Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XX (1958)
- Issue
- 4 (Abril, 1958)
- Date
- 1958-04-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8553624-8557203-9194370--2238-8557264- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Abril 1958 BOLETIN INFORMATIVO 13 DER BEITRAG DER DEUTSCHEN JUDEN AM AUFBAU ISRAELS OHNE APOLOGETIK UND OHNE UEBERHEBLICHKEIT Es ist für einen Juden, der in Deutschland geboren ist und in Israel lebt, eine besondere Freude, über die deutschen Juden in Israel erzählen zu können, besonders vor Landsleuten in der Galut. Wir alle erkennen den Ausspruch von Rabbiner Baeck an: "Die Geschichte des deutschen Judentums war eine ehrenvolle, aber sie ist abgeschlossen”, und wir israelis sind die Letzten, die beabsichtigen, das deutsche Judentum wieder als historischen Fakt neu zu beleben. Wir stellen hier nur die Leistungen unserer Landsmannschaft in Israel dar, um bei den Resten des deutschen Judentums in der Galut das Gefühl der Bindung zu Israel zu verstärken. Die donquijotische Bemühung, dem deutschen Judentum neue, speziell historische Aufgaben zu stellen, überlassen wir den kommunistischen Juden und einigen alten Unentwegten, die zurückträumen und sich einreden, anknüpfen zu können— sogar nach der Ermordung von 300.000 deutschen Juden durch deutsche Bürger und nach dem grausamsten Gemetzel der 6 Millionen Juden durch das deutsche Volk. Wir deutschen Juden haben grosse Leistungen auf vielen Gebieten des kulturellen Lebens in Europa aufzuweisen, und wir können auch stolz sein auf die Erfolge unserer Landsmannschaft in Israel, die, wie alle anderen Gruppen des Landes ihren spezifischen Beitrag zur. Staatswerdung und-befestigung gegeben hat. Wir Zionisten aus Deutschland und insbesondere wir Israelis, die wir den Weg aus Deutschland nach Israel gefunden haben, wissen sehr wohl um die Tragik des deutsch -jüdischen Schicksals und um seine Irrungen. Wir sind uns klar darüber, dass wir das klassische Beispiel bewusster Entjudung waren, dass in unserer Mitte der nationale Selbstmord Jjepredigt worden ist, und dass die Assimilationsversuche grosser Kreise in Deutschland gegen den Willen der ansässigen Bewohnerschaft uns den Spott von Juden und vielen Nichtjuden (bestimmt der Antisemiten) eingebracht haben. Trotzdem hatte das deutsche Judentum genügend innere Reserven um grosse Persönlichkeiten und bedeutende Leistungen im jüdischen Leben hervorzubringen. Der Verfasser dieses Artikels weiss wohl, dass eine viel gründlichere Arbeit für das Resüme des deutsch-jüdischen Beitrages an dem Aufbau Israels notwendig wäre. Er hat nur versucht, mit grossen Strichen unseren Einfluss zu skizzieren, weil er das Gefühl hat, dass man auf dem amerikanischen Kontinent mehr die Witze über die Jeckes in Israel kennt, als ihre Leistungen. Vielleicht hilft auch das Wissen um unsere Landsmannschaft in Israel, eine stärkere Bindung zwischen den deutsch - jüdischen Gemeinden der Galut und Israel zu schaffen. Da es immer noch deutsche Juden | gibt, die eine recht kalte Beziehung zu Israel haben, kann eine Schilderung der Leistungen deutscher Juden in Israel Brücken schlagen. Ist es denn nicht oft Zufall, wer von uns in Israel, in Nordamerika oder in Südamerika sitzt?... Der Artikel ist gewiss nicht geschrieben, um überheblich über unseren Anteil am Leben Israels zu berichten. Ohne den ostjüdischen Sektor und ohne die sefardischen Juden Afrikas und Asiens wäre Israel nicht das, was wir alle zusammen aus dem Land gemacht haben. Der Artikel ist auch nicht der Apologetik wegen geschrieben worden, denn unser Beitrag am Werden Israels ist zu gross, und der anfängliche Spott über die "Jeckes” hat schon lange einer richtigen Würdigung der Juden aus Deutschland Platz gemacht. Die nachfolgenden Darlegungen sind für alle deutschen Juden der Galut gedacht, die neue Wege suchen müssen, sich mit dem Geschehen in Israel zu identifizieren — und was kann dies besser bewirken als das I n t e r e s s e für ihre Landsmannschaft und der Stolz auf ihr Wirken? DEUTSCHE JUDEN IN DER INDUSTRIE, WISSENSCHAFT UND KUNST Die Kraft und die Fähigkeit unserer Landsmannschaft sind tatsächlich in Israel in neuem Mass zum Vorschein gekommen. Von den 600.000 deutschen Juden konnten sich nur 300.000 aus Deutschland flüchten, und 60.000 (d. h. 20% der amLeben Gebliebenen) haben in Israel Fuss gefasst. Sie bilden einen wesentlichen Bestandteil des Jischuv in allen seinen Verzweigungen, und ohne übertreiben zu wollen, können wir feststellen, dass es in der Geschichte des zionistischen Aufbauwerkes zwei einschneidende Epochen gibt: die der zweiten Alija (1904) und die der deutschen Alija (1933), sodass man heute, historisch betrachtet, die Kolonisation des Landes bis zur Entstehung des Staates in die Epochen vor der zweiten Alija und vor der deutschen Alija einteilen kann. Beide Alijawellen haben das Gesicht des Landes grundlegend geändert und haben dem Lande ihre spezielle Note gegeben. Während die zweite Alija dem Aufbauwerk die Schaffung einer bewussten Arbeiterschaft und den Beginn einer geplanten Verteidigung hinzufügte, haben die Immigranten aus Deutschland dem Lande die Modernisierung gebracht. Technik, Wissenschaften, Orvon Schlomo Erel ganisation und die Künste haben mit dem Erscheinen der deutschen Professionellen und Industriellen einen gewaltigen Aufschwung bekommen. Die Gründung der 3 Banken, Feuchtwanger, Jaffe, Ellern stammt aus dieser Zeit nach 1933. Die grosse Privatbaufirma RASSCO ist von den Geldern des Transfer gegründet worden und ist heute der grösste private Bauunternehmer des Landes. Die Taxi-Kooperativen sind organisiert worden, und so mancher Rechtsanwalt, Doktor und Akademiker aus Berlin, Breslau oder Hamburg hat in diesen Transportgesellschaften, die zur Modernisierung des Landes so viel beigetragen haben, seinen Arbeitsplatz gefunden. Auch viele Industriezweige sind von den Opfern Hitlerdeutschlands gegründet worden. Die grosse Getränkefabrik “Assis”, die Zigarettenfabrik “Dubek”, viele Textilunternehmungen und die Asbestosindustrie in Naharia sind das Werk deutscher Juden. Es ist auch kein Zufall, dass viele unserer Landsleute sich in den Leitungen der grösten ökonomischen Unternehmen der nationalen Institutionen befinden. Vielleicht noch wesentlicher ist der Einfluss deutscher Juden auf wissenschaftlichem Gebiete. Der Bau von grossen Krankenhäusern und die Ausdehnung des medizinischen Netzes über ganz Israel hat mit der Alija deutsch-jüdischer Ärzte begonnen. Prof. Zondek ist das Symbol dieser Epoche, die Israel im Kämpf um die Gesunderhaltung seiner Bevölkerung einen ehrenhaften Platz unter den Völkern eingebracht hat. Bis vor kurzer Zeit war die deutsche Sprache die Berufssprache israelischer Arzte. Dies wird hier nicht mit Stolz betont, sondern nur als Symptom einer bestimmten Situation bezeichnet. Auch in den Naturwissenschaften ist unsere Landsmannschaft stark vertreten, und wie Prof. Weizmann es in seiner Autobiographie schilderte, war er besonders darauf bedacht, Wissenschaftler aus Deutschland nach Israel zu ziehen. Das Rechovoth- Institut und das Technion in Haifa haben diese Chemiker, Physiker, Biologen und sonstige Naturwissenchaftler in ihre Laboratorien und Bildungsanstalten eingegliedert. Prof. Bergmann, ein deutscher Jude, ist heute der Leiter des Weizmann Institutes in Rechovot, er ist für die Atomentwicklung in Israel verantwortlich und konzentriert im Büro des Premier Ministers die gesamte Planung wissenschaftlicher Tätigkeit in Israel. Prof. Bergmann hat sich schon in der Vergangenheit einen Namen gemacht durch seine Beteiligung an der Weizmannschen Erfindung des synthetischen Gum/nis und durch seine bedeutenden Arbeiten für die Produktion von in Israel hergestellten Waffen. Der gewaltige Aufschwung, den die Musik in Israel seit der Übersiedlung jüdischer Künstler aus Deutschland genommen hat, ist weit und breit bekannt. Wir mögen viel über Deutschland als zivilisiertes Land zu klagen haben, Land der 3 grossen Bs: Bach, Beethoven, Brahms. Es ist daher nicht zu verwundern, dass viele Juden in diesem Lande unter dem Einfluss einer grossen Tradition ihre musikalischen Fähigkeiten entwickelten und als Olim diese Gaben zur Bereicherung des künstlerischen Lebens im Lande darbieten konnten. Die unvergesslichen Bemühungen von Bronislav Huberman, deutsch-jüdische Musiker nach Israel zu bringen und sie als Fundament für das Philharmonische Orchester zu nehmen, haben Israel zu einem der musikverständigsten Völker gemacht. Die neue grosse Konzerthalle, die jetzt in Tel Aviv für das Orchester gebaut worden ist, wird die Kette der Erfolge unseres Orchesters krönen. Toscanini, Koussevitzky, Bernstein, Klecki, die grossen Dirigenten unserer Zeit, und die berühmten Solisten Jehuda Menuhin, Jasha Heifetz, Rubinstein, Ida Hendel, Mischa Elman etc. haben stets Interesse in Israel aufzutreten, weil die musikalische Wachheit der Bevölkerung dem Künstler eine besondere Befriedigung gibt. AUF DEN GEBIETEN ALLGEMEINER WISSENSCHAFTEN Die Hebräische Universität hat eine Reihe von Dozenten und Professoren, die deutsche Juden sind. Prof. Alfred Bonr ne (Soziologe), Leo Picard (Geologe), Fritz Bodenheimer (Agrikultur), Moses Schwabe (der verstorbene Rektor der Universität), Fritz Goitein (Orientalische Wissenschaf - ten), Ernst Simon und Martin Buber sind Persönlichkeiten des Jischuv, die einen grossen Einfluss auf das kulturelle und materielle Leben des Landes ausgeübt haben und noch ausüben. Es ist auch interessant zu erwähnen, dass Prof. Heinemann und Prof. Orbach (frühere Dozenten am Breslauer Rabbinerseminar) die beiden Staatspreise für Judaica zum 8. Jom Atzmaut erhalten haben. Leider müssen wir — um der Wahrheit die Ehre zu geben — feststetlen, dass die Bedeutung der Persönlichkeit von Martin Buber im Lande in ungenügender Weise gewürdigt wird. In der Galut und bei Nichtjuden in vielen Ländern der Welt ist er oft mehr gefeiert als in Israel. Vielleicht kann die Kritik, die es um Martin Buber in Israel gibt, dahin erklärt werden, dass er nicht immer Interpret des Judentums geblieben ist, sondern in den Strudel politischer Gegensätze sich hineinziehen liess. Insbesondere Bubers utopische Stellungnahme zur arabisch-jüdischen Problematik während des Ausbruchs der arabischen Terrorperiode und sein Verdammen der Gewaltmassnahmen im Momente des Seins oder Nichtseins für den Jischuv haben ihm viel Gegnerschaft gebracht. Wir sind sicher, dass der Verlauf der Zeit heiiend wirken und vergessen machen wird und Buber nach und nach seine Stellung als der profundeste Erklärer jüdischer Werte in der Moderne erlangt. In diesem Zusammenhang sei auf ein Problem hingewiesen, das viele deutsche Juden in Israel betraf. Der Jude aus Deutschland war zur Staatsordnung erzogen worden, und psychologisch war es ihm schwer, sich an die Untergrundbewegungen während der Mandatszeit zu gewöhnen, die doch die bestehende Staatsraison negierten. Viele von uns neigten daher zu politischen Kompromissen, die natürlich alle an der Realität Palästinas vorbeigingen. Daher war die Anzahl der deutschen Juden, die Antiterroristen und Antiaktivisten waren (sogar im Ben Gurion’schen Sinne des Aktivismus), gross. Trotzdem war und ist die Beteiligung deutscher Juden und insbesondere der Kinder von Immigranten in den Reihen der Hagana und Zahal eine sehr starke, und obwohl uns keine Statistiken vorliegen, ist die Zahl von Offizieren deutsch - jüdischer Ab stammung ins Auge fallend. IM POLITISCHEN LEBEN Der oberflächliche Beschauer des politischen Lebens in Israel mag glauben, dass die deutschen Juden nicht an der “Macht” sind, denn Persönlichkeiten wie Ben Zwi, Ben Gurion, Eschkol, Scharet, Golda Meir etc. kommen aus anderen Sprach- und Kulturkreisen. Obgleich in dieser nach aussen hin führenden Elite kein deutscher Jude sitzt, ist doch auffallend, in wie vielen Schlüsselpositionen unsere Landsmänner Fuss gefasst haben Fast in jeder unserer Regierungen gab es 3 Mitglieder des Kabinetts, die Juden aus Deutschland sind. Pinchas Rosen ist seit Staatsgründung (mit einer sehr kurzen Unterbrechung) Justizminister gewesen, Fritz Naftali war Landwirtschafts - Minister und jetzt Minister ohne Portefeuille, Dr. (Fortsetzung Seite 14) PEREZ NAPHATALI Minister ohne Portefeuille Dr. JOSEF BURG Postminister Dr. PINCHAS ROSEN Justizminister