Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVIII (1956)
- Issue
- 9 (Septiembre, 1956)
- Date
- 1956-09-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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8 BOLETIN INFORMATIVO Septiembre, 1958 DIE GROSSE UND DIE KLEINE MENSCHENLIEBE EINE LEGENDE VON EMIL BERNHARD COHN Es war einmal ein weiser Mann, der hatte drei Schüler und mehr wollte er nicht haben. Aber auch nicht weniger. Denn er pflegte zu sagen: Ein Schüler — kein Schüler, zwei Schüler — halbe Schüler, drei Schüler — ganze Schüler, vier Schüler — kein Lehrer. Diese drei Schüler nun liebte er von ganzem Herzen und von ganzer Seele und widmete ihnen nicht nur seine Lehre, sondern sein volles Leben. Er hatte sie schon als Knaben zu sich genommen, lebte mit ihnen in seinem alten, hohen Hause und verbrachte in der edelsten und liebevollsten Gemeinschaft mit ihnen seine Tage. Die Schüler dieses weisen Mannes aber waren ihrer Natur und Art nach ganz verschieden. Gabriel, der aelteste, war ein feuriger Jüngling, der leicht mit beiden Haenden nach den Sternen griff. Der zweite, Uriel, ein versonnener und suchender Mensch, in sich gekehrt, aber freilich auch nie fertig mit sich selbst. Von Rafael, dem dritten, aber konnte man nicht recht sagen, was er eigentlich war. Deutlich war nur, dass er im Denken und Lernen nicht Schritt hielt mit den andern beiden und oftmals, wenn Meister und Schüler sich in den erhabensten Regionen des Lebens und der Lehre bewegten, wie aus einer anderen Welt in diese Erhabenheit herüberzustarren schien. Was nicht hinderte, dass der Meister ihn mit gleicher Liebe umfing wie die andern beiden und mit goesserer Geduld. Denn sein Herz war gut, sein Auge klar, und sein Leib von wohlgefaelligem und geradem Wüchse. So vergingen die Jahre. Da kam ein Krieg ins Land, der mehrere Jahre waehrte und die halbe Welt erschütterte. Misswachs schuf Hunger, Hunger schuf Seuche, so dass, was nicht vom Schwerte fiel, durch den Hunger und allerlei Krankheiten hingerafft wurde. Bei all dem Jammer aber war das Schlimmste, dass das ganze Leben im Lande wie aus den Angeln gerissen schien. Alles Glück und alle Freudigkeit war von den Leuten gewichen, an iedem Herde sass das Leid und würzte die schmale Kost mit Bitterkeit; über dem Leide aber erhab sich der Hass mit seinen drei Trabanten, Selbstsucht, Wucher und Gewalt und behauptete breit und frech das Feld mit letztem Wort. In dieser grossen Not berief eines morgens früh der Meister seine drei Jünger um sich und sprach zu ihnen vor der Türe seines Hauses wie folgt: Wer von euch, meine Soehne. versteht noch die Welt? Ich verstehe sie nicht mehr. Warum hassen sich die Leute? Warum sind sie so dumm, sich zu hassen, da sie sich doch ebenso gut lieben koennten? Warum so toericht, zu wuchern, zu stehlen, und zu rauben, da sie doch alle bekennen, dass sie dabei unglücklich sind? Wenn sie nicht so gut sind, um gut zu sein, warum sind sie nicht so klug, es zu sein, warum nicht? Wahrhaftig, ich verstehe die Welt nicht mehr. Aber eins verstehe ich nun; dass der weise Kpenig Salomo recht hatte, wenn er meinte, es gaebe ei ne Zeit zum Reden und es gaebe eine Zeit zum Schweigen. Heute, meine Soehne, ist die Zeit zum Reden gekommen. So viele Jahre_ leben wir nun zusammen, emtraechtig lernend und lehrend, und selbst der Krieg hat der liebevollen Stille unseres Lebens nichts anhaben koennen. Ich war euer Meister, ihr meine Schüler. Die Zeit -ist gekommen, da ihr verstehen solltet, selber Meister zu sein. Denn seht, die Welt braucht Führer^ um zurückzufinden zu sich selbst. Ferne sei es von mir, euch wie der Kuckuck seine Jungen aus dem Nest zu werfen ohne vorher mit euch einen Flug über die Zweite versucht zu haben. So zieht denn heute einmal aus und predigt den Leuten und bessert sie, wenn ihr koennt. Seid liebe voll zu ihnen, denn nichts als die Liebe fehlt der Welt. Seht, dort steigt herrlich und gross die Sonne über den Wald. Wenn sie sinkt, erwarte ich euch. Vielleicht, dass wir mit der sinkenden Sonne die Welt besser verstehen als letzt. Viel leicht nur wenig, aber wenig ist viel in einer Zeit, wo viel so wenig ist. Lebt wohl. Mit diesen Worten segnete und entliess der weise Mann seine Schüler, die nun sehen mochten, was mit des Meisters Worten anzufangen war. Eine Weile standen sie da und blicKten verwundert über die ploetzliche Anrede die sie soeben erfahren, halb glücklich über den lebendig empfundenen Wechsel in ihrem Leben dem Meister nach, der ernst und still die Türe seines alten Hauses hinter sich geschlossen hatte. Dann stürmte Gabriel voraus, ihm folgte kopfschüttelnd Uriel, Rafael brach sich erst noch einen grünen Zweig vom Busch, den er mit einiger Umstaendlichkeit an seinem Hute befestigte und begann dann ebenso wie die anderen seine Probefahrt ins Leben hl- ^Es war Mittag geworden, da kehrte Gabriel, der aelteste, schon heim und betrat stur misch des Meisters Gemach. .“Meister”, rief er, “Meister ich habe das Leben nicht gekannt, aber nun kenne ich es. Die Welt war mir verschlossen aber nun sind mir ihre Tore aufgesprungen! Meister die Menschen sind gut. Der Meister liess die stuTT™?'*e Anrede über sich ergehen. Dann begann er zu fragen, und nach mannigfachen Versuchen, hinter die Wahrheit zu kommen, was bei den sich überstürzenden Aeusserungen des Jünglings nicht ganz einfach war, erfuhr er schliesslich über die Erlebnisse Gabriels. Gabriel war auf den Marktplatz der Stadt gegangen und hatte dort einfach zu reden angefangen. Leute hatten sich um ihn gesammelt, die seinen Worten lauschten, und da mit den Worten ihm der Worte Leidenschaft gekommen war. so hatten Hoerer sich zu Hoerern_ gesellt und schliesslich war eine unu bcrsohbare Menschenmenge der Gewalt seiner Rede erlesen - “Sie haben geweint. Meister, sie haben alle geweint: Sie haben mir die Haende geküsst, sie haben mich auf den Schultern getragen!”. 1 “Und was sagtest du zu ihnen?” fragte der Meister. “Der Mensch ist gut!” rief ich in die Menge hinein und rief es immer wieder: “Der Mensch ist gut! Und dieser Krieg ist eine Lüge, ein Traum, ein Schlaf, ein Alpdruck der schlafenden Menschheit! Wacht auf zur Güte, Menschen, wacht zum Menschen auf! Menschheit zur Menschlichkeit! ” “Und dann, was sagtest du dann?“ fragte der Meister. “Und dann? Hoerst du denn nicht, was ich sage? Ich rief die Menschheit zur Menschheit zurück. Ich schlug den Hass mit der Rute der Menschenliebe! Derselben Menschenliebe, die du uns gelehrt hast!” “Wohl”, sagte der Meister, “ich verstehe dich und bewundere die Kraft deiner Rede, die die Menschen bezwang, woran ich nicht zweifle. Sie werden noch lange von Dir reden, Gabriel”. “Sie haben mir die Haende gekuesst, Meister, und mich auf den Schultern getragen”. “Du bist begeistert, wie du begeistert hast. Ruhe dich aus. Gabriel”, sprach der Meister. Gabriel ging. Als er zur Tür hinaus wollte, oeffnete sie sich leise, und herein trat Uriel. Er kam nicht allein. Eine Anzahl Jünglinge und Maenner in aermlicher Kleidung folgten ihm und hielten sich in scheuer Entfernung. “Nun Uriel?” fragte der Meister. Ur i e 1 laechelte, und der Meister bemerkte, dass er glücklich, wenn auch ein bisschen müde aussah. Er begann zu reden und seine Stimme war voll sanfter Entsagung. “Ich ging über den Markt, Meister, und durch alle Gassen. Ich sah in die Heimstaetten der Menschen hinein und lauschte ihren Reden unter dem Tore. Aber wohin ich kam, trat mir die Selbstsucht entgegen, ich sah, wie die Grossen die Kleinen drückten und sah im Auge aller den Hass gegen alle. Die Grossen waren klein und noch kleiner die Kleinen. Keiner traut keinem, und alle wucherten mit allem. Nicht nur Geld wollten sie. sondern auch ihr Wort, ihre Miene, ihr Laecheln, ihr Ja und Nein sollten ihnen Zin-' sen tragen. Ich wollte reden, aber ich vermochte es nicht. Die Lippen waren mir wie versiegelt. Wahrlich, Meister, ich bin nicht geschaffen, um zur Busse zu rufen, aber ein Leben in Liebe zu leben, dazu bin ich geschaffen. Ich suchte nach Augen, die mein Auge suchten, und ich fand die Augen der Suchenden, und der Sehnenden Atem mischte sich mit meinem. Meister lass mich diese lieblose Welt verlassen und mit den Freunden die ich fand, die Einsamkeit suchen. Wir wollen die Liebe verwirklichen im Stillen und das Menschliche im Frieden der Waelder”. Uriel schwieg. “Wo bleibt Rafael?” fragte der Meister. Die Sonne sank. Rafael kam nicht. Gabriel wollte hinaus, ihn zu suchen. Uriel draengte es, mit seinen Jüngern Abschied zu nehmen. Der Meister hielt beide zurück. “Wartet”, sagte er, “er ist stets der Langsamsten einer gewesen, ich wusste, dass er der letzte von euch sein würde. Darum habt Geduld, denn Geduld ist Liebe, und um der Liebe willen habe ich euch gesandt”. Als aber die Daemmerung gekommen war und Rafael immer noch ausblieb, machte sich der Meister selber auf, ihn zu suchen. Die Schüler schlossen sich ihm an. Und auch Uriels Jünger folgten ihm nach. Sie wanderten durch die dunklen Gassen und fanden ihn schliesslich an einem Brunnen bei einem Maedchen stehen, dem er laechelnde Worte sagte, “Rafael!” rief der Meister. Der Angerufene fuhr herum, und stand rot übergossen vor seinem Meister, Waehrend das Maedchen scheu entwich. “Hast du die Zeit vergessen? Wo bleibst du so lange?” “Oli, Meister”, sprach Rafael, und seine Augen glaenzten, oh. Meister, wie schoen ist die Welt, in die du mich sandtest!” “Ist sie wirklich so schoen?”, fragte der Meister “Wohlan setzen wir uns auf den Brunnenrand, und erzaehle uns, was du erlebt". “Ich habe nichts erlebt, Meister”. “Du zogst doch aber aus, um zu erleben, Rafael?” “Meister, ich hatte keine Zeit”. “Keine Zeit? Wie verstehe ich das?” . ... “Ja, Meister, ich ging in die | Stadt hinab, und wie ich so ging, dachte ich: warst lange nicht bei deinen alten Eltern, Rafael. Sag’ ihnen, ‘Guten Tag’ bevor du dein Tagewerk tust! Wie ich aber in die Hütte trat, war die Mutter krank, j und der Alte mühte sich, ihr am Herd eine Suppe zu kochen. “Lass mich, Alter”, sagte ich und nahm ihm die Muhe ab und kochte die Suppe. Dann plauderte ich einige Zeit; schliesslich ging ich meines Weges und dachte nach, wie sich wohl die arge Welt bessern liesse. Meister, es ist viel Stoerung in der Weh. Sieh, als ich so ging, kam ich an einem Sandhaufen vorbei, auf dem Kinder spielten. Die Kinder stritten sich, denn sie spielten im Sande Kuchenbacken und stritten sich um die hoelzernen Formen, mit denen sie spielten. Da musste ich denn Frieden stiften und den Groesseren sagen, dass sie den Kleinen das Vorrecht liessen”. — “Und dann?” fragte der Meister ernst. “Es ist wirklich viel Stoerung in der Welt”, sagte Rafael, “und du glaubst nicht, wie viel! Als ich naemlich weiter ging und auf den Markt kam — ich dachte naemlich, auf dem Markte liess sich am besten zu den Leuten reden —, da sah ich, wie einer alten Hoekerfrau der Korb mit den Aepfeln hingefallen war. Da musste ich doch helfen das Obst einsarnmeln, über das die Gassenbuben schon her gefallen waren”. ‘‘Das ist dieselbe Frau, Meister, die all die schlimmen Jahre, als die Leute nichts zu essen hatten, mit ihren Aepfeln wucherte und den armen Leuten noch nicht den Blick darauf goennte!” rief Gabriel dazwischen. “Die Frau jammerte mich aber, das weiss ich genau”, erwiderte Rafael, “was sollte ich tun? — Damit war es aber schon wieder Mittag gewor den. Ich hatte meinen Alten versprochen, einmal wieder zu Hause zu essen, und so ass ich zu Hause und versorgte die kranke Mutter”. “Rafael, Rafael!” sagte mit ernstem Kopfschütteln der Meister. “Nein, Meister, ich weiss, was du sagen willst. Aber es ist nicht so, ich hatte wirklich keine Zeit. Auch am Nachmittag — ich hatte mir vorgenommen, auf dem Markt mein Heil mit den Leuten zu versuchen — wurde ich aufgehalten. Ich hoerte aus einem Hause lautes Geschrei und sah durch das offene Fenster, wie ein Arbeitsmann seine Frau schlug, Meister. Es tat mir weh um das Weib, obwohl sie an dem schuldigen Gehorsam es wohl mochte haben fehlen lassen. Da lehnte ich mich ins Fenster, tat, als wenn ich nichts gesehen und gehoert haette, und fragte den Mann, ob er mir wohl einen guten Schuster sagen koennte. Zuerst wandte er sich grimmig nach mir um, aber als ich ganz ahnungslos tat und sachte ein Wort zum andern fügte, das Weib auch die Gelegen heit benutzt hatte, um aus de* Stube zu laufen, beruhigte er sich schliesslich. Als ich das sah, bat ich ihn sofort, mir gegen eine Belohnung den Weg zu zeigen, was er auch tat. Auf dem Wege kam ich vom Reden ins Scherzen; als er aber lachte, schickte ich ihn nach Hause, denn ich wusste, nun würde er seiner Frau nichts mehr tun”. “Lass mich gehen, Meister!” Uriel erhob sich vom Brunnenrand: “Lass uns gehen! Er redet und redet und kommt nicht zum Ende!” “Still; Uriel! Noch eine letzte Frage an ihn, dann gehe auch ich!” Der Meister erhob sich und schaute mit einem Blick in den Augen, von dem man nicht wusste, war er streng oder was war er? “Rafael”, sagte er, “du meinst, dass es Stoerungen gebe im Leben. Rechnest du zu diesen Stoerungen auch, dass man am Abend schaekernd mit einem Maedchen am Brunnen stehen muss?” Rafael wurde blutrot im Gesicht. Dann sagte er leise: “Meister, du hast nicht gesehen, wie haesslich und alternd das Maedchen war!” “Meister”, sprang Gabriel auf, “dieser Schwaetzer ist nie dein Schüler gewesen, gehen wir heim, denn die Nacht ist da!” “Nein, Gabriel, sondern die Sonne geht auf!” Mit leuchtenden Augen trat der Meister auf Rafael zu, schloss ihn in die Arme, küsste ihm Augen, Stirn und Mund und segnete ihn unter den Sternen der Nacht. Als aber Gabriel und Uriel mürrisch drein sahen, sprach der Meister ein letztes Wort: “Drei Jünger der Menschenliebe zogt ihr aus in den leuchtenden Tag. Was bist du hinausgestürmt, Gabriel, und kehrtest wieder trunken und selig? Und du Uriel? Düsterer. ewig Suchender, was fliehst du die Welt? Geht hin und tut, wie er getan! Denn wisst: Gross ist die Menschheit, aber der Mensch ist klein! Ewig ist die Liebe, aber das Leben eng und kurz! Fin- .(Fortsetzung Seite 31)