Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXI (1959)
- Issue
- 6 (Junio, 1959)
- Date
- 1959-06-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Junio 1959 BOLETIN INFORMATIVO 9 NEO — ANTISEMITISMUS IN DEUTSCHLAND i von Eleonore Sterling In letzter Zeit ereigneten sich in Westdeutschland verschiedene antisemitische Zwischenfaelle. Juden wurden in Cafés und auf der Strasse beleidigt und teilweise sogar bedroht; in Berlin unterbrach eine Horde Halbwuechsiger die Auffuehrung eines Theaterstueckes ueber das Warschauer Ghetto; ein Verlag in Hamburg veroeffentlichte eine Broschuere worin er das “Internationale Judentum” angriff, ohne dass es den Behoerden moeglich war gegen ihn einzuschreiten; bei verschiedenen Gelegenheiten sind juedische Friedhoefe geschaendet und Synagogen mit Hakenkreuzen beschmiert worden. Diese, moeglicherweise nur vereinzelten Zwischen f a e 11 e werden jedoch von der Vereinigung der Juden in Deutschland ernst genug genommen, um oeffentlich dazu Stellung zu nehmen. Die Ausfuehrungen der Vereinigung gehen dahin, dass die antisemitische Welle nicht so sehr der reduzierten juedischen Gemeinschaft schade, wie dem deutschen Ansehen in der Welt, denn sie waeren ein Beweis dafuer, dass die demokratischen Prinzipien i n weiten Kreisen des deutschen Volkes keine Wurzel gefasst haetten und noch eine intensive Umerziehungsarbeit zu leisten waere. Die Veroeffentlichungen der Vereinigung der Juden in Deutschland fuehren weiterhin aus, dass diese Zwischenfaelle kein Beweis dafuer seien, dass sich die Lage in Deutschland verschlechtert habe. Die jeweiligen Untersuchungen haetten von Mal zu Mal ergeben dass es sich um Einzelfaelle und nicht um eine organisierte, politische Aktion handeln wuerde. Dennoch haette der Antisemitismus in Deutschland heute eine Virulenz erreicht, die seit Kriegsende noch nicht dagewesen waere. Es ist richtig, dass Adenauer vom “krankhaften Antisemitismus “sprach, jedoch sind seine Erklaerungen der letzten Zwischenfaelle nur sehr oberflaechlich. In einer Rede ueber den britischen Rundfunk bezeichnete er die augenblicklichen antisemitischen Stroemungen als “die letzten Zukkungen einer vergangenen, nationalsozialistischen Epoche”. Diese Erklaerung reicht jedoch nicht aus, denn sie beruecksichtigt nicht das beobachtete Wiederaufleben antidemokratischer Tendenzen die sich zwar nicht auf den Antisemitismus beschraenken ihn jedoch als einen wesentlichen Programmpunkt fuehren. Ebensowenig zieht diese Erklaerung in Betracht, dass der Antisemitismus in Deutschland nicht nur ein Phaenomen der N. S. —Zeit, sondern latent schon immer vorhanden war. Der deutsche Antisemitismus hatte von jeher ein theologisches Gewand. Trotz Aufklaerung und Rationalismus hat das Volk nie aufgehoert im Juden den “Christusmoerder” zu sehen und so antichristlich auch die nationalsozialistische Weltanschauung war, behielt sie doch das Bild der Juden als das eines teuflischen, verdammten Volkes bei. Tatsache ist, dass es immer einen, zeitweise unbewussten. Antisemitismus in Deutschland gegeben hat, wenn er sich auch heute —in seiner politischen Form— auf eine Minderheit beschraenkt. In den ersten Jahren der Nachkriegszeit war diese Tatsache nicht spuerbar, da die Erinnerung an die sechs Millionen ermordeter Juden das deutsche Volk verfolgte und es ausserdem zu beschaeftigt war. sich in eine, fuer es neue, Weltordnung einzuordnen. Nach soviel Blutvergiessen haette antisemitisches Vorgehen oeffentliches Aergernis herrorgerufen Selbst die, inzwischen verbotene, neo—nazistische “Deutsche Reichspartei” erklaerte oeffentlich. dass sie nicht antisemitisch sei. Auf diese Jahre folgte eine Zeit, im welcher die nationalsozialistische Vergang e n h e i t mit all ihren Schrecken bewusst zurueckgedraengt wurde und das deutsche Volk zu vergessen versuchte. Um mit dem, die Juden betreffenden, Schuldkomplex fertigzuwerden, entwickelte der Durchschnittsdeutsche einen Verteidigungsmechanismus in dem Sinne, dass die bekannten Behauptungen aufgestellt wurden, die Existenz der Konzentrations und Vernichtungslaeger waeren dem Vollje unbekannt geblieben und ausserdem, dass die Leiden des deutschen Volkes durch die alliierten Bombenangriffe mehr als genug die Leiden der Juden aufwoegen. So wurde das Schuldbewusstsein aus dem Gedaechtnis gedraengt und an Stelle des ursprünglichen Entsetzens trat die Gleichgueltigkeit oder sogar Feindseligkeit gegenueber einer Gruppe, deren Existenz ein Vergessen der unseligen Vereangenheit unmoeglich machte. Verschiedene Meinungsumfragen haben diese These erhaertet und ergeben, dass unter der Oberflaeche einer scheinbaren Toleranz oder Gleichgueltigkeit doch noch 37% der Befragten antisemitische Regungen verspueren. Auch die in den letzten Jahren publizierte antisemitische Literatur beweist die Gleichgueltigkeit gegenueber den Juden und ihrer demokratischen Rechte. In regelmaessigen Abstaenden sind in Bayern Flugblaetter und Artikel, unter dem Patronat von Mathilde Ludendorf, erschienen. Guido Roeders Broschueren, welche die “rote Diktatur” mit der “Verschwoerung des internationalen Finanzjudentums” in Verbindung brachten, sowie auch seine Uebersetzungen der Schriften des amerikanischen Antisemiten Eustace Mullins, sind schon vor Jahren den Muenchner Behoerden denunziert worden ohne dass diese bisher eingegriffen haetten. Zahlreiche antisemitische Artikel erscheinen in den neonazistischen Zeitschriften “Die Anklage” ebenso wie in der “Deutschen Soldatenzeitung”. Ein beliebtes Argument dieser Artikel ist die Behauptung dass “nur” 350.000 Juden waehrend der Nazizeit “starben”. Im allgemeinen haben diese Veroeffentlichungen wenig Aufsehen erregt. Selbst diejenigen Kreise, die den Antisemitismus ablehnen, haben sich nicht zu Protestaktionen aufschwingen koennen. Sie behaupten, dass es sich lediglich um Ueberbleibsel der nazistischen Zeit handeln wuerde die, langsam von selbst aufhoeren, da sie fuer die junge Generation unverstaendlich und gegenstandslos sind. Selbst die Schaendung juedischer Friedhoefe und aehnliche Exzesse werden als Handlungen unreifer und unverantwortlicher Elemente abgetan. Eine Umfrage, welche vor ungefaehr einem Jahr in Frankfurt durchgefuehrt wurde, zeigt, dass der Optimismus fuer die Jugend unberechtigt ist. Das Resultat ergab, dass selbst die bestinformierten Gruppen zum grossen Teil antisemitisch eingestellt sind. Sie verdammen zwar jede Art von Gewalt, erklaeren jedoch, dass sie ueberzeugt seien, dass sicherlich auch die Juden einen Teil der Schuld an den Verfolgungen haetten. Negative Bemerkungen ueber die juedische Katastrophe, Israel sowie auch ueber die Wiedergutmachung bezeugen, dass das Gift des Nazismus auch in der neuen Generation wirksam ist. Offener Antisemitismus begann vor ungefaehr einem Jahr. In einer Debatte im Bundestag griff die Opposition den Justizminister Dr. Fritz Schaeffer mit der Behauptung an, dass er durch seine gefaehrlichen Reden in Bezug auf die Wiedergutmachung mitschuldig sei am Wiederaufflammen des Judenhasses. Im Dezember 1957 hatte Minister Schaeffer verzerrte Statistiken veroeffentlicht, die beweisen sollten dass die Wiedergutmachung eine schwere Belastung fuer den deutschen Steuerzahler darstelle und die Stabilitaet ^er Waehrung beeintraechtige. Es ist aeusserst unwahrscheinlich, dass die Bemerkungen Dr. Schaeffers die Ursache der antisemitischen Ausb r u e c h e waren, jedoch kann kein Zweifel darueber bestehen, dass derartige Aeusserungen von so hoher Stelle dazu beitrugen, den latenten Antisemitismus in einen Virulenten zu verwandeln. Zum ersten Mal seit Kriegsende konnten sich die antisemitischen Hetzer als “Stuetzen der Gesellschaft” fuehlen. Ein anderer Faktor, der entschieden zum Entstehen der antisemitischen Welle beitrug, war die sensationelle Aufmachung, welche, der Fall des Lehrers Ludwig Zind in einem grossen Teil der deutschen Presse erfuhr. Diese Berichte brachten allerortens den unterdrueckten oder eingeschlaeferten Antisemitismus zum Vorschein. Zind war, wie eine deutsche Zeitung sich ausdrueckte, “ein Geist aus der Vergangenheit, der ploetzlich zum Leben erwachte”. Es ist natuerlich moeglich, dass auch noch andere Faktoren im Spiele waren. Vor einiger Zeit, als eine Synagoge in Duesseldorf mit Hakenkreuzen beschmutzt wurde, erklaerten die Behoerden, dass es sich um kommunistische Machenschaften handle, um das Ansehen der Bundesrepublik zu desakreditieren. So etwas ist ohne weiteres denkbar jedoch, wie Dr. Hendrik van Dam, Vorsitzender des Zentralrates erklaerte, koenne ein “agent provocateur” nur in einer, seiner Sache guenstigen Atmosphaere auf Erfolg hoffen. Obwohl die augenblickliche Lage zu Besorgnis Anlass gibt, besteht kein Grund zu der Annahme, dass der Antisemitismus schlimmere Formen annimmt, mindestens solange die augenblickliche wirtschaftliche Bluete andauert. Wie allgemein bekannt ist, wird der Antisemitismus besonders in Zeiten wirtschaftlicher Not oder nationaler Krisen akut, was beides momentan nicht der Fall ist. Ausserdem haben ebenso die Bundes— wie auch die Landesregierungen den festen Willen, antisemitische Ausschreitungen energischst zu verfolgen und die oeffentliche Meinung hat bisher gegen die Anstifter dieser Machenschaften Stellung genommen. Wir Roennen also annehmen, dass, wenn auch mit neuen antisemitischen Manifestationen zu rechnen ist, das gesellschaftliche Gefuege in Deutschland fest genug ist, um ein Weiterwachsen dieser Bedrohung zu verhindern. Der Antisemitismus in seiner augenblicklichen Form birgt keine direkte Gefahr und das deutsche Volk ist an einem aktiven Antisemitismus uninteressiert und wird es mindestens solange sein, wie die wirtschaftliche Lage stabil bleibt. Die groessten Schwierigkeiten fuer die deutschen Juden kommen augenblicklich aus den Kreisen des “gehobenen Mittelstandes”, der prominente Stellungen in der Verwaltung, der Politik und dem Rechtswesen einnimmt. Diese Kreise geben ihren Vorurteilen durch Verschleppung der Wiedergutmachungsprozesse und im Wohlwollen der Gerichte gegenueber den ex- Nazis und den Neo-Nazisten Raum; all dies unter der Maske bürokratischer Paragraphenkraemerei. So hat z. B. ein Duisburger Gericht eine Verurteilung eines Beamten, der waehrend der Kristallnacht den Brand der Muehlheimer Synagoge anordnete, verweigert. Vor wenigen Monaten wurde in einer Entscheidung eines Hamburger Gerichtes erklaert, dass die Konzentrationslaeger “eine notwendige Einrichtung” gewesen seien, ein anderes Hamburger Gericht hat sich geweigert, gegen zwei Verleger von antisemitischen Broschueren vorzugehen. In diesem letzteren Fall, der ueber die ganze Welt bekannt geworden ist, hat der Richter ■—Verfasser eines Aufsatzes der die Nuernberger Gesetze verteidigt—, erklaert, dass keine strafbare Handlung vorlaege, da die Broschueren nicht das “juedische Volk”, sondern nur das “internationale Judentum” angreifen wuerden. Die Entwicklung in Deutschland muss mit groesster Wachsamkeit beobachtet werden. Es waere eine gefaehrliche Vereinfachung zu glauben dass die augenblickliche antisemitische Welle Vorbote eines neuen Nationalsozialismus waere. Die Kraefte ,welche den Antisemitismus foerdem, sind eine Minderheit, aber ihre blosse Existenz ist ein Ferment welches nicht unterschaetzt werden darf. Was jedoch Anlass zum Pesimismus und Sorge geben sollte, ist die Tatsache, dass scheinbar die Demokratie in Deutschland noch nicht richtig Boden gewinnen konnte und dass dem Deutschen das Schuldbewustsein fuer seine Taten, den Juden gegenueber, abhanden gekommen ist. Ein Zeichen dafuer' ist der unbewusste Antisemitismus, der heute, genau wie frueher, den Deutschen beeinflusst und dessen momentane Ausbrueche wir in diesem Aufsatz zu schildern versucht haben. (“Congress Bi - weekly”). 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