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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1959-08-01 · 8 (Agosto, 1959) · p. Seite 9

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXI (1959)
Issue
8 (Agosto, 1959)
Date
1959-08-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Agosto 1959 BOLETIN INFORMATIVO 9 I ELLER DER GEFUEHLE Vor geraumer Zeit war im Feuilleton einer grossen deutschen Tageszeitung ein merkwuerdiger Brief zu lesen. Er kam aus Israel. Der Briefschreiber erzaehlte, sein nahezu erwachsener Sohn habe ihn gefragt, was ein Antisemit sei. Der Vater versuchte es dem jungen Mann zu erklaeren. Doch er hatte wenig Glueck. So geriet er auf den Einfall, in einem deutschen Blatt nach dem “idealen Antisemiten” zu annoncieren, um ihn zu seiner Familie einzuladen. Der israelische Buerger stellte freilich einige Bedingungen —■ vor allem diese: dass der Antisemit kein Nazi gewesen sein duerfte; einem Mitschuldigen an den unsagbaren Greuehn und dem millionenfachen Mord wolle er sein Haus nicht oeffnen. Das ist wahrhaft ein triftiger Vorbehalt. Doch an ihm mag das Unternehmen gescheitert sein. Denn ist in Deutschland seit 1945 ueberhaupt ein Antisemitismus moeglich, der frei von den blutigen Vorzeichen des Nazismus waere? Vergessen wir nicht: Erstens: Die Rassenlehre des Dritten Reiches hat die Judenfrage total gestellt. Hitlers biolo g i s c h e “Veterinaerphilosophie” (Nach Carlo Schmid) loeschte jeden relativierenden Vorbehalt des historischen Antisemitismus aus: es zaehlte nicht, ob ein Jude getauft war oder dem Glauben seiner Vaeter anhing, es interessierte niemanden, ob er an der Boerse spekulierte oder fleissig einem Handwerk nachging. Jude war Jude. Die totale Frage wurde total beantwortet — durch die Vernichtung. Die Antwort Hitlers wurde schliesslich im Rauch der Goetterdaemmerung erstickt. Die Frage ist geblieben. Zweitens: Es kann fuer die Deutschen keine Rueckkehr zu einem traditionellen, “unschuldigen” Antisemitismus geben, wie man ihm in Frankreich, in England, in den Vereinigten Staaten noch begegnen mag.. der historischen Judenhass ist an Hitler gescheitert. Kein menschlicher Irrtum wurde je durch so namenloses Grauen und so entsetzliche Opfer widerlegt. Mochte die Suende der Judenfeindlichkeit im letzten Jahrhundert nur laesslich erscheinen, durch Unbildung, pseudoreligioese Fanatisierung, voelkische Leidenschaft und soziales Ressentiment nicht gerechtfertigt, aber gemildert — heute ist sie toedlich, moerderisch und gotteslaesterlich. Drittens: Jedes Symptom einer immer noch schwaerenden antisemitischen Infektion muss in Deutschland darum als eine Bedrohung der sittlichen Ordnung, der Gesellschaft und des Staates aufgespuert werden. Die moralische Norm ist bei uns strenger gepraegt als es anderswo notwendig sein mag. Eine Sondergesetzgebung wie sie als “Lex Nieland” vom Bonner Parlament gefordert wird, mag unseren Freunden in fremden Laendern als ueberfluessig, sogar als provokativ erscheinen — fuer uns ist sie ein Akt der Notwehr und eine Voraussetzung der moralischen N ormalisierung. Die Mehrzahl der Deutschen hat die grauenhafte Lehre begriffen. Eine gute Minderzahl ist ueberdies willens, das Gelernte zu praktizieren. Wir gehen schaerfer mit uns ins Gericht, als es unserem Prestige und unserer “Reputation” gut tut. Wir wissen wohl, dass dieser Zustand des permanenten Alarms zu Missverstaendnissen Anlass gibt. Doch wir muessen das hinnehmen. Wer sein Urteil lediglich aus einer Kollektion von Zeitungsausschnitten destiliert, der mochte in den vergangenen Monaten zu dem Schluss kommen, dass die Bundesrepublik in Gefahr sei, von einer neuen Welle des Judenhasses ueberflutet zu werden. Die Nachrichten waren in der Tat geeignet, uns immer wieder entsetzt auffahren zu lassen. Es begann mit jenem badischen Studienrat Zind, den eine indolente Buergerschaft, eine schlafmuetzige Schulbehoerde und eine asthmatische Justiz lange geduldet, spaet durchschaut, noch spaeter bestraft hatten und den man schliesslich ins semitische Dorado des modernen Antisemitismus naemlich nach Aegypten, entwischen liess. Ein Schulmeister in Luebeck Schoene Lampen in jedem Stil Automatische. - Elektrische Rasierapparate - Teekannen (mit Pfeife) und Kochtoepfe (a presión). Strickmaschinen - Solex Motorraeder S o e I c o Alameda 1169 — Edificio Banco del Estado Von Klaus Harpprecht unterstellte in einer Schuelerzeitschrift, das “Tagebuch der Anne Frank’ sei gefaelscht. Ein Muenchner Arzt, dem in einem KZ-Prozes vorgeworfen wurde, er habe waehrend des Krieges seinen Beruf zum medizinischen Todschlag ausgeuebt, konnte in aller Ruhe seinen Koffer fuer die Reise an den Nil packen, weil ein Bayerischer Staatsanwalt keine Zeit fand, fuer einen Haftbefehl zu sorgen. In einem hessischen Nest wurden juedische Wirtsleute von randalierendem Dorfpoebel und obendrein von pflichtvergessenen Polizisten boykottiert, beschimpft und bedroht. Ein Kaufmann in Herford wurde angeklagt (und hart verurteilt) weil er mit dem Mute des Besoffenen herausposaunt hatte, die Juden in Israel muessten erschossen oder vergiftet werden. Waehrend hier das Gericht sich zu einem Abschrekkungsurteil entschloss (obwohl jener Buerger der juedischen Gemeinde beflissen eine Busszahlung angeboten hatte), weigerte sich gl eichzeitig eine Strafkammer in Duisburg das Verfahren gegen einen Major der Feuerlöschpolizei zu eroeffnen, der in der “Kristallnacht” eine Metamorphose vom Feuerwehrmann zum Brandstifter erlebte und eine Synagoge in Flammen aufgehen liess. Nur wenig spaeter sollte man in Duesseldorf und einigen sueddeutschen Staedtchen feststellen, dass juedische Gotteshaeuser mit Hakenkreuzen beschmiert wurden. Der Verdacht richtete sich ebensosehr gegen rechtsradikale wie gegen kommunistische Gruppen, denn man ,vermutet, dass von der Kommandozentrale Walter Ulbrichts manche Anstrengung unternommen wird, antisemitische Krawalle in der Bundesrepublik zu organisieren um den Adenauer Staat als das Erbreich Hitlers zu denunzieren. Schliesslich die skandaloeseste Beobachtung: zwei Beamte der Wiedergutmachungsbehoerde in Hessen sind verdaechtig, in den Raeumen ihres Amtes judenfeindliche Nazilieder gegroehlt, von “dreckigen Judenakten” gesprochen und sich beklagt zu haben, dass zu wenig Juden vergast worden seien. Dieses kleine Kompendium der Dummheit, Verstocktheit und Boeswilligkeit ist— obwohl keineswegs vollstaendig— durchaus geeignet,* uns und fremde Beobachter zu alarmieren. Es fordert unseres ungeteilte Wachsamkeit und verlangt von der deutschen Justiz eine Art demokratische Reifepruefung, denn hier haben die Gerichte zu beweisen ob sie die Korruption des Rechtes unter dem Diktat des nazistisch pervert i e r t e n “Volksempfindens” ueberwunden haben. Es ist kaum auszumachen, welcher Teil der deutschen Richterschaft mit dieser Charakter und Gewissensprobe belastet ist. Es mag sich um ein Drittel handeln, vielleicht auch nur um ein Viertel. Das ist eine Frage des Alters und mithin ein Generationsproblem. Geht es darum nicht ueberhaupt: um ein Generationsproblem? Sind die jungen Deutschen denn antisemitischer Emotionen noch faehig? Die meisten duerften kaum einem Juden begegnet sein. Die Bundesrepublik zaehlt 52 Millionen Buerger, darunter 25.000 Juden. Mehr sind der Verfolgung nicht entkommen. Es existiert also kein praktisches Judenproblem: eher hat uns das Dritte Reich ueber die Last der Schuld hinaus eine nationale Mangelkrankheit hinterlassen, denn es stuende ohne Zweifel besser um den Geist der Deutschen, um ihre Literatur, ihre Musik, vor allem aber um ihre Presse, waeren wir noch mit den juedischen Begabungen gesegnet, die uns oft genug durch Liebe und Kritik, durch Witz und genauen Verstand eine rechten Begriff von Deutschland vermittelt haben. Doch es existiert sehr wohl ein moralisches Judenproblem. Auch fuer die Zwanzigjaehrigen die niemals einem alten Mann oder einem jungen Maedchen mit dem gelben Stern betroffen nachgeschaut haben. Die gelangweilt an den Fingernaegeln kauen, wenn sie als “Arier” angesprochen werden. Auschwitz und Theresienstadt, das ist fuer sie duestere, ferne Geschichte. Der Mord an nahezu sechs Millionen Menschen geht ueber ihr Begreifen. Es blieb ihnen erspart, dabei zu sein. Es ist ein verfuehrerischer Gedanke, die heraufwachsende Generation in diesem Stande der Unschuld zu lassen und auf ihre Unverdorbenheit, ihren Sinn fuer Recht und Anstand zu bauen. Doch Soehne sind Erben. Wer ihnen vertrauen will, sollte die Vaeter kennen (und die Lehrer). Die Väter sind befangen. Sie schweigen —und sie tun oft gut daran. Wenn sie reden, dann sind sie versucht, sich zu rechtfertigen— weil Vaeter recht haben muessen und ein Lehrer sich nicht irren kann. So simpel vollzieht sich das Gesetz der Kontinuitaet. Das boese Erbe wird nicht in einer Generation getilgt. Insofern bleiben die jungen Deutschen mit dem Problem des Antisemitismus konfrontiert. Die Pflicht zur Aufklaerung ist daher geboten und richtet sich vor allem an die deutschen Schulen. Freilich: Auch das ist eine Frage der Pensionsgrenze, denn man spricht ungehemmter von Buchenwald, wenn man nie ein Hakenkreuz am Rockaufschlag getragen hat. Der Prozess der kritischen Auseinandersetzung mit dem Phaenomen Hitler, d. h. die Bewaeltigung der Vergangenheit hat erst begonnen. Es brauchte ein gutes Jahrzehnt, damit Deutschland wieder zu sich selbst kam. Das Schuldgefuehl und die Bereitschaft zur Busse moegen 1945 leidenschaftlicher gewesen sein; daneben aber waren Verstocktheit und Zweifel haerter. Inmitten der Katastrophe gelingen Notschrei und vielleicht eine eilige Beichte, aber gewiss nicht Gedanke und Urteil. Ich meine darum, dass die literarische Sehnsucht nach der Zeit der ‘schoenen Not” pubertaere Unvernunft ist. Es hilft gar nichts, wenn die zornigen Tugendbolde verzueckt auf die Jahre zurueckschauen, in denen sich der Deutsche seiner Umwelt im Buesserhemd zeigte. Es ist wahr, dann kam die Aera der Vergesslichkeit und der Verdraengung. Das war ein Akt der seelischen Notwehr. Wer heute ins Buergergespraech hineinzuhorchen versteht, der mag sehr wohl feststellen, dass schliesslich doch nichts vergessen ist. Wir haben nur Abstand gewonnen. Die Emotionen sind gebaendigt, aber dafuer wurden Ursache und Wirkung des Grauens deutlicher ins Bewusstsein gerueckt. So koennte die angebliche Virulenz eines neuen Antisemitismus in Deutschland auch ein Signal der geistigen Auseinandersetzung mit dem Nazismus sein — Symptom einer Krise (im klinischen Sinn) und nicht Zeichen einer neuen Infektion. Es sind nicht viel mehr als zwanzig Jahre vergangen, seit Hunderttausende im Veitstanz der Kristallnacht durch die Strassen der deutschen Staedte tobten. Erstaunlich und bemerkenswert ist es, dass der Bann dieser Besessenheit so schnell und radikal gebrochen wurde, dass die Millionen so sehr bereit waren, wieder zur Vernunft zu kommen. Ist hier wirklich nur schnoede Vergesslichkeit im Spiel? Handelt es sich nicht in Wahrheit um die Rueckkehr aus einer Bewusstseinsspaltung in den Bereich der Zurechnungsfaehigkeit? Freilich, einiges von dem harten Kern des fanatischen Rassismus ist uebriggeblieben. Aber wir haben gelernt, auf die verstockte Schar der Uebriggebliebenen zu achten. Und wir sind, wenn ich mich nicht taeusche, im Begriff, in die Kellergeschosse des nationalen Gefuehlshaushaltes hineinzuleuchten und den Moder zusammenzukehren. Im Jahre 1949 begegneten wir wahrhaft nicht weniger Antisemiten als heute, im Gegenteil. Nur: in jener Zeit haette sich kaum eine Zeitung gefunden, die das Alkoholgeschwaetz eines Herrn Zind an die grosse Glocke gehaengt haette. Kaum jemand waere bereit gewesen, den Studienrat vor den Kadi zu bringen oder gar vor das Militaergericht einer Besatzungsmacht. Die Gemueter der Deutschen wurden durch die Serie der Prozesse gegen die Henker von Buchenwald und Sachsenhausen tatsaechlich aufgeruehrt Tiefer jedenfalls, als es die Nuernberger Prozesse oder andere Verfahren vor alliierten Gerichtshoefen jemals vermocht hatten. In den Berichten ueber die Verhandlungen gegen Martin Sommer (in Ansbach), gegen Schubert und Sorge (in Bonn) oder gegen die Mitglieder einer “Einsatzgruppe” (in Ulm) — in all diesen kaum er- (Fortsetzung Seite 13) TUTFGBfT mtiti 29999997

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