Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XX (1958)
- Issue
- 10 (Octubre, 1958)
- Date
- 1958-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kl REDACCION» S.C. I. B*NE JISftOEL. AV. PORTUGAL «IO. CASILLA 3487. 8AMTIA«0*CHtLS BOLETIN INFORMATIVO MITTEILUNGSBLATT SO C'IE DAD CULTURAL ISRAELITA B'NE JISROEL" AÑO XX N«? 10 SANTIAGO DE CHILE Octubre 1958 DU MUSST DEIN LEBEN AENDERN! EINE BETRACHTUNG ZU KOL NIDRE von Rabbiner Manfred Lubliner Wort und Ton, Text und Vertonung von Kol Nidre stehen in keiner innerer Beziehung. Der Text ist Prosa und spricht von den Verpflichtungen, die der Mensch gegen sich selbst hat. Die Vertonung, die Melodie ist auf Poesie abgestimmt und mit dieser Melodie hebt die religioese Stimmung dieses grossen erhabenen Tages an. “Vieles ist zu zart, um gedacht, noch mehreres, um besprochen zu werden, sagt ein Dichterwort'. In der Tat, die Stimmung ist zu zart um gedacht, oder gar besprochen zu werden. Und doch, gerade diese Stimmung verlangt von uns, dass wir nicht nur die Schuhe ausziehen, sondern alles, die Nacktheit und was unter der Nacktheit ist, und was sich unter ihr verbirgt und dann noch den Kern des Kernes bis zum unvergaenglichen Feuer, das uns in die Naehe des Unendlichen heranfuehrt. So ist der Spruch von Kafka. Es ist die Paradoxie dieser Stunde, dass wir wohl in der Gemeinschaft mit anderen menschlichen Geschoepfen zusammen sind, doch aber im letzten Grund allein, ganz allein, jeder nur mit sich, mit seinem Ich in der Sehnsucht nach dem grossen unendlichen Du, Gott, ohne Mittler, ohne Vermittler. In einer solchen Grenzsituation wird sichder Mensch bewusst, dass er nicht ohne ein dauerndes Vertrauen zu etwas Unzerstoerbarem in sich leben kann. Glauben heisst: Das Unzerstoerbare in sich befreien oder sich selbst befreien. Das Unzerstoerbare ist die geistige Welt, die Welt der Sinne ist Schein und Taeuschung. Die Welt des Geistes ist die des Guten und der Liebe. Zu ihr vorzudringen bedarf es des echten Willens und der echten Kraft. In einer der Erzaehlungen Franz Kafkas “Vor dem Gesetz steht ein Mann, vor der Tuer des Gesetzes, kann aber nicht hinein,weil ein Tuerhueter ihn daran hindert. Und er verliert den Mut weiter vorzudringen, weil dieser Tuerhueter zu ihm sagt, ich bin maechtig, und ich bin nur der unterste Tuerhueter. Von Saal zu Saal stehen aber Tuerhueter einer maechtiger als der andere. Schon den Anblick des Dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen. Und so stand der Mann sein ganzes Leben lang vor der Tuer zum Gesetz, die nur fuer ihn bestimmt war und die nun fuer immer geschlossen bleibt, da er nicht die Kraft hatte das Hindernis zu ueberwinden, die Tuerhueter bei Seite zu schieben”. Der Weg zur Welt des Geistes ist versperrt durch die Tuerhueter, durch die niedrigen Leidenschaften und Instinkte, durch die Raubtierkrallen des Menschen. Sie zu zerschlagen Stueck fuer Stueck, Tuerhueter fuer Tuerhueter ist die Aufgabe unserer menschlichen Existenz. In der Begegnung zwischen dem Ich und dem Du, dem Geschoepf und dem Schoepfer, dem Endlichen und dem Unendlichen, ertoent ein Ruf, du musst dein Leben aendem. Beginne die erste Tuer deine dir innere erste Leidenschaft zu besiegen, um Schritt fuer Schritt dich der Welt der Wahrheit zu naehern, das heisst leben. Was Kafka in eine kuenstlerische Form gegossen, was er als Glei c h n i s menschlicher Schuld und Versagens ausgesprochen hat, Israels groesster Prophet hat es in die Worte gekleidet. Waehle das Leben und das Gute. Entscheide dich fuer ein Leben des Guten, fuer die Welt des Guten und der Liebe an Stelle der sinnlichen Welt die nur Trug und Taeuschung ist. Viel wird von Einkehr und Umkehr gesprochen, aber wenig Ernst wird gezeigt. Buether die zur Wandlung auffordern, sind wohl nicht ueberf luessig. Sie koennen den Willigen den Weg in manchen Faellen zeigen. Wichtiger ist das Beispiel des gelebten Lebens. Von einem Lebensbeispiel kann eine Veraenderung der menschlichen Haltung Vieler hervorgehen. Lassen wir uns von der Das Thema “Dieses Volk”* ist keine ^eichte Lektüre, aber Leo Baeck gibt hin und wieder selber die Deutung und hilft so dem Leser, ihn zu verstehen. Er tut das schon durch den dreifach gegliederten Titel: “Dieses Volk. Jüdische Existenz. Ein zweiter Teil”. Sein Gegenstand ist “Jüdische Existenz”, und er spricht klar aus, was diese Idee bedeutet: “Die Existenz, diese alte und stetige, blieb und konnte bleiben vermöge der Kraft, die in den Gründen, unterhalb aller Erscheinungen, wohnt und aus ihr immer wieder hervo rgebrochen ist”. (S. 230). Er entwickelt eine Philosophie und eine Theologie der jüdischen Geschichte. Ihr Gegenstand ist das jüdische Volk, aber nur zwei Mal, so viel ich sehen kann, braucht er dafür dieses Wort, mehr als tausend Mal benennt er es mit einem anderen Namen. Das Motto, das er seinem Werke voransetzt, ist der Thorah, dem zweiten Buche Moses, entnommen und nennt “dieses Volk, das Du zu Eigen genommen hast”. Und so ist “Dieses Volk” die Abkürzung für das Volk Gottes. “Dieses Volk kann nur ein Volk mit Bezug auf Gott sein, es kann sein Ich nur finden, wenn es Gott sucht, wenn es Gott fern ist, wird es zugleich seinem Ich entfremdet”.. (S. 309). Epochen der Geschichte Die Erscheinungen, denen hier die Existenz entgegengesetzt wird, sind das Gebiet, des Historikers; er erforscht die Stimmung dieser Stunde, dieses Tages, ueber diesen Tag hinaustragen in ein neues Lebensjahr. Beginne ein Jeder in ehrlichem Streben den ersten Tuerhueter beiseite zu schieben um so allmaehlich das Unzerstoerbare in sich zu befreien, das heisst sich zu befreien selbst unzerstoerbar zu sein. Im grossen dunklen Weltenmeer steht ein einsamer kleiner unscheinbarer Leuchturm, Israel. Dieses Land, diese letzten zehn Jahre und die voraufgehenden fuenfzig, legen Zeugenschaft ab fuer die Tatsachen und Entwicklungen der Geschichte. Baeck aber setzt dieses Wissen voraus. Er spricht dafür von dem, was in den Gründen unter, oder in den Höhen über ihnen, lebt und wirkt und betrachtet die Zeiten unter dem Blickpunkt der Ewigkeit. Für den Historiker ist ein Jahrhundert eine lange Zeit, und in seinem Rahmen fixiert er die Ereignisse durch Jahreszahlen. Aber in Baeck’s Nachlasswerk findet sich nicht eine einzige Jahreszahl, vielmehr misst er die Geschichte an dem Masstab. in dem Gebete von Mose, dem Manne Gottes, im neunzigsten Psalm: “.. .denn tausend Jahre sind in Deinen Augen wie der gestrige Tag, wenn er vorüber”. Er gliedert die Jahrtausende, einem anderen biblischen Gedanken getreu, nach Generationen. “In Zeiten eines Jahrtausends, in dem Kommen und Gehen seiner Generationen, hat sich das Wachstum dessen allmählich vollzogen, was seitdem als Jüdische Existenz in der Geschichte steht”. Dieser Satz, mit dem das Buch anhebt, gibt den Gehalt dieser Philosophie unserer Geschichte wieder. Drei Epochen, jede ein Jahrtausend umfassend, liegen heute hinter “Diesem Volke”. Die Geschichte beginnt, in der Sprache des Historikers, etwa 1400 v.Chr., das dritte Alter schliesst etwa mit dem Jahre 1600, mitten im vierten stehen wir selber. Sie sind aber nicht strenge von einander geschieden, vielmehr leiten Uebergänge von einem Zeitalter zum an- Aufrichtung eines sinkenden Geistes, der sinkenden Welt des Geistes, fuer die Wiederentflammung eines Glaubens an das Unzerstoerbare i m Menschen, an das Gute, an den Menschen und des Menschen Werk. Ein Anfang ist es, der erste Tuerhueter ist ueberwunden. Moege dieser Anfang, dieses kleine neuentzuendete Licht seine Leuchtkraft auf das gesamte Weltenmeer, auf die grosse weithin zerstreute Menschenwelt u e b e rtragen, auf dass sie lebt friedlich in Wuerde und Achderen, aber “die vorangegangenen Jahrtausende sind deutlich erkennbare Epochen”. In fünf Kapiteln, “Wachstum und Wiedergeburt”, “Der Weg und der Trost”, “Beten und Lernen”, “Das Reich Gottes”, und endlich “Die H o f f n u n g”, zeigt Baeck eine jede in ihrer Eigenart, er beschwört viele Ereignisse und Verkettungen herauf und deutet sie als Erscheinungen des Ewigen, das in der Tiefe wirkt. Er erleichtert Ueberblick und Verständnis durch gelegentliche grosse Zusammenfassungen, die in wenigen Sätzen die Quintessenz weiter und tiefer Gedankengänge zusammendrängen. Die wichtigste dieser Uebersichten sagt: “Im ersten Jahrtausend verlange die Einheit Gottes gegenüber den aufgerichteten Vielheiten der Götter die ganze Kraft des Hörens und Begreifens. So forderte das zweite Jahrtausend vor Allem den Blick für den einen Weg, von dem die vielen Wege beirrend ablenken wollten. So hat das dritte Jahrtausend vor die Idee die Wahl und die Tat der Entscheidung zwischen dem einen Reich und einem der Reiche hingestellt. Und so kann gesagt werden, dass es im vierten Jahrtausend die vornehmlichste Aufgabe wurde, an der einen Hoffnung festzuhalten gegenüber den vielen Hoffnungen, die immer neu einer Erfüllung so nahe schienen. Es war und blieb, von Geschlecht zu Geschlecht, im Grund und Ziel immer das eine und selbe: der eine Gott (Fortsetzung Seite 15) tung. LEO BAECK'S LETZTES WERK von Rabbiner Dr. M. ischelbacher