Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XX (1958)
- Issue
- 12 (Diciembre, 1958)
- Date
- 1958-12-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Diciembre 1958 BOLETIN INFORMATIVO 17 SEIN (Fortsetzung von Seite 1) 44 ■f T Goldschmidts “Hermann Cohen und Martin Buber” — eine ursprünglich absolute Vernunftgläubigkeit überwunden und zurückgefunden zu einer jüdischen Religiosität, ohne deshalb aber sein Deutschtum zu verleugnen und sich zum Zionismus zu bekennen. Mit dem Resultat, dass er in eine unheilvolle Isolierung geriet: Die Deutschen sahen in ihm nur den Juden, die Juden nur den Deutschen oder gar einen “Christen”. Der Sohn russischer jüdischer Eltern Boris Pasternak, dessen Vater schön in den zwanziger Jahren aus Russland emigrierte und einige Jahre in Palästina verbrachte — er ist 1945 in London gestorben — lehnte die Bitten des Vaters, ebenfalls nach Palästina zu kommen, immer wieder kategorisch ab: er sei ausschlieslich Russe und wolle sein Volk nicht verlassen. Zum Dank bestätigt ihm nun der Sowjetische Schriftstellerverband “Verrat gegenüber dem Sowjetvolk”. Ueber Pasternaks heutiges Verhältnis zum Judentum ist uns nichts bekannt. Im “Dr. Schiwago” wird schon auf den ersten Seiten einmal die Frage gestellt: “Was bedeutet es, Jude zu sein?” — doch die Frage bleibt unbeantwortet. Später werden die Leiden der russischen Juden im Ersten Weltkrieg erwähnt, da man ihren Einsatz für Russland mit Pogromen verdankt habe. Aber wieder bleibt die aufgeworfene Frage unbeantwortet: “Es ist unbegreiflich. Es liegt etwas Schicksalhaftes darin”. Dann allerdings folgt eine Stelle, die deutlich aufzeigt, wie sehr Pasternak mit dem Problem des Judentums ringt. Der Nationalgedanke habe den Juden durch die Jahrhunderte hindurch die Funktion zugewiesen, Volk und nur Volk zu bleiben, obgleich unbegreiflicherweise doch gerade aus ihren Reihen jene Kraft entsprungen sei, die die ganze Welt von einem demütigenden Schicksal befreit habe. Was Pasternak hier den Juden “vorwirft”, ist, zugelassen zu haben, dass das aus ihren Reihen herausgewachsene Christentum ihnen entfliehe. Und er ruft ihnen zu, sich als jüdisches Volk aufzulösen, sich mit den andern zusammenzutun, denn: “Ihr seid die ersten und die besten Christen der Welt”. So scheint Pasternak für sich selbst das Problem seines Judentums durch ein Bekenntnis zum Christentum gelöst zu haben: hier fand er die Ursprünge, die er suchte, die Wurzel des Lebens, nach der er grub, “bis ins Mark...”*) Und geriet damit doch nur in eine ähnliche isolierte Situation wie sein einstiger Lehrer Cohen. Denn wer wollte den antisemitischen Unterton überhören, von dem das wüste Gebell der durch ein in Russland unveröffentlichtes Werk zu Tode erschreckten literarischen Wachhunde des Kremls getragen ist? Von Marburg über Basel — dessen Pasternak im “Geleitbrief” poetisch gedenkt — und Venedig nach Moskau zurückgekehrt, schliesst Pasternak sich dem futuristisch - symbolistischen Kreis um Majakowski, Blök und Jesenin an, gibt “die romantische Manier” aber bald einmal auf. Vom Militär zurückgestellt, verbringt er den Ersten Weltkrieg in einer Fabrik im Ural. Nach der Revolution ist er eine Zeitlang Bibliothekar. Und dann beginnt jene Zeit, über die wir so herzlich wenig wissen, nicht mehr, als dass er als freier Schriftsteller lebte. Gedichtbände veröffentlichte, die die Jugend begeisterten und das Regime verstimmten und sich seinen und seiner Familie Lebensunterhalt — einer seiner Söhne studiert heute in Moskau Musik und ist begeistert von Richard Wagner — mit Uebersetzungen der Dramen Shakespeares und Schillers, Goethes “Faust”, Kleist, Rilke, Verlaine verdiente. 1935 kamen alle seine Werke auf den roten Index und alle russischen Bibliotheken wurden von ihnen “gesäubert”. Seither hörte man nichts mehr von ihm. Er überlebte den Stalinismus, man weiss nicht, warum. 1945 erschien plötzlich wieder ein Gedichtband, doch dann war es wieder still um ihn. Unter der akademischen Jugend sollen seine Gedichte jedoch von Hand zu Hand weitergegeben worden sein — bis auf den heutigen Tag. Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs muss Pasternak mit der Arbeit am “Dr. Schiwago” begonnen haben, glaubte und hoffte er doch, dass — wie er auf der letzten Prosaseite des Romans bekennt — zusammen mit dem Siege “die Klärung und die Freiheit” kommen würden. Zehn Jahre lang arbeitete er dann am “Dr. Schiwago” und legte im Tauwetter-Sommer 1956 das dicke Manuskript dem sowjetischen Staatsverlag vor. Die Zeitschrift “Znamja” hatte schon 1954 das bevorstehende Erscheinen des Romanes angekündigt, und zwischen dem Autor und dem Verlagshaus Goslitizdat war ein regulärer Vertrag abgeschlossen worden. Daraufhin bemühte sich der italienische Verleger Feltrinelli, ein Mitglied der kommunistischen Partei Italiens, um die Uebersetzungsrechte und erhielt denn auch vom Autor persönlich eine Kopie des Manuskripts. Ein Jahr später jedoch, Ende Sommer 1957, unmittelbar vor der Veröffentli- P§sJi§i Pili BORIS PASTERNAK chung der italienischen Ausgabe, erhielt Feltrinelli von Pasternak ein Schreiben, in welchem der Autor sein Manuskript mit der Begründung zurückerbat, er müsse noch einige Aenderungen vornehmen. Aber Feltrinelli — von dem es heisst, er sei nach “Ungarn” aus der Partei ausgetreten — weigerte sich, und selbst hochoffizielle Interventionen Moskaus und seiner italienischen Freunde vermochten ihn nicht von seinem Entschlüsse abzubringen, “Dr. Schiwago” in der ursprünglichen Form zu publizieren. Am 15. November 1957 erschien die italienische Ausgabe “II dottore Zivago” — auf die wir uns hier, da die deutsche Ausgabe noch immer nicht vorliegt, stützen —, und anderthalb Monate später verliess schon die 7. Auflage die Druckerpresse Feltrinellis. Wohl ist dieser spektakuläre Publikumserfolg von “Dr. Schiwago” ohne Zweifel weitgehend den hochpolitischen Begleitumständen seines Erscheinens zu verdanken, doch hätte das Werk dieser zweifelhaften Propaganda keineswegs bedurft. Denn “Dr. Schiwago” ist, man kann das nur ganz schlicht feststellen, ein Meisterwerk, vergleichbar in gar mancher Hinsicht Tolstois “Krieg und Frieden”. Dieses Buch ist kein Roman im landläufigen Sinne, sondern ein zur Romangestalt komprimiertes Stück Welt. So ist es auch unmöglich, in wenigen Zeilen Gültiges darüber zu berichten, und alles, was hier gesagt wird, kann nicht mehr als der Versuch einer ersten Würdigung sein. Man hat den “Dr. Schiwago” die Odyssee eines bürgerlichen Menschen — er ist der Sohn eines verkrachten Millionärs und einer Gutsbesitzerstochter — durch die russische Revolution genannt. Aber damit ist erst ein Zipfel des Werkes erfasst. Gewiss steht die merkwürdige passive Gestalt des Arztes Dr. Schiwago im Blickpunkt, wir verfolgen ihr Schicksal vom Jahre 1903 an bis zum frühen Herztode dös etwa 45 Jährigen im Jahre 1929. Wir folgen ihr an die Front des Ersten Weltkrieges, in die Hungerzeit der Moskauer Revolutionsjahre, in eine Tolstoi-Robinsonade im Ural, zu einem langen unfreiwilligen Mitmarschieren mit den roten Partisanen und zurück in die Hauptstadt der siegreichen Revolution. Doch endet der Roman nicht mit dem Tode Schiwagos, sondern führt uns in einem Epilog noch bis ins Jahr 1943. Aber da ist eine zweite Hauptgestalt, die — teilweise an der Seite Schiwagos — nicht minder unbarmherzig die endlosen Weiten des russischen Landes und der russischen Historie gewirbelt wird: Lara, eine moderne russische Maria Magdalena, Dulderin, Sünderin, Heilige zugleich, die dem Helden in einem Konzentrationslager verloren geht. Und um die beiden Protagonisten herum etwa drei Dutzend weitere Schicksale, jedes von ihnen ein Stück zeitlos Menschliches, ein Stück ewig Russisches, einen zeitbedingten Aspekt des historischen Geschehens, des Krieges, der Revolution — und meist dies alles in einem — verkörpernd. Und alles auf dem Hintergründe einer von Pasternak mit der verhaltenen Wortmagie des begnadeten Dichters hingezauberten äusseren Welt der Natur in ihren Jahreszeiten, der Städte und Dörfer in allen ihren Schicksalslagen. Im Darstellen ein Lyriker, in der Komposition ein Musiker und in der Methode der historischen Forschung ein treuer Schüler Hermann Cohens hat Pasternak hier das Postulat erfüllt, das er vor zwanzig Jahren im “Geleitbrief” aufgestellt: dass Dichtung, wie er sie auffasse, in der Geschichte und in Zusammenarbeit mit dem wirklichen Leben zu verlaufen habe. Der Arzt Schiwago — Pasternak hat ihm unverkennbar viel Eigenstes mitgegeben ■— ist “über alles Mass beeindruckbar”, mit einer “ganz besonderen, undefinierbaren Sensibilität”. Er interessiert sich für ästhetische Fragen und Probleme der Logik, schreibt Gedichte und philosophiert über die letzten Dinge. Er ist der personifizierte Protest gegen den unsere Zeit beherrschenden und in der Sowjetunion verabsolutierten Aktivismus, ein verinnerlichter Individualist mit sozialem Gewissen, keine Kämpfernatur jedoch, sondern eher ein passiver, “negativer” Held, der Erlösung mehr im Erdulden als im Tun sucht, der hinter der Wirklichkeit immer schon die Ewigkeit, hinter dem Leben immer schon den Tod ahnt und der sich deshalb in dieser unserer Wirklichkeit nie bis zum Letzten — nicht einmal um der über alles geliebten Frau willen — engagiert. Ist er ein Christ? Das erste der Gedichte Schiwagos, die im Anhang als ein Vermächtnis dem Roman mitgegeben werden, trägt den Titel “Hamlet”, Andere sind der Karwoche, dem Herbst, einer Winternacht, der Trennung, dem Weihnachtsstern, Maria Magdalena gewidmet... Auf der Suche nach den Ursprüngen hat Pasternak es sich schwer gemacht. Er fasst, was in Russland zur Lebenszeit Schiwagos geschah als extremen Fall des Zeitgeistes auf und vermeidet deshalb alle Einseitigkeit: “Es begann die Herrschaft der Phrasen, zuerst der monarchistischen, dann der revolutionären”. Deshalb findet er auch vernichtende Worte für die Herrschaft des Zarismus, “jene Welt der Infamie und der Falschheit”, die sich eines schwächlichen Zaren bediente, um die Menschen in Ketten zu legen und auf zuhängen. Deshalb verachtet er das Leben der Reichen, in welchem “etwas Morbides” sei. Deshalb meint er, eine Rückkehr zu den alten Prinzipien wäre in Russland heute ebenso unzeitgemäss, wie nackt auf den Strassen herumzurennen: “Nein, die Geschichte des Eigentums ist in Russland zu Ende”. Es geht ihm nicht um so Banales wie das Eigentum. Sondern: “Der Marxismus ist viel zu wenig Herr seiner selbst, um eine Wissenschaft sein zu können. .. Ich kenne keine Strömung, die isoliert und weiter entfernt von den Tatsachen ist als der Marxismus”. Aber als ob er sich damit schon zu stark im Aktuellen engagiert hätte, folgt der Nachsatz — überall folgen bei Pasternak Nachsätze, die nach einem Zurückweichen vom eben Gesagten aussehen, letztlich jedoch nur den Willen verraten, noch tiefer zu dringen —: “Ich verachte die Politik. Mir gefallen die Leute nicht, die die Wahrheit nicht lieben”. Weiter: “Ich befürwortete die Revolution, aber jetzt glaube ich, dass man mit der Gewalt nichts erreicht. Zum Guten muss man durch das Gute gelangen”. Nachsatz: “Aber das ist es ja nicht einmal”. Was ist es denn in Wirklichkeit? Es geht Pasternak-Schiwago nicht “nur” um das Gute, die Wahrheit, die Freiheit, es geht ihm um das Leben schlechthin. Den Versuch der Revolutionäre, eine neue Welt zu bauen, geisselt er: “Der Mensch wird geboren, um zu leben, nicht um sich auf das Leben vorzubereiten, und das Leben selbst, das Phänomen Leben, das Geschenk des Lebens sind eine unerhört ernste Sache! Warum es ersetzen durch kindische Harlekinaden unreifer Neuerungen...?” Und später: “... alles ist noch weit von der Verwirklichung (der Idee der Oktober-Revolution) entfernt, und allein um davon reden zu hören, haben wir mit so viel Meeren von Blut bezahlt, dass, in der Tat, das Ziel die Mittel nicht rechtfertigen kann. Drittens, und darauf kommt es vor allem an, werde ich verzweifelt, wenn ich davon reden höre, das Leben müsse erneuert werden. Das Leben erneuern! So können nur Leute denken, die... das Leben nie gekannt, seinen Geist und seine Seele nie gefühlt haben. — Das Leben ist nicht ein Material, eine Substanz. Es ist selbst... ein Element, das sich dauernd erneuert und wiedererschafft;... und es ist unermesslich höher als alle unsere abstrusen Theorie n”. Man könnte Pasternaks Roman ein Hohelied auf die Ehrfurcht vor dem Leben nennen. Wohl der Höhepunkt der Auseinandersetzung Pasternaks mit dem Problem des Lebens am Beispiel der Sowjetunion wird in dem Gespräche zweier Freunde Schiwagos erreicht — dieser selbst ist längst gestorben—, die sich mitten im Zweiten Weltkrieg, beide in Uniform, begegnen. Beide waren im — sowjetischen — KZ. Der eine hatte sich, um herauszukommen, freiwillig zu einem Strafbataillon gemeldet, stand monatelang im infernalischen Feuer der vordersten Front, (Fortsetzung Seite 19). *) Die gutinformierte Wochenschrift “TIME” bekraeftigt diese Unterstellung, indem sie mitteilt, Pasternak habe sich zu einem “eifrigen” Gefolgsmann der griechischorthodoxen Kirche bekehrt. Es bleibt jedoch Künzli Vorbehalten und sein Verdienst, dessenungeachtet die juedische Komponente im Drama dieses Schriftstellers so tief erfasst zu haben, was uns vornehmlich dazu bewogen hat, seine Betrachtungen “in extenso” abzudrucken. — DIE REDAKTION DES “B. I.”.