Mannheim
Compact Memory

Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1959-08-01 · 8 (Agosto, 1959) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXI (1959)
Issue
8 (Agosto, 1959)
Date
1959-08-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/8553624-8557464-9194438--2633-8557643
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

REDACCION, S.C. I. B'NE J1SROÍL AV. PORTUGAL 810. CASILLA 2487. SANTIAGO «CHIUI BOLETIN INFORMATIVO MITTEILUNGSBLATT S O Cvl E O A D CULTURAL IS R A El I TA "B’NE J I SROEL" AÑO XXI — N<? 8 SANTIAGO DE CHILE AGOSTO 1959 ZUM INTERNATIONALEN FLUECHTL1NGSJAHR Kaum je hat die Fluechtlingsfrage solch Ausmass angenommen wie in unseren Tagen. Wohl gab es immer Menschen, die aus den mannigfaltigsten Gruenden ihr Wohngebiet verlassen mussten, jedoch hat seit den Tagen der Voelkerwanderung die Bevoelkerungsverlagerung keinen solchen Umfang mehr angenommen, war nie von so entscheidender Bedeutung fuer die Stabilitaet der ganzen Welt, wie in diesem Jahrhundert. Obwohl geschichtliche Parallelen immer gekuenstelte Konstruktionen sind, sollten wir etwas laenger bei der Voelkerwanderung verweilen. Damals erkannten die Maechte nicht rechtzeitig die Gefahr der Ueberfremdung und als aus den ersten barbarischen Gruppen, die noch als Soeldner, als Verbuendete oder als arme, hilfesuchende Menschen kamen, ein Menschenmeer wurde, das in kuerzester Frist ganz Westrom ueberflutete, war es nicht mehr moeglich den Strom einzudaemmen oder auch nur zu kanalisieren. In kuerzester Zeit ueberschwemmten die aus dem Osten kommenden Massen Rom und wandelten v o e 11 i g seine Bevoelkerungszusammensetzung, Struktur und Regierungsform. Unsere heutige Weltordnung kann auf die damaligen Ereignisse unmittelbar zurueckgefuehrt werden; doch besteht, trotz aller Versuche spaeterer Zeiten, die Kontinuitaet wiederherzustellen, keine Verbindung mehr zwischen unserer Welt und der Welt des alten Roms. Die Voelkerflut hatte nicht nur das staatliche Gefuege sondern, was noch wichtiger ist, das Weltbild der Antike zerstoert und es sollte Jahrhunderte dauern, bis sich aus den Truemmern des zerstoerten Imperiums eine neue Ordnung entwickeln konnte. Zum Unterschied zu unserer Zeit haben aber jene Ereignisse, so wichtig sie auch fuer die europaeische Geschichte gewesen sein moegen, nur einen Bruchteil der Welt direkt beruehrt. Die Tradition Roms, zerstoert in Italien und Gallien, erhielt sich in Byzanz, wo sie, in Verbindung mit kleinasiatischen Elementen, zu neuer Bluete gelangen sollte und die grossen Zivilisationen Asiens wurden von diesen Ereignissen kaum oder garnicht beruehrt. Nach dem Abfluten der Voelkerwanderung schien endgueltig Ruhe eingetreten zu sein. Dazu kam, dass die Entdeckungen des 15. Jahrhunderts neue grosse Gebiete der europaeischen Kolonisation bereitstellten, die den sich langsam ansammelnden Bevoelkerungsueberschuss aufnehmen konnten. Die Fluechtlingsfrage war daher fuer unseren Kulturkreis lange Zeit nicht akut und die Fluechtlingsgruppen, von denen uns die Geschichte bis 1900 berichtet, waren meist kleine Gruppen von Individuen, die aus religioesen oder politischen Gruenden ein Gebiet verlassen mussten, in welchem sie verbleiben konnten, wenn sie ihre “heretischen Ansichten” aufgegeben haetten. Es war verhaeltnismaessig einfach fuer solche Elemente eine neue Heimat zu finden. Glaubensbrueder, Gesinnungsgenossen und Freunde in anderen Laendem waren bereit, ihnen zu helfen und sie aufzunehmen Auch wussten die Regierungen, dass sich unter diesen Emigranten meist besonders faehige, gebildete und charakterfeste Menschen befanden, sodass es nicht Wunder nehmen darf, dass sich viele Laender direkt um die Einwanderung solcher Elemente bemuehten und ihnen Privilegien gewaehrten, die den Einwanderern eine bevorzugte Stellung sicherte. Wir brauchen nur an die Vertreibung der Hugenotten zu denken, um diese Behauptung bestaetigt zu finden. Obwohl die individuelle Tragoedie des Fluechtlings der seine Heimat verlor, damit nicht verringert werden soll, bestand doch kein soziales und politisches Fluechtlingsproblem. Erst in unserer Zeit wurde aus dieser Frage ein Weltproblem. Waehrend des Weltkrieges, der, zum ersten Mal in der Geschichte der Neuzeit von Voelkern gegen Voelker und nicht mehr gegen die Armeen des Gegners gefuehrt wurde, entstand das Problem der durch Kriegseinwirkung von Haus und Hof vertriebenen Fluechtlinge und wurde zu einer wichtigen politischen und sozialen Frage in Frankreich und Belgien. Viele unserer Leser werden sich noch aus eigener Erfahrung der Austreibung der deutschsprachigen Bevoelkerung aus Oberschlesien und den Gebieten Posens und Westpreussens erinnern. Auch der Zwangsbevoelkerungsaustausch, den die Tuerkei und Griechenland in den 20er Jahren Vornahmen, gehoert in dieses schwarze Kapitel. Schlimm, dass inzwischen die ganze Welt besiedelt war und alle Laender sich gegen eine neue Masseneinwanderung straeubten. Selbst die Voelker, welche bis 1914 Auslaender willkommen hiessen, sperrten ihre Pforten. Die Angst vor der billigen auslaendischen Konkurrenz ging um in einer Welt, die in vier schweren Jahren das Fuerchten gelernt hatte. Dann kam die Katastrophe. Der Auftakt, die Jahre in welchen Hitlerdeutschland und Japan Salonfaehig waren, wo in Berlin die Olympiade abgehalten wurde, waehrend gleichzeitig zehntausende von Juden aus ihren Heimen, von ihren Arbeitsstaetten vertrieben wurden, ist uns noch zu gut in Erinnerung, als dass wir naeher darauf eingehen muessten. Die Welt feierte Feste in Berlin —sie begruesste das Dreieck Berlin-Rom-Tokio als das endgueltige Bollwerk gegen den Bolschewismus und verschloss gleichzeitig ihre Tore vor den Fluechtlingen, die kamen, um das nackte Leben zu retten. Ein neuer Typ des Fluechtlings entstand, ein Fluechtling sui generis, der nicht seiner Ueberzeugung oder seines Glaubens wegen fluechten musste, sondern einfach darum, weil er abstammungsgemaess einer “Unerwuenschten Menschengruppe” angehoerte. (Fortsetzung Seite 5) mmsmm ÉMm EINE UNTERHALTUNG Charles A. Jordan, Generaldirektor des Joint. MIT CHARLES A. JORDAN Anlaesslich des Internationalen Fluechtlingsjahres wurde Santiago von einer bedeutenden juedischen Persoenlichkeit besucht. Denn wenn auch Herr Charles H. Jordan hier oeffentlich in seiner Eigenschaft als Vizepraesident des Internationalen Komitees des Fluechtlingsjahres auftrat, so ist doch fuer uns Juden und ehemaligen Fluechtlinge aus Hitlerdeutschland, seine weitere Taetigkeit von noch groesserer Bedeutung. Herr Jordan ist heute Generaldirektor des American Joint Distribution Committee. Diese amerikanische juedische Organisation, kurz “Joinr’ genannt und ihre segensreiche Taetigkeit ueberall dort, wo Juden Hilfe b e n o e t i g e n, ist wohl einem Jedem aufs Beste bekannt. So war es fuer uns von Interesse, Herrn Jordan auf zu suchen und ihn um einige Informationen fuer unsere Leser zu bitten. Charles H. Jordan wurde 1908 in Philadelphia geboren. Seine Eltern stammten aus Deutschland, und er selbst vervollstaendigte seine Studien auf der Berliner Universitaet. Seit dem Jahre 1941 arbeitet er fuer den Joint, innerhalb dessen Organisation er verschiedene wichtige Posten innehatte. So war er einige Zeit in La Habana, Cuba, taetig, von wo er die Arbeiten in ganz Zentral - Amerika leitete. Spaeter ging er nach Shanghai, wo er die Hilfe fuer 15.000 europaeische Fluechtlinge ueberwachte. Im Jahre 1948 wurde er nach Paris gerufen und uebernahm die Emigrations - Abteilung des Joint. Dort leistete er eine gigantische Arbeit, im Dienste der Auswanderung und Einordnung von hunderttausenden ihrer Heimat beraubten Juden, welche noch in den Laegern Europas vegetierten. In Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und unter Herrn Jordans Leitung, konnte der Joint mehr als 600.000 dieser Fluechtlinge aus den Laegern befreien und ihnen zur Auswanderung verhelfen. Seine heutige Stellung als Generaldirektor des Joint hat Herr Jordan seit dem Jahre 1955 inne. Von seinem Buero in Genf aus leitet er die Einordnung und Hilfe fuer 195.000 Juden in 25 verschiedenen Laendern. Das Internationale Fluechtlingsjahr wurde von der UNO auf Veranlassung der Englaender organisiert. Zu diesem Zwecke haben sich 63 nichtstaatliche Organisationen vereint und ein gemeinsames Ko- .mitee geschaffen. Praesident dieses Komitees ist Mr. Eifan Rees, der Leiter des World Council of Churches; Vizepraesident ist Herr Charles Jordan vom Joint. Wie in allen freien Laendern der Welt, bildete sich auch in Chile ein lokales Komitee fuer das Fluechtlingsjahr. Dieses wird von Frau Luisa Schaeffer de del Rio praesidiert, der Frau des Innenministers. Im Dienste seiner Aufgaben fuer das Fluechtlingsjahr sprach Herr Jordan persoenlich mit mehreren Ministern der Chilenischen Regierung. Er fand sie geneigt, die Einwanderung von Fluechtlingen zu befürworten, wenn auch die Regierung keine ganz freie Einwanderung wuenscht, sondern sich das Recht vorbehaelt, Menschen zu bevorzugen, deren Kenntnisse und Faehigkeiten im Lande gebraucht werden. Erfreut konnte Herr Jordan uns miteilen, dass alle Minister sich aeusserst anerkennend ueber die juedische Einwanderung nach Chile ausgedrueckt haetten, und die produktive Mitarbeit der juedischen Bevoelkerung an der Entwicklung des Landes hervorhoben. Herr Jordan erklaerte uns, dass er sehr geruehrt sei ueber den enorm herzlichen Empfang, welchen die Juden Chiles ihm bereitet haben. Er bat uns, auch auf diesem Wege seinen Dank fuer diese liebevolle Aufnahme zum Ausdruck zu bringen. Auch sei er ueberaus beeindruckt von der Arbeit des Jischuw, den er als einen ganz besonders aktiven und positiven einschaetze. Er freue sich, mit den Juden Chiles naeheren Kontakt genommen zu haben. Wir moechten noch erwaehnen, dass Herr Jordan hier von zwei Herren des Joint begleitet war. Herr Sidney Nelson, welcher bisher das Buero in Buenos Aires geleitet hat und nun nach Frankreich geht, und Herr Henry Levy, der als Nachfolger von Herrn Sidney Nelson die Arbeit in Buenos Aires uebernimmt, nachdem er mehrere Jahre fuer den Joint in Nordafrika taetig war. Wir freuen uns, dass diese fuer alle Juden so wichtige Arbeit von Maennern geleistet wird, welche sich ihr mit grossen Faehigkeiten und mit wahrhaftem juedischen Herzen widmen. Walter Goldschmidt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.