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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1958-02-01 · 2 (Febrero, 1958) · p. Seite 7

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XX (1958)
Issue
2 (Febrero, 1958)
Date
1958-02-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Febrero 1958 BOLETIN INFORMATIVO 7 * A áC9 ff Zur Debatte Nicolai - Jacoby; WISSENSCHAFT, TECHNIK UND DIE FREIHEIT DES GEISTES Vor etwas mehr als einem Monat sprach der ebenso kaempferische wie ehrwuerdige Professor Georg Nicolai in der Universidad de Chile ueber die Sputniks. Er stellte bei dieser Gelegenheit einige hoechst radikale und herausfordernde Behauptungen auf, die man, der Version von “El Mercurio” folgend, ungefaehr so resuemieren kann: 1. ) Die wissenschaftlichen Grundlagen fuer die Sputniks sind seit Newton bekannt; sie in ihre Bahn plaziert zu haben, stellt keine wissenschaftliche, sondern eine rein technische Errungenschaft dar. 2. ) Sie koennen nichts Neues lehren, da sie “taub und stumm” sind und nicht zur Erde zurueckkehren; nur wer letzteres moeglich macht, darf sich eines Erfolges ruehmen. 3. ) Russland hat nie wissenschaftliche Leistungen hervorgebracht, sondern immer nur von Europa gelernt. Ganz besonders gilt dies heute, da durch das dort verherrschende System politischer Diktatur jede Freiheit des Geistes und damit auch jede wissenschaftliche Leistung einfach unmoeglich ist. Denn “die Wissenschaft ist eine hoechst empfindsame Pflanze”. Der damit hingeschleuderte polemische Fehdehandschuh wurde einige Tage spaeter von Professor Constantino Jacoby aufgehoben, der in diesem Streit der Professoren in “Ercilla” vom 22. Januar folgende Argumente anfuehrte: 1. ) Die Technik ist heute der Wissenschaft ebenbuertig. Sie waere zwar ohne die Grundlage der wissenschaftlichen Errungenschaften nicht moeglich gewesen, ist aber schon seit langem unentbehrlich zur experimentellen Bestaetigung der Theorien und gibt nicht nur den Anstoss zu neuen Entdekkungen, sondern ist in Form von komplizierten und hochentwickelten Apparaten dazu notwendig. Die scharfe Unterscheidung Wissenschaft - Technik ist kuenstlich; sie bedingen sich wechselseitig. 2. ) Die Wissenschaftler der ganzen Welt werden grosse Lehren aus den Sputniks ziehen. Dieselben stellen nicht nur das erste von Menschen vorgenommene astronomische Experiment dar, sondern werden genauere Kenntnisse ueber Atmosphaere, Strahlungen und Lebensmoeglichkeiten im Raum vermitteln. Dazu ist es nicht notwendig, das sie zur Erde zurueckkehren; man kann dies alles auf optischem Wege, durch Radar und Radio, in konzentrierte "Code” - uebertragung erfahren. 3. ) Die Menschheit hat Russland wissenschaftliche Spitzenleistung zu verdanken. Man denke nur an Lomonossow (chemikalisch - physikalische Theorien), Mendeleiev (Periodisches System der Elemente) und Pavlow (Biologie, Physiologie, Medizin; Die Lehre von den bedingten Reflexen). Zwar hat Prof. Nicolai recht, dass in einem Klima der Tyrannei die Wissenschaft nicht gedeihen kann, er sollte jedoch in den Fachzeitschriften sehen, wieviel Neues russische Forscher heutzutage mitzuteilen haben und andererseits seine Behauptungen ueber die Tyrannei In Russland erst einmal erhaerten. Summa summarum und die obige Zusammenfassung nochmals zusammenfassend, geht es also um zwei Behauptungen: Die eine: Man habe die Bedeutung der Sputniks uebertrieben. Die andere: Unter einer Diktatur sei keine Wissenschaft moeglich. DER SPRUNG INS WELTALL Nun war zwar Prof. Nicolai nicht ganz mit Unrecht boese darueber, in welch raffinierter Weise der Kreml seine Erfolge vom 4. Oktober und 3. November des vorigen Jahres politisch - propagandistisch ausgeschlachtet hat. Die “Sputnik - Diplomatie” Kruschevs brachte eine fuer knappe vier Monate — bis zum Moment des Abflugs von “Explorer I” — ungewoehnlich reiche Ernte. Andererseits hat er aber .Zweifellos einen Fehler begangen, sich deswegen zu solch extremen Behauptungen hinreissen zu lassen und die ganze Affaire als reine Propaganda und sogar als Bluff abtun zu wollen, als sei “ein Satellit nicht mehr als ein gewoehnlicher Flugdrachen fuer Kinder” (Ercilla vom 15. 1. 58). Es kann wohl heutzutage kaum mehr eine ernste Diskussion darueber geben, dass der Sprung ins Weltall, den die Russen als erste angetreten haben, eine wissenschaftliche Leistung ersten Ranges darstellt, wahrscheinlich neben der Nutzbarmachung der Atomenergie die bisher groesste dieses bewegten Jahrhunderts. Die Behauptung, dass bereits Newton die Bahn eines kuenstlichen Satelliten haette berechnen koennen, ist (abgesehen davon, dass er dies nicht mit der gleichen Genauigkeit getan haette wie die Wissenschaft seit Einstein) ebensowenig stichhaltig wie dies etwa der Versuch waere, der Fahrt des Atom-Unterseeboots “Nautilus” damit Bedeutung abzusprechen, dass bereits Sir Ernest Rutherford Stickstoff - Atome spaltete. Auch die Dienstbarmachung; gewaltiger technischer Mittel im Bau der Satelliten kann wohl kaum deren wissenschaftlichen Wert schmaelern. Seit es eine moderne Naturwissenschaft gibt, ist sie zur Bestaetigung ihrer Theorien auf Laboratorium, Teleskop, Mikroskop, d. h. auf Experiment und Technik angewiesen und wird andererseits von Experiment und Technik immer wieder auf neue Wege zu neuen Erkenntnissen geleitet. So werden auch die Satelliten —und auch darin muss man wohl oder uebel Prof. Jacoby Recht geben— neue Kenntnisse vermitteln. Das bestaetigt auch fuer uns Laien die populaer - wissenschaftliche Information, die von den Amerikanern dankenswerterweise sofort nach dem Abschuss von “Explorer I” freigegeben wurde und derzufolge dieser neue Koerper im Raum mindestens sechs Phaenomene des Weltalls zu erforschen hat: Kosmische Strahlen, Meteoriten, Raumtemperatur, Hoehe und Dichte der Atmosphaere, Praezisierung der Distanz zwischen den Erdteilen und Zusammensetzung der Ionosphaere. DOGMA GEGEN DOGMA? Vielleicht hat es kaum mehr als anekdotenhaften Wert, sich einmal zu fragen, wie ein solch wirklich grosser Geist wie Professor Nicolai dazu kommt, sich bis zum Leugnen der Evidenz zu versteigen. Es lohnt sich aber vielleicht im Hinblick auf die kuriose Erklaerung, die sich dabei aufdraengt. Der Professor ist naemlich ein militanter Freidenker, so militant, dass er — wenn wir richtig informiert sind— mehrere Jahre lang Vorsitzender einer entsprechend orientierten und kaempferisch taetigen Verbindung war. Es gehoert also zweifellos zu seinem ideologischen Ruestzeug, zu beweisen, dass es im dogmatischen und inquisitorischen Mittelalter keinen wissenschaftlichen Fortschritt geben konnte. Und tatsaechlich gab es ihn auch nicht. Ein Analogieschluss hat ihn mm vielleicht zu der Ueberlegung verleitet, dass es im nicht minder dogmatischen und inquisitorischen Sowjetstaat auch keinen wissenschaftlichen Fortschritt geben kann. Aber siehe da: es gibt ihn Der Anti-Dogmatiker ex officio ist im Kampf gegen das Dogma.. . einem Dogma verfallen DAS GEISTIGE KLIMA Aber einen Zweifel hat er zumindest gesaet: Wie ist es wirklich moeglich gewesen, dass ein totalitaerer Staat einen Vorsprung in freier wissenschaftlicher Forschung ueber die westlichen Demokratien erringen konnte? War es nicht erst gestern, dass Stalin die Theorie eines Lysenko zur “offiziellen Wissenschaft” erhob, dass auf experimentellen Misserfolgen die Deportierung nach Sibirien oder ein Schuss in den Nacken ruhte und zittern nicht bereits heute wieder Alle vor dem neuen Herrn im Kreml? Es bedarf wohl nur eine sehr fragmentarischen Kenntnis der Geschichte von Sowjet-Russland, um Prof. Nicolai der diesbezueglichen Beweispflicht zu entheben, die ihm sein Widersacher auferlegen will. Aber die Antwort auf dieses “wieso trotzdem?” muss man suchen. Sie ist auf verschiedenen Ebenen zu finden. Die oberflaechlichste und einfachste zugleich besteht darin, dass es dem Forscher in der U. d. S. S. R. relativ gut geht, d. h. besser als dem Rest der Bevoelkerung. Er ist wirklich angesehen, nicht minder als ein Parteibonze oder eine Balleteuse, er wird hervorragend bezahlt und kann auch fuer westliche Begriffe konfortabel leben, kurz, er gehoert zu der schmalen Spitze der Sowjet-Pyramide. Des weiteren muss auffallen, dass sich unter der wissenschaftlichen Elite Russlands eine Anzahl auslaendischer, vor allem deutscher Forscher befindet. Nun gut, letztere haben zum grossen Teil nie eine andere Luft als die der Tyrannis geatmet. Dies ist eine Tatsache, die die Analogie mit Hitler-Deutschland heraufbeschwoert: gab es nicht unter den Nazis auch grosse wissenschaftliche und technische Leistungen, zum grossen Teil damit zu erklaeren, dass die Herren Professoren verhaetschelt wurden? Schliesslich ist nicht zu leugnen, dass Kruschev trotz seinem raketenartigen Aufstieg zur Alleinherrschaft subtilere Methoden anwendet als der blutbefleckte Stalin. Inwiefern dies Ausdrucjs der Tatsache ist, dass die Entwicklungstendenz der Sowjet - Gesellschaft sich zu einer aufge* klaerteren Technokratie hinbewegt, in der die Intelligenz ihr Woertchen mitzureden hat, waere natuerlich Thema einer besonderen Betrachtung. Auf der anderen Seite muss man auch dehingestellt lassen, ob das geistige Klima in den USA so unbedingt einem Treibhaus fuer Wissenschaftler gleichkommt. Zwar gab es dort keinen Stalin, er beschwor aber einen Mac Carthy aus den Suempfen der politischen Niederung hervor. Und wenn auch dank der positiven Gegenkraefte dieser von Ehrgeiz und Skrupellosigkeit vergiftete Politiker nicht solch restloses Unheil stiften konnte, so ist dagegen die Einstellung der amerikanischen Gesellschaft — d. h. auch ihres gesunden Teils — dem Wissenschaftler gegenueber recht atoschaetzig, wenn nicht veraechtlich. Die “eggheads”, wie sie haesslicherweise genannt werden, gemessen bei weitem nicht solche Vergünstigungen wie ihre russischen Kollegen und ihre soziale und pekuniaere Position ist an der eines erfolgreichen “businessman” gemessen, auesserst klaeglich. Zuguterletzt waere auch hier der auslaendische Beitrag anzufuehren, der im Kampf gegen Hitler und in der Entwicklung der Atomkraft an hervorragender Stelle von juedischen Forschern geleistet wurde (Einstein, Fermi, Meitner, Bohr, Teller) und bei der Herstellung der Raketengeschosse und Satelliten von Deutschen (von Braun, Stuhlinger). MEHR REALISM USI Noch eine oft auf gestellte Behauptung verdient erwaehnt zu werden, die zwar Prof. Nicolai nicht vorgebracht hat, die aber in die Linie der Bagatellisierung der russichen Fortschritte hineinrasst, die er beschritten hat. Sie lautet, die Sputniks seien nicht etwa ein adaequater Ausdruck des allgemeinen hohen Standes der russischen Technik und Wissenschaft, sondern eine aus Propagandagruenden fabrizierte Spitzenleistung, sozusagen ein Paradestueck. Nichts falscher als dies! Und nichts gefaehrlicher als eine solche Beruhigungspille! Haben sich die Leichtfertigen Theoretiker der “Spitzenleistung” eigentlich einmal ueberlegt, dass es garnicht so einfach ist, eine solche zu “fabrizieren”. Man braucht sich nur einmal vorzustellen, unsere wackeren Flugzeugkonstrukteure von “Fanaero” in Rancagua wuerden sich vornehmen, ein Weltrekordflugzeug zu bauen, ein einziges: koennte ihnen das gelingen? Oder sind die Weltrekorde nicht doch Sub-Produkte der technisch perfektionierten Massenproduktion, der Douglas, der Constellation, der de Havilland und wie sie alle heissen? Im “Paris - Match” (Okt. 57) schreibt Albert Ducrocq, ein franzoesischer Wissenschaftler, der als Autoritaet auf dem Gebiet der Elektronik und Kybernetik gilt, nach seiner Rueckkehr von einer Studienreise nach Russland: “All dies ist der Ausdruck der hohen Perfektion, den die U. d. S. S. R. in den modernen Wissenschaften erreicht hat, speziell auf dem Gebiet der Elektro - Metallurgie, der Kybernetik, der Elektronik, der Chemie, der Elektrochemie und der keramischen Industrie, alle notwendig zu Herstellung der 60.000 Teile, aus denen sich der Sputnik zusammensetzt”. Wenn man im Totalitarismus die toedliche Gefahr fuer die Freiheit des Geistes und damit fuer die Freiheit des Menschen schlechthin sieht, muss man auch die Verpflichtung akzeptieren, diese Gefahr in ihrer vollen Dimension einzuschaetzen. Man kann ueber Nuancen verschiedener Meinung sein, sie als mehr oder minder gewaltig definieren, aber man darf sie nicht verniedlichen. Realismus tut not,... heute mehr denn je. ATSCHEKA.

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