Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XX (1958)
- Issue
- 6 (Junio, 1958)
- Date
- 1958-06-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Junio 1958 BOLETIN INFORMATIVO 7 AUSWANDERUNG und AUFBAU Als am 31. Januar 1933 der Relchspraesident Hindenburg den verhaengnisvollen Entschluss fasste, Adolf Hitler mit dem Reichskanzleramt zu beauftragen, da waren sich nur sehr wenige unter den 502.839 Juden, die damals in Deutschland lebten, ueber die Bedeutung dieses Augenblickes im klaren. Gewiss: man wusste, dass Hitler ein wilder Antisemit war, man hatte seine braunen Scharen durch die Strassen ziehen sehen, ihre hetzerischen und blutruenstigen Lieder gehoert und die Berichte ueber ihre Versammlungen und ihre Krawalle gelesen. Aber im allgemeinen nahm man die Uebertragung der Regierung an Hitler trotzdem mit einem gedaempften Pessimismus hin und betrachtete sie wohl gar als ein notwendiges Uebel, indem man meinte, dass dieser Mann sehr bald abgewirtschaftet haben und dass damit die Gefahr fuer immer vorueber sein wuerde. Wer damals prophezeit haette, dass an diesem kalten Wintertage der Untergang des deutschen Judentums und die groesste Katastrophe begann, die das Weltjudentum in seiner tragischen Geschichte zu verzeichnen hat, der waere allgemeinem Unglauben begegnet. Zu fest fuehlte sich die Mehrheit der juedischen Bevoelkerung mit diesem Boden verbunden, auf dem sie seit mehr als tausend Jahren ansaessig war, zu gross war der Anteil, den sie seit ihrer Emanzipation an dem deutschen Schicksal und der deutschen Kultur genommen hatte. Erst ganz allmaehlich, Im Laufe von mehreren Jahren, bemerkten die Juden den Abgrund, vor dem sie standen, und auch damals ahnten sie noch nicht, wie tief dieser Abgrund war. So waren es zunaechst nur wenige, die dem verhetzten Lande den Ruecken kehrten, und nicht viel mehr, die ihre Auswanderung ernsthaft vorbereiteten. Damals konnten sie es noch mit relativer Leichtigkeit tun und einen erheblichen Teil ihrer Habe mitnehmen. Als dann endlich die Wahrheit aufdaemmerte, da war es schon spaet, fuer sehr viele zu spaet. In den Jahren 1933 und 1934 war also die Auswanderung nur gering, sie vergroesserte sich aber nach den Nuernberger Gesetzen des Jahres 1935. In den fuenf Jahren von 1933 bis 1937 verliessen etwa 130.000 Juden das Land, im Jahre 1938 allein wanderten dann etwa 100.000 aus; in den Jahren 1939 bis 1940 waren es nochmals 120.000, hiervon gingen etwa 30.000 nach Suedamerika. Im ganzen hatten sich also etwa 70% der juedischen Bevoelkerung aus Deutschland retten koehnen, aber leider war es fuer viele von ihnen, die in den europaeischen Laendern geblieben waren, keine endgueltige Rettung: sie fielen dann waehrend des zweiten Weltkrieges doch noch in die Haende ihrer Verfolger. Je schlimmer die Situation der Juden wurde und je groesser die Gefahr, der sie ausgesetzt waren, desto geringer wurde die Aufnahmebereitschaft der Laender, nach denen sie ihre sehnsuechtigen Blicke richteten. Ein Land nach dem anderen schloss ihnen seine Tore zu; von den lateinamerikanischen Staaten war es schliesslich nur noch Ecuador, das den juedischen Fluechtlingen einige Visen erteilte. Bei den Versuchen, sich gegen die juedische Einwanderung abzusperren, spielten sich viele tragische Ereignisse ab. Es sei hier nur an den Fall des Dampfers St. Louis erinnert, der Deutschland am 15. Mai 1939 verliess und 907 Fluechtlinge nach Havanna bringen sollte. Die cubanische Regierung beanstandete die Visen und liess, taub gegen alle Vorstellungen, das Schiff wieder nach Europa zurueckfahren. Spaeter gab es noch viele Faelle aehnlicher Art. Chile hatte der Einwanderung immer freundlich gegenueber gestanden, und seine bedeutendsten Staatsmaenner, darunter der noch heute in hohem Ansehen stehende Balmaceda, hatten den Zuzug europaeischer Emigranten gefoerdert. Es zeigte auch den juedischen Fluechtlingen gegenueber in der allerersten Zeit ein gewisses Wohlwollen. Aber das sollte sich leider sehr bald aendem. Schon mehrere Jahre vor Kriegsausbruch gab die chilenische Regierung ihren Konsulaten die geheime Anweisung, juedischen Antragsstellern das Einreisevisum nicht zu erteilen. So gelangten bis weit in das Jahr 1938 hinein nur wenige Emigranten hierher, die Glueck gehabt hatten und diese Schwierigkeiten ueberwinden konnten. Als aber am Ende des Jahres 1938 Pedro Aguirre Cerda Praesident von Chile wurde, da begann eine mildere Luft fuer die Auswanderer zu wehen. Das Aussenministerium gab den Konsulaten in zahlreichen Faellen die Erlaubnis zur Erteilung des Visums. Das dauerte zwar nur wenige Monate, aber diese kurze Frist brachte Tausenden von Fluechtlingen die Rettung. Es war auch die hoechste Zeit fuer sie, denn im September 1939 brach der zweite Weltkrieg aus, und damit verschwanden sehr bald alle Moe'glichkeiten, aus der Hitler-Hoelle zu entfliehen. Schliesslich blieb fuer die Auswanderer, die im Besitz des chilenischen Visums waren, nur noch der Weg ueber wenige neutrale Haefen uebrig, und auch dieser war mit grossen Gefahren verbunden. Sie kamen von Frankreich, das —in unbegreiflicher Verkennung der Situation— die fluechtenden Juden als feindliche Auslaender ansah, weil sie deutsche Staatsangehoerige waren. Man ging mit den haertesten Massnahmen gegen sie vor. Die Franzosen begnuegten sich nicht damit, die Juden festzuhalten, die auf der Durchreise nach Uebersee in die franzoesischen Haefen gekommen waren, so am 3. September 1939 die fuer die “Reina dei Pacifico“ bestimmten Passagiere. Franzoesische Kriegss c h i f f e patroullierten auch auf der Route der nach Suedamerika bestimmten Dampfer, holten die Fluechtlinge von Bord und brachten sie in Konzentrationslaeger auf franzoesischem Boden, wo sie oft lange Zeit unter den traurigsten Bedingungen festgehalten wurden. Der italienische Dampfer “Horacio” geriet auf hoher See in Brand! die zahlreichen an Bord befindlichen Fluechtlinge verloren ihre letzte Habe und kamen ebenfalls in franzoesische Ge- Von Dr. Erich Br fangenschaft. Am 30. Dezember 1939 legte der Dampfer “Augustus” in Valparaiso an mit der groessten Zahl von Auswanderern, die jemals an Bord eines in Chile gelandeten Schiffes gewesen waren; die Regierung liess die Passagiere nicht in die Stadt, bewachte sie und brachte sie nach dem Sueden des Landes, wo sie willkuerlich auf die verschiedenen Staedte suedlich des Bio Bio verteilt wurden. Seit den ersten Monaten des Jahres 1940 hoerte dann die Einwanderung der deutschen Juden nach Chile auf, bis auf einige Ausnahmefaelle. Die letzten Einwandererschiffe aus Europa waren die “Orduha” und “Virgilio”, die am 20. Januar 1940 in Valparaiso ankamen. Mit der Landung auf chilenischem Boden und mit der Ankunft in der neuen Heimat waren die Fluechtlinge vor dem n a t i onalsozialistischem Verhaengnis gerettet. Aber jetzt begann fuer sie das schwere Problem, wie sie eine neue Existenz finden sollten. Die deutsche Regierung hatte ihnen schliesslich nur noch die Mitnahme von zehn Reichsmark erlaubt, und viele hatten die Reise nur mit der finanziellen Hilfe der “Hicem” (Hias Ica Emigration Association) machen koennen. Sie kamen mittellos hier an, auf die Unter - stuetzung der oertlichen juedischen Organisationen angewiesen, die ihrerseits wieder von den juedischen Weltorganisationen, vor allem wieder von der Hicem, unterstuetzt wurden. Die grossen Leistungen aller dieser Verbaende bleiben in unserer dankbaren Erinnerung; sie haben den Einwanderern ueber die ersten und schwersten Wochen und Monate hinweggeholfen. Aber die Schaffung einer neuen Existenz blieb naturgemaess in der Hauptsache der eigenen Initiative der Ankoemmlinge ueberlassen. Die gestellte Aufgabe schien geradezu unloesbar; denn Schwierigkeiten aller Art tuermten sich vor ihnen auf. Die Auswanderer hatten sich ja nicht fuer Chile entschlossen, weil sie gerade dieses Land als besonders geeignet fuer sie ansahen, sie hatten ihm nicht den Vorzug gegeben, nachdem sie bedachtsam unter mehreren Laendern gewaehlt hatten, sondern sie kamen hierher, weil das eben die einzige Moeglichkeit fuer sie zu sein schien —und es tats aechlich auch war—, um dem drohenden Ver* haengnis zu entrinnen. So waren sie nicht fuer die besonderen Verhaeltnisse dieses Landes vorbereitet und kannten nicht einmal seine Sprache. Sie kamen hierher wie Schiffbruechige, die sich aus der Brandung nach dem naechsten Ufer retten. Alle Altersklassen und zahlreiche Berufe waren unter ihnen vertreten, darunter viele Akademiker und Beamte, denen ihre grossen Vorkenntnisse und ihr in Jahrzehnten erworbenes Ansehen garnichts nutzten, denn sie konnten ihre Berufe hier nicht ausueben. Selbst die Landwirte, deren das Land doch so dringend bedurfte, fanden kaum eine Moeglichkeit, sich anzusiedeln oder sonst ihren Beruf auszuueben. Zudem waren alle diese Menschen durch jahrelange Unterdruekkung und Verfolgung ery schoepft, durch die schrecklichen Leiden in den Konzentrationslaegern, durch die Unbilden der langen Reise, oft in der schlechtesten Klasse von schlechten Schiffen. Sie hatten lange Jahre der Verfolgung und der Demuetigung hinter sich. Aber es waren nicht Menschen, die sich entmutigen Hessen. Keine Taetigkeit war ihnen zu schwer, zu niedrig und zu schlecht entlohnt, wenn sie damit nur den bescheidensten Lebensunterhalt fuer sich und ihre Familie verdienen konnten. Der einstmals reiche Kaufmann und der grosse Industrielle begnuegte sich mit einer Stellung als Portier oder als Nachtwaechter, falls er nichts besseres finden konnte, der Jurist und der Mediziner entdeckte ploetzlich in sich technische und kaufmaennische Faehigkeiten, von denen er garnichts geahnt hatte. Wenn der Mann keine Arbeit finden konnte oder sein Verdienst nicht ausreichte, um die Familie zu ernaehren, so erschienen die Frauen auf dem Plane. Sollte einmal eine Geschichte dieser Einwanderung geschrieben werden, so ist den juedischen Frauen ein Ruhmesblatt darin gesichert. Sie scheuten sich vor keiner Arbeit, und viele Frauen, die einst einem grossen Haushalt mit zahlreichem Personal vorgestanden hatten, arbeiteten nun selber als Hausangestellte. Hinter dem liebenswuerdigen Spotte, mit dem hin und wieder die zahlreichen Herstellerinnen von kuenstlichen Blumen, Schokolade, Kuchen usw. bedacht wurden, verbarg sich in Wirklichkeit eine tiefe Bewunderung. Gluecklicherweise gab es viele Umstaende, welche diese schwere Anfangszeit erleichterten. Es war ein schoenes Gefuehl, in einem freiem Lande zu leben, wo man jeden Menschen arbeiten liess, und dessen grosse Natursch oenheiten und prachtvolles Klima die Herzen der Einwanderer gewannen. Dazu kam die im allgemeinen wohlwollende Haltung der Bevoelkerung, wenn es freilich auch an Unverstaendnis und selbst an antisemitischen Tendenzen nicht immer fehlte. Aber vor allem hatte fast jeder Einwanderer die innere Sicherheit, dass ein gegenwaertiger, niedriger Lebens - Standard nichts Endgueltiges bedeute, dass er sich allmaehlich schon in die Hoehe arbeiten und den ihm gebuehrenden Platz einnehmen wuerde. Man lernte hier allmaehlich Land und Leute kennen, man machte Fortschritte in der Sprache und erkannte die Beduerfnisse des Landes sowie die Gebiete, auf denen man mit Aussicht auf Erfolg arbeiten konnte. Es gab viele solche Gebiete. So begann ein Aufbau, der zunaechst die Verwunderung, dann das Erstaunen und schliesslich die Anerkennung der Umwelt hervorrief. Bei der Schilderung dieses Aufbaus soll, mit Ausnahme des letzten Abschnitts, von Namensnennungen und der Angabe von Zahlen im allgemeinen abgesehen werden; bei den Zahlen vor allem deshalb, weil eine neuere Statistik fehlt, seit der Enquete des Comité Representativo im Jahre 1941, auf welcher die verdienstvolle Denkschrift des Herrn Carlos Guggenheim aufgebaut ist. Die darin enthaltenen Zahlen behalten ihre geschichtliche Bedeutung, sind aber natuerlich ueberholt und eine neue Statistik waere sehr wünschenswert. Unter den zahlreichen Industrieen, welche diese Einwanderer in Chile geschaffen haben, soll an erster Stelle die Konfektion von Damen, Herren— und Kinderkleidung erwaehnt werden, die frueher in Chile so gut wie unbekannt war. Aus kleinen und kleinsten Anfaengen hat sich hier eine Industrie von erstaunlichen Ausmassen und enormer Leistungsfaehigkeit entwickelt, die dem Lande ausgezeichnete Ware liefert und einer grossen Menge von chilenischem Personal lohnende und gut bezahlte Arbeit gibt. Man sieht denn auch im Lande heutzutage viel mehr gut angezogene Menschen und viel weniger “rotos” als vor zwanzig Jahren. Einen Fortschritt aehnlicher Art brachten die zahlreichen Fabriken von Strickwaren, die von der Emigration ins Leben gerufen worden. Ihre geschmackvollen und gut gearbeiteten Produkte stehen den Erzeugnissen anderer Laender, die als weiter vorgeschritten gelten, in keiner Weise nach. Andere Einwanderer verlegten sich auf die Herstellung von Lederwaren und hatten hier gleiche Erfolge zu erzielen. Besondere Erfolge wurden bei der Produktion pharmazeutischer Artikel erzielt, die den auswaertigen Fabrikaten vollkommen gleichwertig sind und dem Lande grosse Ersparnisse in Devisen moeglich machen; in dieser Branche gibt es zahlreiche mustergueltige Betriebe. Auch die Herstellung elektrischer Artikel hat durch die Initiative der Emigranten eine wertvolle Bereicherung erfahren. Wenn heute das Heim des chilenischen Buergers viel schoener und wohnlicher ist als frueher, so haben die Emigranten viel dazu beigetragen. Vor zwanzig Jahren sah man in den Wohnungen des chilenischen Mittelstandes kaum einen Teppich; die Beleuchtung erfolgte gewoehnlich durch Gluehbirnen, die an der Leitungsschnur von der Decke hingen. Die modernen Lampen und diê schoenen Teppiche, die man jetzt so haeufig sieht, kommen meistens aus den Fabriken der Emigranten. Darueber hinaus haben unsere Innenarchitekten wertvolle und beispielgebende Arbeit verrichtet. Unter den sonstigen Erzeugnissen aus den Fabriken und Werkstaetten unserer Kreise nennen wir in alphabetischer Reihenfolge: Blusen, Dachpappen, Glaswaren und Spiegel, Kinderwagen, Koffer, Konfekt, kosmetische Artikel, Krawatten, Marmelade und sonstige Nahrungsmittel, Metallwaren, Moebel, Oefen, optische Artikel, Regenschirme, Schachteln und Kartons, Schmuck, Schuerzen und Spielzeug. Diese Liste ist natuerlich keineswegs vollstaendig; man kann ohne Uebertreibung sagen, dass es kaum einen wichtigen Industriezweig in Chile gibt, in welchem die Emigranten nicht, sei es als Inhaber des Betriebes oder als Angestellte, zu seinem Fortschritte beigetragen haetten. (Fortsetzung Seite 8)