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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1958-12-01 · 12 (Diciembre, 1958) · p. Seite 7

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XX (1958)
Issue
12 (Diciembre, 1958)
Date
1958-12-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Diciembre 1958 BOLETIN INFORMATIVO 7 TANZ AUF DEM VULKAN Von Herbert Freeden (Jerusalem) Am 10. November jährt sich zum 20. Male die “Kristallnacht”. Wir bringen hier eine wenig bekannte Episode aus jenen Tagen des Progroms— über die merkwürdige Rolle, die einem Theater zufiel, dem Theater des Jüdischen Kulturbund in Berlin. Es war Montag, der 14. November 1938, ein klarer, durchsichtiger Morgen. Die Kommandantenstrasse im Südosten Berlins hallte, vom Lärm der Wagen und Autobusse wider. Die Bürgersteige waren mit Scherben bedeckt und viele Läden, mit holzve rkleideter Front, verriegelt. Der Bühneneingang des Theaters war geschlossen. Nur eine kleine Pforte, die vom Hof aus auf eine Wendeltreppe führte, war offen. Das Theater war unangetastet geblieben. In jener Orgie der Zerstörung, die 48 Stunden lang über das Land hinweggebraust war und kein jüdisches Eigentum verschont hatte — Synagogen und Häuser, Geschäfte und Büros, Krankenhäuser und Friedhöfe — war das Theater des Jüdischen Kulturbundes unberührt geblieben. Im Zimmer des Intendanten sassen Schauspieler und Beleuchter, Bühnenarbeiter und Büropersonal, der Inspizient die Souffleuse — jeder war froh, nach jener furchtbaren Menschenjagd den anderen wiederzusehen. Aber bald wurde man sich deutlich, grauenhaft deutlich derer bewusst, die fehlten: der Oberspielleiter, der Requisiteur und viele andere. Konzentrationslager? Der Intendant nickte. “Ich habe Sie heute hierher bitten lassen, das erste Mal wieder, nachdem unser Theater vor fünf Tagen auf ministeriellen Erlass geschlossen worden war. Meine Damen und Herren, ich bin vorgestern, am Samstag, auf allerhöchsten Befehl aufs Propagandaministerium gerufen worden. Der Minister wünscht, dass das jüdische Theater wieder spielt —■ und zwar sofort”. Der Rauch stieg noch von den Synagogen, die Trümmer der Existenzen lagen auf den Strassen, vierzigtausend Männer waren in die Läger verschleppt — Vorhang auf, die Juden sollen Theater spielen! Eine Welle der Empörung ging durch die kleine Versammlung. “Meine Damen und Herren”, suchte der Intendant die Stimmen einzufangen, “ich entgegnete, dass wir keine Mittel mehr haben, weil unser Publikum verhaftet ist — eine Handbewegung deutete an, dass das Ministerium gewillt ist uns zu “subventionieren”, nämlich mit einer weiteren jüdischen Millionenbusse. Ich lenkte ab und sagte, dass unser Betrieb nicht fortgeführt werden kann, solange unsere Mitarbeiter in den Lägern sind. Meine Freunde”, schloss der Intendant nach einer kurzen Pause, “das Ministerium hat zugesagt, Reklamationen von unserer Seite stattzugeben und sofortige Enthaftungsanträge zu stellen”. Durften sie an diesem Weg vorbei? Keine Farce war zu grotesk, wenn sie damit ihre Kollegen loskaufen konnten! Plötzlich sprach der Bonvivant: “Wir können uns nicht so erniedrigen und in diesem Augenblick spielen. Die Welt würde uns niemals verzeihen. Wir können nicht spielen, weil die Gestapo es befiehlt. Wir machen uns damit zu ihren Bütteln”. “Ich glaube, wir sollten unser Prestige nicht höher werten als das Leben unserer Kollegen-’, meinte der Inspizient nachdenklich. “Es mag sein, dass die Welt uns für Büttel der Gestapo hält, aber die Welt hat kein Recht über uns zu urteilen. Die Opfer in den Lägern sind nicht nur die Opfer des Terrors — sie sind Opfer einer Politik, die diesen Terror ermutigte”. “Glauben Sie wirklich, diese Schau sogenannter Humanität, den Juden ein eigenes Theater zu gestatten, wird im Qualm der tausend Brandstiftungen sichtbar werden?”, fragte der Dramaturg, ein alter berliner Theatermann. “Im allegorischen Sinne hat Kunst seit je Menschen befreit — “In Tyrannos” ist ihr Motto. Bei uns wird Kunst nicht nur allegorisch, sondern physisch Menschen frei machen. Im römischen Zirkus kämpften die Gladiatoren um ihr Leben. In unserem Zirkus kämpfen wir für das Leben unserer Freunde”. Die Sache war entschieden. Blieb nur die Wahl des Eröffnungsstückes. Jemand schlug vor “Charley’s Tante”: vielleicht würde so der Widersinn ihrer Situation eklatant werden. Aber eine solche Provokation wäre nicht unbeantwortet ge b 1 e i b e n. Schliesslich einigte man sich, mit den Proben fortzufahren, die durch das Verbot des 9. November abgebrochen waren, und zwar für ein schottisches Studentenstück “Regen und Wind”. Premiere. Die Lichter in der Kommandantenstrasse gingen wieder an. Das grosse Halbrund des Parkett und des Ranges strahlte im alten Glanz. Die Kronen an der Decke leuchteten auf und Billeteusen standen vor den Portalen und auf den roten Teppichen, die zu den Logen führten. Zuhause warteten Frauen auf eine Nachricht von ihren verschleppten Männern und Söhnnen; zuhause sassen Menschen auf den Trümmern ihrer Existenz; und hier im jüdischen Theater blitzten die Scheinwerfer auf und der Vorhang hob sich über neuem Spiel. Die Routine des Betriebes liess kaum einen Unterschied gegenüber einer “normalen” Vorstellung erkennen. Geschäftig liefen die Garderobiers hin und her, und vor ihren Spiegeln schminkten sich die Spieler. Trotzdem war etwas da, das eine unheimliche Spannung verriet: die Stille in den sonst so lauten Ankleideräumen. 7 Uhr 25 ertönte das erste Klingelzeichen. Drei Herren YESO A JLSkOMERAL para TERMINACIONES PERFECTAS Gran rendimiento Distrib: SODIMAC - S. A. C. SAAVEDRA BENARD AGENCIAS GRAHAM S. A. C. ZUM 9. NOVEMBER Ein uns von einem bewaehrten langjaehrigen Mitarbeiter zugesagter Artikel zum Gedenken dieses fuer das deutsche Judentum so bedeutungsvollen Tages, ist uns leider verspaetet zugegangen, sodass er in der vorigen Nummer nicht mehr veröffentlicht'werden konnte. Wir bringen daher, damit dieser Tag nicht unerwaehnt bleibt nachstehenden Artikel unseres Mitarbeiters Dr. Herbert Freeden, Jerusalem, der in erschuetternder Welse Probleme streift, die mit dem 9. November unmittelbar zusammenhaengen und nur sehr wenigen Lesern bekannt sein duerften. mit steifen Hüten, Aktenmappen unterm Arm — die unvermeidliche Delegation der Gestapo — waren die einzigen Besucher. Endlich tat sich die Tür auf. Eine Frau kam, die fortgesetzt kicherte; ein Mann auf Krücken war der nächste Gast; ein blindes Mädchen kam, von einer Krankenschwester geführt; ein paar Alte und Krüppel folgten. Die Schauerlichkeit dieser Demonstration lähmte den Atem. Das Theater spielte —■ aber es war kein Publikum da. Schliesslich hob sich der Vorhang und das Bühnenbild zeigte den Salon einer schottischen Studentenpension, mit einem Kamin, in dem ein gemütliches Feuer flackerte. Im Anfang zitterten die Stimmen der Schauspieler ein wenig, als das Rampenlicht ihre Gesichter erhellte, aber dann spielten sie herrlich; sie spielten den Sektrausch nach einer Ballnacht, das Grammophon s c h n a r rte einen Rumba, sie lachten und tanzten. . . während im Parkett eine Verrückte kicherte und in einer Loge, Notizbuch in der Hand, die Vertreter jener Macht sassen, die das Spiel am Seil hielten wie das von Marionetten. Der Vorhang fiel. Ein paar Hände klatschten demonstrativen Applaus. Schweissgebadet sank der Bonvivant auf einen Stuhl in seiner Garderobe. Neben ihm stand der Dramaturg und sagte bedeutungsvoll: “18”. Der andere schwieg erschöpft. “18”, wiederholte der Dramaturg, “18 Männer sind bisher auf unsere Anträge hin aus den Konzentrationslagern entlassen worden. Tanzen Sie weiter, junger Freund, tanzen Sie weiter!” Die ungesühnten Verbrechen des Dritten Reiches Die Justizminister der deutschen Länder haben sich entschlossen, eine Zentralstelle einzurichten, um bisher ungesühnte Verbrechen aus der Zeit des Dritten Reiches besser fahnden und ihre Urheber zur Rechenschaft ziehen zu können. Vorermittlung und Strafverfolgung sollen koordiniert werden. Ausdrücklich wird erklärt, dass nicht eine neue Entnazifizierungswelle ausgelöst werden soll, nachdem die von weiten Kreisen kritisierten politischen Säuberungsverfahren nun praktisch in allen Ländern abgeschlossen worden sind; es geht bei der neuen Massnahme lediglich um die Aufdeckung von Verbrechen. Die Urteilssprechung bleibt in den Händen der regionalen Gerichtsinstanzen. Anlass zu dieser Reform und Straffung der Fahndungsmethoden sind Erfahrungen aus den jüngsten Prozessen und Ermittlungen, nicht zuletzt die Fälle Sommer und Eisele, wo sich herausstellte, dass die Linke bei der deutschen Justiz, oft nicht v?eiss, was die Rechte tut, so dass schwerbelastete Kriminelle durch die weiten Maschen eines schlecht koordinierten Systems schlüpfen konnten. In einem Kommentar der “Frankfurter Allgemeinen” wird andeutungsweise der Wunsch ausgesprochen, der Eifer im Aufräumen mit der Vergangenheit möge auch auf die Rechtsprechung selber übergreifen, die in vielen Fällen bisher schwer verständliche Milde hatte walten lassen; weitherum wird dieses Verhalten mit möglicher Befangenheit mancher Richter “mit Vergangenheit” in Zusammenhang gebracht. Es ist kein Zweifel, dass die letzten Prozesse und Urteile gegen Verbrecher aus den Reihen der frueheren SS und anderer Exekutivorgane des nationalsozialistischen Staates die deutsche Oeffentlichkeit weit mehr aufgestört haben als manches Urteil aus Nürnberg, die in der dumpfen Benommenheit der ersten Nachkriegsjahre entweder nur beiläufig zur Kenntnis genommen oder als Akte von “Revanche-Justiz” der Sieger nicht akzeptiert worden waren. Die Verbrechen, die in den Verhandlungen gegen das “Einsatzkommando Tilsit” oder gegen den Folterknecht Sommer an den Tag kamen, haben viele Deutsche zum erstenmal mit dem kriminellen Aspekt des Dritten Reiches konfrontiert und sie bewusst werden lassen, mit welchen Ungeheuerlichkeiten der deutsche Name in der jüngsten Geschichte belastet ist. Der Anstoss zur Erkenntnis der Wahrheit und Wirklichkeit des Dritten Reiches, der bisher weiteste Kreise aus dem Wege gegangen waren, ist in den letzten Monaten jedenfalls in drastischer Weise gegeben worden. ("Neue Zürcher Zeitung”).

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