verwandelte. Im Verlauf von 100 Jahren trat eine voellige Entartung ein, bis im Jahre 63 v. Ch. Pompejus in Jerusalem einzog und das Land zu einer roemischen Provinz machte. Das war, so sagt Elias Bickermann, der Historiker der Makkabaeerzeit, ohnedies unvermeidlich; das Makkabaeerreich konnte seine Unabhaengigkeit nur behaupten, weil man sozusagen daran vergessen hatte, die Weltmaechte kuemmerten sich eine Zeitlang nicht um diesen Teil der Welt. Als Rom seine Aufmerksamkeit nach Osten wandte und Pompejus in den Orient zog, waere es eine Ilusion gewesen mit weiterer Unabhaengigkeit zu rechnen. Es war ein Glueck, meint Bickermann, dass eine der streitenden Parteien die Roemer selbst aufforderte, nach Jerusalem zu kommen; dies hat das Land gerettet (sozusagen so wie Petain Paris und Hacha Prag gerettet hat), denn ohne eine solche Quisling-Partei waere wahrscheinlich Jerusalem zerstoert, schon 63 vor und nicht erst 70 nach Chr. 130 Jahre frueher, aber wer weiss, was das fuer geschichtliche Folgen gehabt haette. Wir denken nicht gern an das makkabaeeische Blutregime mit all seinen Suenden und Verbrechen. Unserer Vorstellung beschraenkt sich mit Recht auf den Ausgangspunkt, den Aufstand. Denn hier sehen wir ein Prinzip, eine Idee, ein Licht; was folgte, war menschliche Schwaeche, wie sie die Seiten aller Geschichtsbuecher fuellt. Es ist in der Makkabaeergeschichte etwas unheimlich Aktuelles, etwas gerade fuer unsere Zeit Charakteristisches, Hier ist das Urbild des aufstaendischen Nationalismus im Kampf gegen die Uebermacht der Fremdherrschaft. Aber neben dem Prinzip der nationalen Selbstbehauptung steht das Prinzip der universalen Menschheit. Am Ende der Makkabaeerzeit hat das juedische Volk gerade dies empfunden, die Sehnsucht ging nach Erloesung, die mehr als bloss nationale Unabhaengigkeit war. Viel hat sich geaendert in 2000 Jahren, wenig hat sich geaendert. Auch heute noch stehen wir alle —alle Voelker— vor dem Problem aus diesen beiden Prinzipien, Nation und Menschheit, Unabhaengigkeit und Integration, Partikularitaet und Universalitaet, eine Synthese zu machen, die fuer die Menschheit lebbar ist. M. B. Chanukkah in einem Kindergarten von Haifa í&íkS *3?

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