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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1956-12-01 · 12 (Diciembre, 1956) · p. Seite 7

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XVIII (1956)
Issue
12 (Diciembre, 1956)
Date
1956-12-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Diciembre, 1956 BOLETIN INFORMATIVO 7 RELIGIONSPHILOSOPH UND WELTWEISER (Rabb. Dr. Leo Baeck zum Gedenken) Von CURT WILK. (Buenos Aires) Unerwartet ist Rabb. Dr. Leo Baeck in London dahingegangen, betrauert von der juedischen Welt im allgemeinen und den aus Deutschland stammenden Juden im besonderen. Um elf Jahre hatte er die Befreiung aus der Hoelle von Theresienstadt ueberlebt, seinem Volke und der Menschheit zurueckgegeben, und man durfte angesichts seiner ausgezeichneten physischen Ver- . fassung nach menschlichem! Ermessen damit rechnen, dass ihm noch einige Jahre vergoent sein koennten. Die Vorsehung hat anders entschieden, und wir danken ihr dafuer, dass sie uns den grossen Denker und guetigen Menschen bis in sein 84. Lebensjahr erhalten hat, dass er immer aufs neue seinen schoepferisehen Geist entfalten durfte. Was war, so fragen wir in dieser Abschiedsstunde, das Einmalige und Besondere an Leo Baeck? Baeck, Sohn und Enkel von Rabbinern, von fruehester Jugend an mit dem Reichtum des juedischen Wissens, mit Thora — und Talmud — gelehrsamkeit begnadet, wollte immer, an erster Stelle, Rabbiner und nichts anderes als dies sein. So uebte er dieses Amt aus dem Gefuehl der inneren Be rufung heraus, in Oppeln, Dues seldorf und Berlin aus. Doch erst in dieser einst groessten Gemeinde Deutschlands, beim Neuanfang nach der Rueckkehr aus dem Felde, ergab sich die zwingende Notwendigkeit, Stellung zu nehmen zu den grossen Aufgaben einer neuen juedischen Epoche, und indem er dies tat, “ging er”, um in der Sprache der Bibel zu reden, “zu seinen Bruedern hinaus”; er wurde der fuehrende Mann des deutschen Judentums im “Allg. Deutschen Rabbinerverband”, im “Keren- Hajessod”, in der Grossloge “B’ne Brith”, im “Preussischen Landesverband”. Seine hohe Auffassung von Wahrheit und Gerechtigkeit, sein menschliches Ethos und sein tiefer religioeser Glaube trugen dazu bei, dass man ihm, und nur ihm, in den Schicksalstagen des Jahres 1933 die volle Verantwortung an der Spitze der bedraengten Judenheit Deutschlands uebertrug. Braucht es hier naeherer Hinweise darauf, dass er das in ihn gesetzte Vertrauen wunderbar rechtfertigte? Mit leidenschaftlichem Mut zur Wahrheit trat er den Machthabern des “Dritten Reiches” entgegen, und es war dies die gleiche Unerschrockenheit, die ihn stets ausgezeichnet hatte, die ihn als den richtigen Menschen am richtigen Platze erwies. Er hatte, als erster Nichtzionist, schon 1920 die volle Anteilnahme der deutschen Juden am Aufbau eines juedischen Palestina verlangt, und er setzte diese Meinung durch gegen den Widerstand im “Centralverein”, in anderen juedischen Organisationen, die bis zum Jahre 1933 dem Wiederaufbau des Heiligen Lande» mit Gleichgueltigkeit geeenueberstanden. Auf der 2. Weltkonferenz des “Liberalen Judentums” im Jahre 1928 verlangte er gebieterisch eine Revision der “Richtlinien” von einst; nicht mehr duerfe es ein Minimum an juedischen Pflichten sein, das angestrebt werden muesse, sondern ein Maximum, ein staendiges Fortschreiten in der Erfuellung religioeser Forderungen. Treffend hat er es einmal ausgesprochen: “Judentum kann nur in seiner Totalitaet erfasst werden; man vergesse deshalb ueber dem Judentum nicht die Juden und ueber den Juden nicht das Judentum”. Leo Baeck pflegte zu warnen vor einem Judentum “unter einer Glasglocke”, vor einem isolierten Judentum. Er stand jenseits jeder Form; Menschentum und Judentum verbanden sich in seinem Wesen zu einer wunderbaren Harmonie. Er, der ganz erfuellt war von juedischer Weisheit, war in, auch in allen anderen Geisteswissensc haften heimisch. “Den gebildetsten Menschen des heutigen Europa” nannte ihn einmal sein Kollege als Dozent an der Berliner Rabbinerhochschule, Prof. Ismar Elbogen der selbst ein grosser Gelehrter gewesen ist. So konnte er mit den grossen Nichtjuden unserer Zeit als Gleicher unter Gleichen sprechen und korrespondieren, und an seinem 80. Geburtstage waren Menschen wie Thomas Mann und Albert Schweitzer stolz darauf, ihm gratulieren zu koennen. Sein bedeutendstes Werk, “Das Wesen des Judentums”, das er schon 1905 schrieb und spaeter ueberarbeitete, war als Antwort an den grossen christlichen Theologen Adolf von Harnack gedacht, und es wurde— man darf dies ohne jegliche Uebertreibung sagen— zur staerksten Waffe im geistigen Kampfe der Juden um die Verteidigung von Bibel und Talmud, um juedisch — religioese Gedanken ueberhaupt, in den letzten Jahr zehnten. Tief bewegt und beeindruckt war Leo Baeck von seinen drei Besuchen im Heiligen Lande, Erez Jisrael. Befuerworter des juedischen Staates zu einer Zeit, da nur Wenige an seine Realisierung glaubten, sah er darin auch eine ungeheure Chance fuer die Verwirklichung der juedischen Postulate von sozialler Gerechtigkeit, Menschenliebe und Frieden. “Ohne Religion und den Glauben, den sie inspiriert, kann es keinen dauerhaften Frieden geben”. Dieses Wort aus seinem Munde duerfte seine volle Wahrheit mehr und mehr erweisen. Auch Israel werde der religioesen Botschaft nicht entraten koennen, war seine Ueberzeugung, und er setzte auch in dieser Hinsicht grosses Vertrauen auf eine neue juedische Jugend, die ganz zum Judentum zurueckkehren werde. Es war ein erfuelltes Leben, das jetzt zu Ende ging, voller Groesse, aber auch nicht frei von Bitterkeit und Leid. Der Schreiber dieser Zeilen hatte zwar nicht die Freude des Wiedersehens mit dem hochverehrten Lehrer, aber dennoch das unverdiente Glueck, mit ihm im brieflichen Kontakt zu stehen. Wie alle, die ihn Rannten und bewunderten, dankt ihm auch unsere juedische Diaspora von Latein-Amerika fuer die Fuelle von Lehren und Anregungen, die von ihm ausgeht. Leo Baeck wird von seinem Volke niemals vergessen werden. BEGEGNUNGEN (Fortsetzung von Seite 1) blieben von dem, was dieser auch aeusserlich so eindrucksvolle Denker und Forscher, Lehrer und Mann der Tat, der Organisator und das Genie des Herzens, zu uns sprach. Ich erinnere mich, dass er von der Bedeutung des Schabbat und der Mizwa — der religioesen Pflicht — ausging. Die Mizwa hat den Sinn, uns zum Nachdenken — im doppelten Sinne des Wortes — zu fuehren. Sie wendet sich gegen Oberflaechlichkeit und Gleichgueltigkeit im Leben. Will unserem Leben Tiefe geben. Wir sollen ueber die Mizwa nachdenken, die wir ueben und auch nachdenken, was fruehere Generationen vor uns gedacht haben. Durch die Erfuellung der Mizwa lernen wir, bewusst zu leben. Es war nicht so sehr, was er sagte, was damals auf uns junge Menschen einen unausloeschlichen Eindruck hinterliess. Das kann man auch in seinen Buechern, wissenschaftlichen Beitraegen und Artikeln lesen. Es war vielmehr der menschliche Kontakt, die Guete und Waerme, die von ihm ausstrahlte, die uns so tief beeindruckte. Als wir ihn nach Beendigung dieser Zusammenkunft an diesem Schabbatabend im stroemenden Regen nach Hause begleiten durften, spuerten wir das tiefe Interesse, das dieser Mann noch in der Zeit seines Alters am Breslauer Rabbinerseminar hatte, •der Staette ,an der er einige Jahre seiner Studienzeit verbrachte . 1 I Seitdem sind Jahre vergangen, schicksalsschwere Jahre .fuer uns als Individuen und als Soehne Israels. Wiederum fuehrt uns unser Lebensweg in die Naehe Leo Baecks. Es war an einem Schabbat im Juni dieses Jahres in Duesseldorf. Der 83 - jaehrige war von London nach Deutschland gekommen, um in Stuttgart im “Judaicum” — einer Vereinigung fuer juedisch-christliche Verstaendigung — zu sprechen. In Duesseldorf verbrachte er den Schabbat. Es war ein nicht wiederzugebendes Gefuehl, diesen Mann noch einmal zu sehen, von dem man sagen kann, dass in ihm das einstmalige Judentum in Deutschland auch noch in der Katastrophe seinen besonderen Ausdruck gefunden hat. In seiner Gedenkrede auf einen anderen Grossen in Israel, auf Franz . Rosenzweig s. A., hatte er ihm nachgerufen: “Man kann nicht im Judentum sein, ohne im Weltgeschichtlichen zu atmen, in ihm zu leben und zu leiden”. Mit seinem Leben hat er dieses Wort so sehr gelebt, und gelitten, dass er den Kelch unseres Leides bis zur Neige austrank. Das wird das abschliessende Wort der Geschichte ueber diesen Juden sein Wfe er so vor uns steht, muessen wir an jenen Bericht aus Theresienstadt denken, der uns erzaehlt: “In Theresienstadt wurden Vorlesungen ueber Geschichte und Philosophie von Professor Maximilian Adler, einem klassischen Philologen und gluehenden Zionisten aus Prag, Professor Emil Utitz, einem Psychologen, und Leo Baeck gehalten. Einige 700 bis 800 Personen waren in dem Vorraum einer Baracke zusammengepresst, um die Eroeffnungsvorlesung, ueber Plato, von Baeck zu hoeren. Und auch in der spaeteren Vorlesungen, in denen er ueber Maimonides und Kant sprach, hingen die Menschen wie Weintrauben an den Betten”. Und weiter wird berichtet: “Im Lager wurde er (Dr. Baeck) zu einem “Pferd”gemacht und vor einen Muellwagen gespannt. Aber — so erzaehlt er spaeter, — das war eine glueckliche Zeit, weil das andere “Pferd” ein sehr bekannter Philosoph war. Wir hatten wunderbare Gespraeche ueber Ethik und Religion, wenn wir den Abfall ueber den Strassenschmutz zogen”. An dieses Heldentum im Geist mussten wir denken, als wir ihn in der kleinen Betstube Duesseldorfs vor uns sahen und er mit lauter Stimme den Segenspruch ueber die Thora sprach. In seiner Person sahen wir Israels Auserwaehlung im Leben und im Leiden verwirklicht. Dann sprach er. Dr. Baeck erinnerte daran, dass er an diesem Schabbat vor genau 50 Jahren das Rabbinat in Duesseldorf angetreten hatte. Im Anschluss an den Wochenabschnitt deutete er das alte Wort von der “Kehilla Kedoscha”, der heiligen Gemeinde, die gerade im Judentum im Deutschland ihre hervorragende Verwirklichung erfahren hat. Die Renaissance des Judentums ist durch das ungeheuerliche Geschehen nicht vernichtet und begraben. Der Geist der Wiedergeburt lebt in uns. Er kann uns Aufrichtung sein und neuen Mut geben. Wiederum war es eine Stunde des Nachdenkens wie dereinst in Berlin. Nach Beendigung des Gottesdienstes durften wir ihn begruessen. Er nahm sich die Zeit, trotzdem viele darauf warteten, ihm die Hand druecken zu duerfen, um uns nach unserer Gemeinde und nach unserem juedischen Leben zu fragen. Ihm waren ueber Kontinente und Meere hinweg auch unsere Menschen und ihr juedisches Werk nahe. I I I In Duesseldorf schien er bei voelliger koerperlicher Gesundheit zu sein. Nunmehr ist er von uns gegangen. Nachdem er an sich, und der “Rest Israels” mit ihm, das Wunder der Rettung erfahren hat und an dem Wiederaufbau juedischen Lebens teilnehmen durfte, hat ihn eine hoehere Bestimmung abberufen. Mit ihm hat die Geschichte des Judentums in Deutschland, die mit Moses Mendelsohn vor mehr als 150 Jahren begann, ihren Abschluss gefunden. Es wird diesem deutschen Judentum fuer immer zur Ehre gereichen, dass es in entscheidender Stunde nicht einen Politiker an die Spitze stellte, sondern ihn, der mit den Waffen der Weisheit eines uralten Volkes zu kaempfen verstand. Was bleibt, sind schmerzliche Truemmer und eine Botschaft. Ende August dieses Jahres hat er auf einer Tagung des “Council of Jews from Germany” in London, den aus der Welt zusammengekommenen Delegierten zugerufen: “Die letzte Epoche des deutschen Judentums ist durch den Beginn einer juedischen Renaissance gekennzeichnet gewesen. Die Kraefte, die damals zur Aussloesung kamen, sind jedoch nicht unter den Truemmern begraben. Sie leben in uns fort”. So wird auch er — der mutige Exponent dieses Judentums in schicksalsschwerer Stunde — in uns fortleben, durch seine Werke und durch seine Tat. Sein hebraeischer Name war: Uri — mein Licht. Sein Leben war ein Licht, das vielen suchenden juedischen Menschen leuchtet. Wir ringen um den moralischen Wiederaufbau einer Welt, die sich durch eine schwere Krise hindurchkaempft. Der lebende Baeck wird nicht mehr mitwirken koennen. Jedoch sein Geist und sein Werk. Wir wuenschen der Welt und uns, dem juedischen Volk in ihrer Mitte, dass sich an ihm das Wort unserer Weisen erfuellt: “Die Grossen leben auch im Tode weiter”. Secher Zaddik Liwracha Das Andenken an diesen Gerechten sei zum Se- | gen fuer uns und ganz Israel. STANDESREGISTER Um unser Standesregister ordnungsgemaess fuehren zu koennen, bitten wir nochmals unsere Gemeindemitglieder, Gebutren unserem Sekretariat schriftlich oder telefonisch (33096) mitzuteilen. HAUSSAMMLUNG Die naechste monatliche Haussammlung zu Gunsten des “Hilfswerks fuer die Judennot in der Welt” findet am Sonntag, den 23. Dezember, statt. Adressen Aenderungen Wir Bitten unsere Gemeindemitglieder bei Wohnungs Wechsel ihre neue Anschrift unserem Sekretariat mitzuteilen, damit die puenktliche Zustellung des Gemeindeblattes gewaehrleistet ist.

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