Mannheim
Compact Memory

Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1958-10-01 · 10 (Octubre, 1958) · p. Seite 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XX (1958)
Issue
10 (Octubre, 1958)
Date
1958-10-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/8553624-8557203-9194388--2396-8557416
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Octubre 1958 BOLETIN INFORMATIVO 15 LEO BAECK'S LETZTES WERK (Fortsetzung von Seite 1) und daher der eine Weg, das eine Reich, die eine grosse Erwartung”. (S. 189). Begegnungen Die Geschichte “Dieses Volkes” hat sich nicht in einer Abgeschlossenheit, sondern in der Welt vollzogen, und so ist sie “auch eine Geschichte von Begegnungen”. (S. 230ff). Ein Ueberblick über die ersten drei Jahrtausende lehrt: “Jede echte Begegnung wird diesem Volke zum bleibenden Segen, weil es um zu sich selber und zu anderen zu kommen, für seine Existenz die neue Sprache, den neuen Ausdruck, die neue Form sich bereiten muss. Es ist so das Gesetz seiner Existenz. Die grossen Begegnungen seiner Geschichte zeigen es: die Begegnung mit der Reinheit und Kraft Persiens, die mit der Genialität und der Beweglichkeit des griechischen Geistes, die mit der Grösse und Stetigkeit Roms und dann die mit der Weite und Erschlossenheit der arabischen Kultur”. Vor Allem ist das vierte, ist unser eigenes Jahrtausend solch eine Epoche der Begegnungen. Ihrer Erörterung ist das letzte Kapitel gewidmet, es nimmt nahezu die Hälfte des ganzen Buches ein. Zu einem guten Teil ist “Dieses Volk” eine Schilderung, eine Charakterisierung der Begegnungen. Baeck stellt beides dar, die innere Entwicklung, oder auch Beharrung, und das Zusammentreffen mit Völkern und Kulturen. Nach persönlicher, charakteristischer Auswahl führt er Bewegungen, Werke und Menschen vor dem Auge des Lesers vorüber. Er verfolgt die geistigen Strömungen und ihre wechselnde Richtung in den auf einander folgenden Epochen, er zeichnet die Mystik, wie sie sich hier als Kabbalah, dort als Chassidismus entfaltet hat, er nennt, Schöpfungen, in denen jüdisches Leben, Denken und Fühlen sich krystallisiert hat. Er verweilt bei biblischen Büchern, bei dem Propheten des Exils in Babylon, bei Daniel und Esther, er stellt die Bücher der Chronik Herodot und Thukydides gegenüber, und zeigt an beiden das Wesen griechischer, wie jüdischer Geschichtsschreibung, er gibt ein Bild von Talmud, Schulchan Aruch und Sohar wie von der reichen Ernte der Wissenschaft des Judentums in den jüngsten anderthalb Jahrhunderten. Gesetz und Gebot Die innere Entwicklung dieses Volkes und seine Stellung zur Welt sind enge mit einander verbunden. In “Dieses Volk” ist das unverkennbar, aber es wird nicht mit voller Klarheit ausgesprochen. Das Buch weist oft auf das Gesetz, das Gebot hin, aber es spricht nur in Andeutungen von der einzigartigen Gestalt, die es bei uns angenommen, in der es unser Leben ordnet und gebietend gestaltet. Es sublimiert unsere Geschichte und zeichnet mehr das verborgene Wesen, als die offenbare Erscheinung, mehr die Idee, als die schicksalhafte Wirklichkeit, in der sie sich verkörpert. Darin liegt sein Zauber. Aber diese Betrachtung verlangt eine Ergänzung, ein Bild von der Auswirkung dieses Gesetzes im Leben. Baeck hat die Wahrheit schlagend ausgedrückt. “Die Absonderung war die Form der Existenz”. (S. 243). So ist es gewesen und so ist es, hier in grösserem, dort in geringerem Masse, auch heute. Die Thorah gewinnt bei uns in einzigartigen Formen Gestalt, in Einrichtungen, in Dinim, in Mizwoth, die dem Judentum und damit auch dem einzelnen Juden seinen besonderen, oft der Welt unverständlichen Charakter aufprägen, so im Schabbos in jener unvergleichlichen Form, der anderen Ruhetagen, wie der Sonntag, so unähnlich ist so in Kaschruth, die das Leben des Juden und sein Zusammenleben mit den Völkern bestimmt, so in unseren strengen Ehegesetzen mit ihren unerbittlichen Eheve r b o t e n, mit ihrer Regelung von Get und Chalizah. Wie nichts anderes haben gerade diese Institutionen das Antlitz dieses Volkes geprägt. Sie haben für es meist die Seligkeit bedeutet, sind aber auch für Viele ein schwerer Anstoss gewesen oder in unseren Tagen geworden. Die eigentlichen Probleme, die uns bedrängen und der übrigen Welt erspart geblieben sind, fliessen aus unserem Gehorsam gegen diese Lebensordnung wie aus unserem Aufstand dagegen. Dabei haben sich diese Gesetze und diese Formen als ewig erwiesen, soweit in der Geschichte der gesamten Menschheit von Ewigkeit gesprochen werden kann, und wo sie zurückgedrängt oder vergessen worden waren, haben sie bis auf den heutigen Tag eine Kraft der Wiedergeburt entwickelt, die schwerlich irgendwo anders ihres Gleichen findet. “Die Originalität schafft die neuen Formen” lesen wir. (S. 55). Das trifft anderswo gewiss zu, in diesem Volke aber erneuert die Originalität die alten Formen. Sind diese Gebote verpflichtend, für den einzelnen Juden, für dieses Volk, für Medinath Israel? Müssen wir ihnen gehorchen? Oder ist es Sünde, gegen sie zu verstossen? Diese Fragen sind heute so dringlich, wie nur je, und in Medinath Israel ist der Anspruch der Halachah, das ganze Leben zu regeln, zusammen mit der Frage des Friedens mit den Arabern das alles andere überschattende Problem. Diese Fragen haben Baeck ergriffen wie nur einen, sonst hätte er nicht für sie den erschütternden Ausdruck finden können, dass “die Absonderung die Form der Existenz war”, aber sie müssen in ihrer ganzen Schroffheit ausgesprochen werden, wenn die innere Persönlichkeit dieses Volkes sichtbar werden, wenn ihr Gerechtigkeit widerfahren und wenn sie selber ihren Weg finden soll. Aber mit dieser Absonderung verträgt sich die Einheit mit der Menschheit in der Tiefe, in der Hoffnung auf die Tage des Messias. Baeck spricht diese Gewissheit aus und hat auch für diese Versöhnung der Gegensätze den in seiner Paradoxie packenden Ausdruck gefunden: “Auch wenn dieses Volk nur an sich selber dachte, sich selbst beobachten und verstehen wollte, musste es eines weiteren, eines katholischen Ausblicks fähig sein”. (S. 107). Gegenwart und Zukunft Die Rückschau auf dreieinhalb Jahrtausende wird zuletzt zu einem Blick auf unsere Gegenwart und zu einer Frage an die Zukunft. Zwei Sorgen stehen da im Vordergrund, die endgültige Stellung des jüdischen zum deutschen Volke und die Doppelfrage der Zukunft von Medinath Israel und Frieden zwischen ihr und den Arabern. Baeck hatte früher schon “den Edelsten in den deutschen Landen”, Lessing, als den guten Engel des deutschen Volkes gefeiert. “Eine Sehnsucht hat dieses Volk immer, fast leidenschaftlich, gehegt und hat davon nie abgelassen. Dass seine Seele begriffen werde, hat seine Seele immer begehrt. Von Lessing war es ihr so zuteil geworden, das wussten die Nahen und das ahnten die Fernen. Solange diese Seele leben wird, von Geschlecht zu Geschlecht, wird sie dankbar, mit einer fast leidenschaftlichen Dankbarkeit, an Lessing denken und in trüben Stunden die Strahlen seines Lichtes sehen, und wo sie bisweilen kaum hoffen kann, wird sie getröstet sein”. (S. 260). Nun, am Ende seines Buches, erweckt er in wenigen Sätzen, ohne den Namen des “Führers” zu erwähnen, die Greuel der Hitlerzeit und die Politik des appeasement. Er nimmt sie beide als die Wurzeln des grossen Krieges. “So wuchs der zweite Weltkrieg heran”. (S. 304). Schon vorher hatte er verhüllt von dem Dritten Reiche als dem Widersacher des Reiches Gottes und von dem Kampfe des Juden mit diesem Staate gesprochen: “Unter dem Himmel des einen Reiches sind die Reiche dieser Erde. In ihnen hat das Werk der Menschen seinen Platz, und sie wollen ihm selber auch gebieten, bisweilen seine Seele auch bestimmen. Des religiösen Menschen Leben kann bisweilen ein Kampf, ein ehrlicher, sauberer Kampf gegen den Staat werden, und immer, früher oder später, wird dieser Kampf zu einem gebenden und empfangenden Einvernehmen mit dem Staate”. (S.191). Ohne dass von dem jüdischen und dem deutschen Volke ausdrücklich die Rede wäre, hat Baeck hier den endlichen Frieden zwischen beiden verkündet, früher oder später. Nicht leicht ist zu verstehen, was er von dem Staate Israel gedacht hat. “Fragen erheben ihr Haupt und blicken den an, den die Liebe zu dem alten Lande der Väter erfüllt”. (S. 305ff). Dieser Staat ist für ihn ein Problem. “Drei Jahre nach dem Weltkrieg war aus der “Heimstätte” ein Staat geworden. Er ist noch gefährdet. Er ist von aussen bedroht, wie so oft ein Kleinerer von Grösseren bedroht ist. Er kann von innen bedroht sein, so wie so oft ein jeder Staat von einem “Hinderer”, der die Moral verneint, dem Satan der “Staatsräson” bedroht wird, dieser Staatsräson, die dem Gegner nichts und sich selber alles verzeiht, die sich in die Ausflüchte begibt und darüber den Weg verliert. Es gibt eine innere Abtrünnigkeit, die sich unter manchem Deckmantel verbirgt. Ein Staat dieses Volkes kann nur ein Staat des “Bundes”, des Gottesgebotes sein”. Was immer auch diese bangen Sätze bedeuten mögen, bestimmt und unzweideutig fordert Baeck die Versöhnung zwischen Juden und Arabern. Mit dem Blick auf das dritte Jahrtausend hatte er schon früher verkündet: “Das jüdische Volk ist damals der arabischen Kultur zu tiefem Dank verpflichtet worden. Dieses Volk, dem die Dankbarkeit ein Gebot von Gott ist, sollte dies nie vergessen”. (S. 155). Dieser Satz ist der eine von den zweien, die nicht nur von “diesem”, sondern ausdrücklich vom jüdischen Volke sprechen. Und nun schliesst der Abschnitt von Medinath Israel mit der besorgten und hoffenden Frage nach diesem Frieden: “Wird die Zeit wiederkommen, die soviel an Segen gebracht hat, in der Ismael und Israel einander innerlich begegneten, Geist zu Geist sich fand, die beiden einander beschenkten und die Menschheit beschenkt haben? Und dann die andere Frage, die sich erhebt? Und es will scheinen, dass die zwei Fragen, die von aussen und die von innen hervortritt, ineinander greifen, sodass sie nicht zu trennen sind”. Persönlichkeiten und letztes Wort “Dieses Volk” ist im Wesentliehen eine Geschichte von Ideen und Entwicklungen, aber es ist belebt durch die Bilder von grossen Persönlichkeiten, Juden wie Nichtjuden, in allen Perioden unserer Geschichte, von Esra und Nehemia, von Joseph Karo und S. R. Hirsch, von Graetz und Frankel, von der Witwe und den Gebrüdern Romm, der grossen hebräischen Druckerei in Wilna, wie von dem Hause Rothschild, von Riesser, Herzl und Moses Hess, aber auch von M o h a m e d, Reuchlin, “dessen Namen dieses dankbare Volk in allen seinen Zeiten mit dankbarer Liebe nennen wird”, J. A. Balfour und noch manchem anderen. Mit einer tiefen Liebe betrachtet er Spinoza, von ihm spricht er öfters als von irgend einem anderen, und wie ein Richter fällt er seinen Spruch in dem Rechtsstreit zwischen ihm und der jüdischen Gemeinde in Amsterdam, die den Bann über ihn ausgesprochen. “Er hat seinen Platz auch im Leben seines Volkes”. (S. 210). In einem vielsagenden Satz nimmt er Stellung in dem Falle von Karl Marx: “Es war nicht leicht, dort, wo das Auge zuerst die Händler traf, zugleich die Denker und die Gelehrten, die Mystiker und die Träumer, die Sehnsuchtsvollen und die Schwärmer, die doch auch dort waren, zu finden, es zu erkennen, wie dort in dem langen Rock vielleicht einer dahinschritt, der beides in einem war, ein Mann des Handelns und ein Mann des Geistes. Auch der Sohn dieses Volkes, ein Nachkomme von Geschlechtern des Geistes, der Revolutionär in der sozialen Philosophie, Karl Marx, hatte es in den Jahren seines Werdens von draussen nicht erblickt, als er damals der Abweisung des Händlertums wegen sein Volk abwies”. (S. 263). Auch von sich spricht Baeck in diesem seinem letzten Buche, mehr als in früheren Aeusserungen. Er sagt von sich so aus, wie es ihm seinem Wesen nach allein möglich war, mittelbar, wie anonym. “Sein Ich hat er meist zurücktreten lassen, ja, bisweilen es fast versteckt” sagt er von Zunz (S. 278), und dieses Urteil gilt von ihm selber. Aber zugleich trifft auch auf ihn zu was er Moses Mendelssohn nachrühmt: “Von sich wollte er selten sprechen, aber alles, was er sagt, spricht von ihm, auch in seiner Philosophie”. (S. 259). Und so glauben wir es zu spüren, wie er oft sich selber meinte, ohne das Wort “ich” zu gebrauchen. Er beschreibt die geschichtliche Gestalt des Rabbi “des Lehrers, der sein eigenes Wort spricht und zugleich eine Tradition weiterführt... Er ist ein Mensch der Tat, dem das Bedürfen der Gesamtheit anvertraut ist und der, wenn es not tut, als ihr Sendbote, ihr Apostel, hinauszieht, und der doch zugleich der Mann des Gebotes ist, der das Leid und die Sehnsucht der Gemeinde vor Gott hinträgt und dessen Andacht neue Worte des Flehens und des Vertrauens auch dichtet”. (S. 104). “Ein Mann des Gebotes” steht hier, aber in Wirklichkeit wird Baeck wohl geschrieben haben: “ein Mann des Gebetes”. In diesen, wie in den folgenden Sätzen hat er wohl, wenn wir ihn recht verstehen, es ausgesprochen, wie er sich selber betrachtet hat und wie er sich verstanden wissen wollte. Ein Jahr vor seinem Tode war ein Buch von ihm erschienen: “Dieses Volk. Jüdische Existenz”. Sein letztes Werk, ein Jahr nach seinem Hingang erschienen, trägt den gleichen Titel mit dem Zusatz: “Ein zweiter Teil”. “Ein zweiter Teil” und nicht: “Zweiter Teil”. Die •Deutung des unbestimmten Arti kels gibt er im Vorwort: “Der Mensch selbst, zu dem die Geschichte geredet hat, ist niemals fertig. Auch ein Buch wird es kaum je sein, wenn es ein Stück von ihm selber ist”. Seine Gedanken wirken in seinem Schöpfer weiter, die Antworten selbst erwecken neue Fragen, einem ersten folgt weiterführend, nicht abschliessend, ein zweiter Teil, und wenn dem Dreiundachtzigjährigen ein weiteres Leben beschieden gewesen wäre, hätte er auch die Auseinandersetzung mit “diesem Volke” und mit sich selber fortgeführt, im Einklang mit dem talmudischen Wort, das er zustimmend anführt: “Die Schüler der Weisen haben keine Ruhe, nicht in dieser Welt und nicht in der Welt, die kommt”. (S. 74). Aber ganz am Schluss, auf der vorletzten Seite, enthüllt er sein Innerstes, seine letzte, grosse Hoffnung für ihn selber: “So ist es der Grund, und so ist es das Ziel, so die Offenbarung und so die Erwartung. Und zu der Seele des Menschen tritt dann die Zuversicht hin, dass das Beste, das in ihm lebt, dort einkehren werde, wo die Nähe Gottes, die Begegnung mit Gott, zur neuen Wahrheit werden wird. Nur die Ehrfurcht, in der allein der Glaube ist, kann solches vernehmen”.. (S. 325). “Dieses Volk. Jüdische Existenz. Ein zweiter Teil” ist geschrieben in dem Bewusstsein von dem nahen Ende des Lebens in dieser Form der Existenz, mit dem Blick auf ein anderes Dasein, auf die Welt der Ewigkeit. So ist dieses Buch der ergreifende Abschied •on einem reichen Leben, ein feierliches Vermächtnis von .ueo Baeck an “dieses”, an sein Volk.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.