Mannheim
Compact Memory

Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1958-01-01 · 1 (Enero, 1958) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XX (1958)
Issue
1 (Enero, 1958)
Date
1958-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/8553624-8557203-9194336--2175-8557204
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

REDACCION» S.C. I. B NE J!SftO£L AV. PORTUGAL 810. TEL. 8309« CASILLA 248?. SAHTlAQO-CHILS BOLETIN INFORMATIVO MITTEILUNGSBLATT SOCIEDAD CULTURAL ISRAELITA J I SROEL" AÑO XX N9 1 SANTIAGO DE CHILE Enero, 1958 DER 30« JANUAR 1933 Vor 25 Jahren kam Hitler zur Macht Von Dr. Herbert Freeden Als der 30. Januar 1933, ein Montag, regnerisch und kalt über Berlin kam, war Deutschlands Geschick bereits entschieden. Die Nationalen hatten gegen den Kanzlergeneral Schleicher Schwenkung gemacht (grotesk war, dass ihn nur noch die demokratische Presse billigte), und nach kaum zwei Monaten war die Stellung des “Starken Mannes” dem man diktatorische Gewaltpläne zugetraut hatte, isoliert und untergraben. So geschah es, dass der hochoffizielle Presseball am Sonnabend in nervöser Stimmung, ohne die Repräsentanz des Regierungshauptes stattfand —denn der Kanzler war noch in jener Nacht zurückgetreten. Ein Sonntag voll geschäftigten Hin und Hers, voller Kontroversen, Konferenzen und Kompromisse lag dazwischen. Als ich am Montag Vormittag in die Stadt fuhr, begegnete ich am Wittenbergplatz Rittweger, einen nicht jüdischen Kollegen aus dem Ullsteinhaus. Rittweger begrüsste mich schon von weitem mit ausgestrecktem Arm und rief “Heil”. “Was ist los?”, fragte ich. “Hitler ist Reichskanzler geworden; ich trainiere”. Hitler ist Reichskanzler geworden. Die Untergrundbahnen fuhren auf die Minute pünktlich wie immer; unter den Verkehrsampeln flutete grüngelb-rot ordnungsgemäss über die Strasse; selbst die Börse zog leicht an. Wussten es die Menschen noch nicht? Warum fielen die einen sich nicht um den Hals? Warum streikten nicht die anderen? Rittweger war unverwüstlicher Laune. “Treppenwitz der Weltgeschichte! In ein paar Monaten wird man davon als einem historischem Kuriosum sprechen!” Und was würde aus der Presse werden? Auch dafür wusste er die Antwort. “Natürlich muss man sich vorderhand vorsehen, vielleicht kommt auch so etwas wie eine Zensur. Aber je mehr Zeitungen verboten werden, desto mehr Verlage gehen kaput. Und je mehr Verlage kaput gehen, desto mehr Arbeitslose gibt es, und die kann sich keine Regierung leisten, nicht einmal eine unter Hitler”. “Aber in Italien ist doch die ganze liberale Presse totgemacht worden”, gab ich zu bedenken. Rittweger lächelte geringschätzig. “Italien! Da waren ja die Machtverhältnisse gänzlich anders. Die italienische Demokratie war verschlampt! Bei uns steht die Kräftegruppierung zwischen rechts und links fünfzig”. Als wir am Bahnhof Friedrichstadt ausstiegen und ins Zeitungsviertel gingen, hingen an den Häusern vereinzelte Fahnen. “Und was wird aus den Juden werden?” spann ich das Gespräch weiter. “Die Nazis haben wichtigeres zu tun als die Judenfrage zu lösen”. Ich war skeptisch: “Die Verwirklichung der anderen Programmpunkte wird lange Zeit beanspruchen, besonders solange Hitler in Koalition mit der Schwerindustrie.. “Hugenberg”, kicherte Rittweger. “Na also, und da werden sie in der Linie des geringsten Widerstandes beginnen. Schliesslich ist es doch dem deutschen Arbeiter völlig egal ob Herr Cohn seine Bürgerrechte verliert oder nicht”. “Es wird nicht so heiss gegessen wie gekocht”, konnte Rittweger darauf erwidern. In der Zimmerstrasse trafen wir einen Bekannten, einen kleinen hurtigen Mann, Lokalreporter an einem kommunistischen Morgenblatt. “Heute abend ist Fackelzug”, rief er uns über die Strasse zu. - “Wo?” “Die SA und der Stahlhelm marschieren durchs Brandenburger Tor zur Wilhelmstrasse!” “Das geht doch garnicht”, gab Rittweger entrüstet zurück, “das fällt doch in die Bannmeile, da sind keine Umzüge erlaubt!” Der Kleine zuckte mit den Schultern, als ober damit die Verantwortung für die Überschreitung der Bannmeile von sich werfen wollte. “Wenn wir durchs Brandenburger Tor marschieren, wird die Börse nicht anziehen”, rief er noch. Ich konnte bald feststellen, dass diese Bemerkung nicht sein geistiges Eigentum war, sondern aus einem Gedicht von Johannes R. Becher stammte, das am gleichen Tag — dem letzten ihres Erscheinens — in der “Roten Fahne” abgedruckt war. Als gewissenhafte Reporter durften wir beim Fackelzug nicht fehlen. Vor Mosse’s “8 Uhr Abendblatt” trennten wir uns. Walter V., Chef des Feuilletons, sah kaum auf, als ich zu ihm ins Zimmer trat. Auf seinem Schreibtisch lag aufgeschlagen Hitlers “Mein Kampf”. “Die neue Bibel”, bemerkte ich. Aber der Redakteur lächelte nicht, nicht einmal aus Höflichkeit. “Was gibts?”, fragte er. Ich brachte ihm ein Interview mit der Souffleuse Max Reinhardts. Er nahm es und sagte, ohne es anzusehen. “Schön”. Er sass da wie ein Mensch, den ein furchtbarer Schicksalsschlag getroffen hat, blass, zerknittert, faltig. Es schien mir plötzlich frivol, davon zu sprechen, dass ich fünf Conferenciers über neue Wege des Kabaretts befragt hatte und einen Artikel über “Hochstapler in der Literatur” schreiben wollte. Ich sagte nur: “Wie lange, glauben Sie, wird es dauern?” V. zuckte müde die Achseln. “Ich bin kein Hellseher”. Dann schwiegen wir. Vielleicht tat es ihm leid, so kurz gewesen zu sein. Er blickte auf: “Als wir 1914 hinauszogen, hiess es, Weihnachten ist der Krieg zu Ende. Weihnachten sind wir wieder zu Hause. Wir werden auch diesmal viele Weihnachten nicht zu Hause sein. Das dauert Jahre, Jahre”. Hart und schwer hing das langgezogene, dunkeltönige Wort im Zimmer, wie ein Klageruf. Abends stand ich mit Rittweger auf dem Pariser Platz. Die Quadriga des Brandenburger Tores raste im Lichte der Scheinwerfer. Wir standen, allein und umhergestossen, umbrandet vom Siegesrausch in einer ungeheuren Menge. Die Spannung der Menschen wuchs zu einer schmerzhaften Nervosität. Die Lastautos der republikanischen Polizei nahten. Berittene Schupos folgten. Dann kamen die ersten braunen Uniformen, die blutrote Fahne mit dem schwarzen Hakenkreuz auf weissem Feld ihnen voran. Alles hob den Arm zum Grass. Ein gigantisches “Heil” brauste die Linden entlang und weit in den Tiergarten hinein, hallte am Potsdamer Platz wider und brach sich am Reichstagsufer der Spree. Das Licht der Fakkeln machte die Gesichter unheimlich bewegt. Vom Gleichschritt der stampfenden Bataillone dröhnte die Erde. Was tags nur eine Nachricht war, hier wurde es Wirklichkeit: die SA zog durchs Brandenburger Tor in die Wilhelmstrasse. Die Gewalt der Stunde war zermalmend. Wir standen und standen und sprachen kein Wort. Dann meinte Rittweger: “Wir sind dafür mitverantwortlich, unsere Arbeit, der Sinn unserer Existenz war dagegen gerichtet”. Er machte eine Handbewegung, die mittendrin abbrach. “Wir haben versagt, wir haben furchtbar versagt. Wir sind Besiegte. Was tut ein Besiegter im Angesicht des Eroberers? Wenn er feige ist, kapituliert er. Ist er ein Kerl, macht er sich einen Kopf kürzer. Immerhin bringt Sie Ihre Rasse nicht in Versuchung zu kapitulieren”. Ich antwortete nicht. Ich stand da mit zusammengebissenen Zähnen. Ich wusste, wenn ich den Mund auftäte, würde ich schluchzen, nichts weiter als schluchzen. Hunderttausende sangen jetzt: “Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen.” Unaufhörlich zogen die marschierenden Kolonnen vorbei. Immer wieder ertönten dazwischen die Kommandorafe der Führer. Rittweger fing wieder an: “Wir stehen hier wie jemand in der Sahara mit einer Giesskanne. Wir waren die Kraft, die Weisses will und Schwarzes schafft. Wir haben falsch gelebt... Aber können wir überhaupt noch leben? Wir haben verloren.. . sind wir nicht verloren?” Von der Wilhelmstrasse her schollen Fanfaren. Ueber die verstopften Strassen drängten die Menschen dorthin. Rittweger nahm meinen Arm. Dunkel und ruhig lag der Tiergarten. Wir gingen nach Hause. Sehr langsam gingen wir. Auf der Charlo ttenburger Chaussee lagen fortgeworfene, ausgebrannte Fackeln. Manche glimmten noch weiter, Vorboten der Flamme einer Revolution, die wenige Wochen später gross und mächtig über Deutschland aufsteigen sollte. OEFFNETDIE TORE FUER 100.000 OLIM /

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.