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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1958-10-01 · 10 (Octubre, 1958) · p. Seite 5

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XX (1958)
Issue
10 (Octubre, 1958)
Date
1958-10-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Octubre 1958 BOLETIN INFORMATIVO 5 UNTERWEGS GESEHEN UND AUFGESGHNÁVVT von HANS KAUFMANN “Papageno plaudert wieder”, singt der geschwaetzige Vogeljaeger in der “Zauberfloete”, als man ihm endlich das Schloss vor dem Munde abnimmt und fuehlt sich offensichtlich sehr gluecklich darueber. Und wer koennte ihm das besser nachfuehlen als ein reisender Redakteur des “Boletín Informativo”, der von Santiago ueber Buenos Aires, Madrid, und Paris bis Bruessel fliegen muss, um endlich eine anstaendige Schreibmaschine geliehen zu bekommen, auf der er einigen unentwegten Lesern etwas vorplaudem kann? Zweimal Oper An das Zitat hat er sich natuerlich anlaesslich einer Auffuehrung dieser herrlichen Mozart-Oper im monumentalen Teatro Colón von Buenos Aires erinnert. Dirigent war Sir Thomas Beecham, dessen Gemahlin erst einige zehn Tage zuvor in Buenos Aires verstorben war. Das herrliche Opernhaus war bis auf den letzten seiner 4.500 Plaetze ausverkauft, die Stimmung von einer fast religioesen Feierlichkeit, die Auffuehrung selbst von einer ungewoehnlichen Schoenheit und Harmonie. Was einen Opernbesucher des “Teatro Municipal” von Santiago wohl am Staerksten beeindrucken muss, ist das Niveau der Choere, Bal- Praezision und Klangfuelle des lets und Statisten, sowie die wunderbar geleiteten Orchesters, was den Solisten eben den Rahmen gibt, den wir desto mehr vermissen, je hervorragender die Stars sind, die uns Jahr um Jahr besuchen. Der Fremdenfuehrer, der uns die “Opera” in Paris wenige Tage spaeter als das groesste .Opernhaus der Welt vorstellte ,—“groesser als das Metropolitan Opera House, groesser als die Royal Festival Hall... ”—, irrte. Die bebaute Flaeche ist vielleicht grosser als die des “Colón”, die Foyers, Terrassen ¡und Gaenge vielleicht noch praechtiger —wer kann das bei so viel Pracht noch sagen?; wer aber in Buenos Aires im 6. Rang gesessen hat und in Paris nur 5 gezaehlt hat, mit einem Fassungsvermoegen fuer 2.500 Menschen, der kann ihn eines Besseren belehren. Auch die Auffuehrung, “Der Rosenkavalier”, konnte nur schwerlich einen solch uneingeschraenkten Genuss vermitteln: weder die ab und zu im Windzug schwankenden Pappkulissen, noch die Kostueme oder, worauf es schliesslich in erster Linie ankommt, Dirigent, Orchester und Stimmen erreichten, von den groessten Augenblicken abgesehen, die Schoenheit und ■Perfektion, die Thomas Beecham im Colón hervorgezaubert hatte. In weitere Details einzugehen, hiesse in ein Gebiet einzudringen, auf dem der Schreiber dieser Zeilen bestenfalls ein Geniesser, aber bestimmt!kein Kenner ist; nur ein Rat: Wer ganz, aber wirklich ganz grosse Oper sehen und hoeren ■Will, der soll nur bis zum Rio ¡de la Plata fliegen. « ■Zweimal “Juedisches” Theater In Buenos Aires existiert ein staendiges juedisches Theater mit eigenem Haus, genannt “I. >F. T.” (Jiddisches Freies Thea- ■ter), das, aehnlich wie das f'Teatro Experimental” in Santiago, eine Reihe von Institutionen unterhaelt, deren wichtigste eine Schauspielerschule ist. Wenn wir richtig unterrichtet sind, ist das I. F. T. politisch sehr definiert, was auch das sonst ueberfluessig anmutende Wort “Frei” erklaeren koennte: in Argentinien nennen sich die Kommunisten entweder “Frei” oder “Progressiv”. Vielleicht beruht diese Annahme auch auf einem Irrtum, aber auch die Wahl des Stuecke, “Die gute Seele von Se - Tschuan”, von Bertold Brecht, sowie der Enthusiasmus, der ueher seine dick und fett aufgetragene Tendenz zutage trat, deuten darauf hin. Nun, leider laesst dieser Enthusiasmus auch nicht einen Moment vergessen, dass man es, trotz Schauspielerschule und ehrlichem Bemuehen, mit Dilettanten zu tun hat, professionellen Dilettanten vielleicht, aber auch nicht mehr. Die einzige Entschuldigung, die wir von jenseits der Anden gelten lassen muessen, besteht darin, dass wir bestimmt kein staendiges juedisches Theater unterhalten koennten, kein besseres und kein schlechteres. Zu einem wirklich juedischen Erlebnis wurde dagegen die Auffuehrung des “Tagebuchs der Anne Frank” in Paris, mit der beruehmten Pascale Audret in der Titelrolle. Hier draengen sich natuerlich die Vergleiche mit dem “Teatro Experimental” gleich scharenweise auf. Nach Stichworten geordnet, erlauben sie folgente wichtigsten Rueckschluesse: Auffassung des Werks und Regie: Dieselben sind von einer geradezu verblueffenden Aehnlichkeit, um nicht zu sagen, Gleichheit, die beweist, wie klar, lebhaft, praezis und ueberzeugend die Aufzeichnungen dieser Fruehvollendeten waren, um Regisseuren von grosser kuenstlerischer Gestaltungskraft nur ein aeusserst begrenztes Feld fuer ihre Phantasie zu ueberlassen. Das Buehnenbild ist absolut das gleiche, die Details aber in Santiago gepflegter. Beleuchtung, Nebengeraeusche und vor allem die Tonwidergabe besser in Paris. Die Schauspieler: Die Gesamtleistung erscheint, sowohl was die Harmonie wie das Niveau anbetrifft, absolut gleichwertig; bei Differenzen in der Bewertung kann es sich hoechstens um Nuancen handeln. Das beginnt bereits bei der Darstellerin der Anne, bei der Pascale Audret im allgemeinen etwas zurueckhaltender wirkt und auch den Altersunterschied von der Ankunft im Versteck bis zur Freundschaft mit Peter weniger herausarbeitet. Ihre Wirkung hegt hauptsaechlich in dem ungewoehnlichen Liebreiz ihrer Erscheinung, waehrend Ximena Gallardo mehr den Keim des genialen Menschenkindes sowie auch, seltsamerweise, den juedischen Typus nahezubringen vermag. Die Eltern Frank sind in Paris viel juenger, charakterlich aber genau so gezeichnet. Das Ehepaar van Daam vermag nicht, eine so scharf profilierte Darstellung hervorzubringen, wie wir das bei dem Paar Parada-Cänepa sahen. Vor allem der Hunger des korpulenten van Daam wird zu sehr als Gefraessigkeit dargestellt, sodass der groteske Zug die Tragoedie weitgehend verdraengt, so weit, dass selbst das Publikum von Paris, auf das wir die hoechste Erwartung in Bezug auf Verstaendnis fuer dieses Werk und seine Situationen gesetzt hatten, an fuer unser Empfinden unpassenden Stellen ebenso lachte wie das 'unvoreingenommen ¡- schuldlo- •se von Santiago. Duessel war "die groesste Ueberraschung in •dem kleinen alten Theater am •Montpamasse: ein Mann mit •Komplexen, so wie ihn Jorge •Lillo dargestellt hatte, aber •auch mit Humor, spontanen Gesten und zeitweiliger Ge- •loestheit: kurz, mehr Mensch •und weniger Figur. Ein neuer •Beweis, wie weit die rein •aesthetische Betrachtung von “Critilo” in “El Mercurio”, der in Lillo den besten Schauspieler der Auffuehrung gesehen hatte, von jedem lebendigen Empfinden entfernt war. Grossartig auch Margot, die es verstand, in ihre nichtige Rolle Bewegung und Leben zu bringen. In der Rolle der Miep ueberzeugte mehr Maria Teresa Fricke in Santiago, der es auch zu verdanken ist, dass einer der Hoehepunkte des Dramas, die Meldung von der Landung der Alliierten, so erschuetternd wirken konnte. Der Chanukka-Abend dagegen war am Montparnasse von einer mehrenden Echtheit, hauptsaechlich wohl durch die wohlverstandene Einsetzung der Moaus - Tzur - Melodie. Schreibmaschine Nummer 23 Was interessiert in Chile unter hunderten von neuen Eindruecken, oft nur fragmentarischen Charakters, in vierzehn fieberhaft durchjagten Tagen gesammelt. In Buenos Aires, Madrid und Paris fehlte immer entweder die Zeit, um die noch frischen Eindruecke gleich niederzuschreiben, oder, wie bereits eingangs bemerkt, die unentbehrliche Schreibmaschine. Nun gut, wenn auch die Zeit weiter ebenso kostbar wie knapp ist, so stehen wenigstens im Presse-Buero der “Expo 58”, so nennt Bruessel seine Weltausstellung, gleich sage und schreibe einundfuenfzig parat. Nummer 23 dient also als die beruehmte Feder, in welche die Gedanken gefaelligst einzufliessen haben. Die Sache mit den 51 Maschinen, nebst zugehoerigen Stahlmoebeln, Papier, Telefonen, Fernschreibern, Uebersetzern und sonstigem Luxus ist ein winziges Symptom fuer das gigantische Ausmass einer Organisation, die bis zum heutigen Tage bereits mehr als 35 Millionen Besucher durch Aussteller - Gebaeude aus fuenfzig Herren Laender durchgeschleust hat. Dabei ist die Abteilung Belgien eine ganze Ausstellung fuer sich, ebenso wie die unter der Schirmherrschaft der UN stehenden internationalen Pavillons der “Zusammenarbeit der Nationen”, der Kuenste, der Technik und vor allem der Wissenschaften, deren Fortschritte im Laufe dieses bewegten 20. Jahrhunderts durch Filme, Apparate, Maschinen, Plakate, Fernsehen und alle moeglichen und unmoeglichen Vorfuehrungen ebenso anschauüch wie, fast moechte man sagen, aufdringlich vor Augen gefuehrt werden. Der Rundbau der U.S.A. mit dem herrlichen Platz und Springbrunnen davor beeindruckt den unvoreingenommenen Beschauer aesthetisch besonders vorteilhaft. Was er enthaelt, vor allem an technischen Errungenschaften, kann nur die groesste Bewunderung abringen. Ein von Walt Disney gefilmter “Circarama”-Film mit einer,, bezw. elf Leinwaenden von 3609 Blickfeld fuehrt den Zuschauer in Auto und Flugzeug quer durch die Staaten, von New York bis San Francisco. Man legt sich daher unwillkuerlich die Frage vor, wie es moeglich war, dass die Presse der Vereinigten Staaten ziemlich einmuetig die Aussteller kritisierten und gegen den Kongress den Vorwurf erhoben, nicht genuegend Gelder zur Verfuegung gestellt zu haben. Die Frage beantwortet sich von selbst, wenn man den gegenueberliegenden gigantischen Bau der Sowjet-Union besucht. Wenn es wahr ist, dass die Komm u n i s t e n schon lange Meister der Propaganda sind, so haben sie sich hier selbst uebertroffen. Hier ist wirklich alles zu sehen, was dieses Land- Kontinent kann, weiss, produziert, leistet und will; eine komplette Uebersicht von der beruehmten Stecknadel zur Lokomotive, von den herrlichen “Kraft-durch-Freude”-Ferienorten zu den elegantesten Arbeiterwohnungen, von den faszinierendsten Kunstwerken zu den erstaunlichsten medizinischen Geraeten, von ueberdimensionierten Flugzeugen zu ferngesteuerten Apparaten und, last not least, im Zentrum riesengrosse Modelle der Sputniks mit den entsprechenden Erlaeuterungen. Ein wahres Meisterwerk von... Public Relations! Der in seinen Ausmassen bescheidene und dem anderer Kleinstaaten entsprechende Pavillon von Israel ist aeusserst geschickt und geschmackvoll aufgemacht. Der Bau ist trapezfoermig: man kommt durch einen etwas schmalen und halbdunkeln Gang herein, der die Geschichte der Diaspora symbolisiert. Die Wand zur Linken zeigt das “Volk ohne Land” in Zerstreuung und verfolgt, die zur Rechten “Land ohne Volk” mit unbebautem Boden und wuest. Sodann tritt man ins Helle, wo man, teils in chronologischer, teils in sonstig sinngemaesser Reihenfolge die Errungenschaften des jungen Staates in den zehn Jahren seiner Geschichte anschaulich vorgefuehrt bekommt: Ausweitung des Exports, Produktionszweige, Siedlungsformen, Kunst Lebensstil. Die Vorfuehrung bunter Lichtbilder in einem letzten dunkeln Raum vervollstaendigt die sehr wuerdige Aufmachung mit Landschaften und Staedten Israels. Interessant ist als Gegenstueck der Bau der Vereinigten Arabischen Republik, der sehr sinnvollerweise genau zwischen dem amerikanischen und russischen steht. Es ist ein teures Bauwerk mit viel kaltem Prunk, ueberladen mit den Buntstein - Mosaiken aus den Palaesten der Neureichen, viel groesser als der Pavillon Israels und... viel leerer. Wenn man erwartungsvoll die grosse Freitreppe empor gestiegen ist, trifft man zuerst auf einen Bronzekopf des Fuehrers und dann auf die Modelle des Assuan-Staudamms, sowie einiger sonstiger Projekte. An tatsaechlichen Errungenschaften ist kaum mehr zu sehen als die Fotografien einiger wirklich moderner Staedte wie Kairo und Alexandrien, die Textilprodukte eines grossen Konzerns und ein Modell des Suez- Kanals. Eine grosse Landkarte des Vorderen Ostens, auf der Transjordanien vom Mittelmeer bespuelt wird und Israel nicht existiert, sowie die Behauptung, die drei grossen Religionen Judentum, Christentum und Islam seien auf “arabischem” Boden entstanden, schlagen diesem aegyptischen Fass sozusagen die Krone ins Gesicht. Vier Hauptstaedte Die Stadt Bruessel selbst, mit ihren wunderschoenen Gebaeuden, Parks und vor allem den mittelalterlichen Reliquien aus der Zeit der Zuenfte (Rathausplatz) macht mindestens nachts,, neben dem unbeschreiblichen Getuemmel der “Expo” eher einen etwas schlaefrigen Eindruck. Zumindest beeindrucken die vier Staedte, die wir bisher besucht haben, den oberflaechlichen Beschauer folgendermassen: Bruessel, der Kleinbuerger; Paris, die Dame von Welt; Madrid, der Rittergutsbesitzer; Buenos Aires, der Grossuntemehmer. Das ist natuerlich ebenso falsch wie jede Verallgemeinerung, aber auch ebenso richtig wie dies oft der erste Eindruck von Sympathie und Antipathie, von Verstaendnis oder Stumpfheit sein mag. Von den vier Hauptstaedten macht Buenos Aires am meisten den Eindruck einer aufstrebenden, arbeitenden, erfolgreichen, um die Zukunft ringende Stadt. Es ist eine Welt in Metamorphose, mit einem Stadtzentrum, das abgerissen, verbreitert, neu aufgebaut, verschoenert wird. Gewiss, Vieles stammt hier von der mass — und ziellosen Verschwendung eines auf Ostentation angewiesenen vergangenen Regimes, Vieles ist zu gross, Vieles wahrscheinlich falsch; Alles in Allem aber hat man den Eindruck: Neue Welt, Amerika. Madrid ist wunderschoen, aber als Erbin einer reichen und prunkvollen Vergangenheit, die Kunstschaetze und Parks von seltener Schoenheit hinterlassen hat, die eben heute gepflegt werden. Selbst Paris, Erbin einer Tradition und Kunst, die vielleicht ihresgleichen sucht, mit einem ungeheuren Betrieb, Schmiss, Schwung und sogar Organisation, macht nicht diesen aufstrebenden Eindruck. Vielleicht ist dafuer auch alles schon zu fertig: abgesehen von den weiten Aussenvierteln wird nicht gebaut. Dafuer hat Buenos Aires aber auch vielleicht die groessten Probleme. In wenigen Tagen des Aufenthalts erlebten wir einen Teil des Aerzte-Streiks, den Poststreik, Drohungen der Handlungsreisenden und seitens eines weiteren guten Dutzends unzufriedener Gremien. Was uns aus Chile besonders auffaellt, sind die riesigen Plakate, die jeder Antragsteller oder Unzufriedene sich bemuessigt fuehlt, an die Hauswaende zu kleben und vor allem, die heftige Sprache, die (Fortsetzung siehe Seite 6)

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