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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1959-07-01 · 7 (Julio, 1959) · p. Seite 9

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXI (1959)
Issue
7 (Julio, 1959)
Date
1959-07-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Julio 1959 BOLETIN INFORMATIVO 9 FRANZ KAFKA IN von CILLA SEINEN BRIEFEN KOHN Man hat sich im Laufe der Zeit so sehr an die Eigenart der dichterischen Erscheinung Franz Kafka’s gewöhnt, an die gezügelte Intensität und zugleich pedantische Knappheit seines Redeflusses, dass der Band der jetzt veröffentlichten Briefe vorerst stutzig macht und ein wenig enttäuschend wirkt. Man steht ihm merkwürdig unvorbereitet gegenüber, etwa so, als würde man jemanden, den man stets in bestimmter sehr straffer und sehr eigener Haltung und Kleidung gewohnt ist, zum ersten Mal gebückt und im Hausrock erblicken. Und nicht einmal die Tatsache dieses Négligés wirkt so sehr überraschend, wie dessen Beschaffenheit selber. Zunächst muten die Briefe fast leer und nichtssagend an. Bis auf einige, die aber grossenteils schon aus früheren Veroeff entlichungen bekannt sind. Langsam jedoch erkennt man immer mehr Züge, die zum Teil das alte Bild von Kafka ergänzen, zum Teil ein exakteres Bild neu schaffen. Soviel man zum Beispiel über seine Bescheidenheit auch bisher bereits wusste, in jedem seiner Briefe beeindruckt sie einen von neuem. Er ist voll Bewunderung für seine Freunde und deren Tun, sieht zu ihnen auf, ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, wer er selber ist. In einem Brief an Dr. Robert Klopstock, in dem er darüber spricht, dass ihm das Schreiben “das Wichtigste auf Erden” sei, setzt er hinzu: “Das hat mit dem Wert des Schreibens, wie ich auch hier wiederhole, gar nichts zu tun, den Wert erkenne ich ja übergenau, aber ebenso auch den Wert, den es für mich hat...” (S. 431). Im ganzen wird sein Schreiben, ausser in einem der letzten Briefe, kaum erwähnt; höchstens wird man daran erinnert anlässlich der Briefe, die er an den Verlag richtet. Desto mehr geht er aber auf alles ein, was sein Freund Max Brod produziert Mit Liebe, und achtungsvoller Sorgfalt bespricht er dessen Arbeiten, vor denen er einen so grenzenlosen Respekt hat, dass auch daraus seine Ahnungslosigkeit gegenüber dem eigenen Schaffen deutlich wird. Aber nicht allein das Schreiben bewundert er bei Max Brod; er bewundert an ihm all das, was er selber vermeintlich oder tatsächlich nicht besitzt: dessen Durchschlags- und Lebenskraft und nicht zuletzt die Tatsache seiner Ehe. Denn die Ehe bleibt für Kafka eine unerfüllbare Sehnsucht. — S'e i n Drang nach dem “ueblichen Menschen”, den man aus Kafkas Werken kennt, erhält in diesen Briefen noch ganz andere Farben, man möchte fast sagen — wässrigere und hoffnungslosere. “Hätte ich drei Wünsche frei”, schreibt er, “würde ich mir unter Vernachlässigung der dunklen Begierden wünschen: annähernde Gesundung ..., dann ein fremdes südliches Land... und ein kleines Handwerk. Das heisst doch nicht viel gewünscht, nicht einmal Frau und Kinder sind darunter”. (S. 315). “Frau und Kinder”. — Es ist die übliche Sehnsucht des “üblichen” Menschen, die bei Kafka solche Worte hervorrufen kann, wie die an Brod gerichteten: “Und schliesslich und vor allem, wie Du, Deine Ehe führst...” (S. 313) Für ihn bleibt es unerreichbar und es scheint, als würdige er kein Los auf Erden so sehr, wie das des “üblichen” Daseins. Einmal, noch als ganz junger Mensch, schreibt er an Hedwig W., wieviel weniger arg es sei, zu zweien zu sagen: “Das Leben ist ekelhaft”. ... denn das Gefühl, das einen zersprengt, stösst an den andern, wird durch ihn gehindert, sich auszubreiten, und sicher sagt man: Wie hübsch sie “ekelhaftes Leben” sagt und mit dem Fuss aufstampft dabei”. Und danach kommt der Satz: “Die Welt ist traurig, aber doch gerötet traurig, und ist lebhafte Trauer von Glueck soweit?” (S. 54/55). In diesem letzten Satz -erkennt man wieder Kafka, mit all der Unüblichkeit seiner Ausdrucksweise und dem immer paraten Trost. Was den paraten Trost anbetrifft, bleibt Kafka sich darin auch innerhalb der Briefe treu. Klagt er viel über seinen Husten, folgt sofort eine Nachschrift, in der er sich der Uebertreibung beschuldigt. Gewissermassen als diene ihm jede Widerlegung als Trost. Selbst in den Briefen will er sich nie an seine Worte binden, obwohl er zugleich zu ihnen steht. Jede Situation wird von ihm aus einer Wagschale in die andere gelegt, und da er immer dabei mit anderen Gewichten operiert, — mit unvergleichbaren —, bleibt man letztlich immer halb im Unklaren, ob die Behauptung oder die Widerlegung von ihm unterschrieben wird. Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass Kafka Beides, sowohl die Behauptung, wie die Widerlegung meint. Kaum jemand hat so gut wie er verstanden und gewusst, dass die Wahrheit meist zwischen zwei Widerlegungen zu finden ist. Liest man seine, von der Krankheit gestempelten Briefe, kommt es einem fast unglaublich vor, dass er imstande war, zu gleicher Zeit seine so straffen, elastisch-straffen Werke zu schreiben. — Um diese Zeit entstand sein “Schloss” und zum Schluss der “Hungerkuenstler” und “Josefine”. An Hand dieser Briefe bekommt man eine vage Ahnung, aus welchem Material dieser Dichter seine Werke wob. Es gibt zum Beispiel eine Reihe von Briefen, in denen Kafka hemmungslos seine Angst vor den Mäusen preisgibt. Er schreibt darüber an mehrere Freunde, wobei sein Emst fast überzeugender wirkt als seine gewohnte Ironie, er klagt über seine Schlaflosigkeit und geht ausführlich' auf die Mäuse, wie auch auf die Katze ein; er leidet unter diesem Zustand in einem solchen Masse, dass es geradezu grotesk anmutet. Und einige Zeit danach schreibt er seine “Josefine” — worin seine Angst und Abscheu wie ausradiert sind, worin das Mäusevolk mit einer derartigen Selbstverständlichkeit auftritt, dass man um so fassungsloser ist, wenn man jetzt die Quelle der Entstehung nacherlebt. Wieder diese muntere Energie, mit der Kafkas gelenkiger Geist sich über seine persönliche Not und die empfundenen Unzulänglichkeiten hinwegzusetzen versteht. “... Selbstvergessenheit ist erste Voraussetzung des Schriftstellertums” sagt er in einem seiner Briefe an Max Brod. — “Das Schreiben ist ein. süsser wunderbarer Lohn, aber wofür? In der Nacht war mir mit der Deutlichkeit kindlichen Anschauungsunterrichtes klar, dass es der Lohn für Teufelsdienst ist. Dieses Hinabgehen zu den dunklen Mächten, diese Entfesselung von Natur aus gebundener Geister, fragwürdige Umarmungen und was alles noch unten vor sich gehen mag, von dem man oben nichts mehr weiss, wenn man im Sonnenlicht Geschichten schreibt. Vielleicht gibt es auch anderes Schreiben, ich kenne nur dieses; in der Nacht, wenn mich die Angst nicht schlafen lässt, kenne ich nur dieses. Und das Teuflische daran scheint mir sehr klar”. Und weiter sagt er: “Was der naive Mensch sich manchmal wünscht: Ich wollte sterben und sehn, wie man mich beweint” das verwirklicht ein solcher Schriftsteller fortwährend, er stirbt (oder er lebt nicht) und beweint sich fortwährend”. (S. 384/385). Robert Klopstock notiert die Worte, die ihm Kafka in den Tagen sagte, an denen bei ihm die ersten Symptome der Kehlkopftuberkulose festg e s t e 111 wurden, — es waren die gleichen Tage, an denen er seine “Josefine” schrieb: “Ich glaube, ich habe zur rechten Zeit mit der Untersuchung des tierischen Piepsens begonnen. Ich haben soeben eine Geschichte darüber fertiggestellt” (S. 521). Aus was für grausigem Stoff ist die Geschichte entstanden! Auch den “Hungerkünstler” schrieb er um diese Zeit. Seine “wunderfeine Ironie” verliess ihn nie. Gibt es etwas Erschütternderes als die letzten Worte vor seinem Tode? — Er soll den Arzt um eine Spritze gebeten und gesagt haben: “Töten Sie mich, sonst sind Sie ein Mörder” — In diesen Worten liegt der ganze Kafka; das Gewicht, welches er der Zweideutigkeit jeder Auslegung gab, eröffnet sich in dieser knappen Zusammenfassung: die ganze Widerlegbarkeit jeden Begriffes. Es ist, als hätte Kafka mit diesen Worten noch einmal all das zusammenfassen wollen, was er all sein Leben, in allen seinen Werken zu veranschaulichen bemüht war, die unentwirrbare Verwicklung der Situationen, deren Tragik von seiner munteren Ironie illuminiert wird. Zugleich aber unterstreicht diese Munterkeit des Spottes ebenso die Auswegslosigkeit, wie zugleich die Chance, sich von allen Begriffen konventioneller Möglichkeiten freimachen zu können und das Aeusserste zu wagen. Er bewahrt aber auch hier die “Selbstverg essenheit” des Schriftstellertums, denn er übersieht die verwickelte Situation des anderen so deutlich und klar, dass man bei seinen Worten seine eigene fast vergisst. Eine wahrlich bewundernswürdige “Selbstvergessenheit”! Diese Briefe zeigen Kafka nicht so sehr als einen Schriftsteller, sondern vor allem als einen geplagten Menschen, der neben seinem “stärkeren”. Dasein, all dem “suessen wunderbaren Lohn”, unter dem Teufelsdienst furchtbar litt. Diese “fragwürdigen Umarmungen” mitten in der Nacht, mit all ihren Aengsten und Plagen, er scheinen in seinen Werken in einer Form, die zwar die Entstehung ahnen lässt, sie aber lange nicht so deutlich bloss stellt, wie diese Briefe, deren Mehrzahl überraschend lahm, fast sogar langweilig wirkt, da sie meist nur von rein biographischem Interesse sind. Kafkas Briefe gehören nicht zur grossen Briefliteratur und sind nicht mit Rilkes Briefen zu vergleichen. Aber das ist nur vom schriftstellerischen Gesichtspunkt von Bedeutung, denn menschlich formt sich in ihnen das Bild eines überbescheidenen, von Krankheiten und Geldsorgen, Unsicherheiten und Aengsten geplagten Menschen, der in seiner Bewegungslosigkeit sich mehr verschliesst als eröffnet. Seine Berichte erstrecken sich meist auf Aeusserlichkeiten: Temperaturen, Gewicht, ziemlich viel über das Essen,-der einzige Moment übrigens, bei dem man sich daran erinnert, dass ja Kriegsjahre sind. (Er bemüht sich den Freunden Lebensmittelpakete zuzustellen). Kafka lebt an dem Krieg vorbei, völlig in sich eingeschlossen. Seine Interessen erstrekken sich vor allem auf die seiner Freunde, er lernt Hebräisch, liest, — schreibt aber an Freunde wenig darüber. Meist geht er auf die Sorgen der Freunde ein, oder berichtet auch über die eigenen; fast nie aber geht er ganz aus sich heraus, sein eigentliches Ven- Tagebücher und Werke. Es sei denn, was wir nicht beurteilen können, dass er mündlich sich hemmungsloser zu geben verstand als in den Briefen. Und doch wächst mit diesem Band das Verständnis für das Gesamtbild dieses Dichters, welches sonderbarerweise, ungeachtet der verdünnten Farben mit denen hier gezeichnet wird, deutlicher und kräftiger hervortritt. Seine grosse Ehrfurcht vor dem Leben und Tun der anderen, der unablässige Krieg, den er gegen seine Krankheit führt, — denn er war sich im Klaren, dass die Lunge seinem Kopfe nachgegeben hatte, und schreibt wiederholt darüber und vergisst es nie —, all das macht ihn uns menschlicher und näher. Man versteht besser, wie tapfer er gegen oder vielmehr mit seiner ganzen, ihm so qualvollen. Untüchtigkeit, sich durch das Leben zu schlagen verstand. Er kehrte nicht, wie Rilke, dem Alltag den Rücken, er billigte und bejahte sowohl den Durchschnittstag wie den Durchschnittsmenschen, — er sehnte sich nach dem Durchschnittsschicksal und klagte nur darüber, dass ihm “das Mögliche unmöglich” war. Ohne die Ergänzung der parallel geschriebenen Tagebücher und Werke hätte man durch diese Briefe allein einen sehr einseitigen Einblick in sein Dasein erhalten können. Es ist interessant, die Parallelen zu verfolgen, wozu die Briefe wiederum eine höchst willkommene Möglichkeit bieten. Wo und wie sich die Dinge, die das Persönliche berühren, — seine Krankheit, seine persönliche und berufliche Situation — innerhalb seiner Werke überschneiden, kann natürlich nicht eindeutig entziffert, höchstens erahnt werden. Mit dem Band “Briefe” wird die Veröffentlichung der Gesammelten Werke Franz Kafkas abgeschlossen. Vielleicht hat sogar sehr viel Mut unu Ehrlichkeit des verdienstvollen Herausgebers Max Brod dazu gehört, diesen Band ans Ende zu setzen, der zunächst nicht als Steigerung, sondern eher als ein Abflauen der dichterischen Kraft Kafkas empfunden werden kann. Aber der Herausgeber hat durch diese Veröffentlichung nicht nur wichtiges biographisches Material vermittelt, sondern auch eine Hintergrunds - Perspektive eröffnet, von der alles Parallelgeschriebene sich in umso kräftigeren Farben abhebt. Tmcsn

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