Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XX (1958)
- Issue
- 12 (Diciembre, 1958)
- Date
- 1958-12-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Diciembre 1958 BOLETIN INFORMATIVO 11 NEUE BUECIHIER. FREUD - MENSCH UND VATER “Es ist schwer, der Sohn eines Genies zu sein”, klagt Martin Freud, der älteste Sohn des Gründers der Psychoanalyse in seinem Buche, das dem berühmten Vater gewidmet ist. Im Genie konzentriert sich zumeist alles, was die Rasse hervorzubringen imstande ist. Die Nachkommen von Genies sind deshalb zumeist ganz gewöhnliche Menschen. Diese Binsenwahrheit, die schon grosse Denker bewiesen haben, lässt sich auch auf die Familie Freud anwenden. Trotz seiner juristischen Vorbildung ist der älteste Sohn des Vaters der Psychoanalyse nur <=“:n bescheidener Kioskbesitzer für den Verkauf von Tabakprodukten und Büroutensilien in der . Nähe des British Museums in London und man wird vergebens in seinem Buche nach Anzeichen von Minderwertigkeitsgefühlen suchen. Die Ursache für seine Zufriedenheit, obwohl er keine akademische Karriere ergriffen hat, mag wohl auch daran liegen, dass in Oesterreich jener Tage ein Kiosk für Tabakverkauf nur an Beamte oder andere hochgestellte Persönlichkeiten vergeben worden ist. Obwohl der älteste Sohn Freuds bis zur Geburt der Psychoanalyse im Hause seines Vaters gewesen ist, gibt er nicht vor, in dieser Lehre bewandert zu sein. Er zieht es vor, uns eine Erzählung über Freud, den Menschen und Vater zu übermitteln. Der Mensch, der es liebte, in den Bergen zu wandern und der beinahe beim Edelweiss-Pflükken den Tod gefunden hätte, der Mensch, der Beeren und Pilze liebte, der in seinem Hause ein eisernes Regime einführte. Zur Mittagsstunde öffneten sich die Türen zum Speisezimmer. Durch die eine Türe traten Vater, Mutter und die Kinder, die sofort ihre Plätze am Tische einnahmen, durch die andere Türe trat das Dienstmädchen mit der Suppenterrine. Der gute Vater hat trotz seiner Vielbeschäftigung für die Kinder Zeit gefunden, denn er wollte nicht, dass sie Opfer des “Oedipus-Komplex” werden, den er in den Tiefen der menschlichen Seele aufgedeckt hatte. Der Vater, der es so gut verstand, in den Tiefen der wissenschaftlichen Theorie zu wühlen, aber auch seine Söhne und Töchter auf den komplizierten Pfaden des Lebens zu führen. Aus dem Munde von Martin Freud hören wir auch Geschichten aus dem Hause des Arztes im Judenvierte] von Wien, wie er sowohl als Arzt, und auch als anerkannter Wissenschaftler, schwer um seine Stellung gegen Widersacher, zu kämpfen hatte, die ihn ob seines Judentums verfolgten. Existenzsorgen fehlten nicht im Hause Freuds, doch nach aussen hin legte er Wert auf Kleidung und pflegte zu seinen Kranken im Fiaker zu fahren, wie es sich für einen Arzt, der etwas auf sich hielt, in jenen Jahren schickte, und nicht in einem Einspänner. Freud war sich dessen klar, dass die Technik und die Zivilisation der seelischen Gesundheit des Menschen unzuträglich sind. Seine Bücher sind ein Versuch, die seelischen Folgen, die sich aus den Fesseln der Zivilisation ergeben, zu schildern. In seinem privaten Leben hasste er die Errungenschaften der Technik. Ungern benützte er das Telephon, in seinen Augen war es ein Gerät, das den persönlichen Kontakt zwischen den Menschen stört. Er hasste das Radio, das die Stimme überbrachte, ohne auch den Menschen zu bringen. Er hasste aber auch das Klavier. Demgegenüber liebte er aber die Natur, die Berge von Berchtesgaden, die Umgebung des Königsees, er verwandelte sich im Schosse der Natur aus einem in sich verschlossenen und zugeknöpften Wissenschaftler in ein ausgelassenes Kind. Die Freunde von Freud waren zumeist Juden, ausser dem berühmten Prof. Jungh, dem Schöpfer der Lehre von Ueber- und Minderwertigkeitskomplexen. Freud übersah sein Schicksal als Jude. Er tat alles, um sein Judentum vor den Augen der Umwelt zu verbergen. Er war tief betroffen, als einmal ein bedeutender Gast in seiner Gegenwart meinte, seine Kinder hätten... italienisches Aussehen. Er verstand sehr wohl die durchsichtige Andeutung, die in seinen Augen beleidigend war. Dem Schicksal des Juden begegnete er auf dem Wege über seinen Sohn. Als Martin Student der Universität war, hatte es auf ihm grossen Eindruck gemacht, als jüdische Studenten auf Schläge, deutscher Studenten, welche damals Demonstrationen veranstaltet hatten, mit Schlägen antworteten. Es waren das die zionistischen Studenten der Verbindung “Ka d i m a h”, die von Herzl die Lehre vom jüdischen Stolz und der Selbstverteidigung übernommen hatten. “Mir kam vor, als ob zum ersten Male seit 2000 Jahren Juden, die sonst gewohnt waren, Schläge zu bekommen, .Zurückschlagen. Ich fühlte, als sei ich Zeuge eines geschichtlichen Ereignisses”, schreibt Martin Freud. Er selbst findet seinen Weg zur Organisation der zionis tischen Studenten, — mit Zustimmung des Vaters. Dann kommt der Tag, an dem auch Martin auf die Barrikaden steigen muss. Er bekommt sogar ein Messer in den Rücken. Im Spital drückt Dr. Sigmund Freud voller Stolz die Hand seines verletzten Sohnes. Mag sein, dass Freud in diesem Augenblick zum ersten Male Aug in Aug dem Trieb der Attacke, der psychischen Wurzel der antisemitischen Missetaten, wie er es in seiner Lehre definiert, gegenübergestanden hat. Das Zusammentreffen mit dem jüdischen Schicksal in seiner Gänze, auf dramatische Weise, erneuert sich im Jahre 1938. Hitler ist in Wien einmarschiert und seine Schergen verfolgten Juden. Die Welt von Gestern stürzt in sich zusammen, aber Prof. Freud lehnt es ab. Wien zu verlassen. Er glaubt daran, dass der Sturz Vorbeigehen und das Gute über das Böse siegen wird. Bis dann eines Tages seine Tochter Anna verhaftet wurde, und auch seine greise Gattin den Horden in die Haende faellt, die kein Erbarmen kennen. Da erkennt Freud die Bedeutung des Geschehens. Eine griechische Fuerstin, von jeher seine Freundin, kommt speziell aus London nach Wien, um fuer ihm eine Ausreisebewilligung zu erlangen. Als die Gestapo von Freud eine schriftliche Bestaetigung fordert, dass man ihm nichts angetan hat, schreibt der Greis auf kaufmaennische Art “Ich kann jedem Interessierten die Gestapo bestens empfehlen”. Muede und gebrochen geht er nach London, um “wie ein freier Mann zu sterben”. “Manchmal komme ich mir vor, wie Jakob, der von seinen Kindern nach Aegypten geholt wurde, als er schon alt an Jahren war. Doch wir wollen hoffen, dass es keinen Auszug aus (Fortsetzung Seite 19) DIE SCHULDLOSEN Es genügt nicht, dass du dir kein Bild von mir [meisseist, du denkst trotzdem in Bildern, auch wenn du [Meiner gedenkst. Es genuegt nicht, das du dich scheust Meinen Na- [men zu nennen, dein Denken ist Sprache, ein Nennen deine schweifende Scheu. Es genuegt nicht, dass du an keine Goetter neben [Mir glaubst: dein Glauben vermag bloss Goetzen zu formen, stellt mich in eine Reihe mit ihnen, wird dir bloss von ihnen anbefohlen, nimmer von Mir. Ich bin, und ich bin nicht, da Ich bin. Deinem Glauben bin Ich entrueckt, Mein Antlitz ist Nicht-Antlitz, Meine Sprache Nicht-Sprache, und dies wussten Meine Propheten: Anmassung ist jegliche Aussage ueber Mein Sein oder [Nicht - Sein, und die Frechheit des Leugners wie die Unterwerfung des [Glaeubigen sind gleicherweise angemasstes Wissen, jener flieht die Prophetenrede, und dieser missversteht sie, jener lehnt sich gegen Mich auf, dieser will sich Mir [anbiedern mit bequemer Verehrung, und darum Verwerfe Ich jenen, waehrend dieser Mein Zuernen entfachteifervoll bin Ich gegen die Zutraulichen. Ich bin der Ich nicht bin, ein brennender Dornbusch und bin [es nicht, aber denen, welche fragen: Wen sollen wir verehren? Wer ist an unserer Spitze? denen haben Meine Propheten geantwortet: Verehret! Verehret das Unbekannte, das ausserhalb ist, ausserhalb eures Lagers, dort steht Mein leerer Thron unerreichbar im leeren Nicht- Raum, in leerer Nicht- [Stummheit grenzenlos. Schuetze deine Erkenntnis! Versuche nicht dich zu naehern. Willst du den Abstand [verkleinern, so vergroessere ihn freiwillig und freiwillig verkrieche dich in Zerknirschung, in die Annaeherungslosigkeit deines Selbst, dort allein bist du ebenbildhaftig. Sonst naemlich wird es dich zerknirschen. Nicht Ich werde die Geissei ueber euch schwingen, ihr selber werdet sie [herbeiholen, und unter ihren Streichen werdet ihr eure Ebenbildhaftigkeit verlieren, eure Erkenntnis. Denn soferne Ich bin und soweit Ich fuer dich vorhanden bin, habe Ich den Nicht - Ort Meines Wesens in dich eingesenkt, das aeusserste Aussen in dein innerstes Innenauf dass Dein Erkennen zur Ahnung deines Wissens gelange du aber in deinem Nicht-Glauben glauben kannst, erkenne dein Erkennen-Koennen, frage dein Frage-Koennen, die Helle deiner Dunkelheit, die Dunkelheit deiner Helle, unerhellbar, unverdunkelbar; hier ist Mein Nicht-Sein, nirgendwo anders. So haben es, als die Zeit reif war, Meine Propheten gelehrt, und widerspenstig, lediglich um ihrer Auserwaehltheit willen und dennoch auserwaehlt, haben einige aus dem Volke es verstanden und sich daran gehalten. Lausche ins Unbekannte, lausche den Zeichen der neuen [Reife, dass du da seiest, wenn sie anbricht fuer dein Erkennen. [Dahin richte deine Froemmigkeit, dein Beten. Mir jedoch gelte kein Gebet, Ich hoere es nicht: sei fromm um Meinetwillen, selbst ohne Zugang zu Mir, das sei dein Anstand, die stolze Demut, die dich zum Menschen macht. Und siehe, es genuegt. (Dieses Gedicht ist entnommen aus den lyrischen Teilen des letzten Romans von Hermann Broch “Die Schuldlosen”,- Hermán Broch ist ein juedischer Schriftsteller, geh. in Wien im Jahre 1886, gest. in USA im Jahre 1951. Fuer das “Boletín Informativo” aus dem Englischen übersetzt). n/OTGBIT /