Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXI (1959)
- Issue
- 4 (Abril, 1959)
- Date
- 1959-04-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Abril 1959 BOLETIN INFORMATIVO 15 i DAS NEUE GLEICHGEWICHT IM NAHEN OSTEN Nasser hat einen neuen Feind entdeckt: zu Zionismus und Imperialismus hat sich —aller boesen Dinge sind wohl drei— der Kommunismus gesellt. Und mit der ihn auszeichnenden Vehemenz reitet er Attacke auf Attacke gegen seine Verbuendeten von gestern. Gewollt oder ungewollt schlaegt er dabei so stark auf den kommunistischen Sack, dass der russische Esel sich getroffen fuehlen musste und Kruschev mit der einem Eselstreiber eigenen delikaten Art und Weise entsprechend heftig reagierte. Was war geschehen? Was bedeutet die Eroeffnung dieser neuen Front im Kalten Krieg? Stehen Wir vor einer sensationellen Wendung im Nahen Osten? Werden die Westmaechte den in den letzten Jahren eingebuessten Einfluss wiedererobern koennen? Inwiefern beeinflusst der neue Gegensatz Kairo-Moskau die politische Position Israels? Dies sind einige der Fragen, die sich mit der neuen Situation aufdraengen und von deren Beantwortung die mehr oder minder korrekte Interpretation der Lage im Nahen Osten abhaengt. DIE REVOLTE VON MOSSUL Steht als sichtbarer aeusserer Anlass am Beginn dieser letzten Ereignisse. Wie bekannt, versuchten dabei die pro-nasseristischen Elemente im Heer des Irak unter Fuehrung eines obskuren Leutnants namens Shohab, das Regime des Presidenten Kassem in Bagdad zu stuerzen. Trotz geschickter Wahl des Zeitpunkts und Ortes, Zentrum des irakesischen Oelreichtums und einer von nie recht zufriedenen Kurden bewohnten Provinz, scheiterte der Putsch. Kassem, der es verstanden hatte, seine ueberraschend grosse Ponularitaet und eine wohl nicht unbetraechtliche russische Unterstuetzung in die Waagschale zu werfen, bezichtigte Nasser offen, den Aufstand angezettelt zu haben. Dieser wiederum klagte Kassem als Agent des Kommunismus in der arabischen Welt an und ereifert sich seitdem, weit ueber den Zweck dieser eigentlichen Replik hinausgehend, in einem von religioeser Heuchelei triefenden Wortschwall gegen den roten Atheismus. Und da der Kreml, als nicht unbeteiligter Dritter, ja schliesslich auch seinen propagandistischen Senf dazugeben muss, wurde man aus Moskau dahingehend belehrt, dass der Aufstand im Irak von Nasser... im Verein mit dem westlichen Imperialismus organisiert worden war. Der damit offen ausgebrochene Konflikt Nasser-Kassem datiert natuerlich nicht von gestern. Er beruht vielmehr darauf, dass das System des gemeinsamen Einbruchs von Sowjet - Imperialismus und Pan - Nasserismus im Nahen Osten, welches mit dem aegyptischtschechischen Waffensabkommen begonnen hatte, nach dem Sturz der Monarchie im Irak im Juli des vergangenen Jahres aufhoerte zu funktionieren. Bis zum Koenigsmord von Bagdad hatte das do ut des - Abkommen zwischen Kruschev und Nasser fuer beide reichlich Fruechte getragen: Nasser war dank russischer Unterstuetzung der fuehrende Staatsmann in der arabischen Welt geworden und die U. d. S. S. R. hatte, anstelle der U.S.A., die laut der Eisenhower- Doktrin fuer diese Rolle bestimmt schien, das durch den britischen Rueckzug entstandene Vakuum ausgefuellt. Ja, selbst zur Einverleibung Syriens .setzte Kruschev noch gute Miene auf, obwohl er dabei um die Resultate einer betraechtlichen Durchsetzungsarbeit, vor allem in den fuehrenden Offizierskreisen, geprellt wurde. Nun war zwar oft vorausgesagt worden, dass dieses Spiel, in dem ein Jeder im Andern sein Werkzeug sieht, irgendwann einmal ein Ende finden musste. Man konnte nur nicht wissen, wann das geschehen wuerde und noch weniger, dass es so bald der Fall sein wuerde. KHRUSCHEV Rotes Licht. . . DIE BEDEUTUNG DES IRAK Die Juli-Revolution im Irak, die der Monarchie und der pro-westlichen Ausrichtung dieses hochstrategischen Landes ein gleich gewaltsames Ende setzte und nicht mit Unrecht von Kruschev und von Nasser mit ebensolchem Jubel begruesst wurde wie mit Bestuerzung und Ueberraschung in Washington und London, beschwor diese Krise in den russich - aegyptischen Beziehungen herauf. Die Revolution selbst war noch ein Gemeinschafts - Unternehmen gewesen. Beide Tendenzen waren durch Agenten und Offiziere, Spione und Politiker vertreten, an deren Spitze Kassem, der heutige Praesident auf der eine Seite und Leutnant Aref, der Vertrauensmann Nassers, auf der anderen Seite standen. Nichts beleuchtet greller das Scheitern der aegyptischen Hoffnung auf eine Einverleibung des Irak in die V. A. R. als die Laufbahn dieses Aref: Zuerst Vize - Praesident der neuen Republik, inszenierte er einen missglueckten Putschversuch gegen Kassem, wurde von diesem in ein politisches Exil als Botschafter nach Bonn gesandt, kehrte zurueck, ohne gerufen worden zu sein, putschte neuerdings, wurde im darauffolgenden Hochverratspro- NASSER fuer die V. A. R.. . . zess zu Tode verurteilt und sitzt heute, dank der Begnadigung seines einstigen Kameraden und Gegenspielers, der vielleicht seine Hinrichtung im Hinblick auf seine Popularitaet fuerchtete, im Gefaengnis. Schohab sollte von Mossul aus das Werk Arefs fortsetzen und auch er scheiterte. Und damit «;nd Nassers Expansionsplaene fuers Erste an einer Steile festgefahren, wo ihn dies am empfindlichsten schmerzt: im Irak. Man muss sich das einpraegen, um diesen emotionell geladenen, recht unpolitisch anmutenden Wutausbruch zu verstehen, mit dem der aegyptische Diktator seinen Verbuendeten von gestern —und vielleicht von morgen, Pack schlaegt sich, Pack vertraegt sich— diese Niederlage quittierte. Der Irak ist das groesste, das potentiell reichste, das wichtigste arabische Land. Ohne den Irak kann es keinen Panarabismus geben. Mehr noch, eine solche Bewegung hat ihren natuerlichen historisch - geographischen Schwerpunkt viel eher im asiatischen Bagdad als im afrikanischen Kairo. Inwiefern nun auf der anderen Seite Kassem ein unbedingtes Werkzeug Moskaus ist, bleibt wohl fuers Erste eine offene Frage. Dass Russland ein unabhaengiges Irak unter seiner Fuehrung einer Einverleibung in die V. A. R. vorzieht, ist kein Beweis. Die hysterischen Beschuldigungen Nassers sind es noch weniger. Die Hilfe, die er gegen die Revolte von Mossul von den Kommunisten akzeptiert hat, beweist auch noch nicht alles, besonders solange deren Umfang nicht bekannt ist. Es ist also genau so gut moeglich, dass er, mit einer recht normalen Mischung von Patriotismus, Ehrgeiz und Demagogie nur den verstaendlichen Wunsch hat, sein Land vor Nassers Zugriff zu schützen und dies •—verstaendlicher ‘ Wunsch desgleichen— tunlichst unter seiner gottbegnadeten oder rotbegnadeten hoechstpersoenlichen Fuehrung. Dass er zu deren Erhaltung skrupellos jede Hilfe akzeptiert, auch die des Kreml, von wem soll-1 te er es gelernt haben, wenn nicht von Nasser? Und wer sollte eine geringere moralische Autoritaet haben, dies zu kritisieren, als Nasser? NASSERS ANTIKOMMUNIS¬ MUS Hat in dieser Phase der Ereignisse eine verteufelte Aehnlichkeit mit dem “Antikommunismus” seines teuflischen Vorbilds. Der ganze Nahe Osten gaert durch das Ferment, das er seit dem Tage des Waffenabkommens mit der Tschechei unaufhoerlich ausstreut und im Moment, da sein eigenes Sueppchen ueberkocht. fuehlt er sich da- KASSEM . .in Bagdad zu berufen, die Welt vor dieser Hexenkueche zu warnen! Doch nicht nur das: er haut mit einem solchen Nachdruck in diese antikommunistische Kerbe, dass man sich fragen muss, ob dieser Rueckschlag im Irak allein der Grund dazu sein konnte. Bei der Beantwortung dieser Frage fehlt es nicht an gut fundierten Meinungen, die darin den Einfluss seiner zahlreichen deutschen Ratgeber sehen wollen, die jetzt endlich ihr gesamtes Kapital zinsbringend anlegen koennen: zu dem antisemitischen Schmaehmaterial, das gegen Israel Verwendung findet, koenen sie jetzt auch auf das Goebbels’sche Anti-Komintern-Arsenal zurueckgreifen. Geht man aber etwas weiter, so draengt sich doch die Ueberzeugung auf, dass der Diktator von Kairo nur eine neue Variante seines alten Spiels, die Gegensaetze der Grossmaechte im Kalten Krieg auszunutzen, Begonnen hat. Nachdem Kruschev ihm in Bagdad ro- *es Licht —im wahrsten Sinn des Wortes— fuer die Expansion der V. A. R. eingestellt hat, sucnt er nach anderen Wegen. Und es ist nicht nur moeglich, dass er dabei auf die Naivitaet des Westens spekuliert, sondern, was schlimmer ist, dass er dabei garnicht so unrecht hat. Jedenfalls hat er bis heute so oft mit dem Feuer gespielt und meistens das Glueck gehabt, dass die Andern sich verbrannt haben; warum also nicht einmal mehr? Schliesslich ist er auch im Moment in einem stagnierenden Zustand, der fuer Diktatoren fatal und untragbar ist und den er irgendwie zu brechen versuchen muss. STAGNATION UND GLEICHGEWICHT Eine Expantion nach Westen hin (Libyen) erscheint ausgeschlossen: darueber wacht Bourguiba in Tunis. Im Sueden ist Abud durch eine kleine Palastrevolte zwar leidlich unter Kontrolle, widersetzt sich aber offensichtlich einer Annektion des Sudan. Libanon im Norden hat die Misere im Syrien zu deutlich vor Augen, um dem pro-nasseristischen Premier Karame bis zum Anschluss zu folgen und auch der Praesident Schehab scheint nicht gewillt, auf Amt und Wuerden zu verzichten. Und im Osten ist der Irak des Brigadier Kassem, dessen Gravitation man am besten daran messen kann, dass das Koeniglein von Jordanien samt Onkel und Premier - Minister seine langersehnte Reise nach Amerika durchfuehren konnte: er weiss seinen jordanischen Knochen zwischen den beiden Hunden von Kairo und Bagdad bestens aufgehoben. Ein neues Gleichgewicht, prekaer und labil zwar, aber Gleichgewicht und damit Nasser zuwider, hat sich in der Zone etabliert. Der pro-westliche Block mit der Tuerkei, dem Iran und Pakistan; der unabhaengige Staat von Cypern und schliesslich Israel sind weitere Faktoren, deren Eigengewicht und Einfluss einer weiteren Betrachtung beduerfen. Nassers neue Linie muss als ein erster Versuch gewertet werden, dieses Gleichgewicht zu stoeren und, wenn moeglich, zu zerstoeren. Wie stets in solchen Faellen, laesst er es dabei an Provokationen Israels, vor allem an der Suez- Durchfahrt und den Grenzen, nicht fehlen. Dass er dabei nicht sehr weit gehen kann, weiss er. Ausserdem steht Israel im Moment absolut nicht im Zentrum der arabischen Problematik, was kein Nachteil ist. Die eventuellen Debatten im Sicherheitsrat moegen ihm aber als Barometer dafuer dienen, ob im Westen wieder etwas Sonne fuer ihn scheint. Denn schliesslich ist nicht nur die Meteorologie, sondern bekanntlich auch die Politik keine exakte Wissenschaft. ATSCHEKA. imGßfwmtjmemr