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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1959-01-01 · 1 (Enero, 1959) · p. Seite 13

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXI (1959)
Issue
1 (Enero, 1959)
Date
1959-01-01
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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Enero 1959 BOLETIN INFORMATIVO 13 i M f Ein Junger Komponist Die 6. Chilenischen Musik- Festpiele, die fuer das hiesige Musikleben das wichtigste Ereignis des Jahres sind, hatten dieses Jahr auch fuer uns eine grosse Bedeutung. Die alljaehrlichen Musikfestspiele sollen dem Publikum das Auserlesenste, das in dem Jahre von chilenischen Komponisten geschaffen wurde, vorlegen. Dieses Jahr war León Schldlowsky unter den Auserwaehlten, deren Werke von dem symphonischen Orchester aufgefuehrt wurden. Die Werke von D. Vargas, R. Falabella, G. Becerra und L. Schidlowsky wurden von einer Komission unter 40 Kompositionen als die Besten erklaert und dem Publikum im Astor vorgesetzt. Das Werk, welches das groesste Aufsehen erregte, war zweifellos die Kantate “Caupolicán” unseres L. Schidlowsky. Dieser junge Komponist (27 Jahre), Musiklehrer im Vaad Hachinuch, studierte Komposition mit Free Focke, spaeter vollendete er sein Studium, Es gibt nur sehr wenige kritische Werke, die irgendwie genau den Stil und die Atmosphäre der Werke absorbiert haben, die sie kritisieren. Ein Beispiel für dieses seltsame Phänomen war die kleine Studie über Proust von Georges Piroué, die vergangenes Jahr in England erschienen ist; ein weiteres Beispiel ist jetzt Erich Hellers Buch über Thomas Mann (“The Ironie German — A Study of Thomas Mann" — Verlag Secker and Warburg. Von beiden Werken war Piroués Buch mehr eine tour de force, da es ohne weiteres als intim-persönlicher Angriff auf einen Schriftsteller ausgelegt werden könnte, den der Kritiker einst geliebt und völlig in sich aufgenommen hatte. Wenn ein kritisches Werk dieser Art dagegen eine ausgesprochene Apologie ist — was bei Dr. Hellers Buch trotz seiner Vorbehalte hinsichtlich gewisser Werke und Ansichten Manns zugegebenermassen der Fall ist —, dann birgt die kritische Intimität gewisse Gefahren. Stellenweise hatte ich bei der Lektüre dieses glänzenden und aufschlussreichen Buches das seltsame Gefühl, der Autor sei zu einem Medium geworden, durch das der grosse Tote, über den er schreibt, seine lange Zwiesprache mit sich selbst und mit uns fortsetzt. Und an diesen Stellen spürt man vieldank eines Stipendiums, in der Musikakademie Detmold. Schidlowsky komponiert mit der 12- Ton Technik, deren Gruender, der Jude Arnold Schoenberg, der Koloss unter den zeitgenoessischen Musikern, die grosse Revolution der Atonalitaet brachte. 20 Schlaginstrumente, 2 Klaviere, Celesta, Gemischter Chor und ein Bariton-Rezitant, bilden die Besetzung der Kantate “Caupolicán”, die León Schidlowsky nach Texten von Pablo Neruda komponierte. Der grosse chilenische Dichter umarmte nach der Vorfuehrung weinend den jungen Komponisten mit den Worten: “Ich danke Ihnen, ihre Kantate bedeutete fuer mich den groessten kuenstlerischen Eindruck meines Lebens. Ihr Werk bedeutet die Geburt der Musik in Chile”. Folgende Kommentare schrieben die Kritiker Nino Colli und Daniel Quiroga ueber Schidlowsky’s “Caupolican”: “Eines der erstaunlichsten und glaenzendsten Talente unserer musikalischen Welt ist ohne Zweivon PHILIP TOYNBEE leicht, dass die Kritik neben der Intimität auch der Distanz bedarf. Aber gerade diese Schwäche ist in gewissem Sinn ein Glück, denn was in diesem speziellen Fall gebraucht wurde, war ein von liebevollem Verständnis getragene Werk und nicht die hochtrabende Würdigung eines Schriftstellers, dessen Tod noch zu kurze Zeit zurückliegt, als dass dergleichen schon möglich wäre. “The Ironie German” ist die beste Studie über Thomas Mann, die ich bisher gelesen habe, und ihr Titel — der alles andere als einer jener unsympathischen Versuche ist, eine Pille zu versüssen — hat engsten Bezug zu dem, was gesagt werden soll. Die Ironie Manns ist komplex und überall spürbar, ebenso wie seine echt deutschen Eigenschaften. Glücklicherweise ist Dr. Heller in seinen Gedankengängen ebenso klar wie sein grosses Vorbild und Studienobjekt. Er hat zweifellos recht, wenn er als wesentlich herausstellt, dass Manns berühmte Ironie eine Eigenschaft ist, die jenes “Mysterium” zerstört, das wir bei Autoren wie Herman Melville und Emily Brontë so sehr schätzen. Thomas Mann neigte in jeder Beziehung ebenso zur Selbstbetrachtung und war genauso “unmysteriös” wie André Gide, obwohl er im Gegensatz zu Gide ein in sich gefel León Schidlowsky. Schidlowsky betrat mit seiner Kantate “Caupolicán” Wege, die in Chile noch nicht gegangen wurden. Sein erfinderischer Geist und seine Fantasie sind kaum zu uebertreffen. Die dramatischen Momente des Werkes sind von einer ungeheueren Kraft des Ausdruckes, die die epische Gestalt des araukanischen Helden auf das wunderbarste untermalt”. “Der Text in dem Neruda den grossen Araukaner besingt, wurde von Schidlowsky in Musik gesetzt. Eine unglaubliche Geschicklichkeit im timbristischen und rhythmischen Gebrauch der Schlaginstrumente, der Klaviere und des Chores, schaffen ein Klima von intensiver Vitalitaet”. Es ist eine Genugtuung fuer uns, dass aus unseren Reihen ein solch talentierter Schoepfer hervorging. Durch Menschen wie Schidlowsky steuert unser Judentum seinen Teil zum Aufbau der chilenischen Kultur bei. schlossenes schöpf erisches Werk hinterlassen hat. Gerade die Tatsache, dass er ständig auf sich selbst und die eigentümliche Situation seiner Zeit zurückkommt, ermöglicht es dem Leser, sich ihm anzuschliessen und die gleiche selbstbetrachtende Prüfung vorzunehmen. Und alles hängt davon ab, wie wir auf diese dauernde “Torsion” reagieren, die uns schliesslich feststellen lässt, dass “Doktor Faustus” eine Kritik seiner selbst ist, und zwar in der denkbar gründlichsten Art und Weise. Es gibt keinen kritischen Gedanken über das Buch, der nicht bereits darin enthalten wäre”. In dem Abschnitt über den ‘Zauberberg” hat Dr. Heller seiner Apologie Dialogform gegeben, und zwar keineswegs willkürlich. Sein Fragesteller repräsentiert die Gesamtheit der prononciertesten und intelligentesten Gegner Thomas Manns; und man darf nicht vergessen, dass es in unserer Zeit keinen anderen grossen Schriftsteller gibt, der — literarisch — so vielen Menschen so unerträglich ist. Sein Hang zur Selbstbetrachtung, seine Umständlichkeit, sein diskursiver Stil, seine teutonische Eindringlichkeit seine ungeheure “Unreinheit” gemessen an den hygienischen Normen Flauberts — alle diese wesentlichen Ele- I mente seines Werks haben es vielen intelligenten, aber vielleicht auf gewisse Normen zu sehr eingeschworenen Lesern | unmöglich gemacht, ihn zu ertragen. Rei Dr. Heller hat der Antwortende während des ganzen Dialogs das letzte Wort, aber viele der tiefer nachdenkenden Leser werden dennoch auf der Seite des Fragenden stehen. Und selbst ein Leser wie ich, der glaubt, dass Thomas Mann der interessanteste, wenn nicht gar der grösste Romanschriftsteller unseres Jahrhunderts ist, hat oft das Empfinden, dass sein Verhältnis zu dem Meister so ungewiss ist wie alles übrige. was ihn betrifft. Auch für mich bewegt er sich ständig an dem erschreckenden, Rand des Unerträglichen und erweckt in mir nicht nur atemlose Bewunderung für seinen Zirkusakt, sondern gelegentlich auch ein Gefühl des Schwindels und der Uebelkeit. Dr. Heller ist ein schÖDferischer Kritiker im besten Sinne, wie er vor einigen Jahren in “The Disinherited Mind” bewies, und mit schöpferischer Verachtung lehnt er eine ganze moderne Methode der Litera turkritik ab: “Keine noch so genaue literarische Analyse kann jemals die Qualität eines literarischen Werks abschätzen, erklären oder beweisen... Es gibt kein einziges objektives Symptom, das die Stilanalytiker zum Beweis literarischer Grösse jemals angeführt haben, dem wir nicht ebenso häufig in wertloser Literatur begegnen. Der gesamte Fundus in der Werkstätte des aufmerksamen Lesers, all die Schlüsselwörter und Schlüsselsätze, rhythmischen Eigenheiten und bewusst arrangierten Vokalballungen, komplizierten Satzgefüge und -geflechte, Muster, Strukturen und Gewebe, Doppelsinnigkeiten und Doppelwertigkeiten, all der moralische Emst und die gezüchtete Ironie — nun, sie sind in jeder bewusst gestalteten Wortansammlung zu finden. In einem hervorragenden Werk können sie hervorragend sein, in einem schlechten aber sehr, sehr schlecht”. Das sind harte Worte, die einige unserer bewunderten literarischen Koryphäen treffen. Aber man darf nicht etwa glauben, dass Dr. Heller all dieser unangebrachten Akribie nur etwas Vages, Impressionistisches oder rein Emotionelles entgegensetzt. Er beginnt sogar mit einer ganz persönlichen, ja leidenschaftlichen Antwort an Thomas Mann, und es ist das Verdienst seines scharfen und wachen Intellekts, dass sich dieses Gefühl auch auf uns überträgt und dass wir die Gründe erfahren, warum wir es teilen können. Aber stets sieht er seine Aufgabe darin, als schöpferischer Mittler zwischen Thomas Mann und seinen Lesern zu fungieren. Und weil er soviel über Thomas Manns Quellen und Absichten weiss, kann er uns wertvolle Hilfe leisten — nicht so sehr bei unserem Bemühen, diesen höchst klaren Schriftsteller zu “verstehen”, als vielmehr bei dem Hinübergleiten in einen Zustand potentieller Sympathie: “Das Wort “Parodie” bedeutet nicht einfach, “Travestie”... (Es) kann die typische literarische Ausd rucksform des Nachzüglers innerhalb einer literarischen Epoche bedeuten — eines Künstlers, dessen Spontaneität durch .ein unvermeidliches Element der Selbstbetrachtung und Selbstironie gehemmt wird, nämlich durch den Verdacht, dass er vielleicht in einem Medium arbeitet, dessen Möglichkeiten bereits erschöpft sind”. Man sollte eigentlich an diesem Punkt mit dem Studium der Ironie Manns beginnen, obwohl sie auch andere und vielleicht tiefere Gründe hat — Gründe, die eher im Zustand der heutigen Welt und des modernen Geistes als im Zustand der Literatur zu suchen sind —, wie sie Dr. Heller im weiteren Verläuf seines Buches eingehend untersucht. Aber es ist gut, dass wir Thomas Mann zunächst einmal als einen Schriftsteller von klassischem Format und klassischer Gestaltungskraft in einer beinah unerträglich “alexandrinischen” Situation der Literatur sehen. Alle grossen Romanschriftsteller unseres Jahrhunderts — mit Ausnahme von Joseph Conrad und vielleicht D. H. Lawrence — waren Alexandriner, die mehr oder weniger erfolgreich versuchten, ihre Situation zu überwinden. Meiner persönlichen Ansicht nach, die Dr. Heller nicht teilt, ist Thomas Manns “Doktor Faustus” der tragische aber faszinierende endgültige Sieg der “Situation” über den Schöpfer. Es ist der grösste “tote” Roman unserer Zeit — ein Denkmal (in Manns Sprache) für den Sieg des Engels über Jakob oder des Mephistopheles über Faust. Aber welche Siege der andere Streiter bereits gewonnen hatte — und gegen welche Widerwärtigkeiten —, werden wir viel besser verstehen, wenn wir Erich Hellers glänzende Darstellung und Interpretation des Kampfes gelesen haben. DIE ANZEIGEN ANNAHME FUER DAS BOLETIN INFORMATIVO ist taegllch von 9 - 1 u. 5 - 7 geoeffnet. NUEVA YORK 52 Oficina 605 ■■ Teléfono 87765 vom 18 Februar - 8 Maerz geschlossen M7TGBIT HANNS STEIN. Der ironische Deutsche

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