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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1956-10-01 · 10 (Octubre, 1956) · p. [Seite]

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XVIII (1956)
Issue
10 (Octubre, 1956)
Date
1956-10-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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| REDACCION« ■S.C.I. B’NE JI5ROEL » AV. PORTUGAL 610. TEL. 33006 ' CASILLA 248?. SANTIAGO «CHILE S O C\I E p A BOLETIN INFORMATIVO MITTEILUNGSBLATT CULTURA L US R A E X I T A IS ROE L" AÑO XVIII — N° 10 SANTIAGO DE CHILE OCTUBRE 1956 SIGMUND FREUD IN JUEDISCHER PERSPEKTIVE KWe?? « ÜH Sigmund Freud, dessen hundertjähriger Geburtstag am 6. Mai 1956 in der ganzen Welt gefeiert wurde, ist in die Geschichte des menschlichen Denkens als einer der leuchtenden Sterne eingegangen. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, zu versuchen, im Rahmen eines begrenzten Aufsatzes, die Bedeutung Freuds in einem der beiden grossen Aspekte einzufangen, die seinem Format gerecht werden würden. Es sind dies seine überragende Steilung als einer der grossen prometheischen Vorkämpfer der Menschheit, der einerseits, unbekümmert um Vorurteil und Anfeindung in unerforschte, teilweise tabugeheiligte Bezirke des menschlichen Geistes vorstiess, und andererseits den Grund zu einer der Wissenschaften legte, die für die Selbsterkenntnis des modernen Menschen von entscheidender Wichtigkeit sind. Eine längere Würdigung von Freud an dieser Stelle erübrigt sich auch deshalb, weil es eine grosse Litera iur gibt, der sich vor wenigen Monaten die _ grundlegende Biographie von Ernest Jones “Sigmund Freud — Life und Work” über Freud angeschiossen hat, von der bisher die ersten beiden Bünde mit bisher unveröffentlichtem, persönlichem Material vorliegen, die die Zeit bis 1919 umfassen. Wir können also sagen, dass, soweit die Tatsachen des Schaffens und der Leistur 'en von Freud in Betracht i ommen, uns ein umfangrei lies und relativ vollständiges Material zugaenglich ist. Hingegen ist es sinnvoll, die Gestalt Freuds unter einem engeren und uns Juden besonders naheliegendem Blickwinkel zu betrachten. Dabei wollen wir nicht das gelegentlich behandelte Thema: “Sigmund Freud als Jude” zur Diskussion stellen, zumindest nicht in der allgemeinen Form, in der es gewöhnlich abgehandeit wird. Bei einer solchen Themastellung wird dann untersucht, welche jüdischen Eindrücke Freud im Elternhaus empfangen haben mag, ferner seine Stellung zur jüdischen Religion, und gegenüber der aufsteigenden und seine Heimatstadt überflutenden Macht des Nationalsozialismus, kurz, eine Beschreibung, die in der Persönlichkeit Freuds die subjektiven Reflexwirkungen sucht, die sich aus seinen Beziehungen zu jüdischen Sachverhalten ergeben haben. FREUDS HISTORISCHER STANDORT Unser Thema nun ist folgendes: Wenn wir heute den ein hundertjährigen Geburtstag Freuds feiern, so deutet sich schon darin an, dass wir eine grosse, zeitliche Distanz zu ihm haben. Auch wenn sich die entscheidende Durchset zung seines Werkes erst voll zog, als Freud bereits ein Sechziger war, so hat er doch, ungeachtet aller geistigen Wendigkeit und Elastizität, die grundlegenden geistigen Eindrücke, die ihn formten, noch im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert empfangen, in ei ner Periode also, von der sich unsere Generation in ihrer Einstellung in einem stürmischen Tempo immer weiter entfernt. In den mannigfachen Würdigungen, die Freud in aller Welt in diesen Tagen zuteil geworden sind, trat denn auch deutlich ein Gesichtspunkt hervor, der mit ' dieser, uns durch die zeitliche \ Entfernung gegebenen Mögi lichkeit einer geistigen Dii stanzierung zusammenhängt: j Man beginnt nämlich, den hi- | | storischen Standort Freuds zu! fixieren. Das bedeutet, dass! man, vom Jahre 1956 aus. rückwärts gesehen, bereits in; Umrissen deutlich zu machen ’ versucht nicht nur, dass und , in welchem Ausmasse Freud; der Interpret von Ideen war, die seiner Zeit entsprachen, sondern auch umgekehrt, wie seine Ideen dadurch in einer bestimmten Weise geformt und begrenzt wurden, dass er seine Bücher um die Jahrhundertwende und in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben hat und nicht, sagen wir, nach 1950. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass diese Betrachtungsweise eine höchst fruchtbare ist und dass sich ihre Ergiebigkeit mit jedem weiteren Jahrzehnt, das vorüberzieht, noch erhöhen wird. Das bedeutet nicht nur die Konfrontierung der individuellen Leistung Freuds mit den kulturellen, sozialpkonomischen und politischen Strömungen, die den grossartigen soziologischen Hintergrund seiner Wirksamkeit bilden. Vielmehr bedeutet es auch, dass die fachliche Kritik an Freud, insbesondere die Reduktion gewisser Dinge, die bei i h m überproportioniert sind, auf Dimensionen, die sich organisch in das Ganze einfügen, eben durch diese auf das Historische und Soziologische ausgerichtete Betrachtungsweise viel von der ätzenden Schärfe verliert* die ihr zu Lebzeiten Freuds vor allen Dingen in den Auseinam dersetzungen mit seinen Freunden, die dann zu Gegnern wurden, anhaftete. In diese Betrachtungsweise nun lässt sich eine Variante einfügen, die sich aus der Tatsache ergibt, dass-Freud Jude war, und die man etwa folgendermassen formulieren könnte: In welchem Ausmasse hat die Tatsache seines Judeseins den Durchbruch Freuds zu neuen, und wie wir auch aus historisch - soziologischer Distanz festeilen dürfen, revolutionären Erkenntnissen beeinflusst?- Oder ist es etwa irrig anzunehmen, dass dieses Judesein überhaupt einen solchen Einfluss ausgeübt hat? Dabei fragen wirTn erster Linie noch nicht einmal, welche psychoanalytischen Sachgebiete und Erkenntnisse Freud deshalb besonders nahe gelegen haben mögen, weil sein Judesein ihm solche Erkenntnisse erleichtert und andere vielleicht erschwert haben mag, sondern wir stellen die Frage, ob und in welchem Ausmasse die Tatsache des Jtideseins Freuds seine zeitliche Priorität auf dem elementaren Gebiete menschlicher Erkenntnis, der Psychoanalyse, beinflusst haben mag. DREI JÜDISCHE - GEISTESRIESEN Geht man nun an die Beantwortung dieses Problems heran, so ist es auffallend, dass Freud sich in der Gesellschaft von zwei anderen Geistesriesen des neunzehnten Jahrhunderts befindet, die gleichfalls in einem revolutionären Durchbruch den Grund zu neuen Wissenschaften gelegt haben. Es ¿ind dies Karl Marx und Albert Einstein Ihnen allen ist gemeinsam dass jeder von ihnen einen der wenigen entscheidenden Grund steine gelegt hat, auf denen das Gebäude des Weltbildes des modernen Menschen errich i tet ist. Sie alle sind Juden. Ja mehr als das, ihr Standort lässt sich geographisch und kulturell noch genauer bestimmen; denn sie alle, gehören dem mitteleuropäischen Raum des neunzehnten Jahrhunderts an, der den Hintergrund für die jüdische Gruppe abgab, deren Entwicklung auf bestimmten Bedingungen beruhte und daher sich unter einer bestimmten soziologischen Gesetzlichkeit vollzog. Versuchen wir also uns ein Bild davon zu machen, welche Tendenzen innerhalb dieser soziologischen Gesetzlichkeit dazu beigetragen haben, gerade Menschen dieser Gruppe es zu erleichtern, die historische Rolle des Vorkämpfers auf dem Gebiete des Durchbruchs neuer revolutionärer und revolutionierender wissenschaftlicher Erkenntnisse zu spielen. Es liegt uns nicht daran, durch die Fragestellung oder ihre Beantwortung in den Meinungsstreit einzugreifen, der sich um das Problem entwickelt hat, ob die grosse Persönlichkeit es ist, die den Verlauf der Geschichte entscheidend bestimmt, oder ob es in erster Linie die grossen ökonomischen, politischen, oder geistigen Strömungen sind, die das Rad der Geschichte drehen. Die Standpunkte in diesem Meinungsstreit haben sich mittlerweile einander so angenähert, dass das polare Entweder —Oder, um das es noch vor wenigen Jahrzehnten ging, seine Schärfe verloren hat. | Die beiden extremen Standi punkte, die entweder nur die ' unabhängig von jeder sozioloi gischen Gesetzlichkeit auftre-! tende Persönlichkeit oder, umgekehrt, nur die unpersönlichen Kräfte anerkennen wollten, haben heute keine nennenswerte Anhängerschaft - mehr. i CHANCEN DES JUEDISCHEN FORSCHERS | Eine vertiefte Analyse zeigt nun, dass als eine der Grundbedingungen, die in jedem der oben erwähnten Faelle, und so- : mit auch im Falle Freuds, es dem Forscher ermöglichte in neue, jungfräuliche Gebiete I der Wissenschaft .vorzustossen, neben einem Fanatismus der Wahrheitserkenntnis. ein ho- 5 her Grad von Unabhängigkeit des Denkens vorhanden sein musste. Wir wissen heute, dass eine solche Unabhängigkeit des Denkens sich umso stärker in wissenschaftlichem Neuland auswirken kann, je weniger sie sich von alteingefahrenen und durch die Tradition geheiligten, aber meist in ihren wissenschaftlichen Voraussetzungen kritiklos übernommenen Denkinhalten hemmen und beeinflussen lässt. Jeder reife Mensch, der wissenschaftliche Forschungsarbeit unternimmt, ja jeder reifende Mensch, der sich mit Problemen auseinanderzusetzen hat, tritt an diese Aufgabe nicht vorurteilslos heran. Ob es ihm bewusst ist oder nicht: seine Vorstellungen sind durch seine Erziehung und durch den kulturellen Hintergrund, auf dem sich sein "Leben abspielt, vorgeformt. Er handelt und denkt nicht nur als Individium, sondern auch als Mitglied, der Gruppe, der er durch Geburt 1 u^l durch Erziehung angehört, und seine Stellung zur Welt ist weitgehend dadurch bestimmt, welches die Stellung zur Welt in den Vorstellungen seiner Gruppe ist. Je fester verankert eine solche Gruppe in Traditionen ist, je geschlossener sie ist und je weniger sie mit anderen Gruppen in Berührung kommt, um (Fortsetxung Seite 10)

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