Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVIII (1956)
- Issue
- 6 (Junio, 1956)
- Date
- 1956-06-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Jimio, 1956 BOLETIN INFORMATIVO 7 MIT FREMDEM FEDERN: 1985 — GEORGE ORWELL NACHEMPFUNDEN Eigentlich hatte Igor bereits vergessen, seit wann diese innere Unruhe an ihm nagte, die ihn vor einigen Tagen gepackt hatte'. Und im Grunde genommen hatte dieselbe ja eigentlich schon nachgelassen: erst vor wenigen Minuten hatte er sich dabei ertappt, im Gedraenge des “Koltrans” (1) einer schaetzungsweise zwanzigjaehrigen blonden schlanken Dame in schmucker Partei- Uniform etwas ungebuehrlich lange nachgeschaut zu haben. Zum Glueck schien ihn dabei kein “Spaeher” der Sittenpolizei beobachtet zu haben, obwohl man dies bei der ueblichen Ueberfuellung in den schon lange ausgedienten und engen Verkehrsmitteln nie mit Sicherheit behaupten konnte. Jedenfalls war dieser Moment der Selbstvergessenheit fast ein Beweis dafuer, dass er diese unerklaerliche Nervositaet ueberwunden hatte. Und nun war sie urploetzlich wieder da, mit der Gewalt und der Geschwindigkeit eines Blitzstrahls in sein Nerv e n s y s tem eingeschlagen. Igor brach der kalte Schweiss aus und er waere nicht mehr faehig gewesen, einen Fuss vor den anderen zu setzen, haette er sich nicht von einer Gruppe von drei Kindern (2) beobachtet gefuehlt, die hinter ihm im Rinnstein “Tod dem Verraeter” spielten. Er war, wie jeden Tag, an der Ostseite des “Grossen Brüder Platz” aus dem Koltrans ausgestiegen und hatte sich gerade angeschickt, denselben auf seinem gewohnten Weg zum Wahrheitsministerium zu ueberqueren, als sein Blick auf das Bild des Grossen Bruder fiel, das die Fenster des elften bis vierzigsten Stockwerks verdeckte, nebenbei bemerkt also auch dasjenige im zwanzigsten, hinter dem er selbst seit Jahr und Tag arbeitete. Es mutet fast grotesk an, festzustellen; dass ein Mensch in der vorbeihastenden Schrecksekunde eines solchen Moments zu ausgedehnteren Ueberlegungen faehig ist, als dies manchmal Instrukteure mit drei oder mehr Sternen an einem ganzen Schulungsabend sind. Die Tatsache war jedenfalls, dass Igor der Gedanke durch den Kopf jagte, er habe es eher fuer moeglich gehalten, dass die Plebejer der dem Wahrheitsministerium zugeteilten 85. Arbeits- Garnison den gesamten Mammutbau desselben auf ihren Schultern an die andere Ecke des Platzes tragen koennten. Leicht mit den Augen zwinkernd kniff er sich zweimal in die Nase —nicht ohne sich vorher vergewissert zu haben, dass ihn niemand beobachtete—, um festzustellen, dass er nicht traeume. Aber nein: eine Schar von hunderten von Plebejern, vielleicht sogar tausende, vielleicht der zwölfte oder gar zehnte Teil der gesamten 85. Garnison, war damit beschaeftigt, das Bild des Grossen Bruder zu uebermalen! . Also doch! Er. hatte. es geahnt und wenn er auch nicht haette sagen koennen, welcher Natur das Ereignis sein wuerde, das sich, einer Gewitterwolke gleich, seit Wochen zusammengeballt hatte: irgendwie war es Igor klar gewesen, dass es furchtbar wichtig und aufregend t sein wuerde. Er stuerzte I foermlich ueber den Platz, i um rasch in sein Buero zu gelangen, reihte sich in die Schlange vor dem Aufzug fuer Funktionaere mit zwei Sternen ein und haette in der Aufregung beinahe vergessen, seine Kennkarte abzustempeln, wenn ihn die Stimme aus der Tele-Leinwand, die ueber der Tuer zum Aufzugsschacht angebracht war und von der aus die wartende Menge kontrolliert wurde, nicht daran erinnert haette. Etwas unwillig ueber die dadurch unvermeidliche Verzoegerung drehten sich einige vor ihm in der Reihe wartende Funktionaere um; zum Glueck schien der kleine Zwischenfall aber sonst keine Konsequenzen zu zeitigen und Igor wurde auch nicht aufgefordert, wie er dies einen Moment lang befuerchtet hatte, sich einer “Perraz” (3) zu unterziehen. Trotzdem klopfte sein Herz so stark, dass er annahm, die Aufmerksamkeit irgend eines Spaehers aus der Reihe der hunderte vor ihm und inzwischen auch hinter ihm stehenden Funktionaere auf sich gelenkt zu haben. Nun war sie also wieder da, diese Nervositaet, staerker als zuvor sogar und trotzdem fuehlte Igor sich irgendwie erleichtert, seit er wusste, woher sie kam: das Bild des Grossen Bruder wurde uebermaltl Auf einmal war ihm klar, dass er es eigentlich schon laengst haette wissen muessen, zumindest seit dem Moment, als die Uebertragung vom letzten Parteitag so ploetzlich unterbrochen wurde und die Teleleinwand ganz unmotiviert am spaeten Nachmittag die Wiederholung der Morgengymnastik befohlen hatte. Gerade vor der angekuendigten Rede des Partei-Sekretaers Lazarin, die auch bisher noch nicht —nach mehr als drei Wochen— in der Staatszeitung veroeffentlieht worden war. Jetzt erinnerte er sich ganz genau, dass er sich eigentlich von diesem Moment an nicht wohl gefuehlt hatte. Zuerst hatte er geglaubt, dass ihm die Wiederholung der Gymnastik schlecht bekommen sei und mit dem Gedanken gespielt, sich am naechsten Morgen davor zu druekken und irgendeine Entschuldigung auf die Kennkarte zu schreiben. Aber dann war er zu der Ueberlegung gelangt, dass ausgerechnet in einer solchen Situation die Nummer der Kennkarte ausgelost werden koennte und er sich einer “Plus-Perraz” oder gar einer “Superplus- Perraz” (4) unterziehen muesste und im Uebrigen fuehle er sich rein koerperlich auch sehr gut. Auch die neuen, in der ganzen Stadt angebrachten Plakate fielen ihm nun ein. Auf den meisten war eine Hydra abgebildet, um sie herum tanzten froehliche Fischer, Bauern und - Funktionaere und im Hintergrund sah man die aufgehende Sonne mit dem Abzeichen der Partei: Amboss und Sense. Darunter stand der Leitspruch: Sieg der Bruderschaft. Ja, Igor sollte es nicht Wunder nehmen, wenn zwischen der immer maechtiger aufkommenden” Bruderschaft und dem Uebermalen des Bildes des Grosse^ Bruder Von HANS KAUFMANN ein Zusammenhang bestehen sollte. War es nicht schon seit Wochen immer stiller geworden um die Heldentaten des Grossen Bruder? Und hatte er, Igor, nicht hoechstpersoenlich eines Morgens auf seinem Schreibtisch das Arbeitspensum vorgefunden, die Kriegsberichte der Staatszeitungen vom 10. bis 13. Juli 1984 umzuschreiben und die Planung der Schlacht von Ustrau, von der man bisher angenommen hatte, dass sie der Grosse Bruder entworfen hatte, der Bruderschaft zuzusprechen? H o e chstwahrscheinlich waren die entsprechenden Ausgaben bereits neugedruckt und dem Archiv einverleibt, ebenso wie es fast sicher war, dass die korrigierten Exemplare bereits im “Gedaechtnis - Keller” eingestampft worden waren. Ja, ihm, Igor, konnte man doch nur schwer etwas vormachen! Irgendwie schien sich seine Nervositaet der ganzen Schlange mitgeteilt zu -haben, wobei man allerdings die Moeglichkeit nicht ausschliessen durfte, dass dort der Eine und Andere von aehnlichen Ueberlegungen geplagt wurde, wenn sich auch Alle bemuehten, einen moeglichst indifferenten Ausdruck zur Schau zu tragen. Jedenfalls kam Igor rascher als sonst vorwaerts, der Aufzug pendelte in ungeahnt kurzen Zeitabstaenden hinauf und wieder herunter und in weniger als zwanzig Minuten befand sich Igor auf dem Flur vor seinem Buero. Da er es nicht als ratsam erachtete, durch verfruehtes Erscheinen die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, verschwand er rasch in den Waschraum und verbrachte dort mit Kaemmen und Haendewaschen die fuenf Minuten bis zum Klingeln. Beim Eintreten ins Buero stellte er fest, dass nicht nur er, sondern auch fuenf seiner sechs Kollegen es vermieden hatten, vorzeitig zu erscheinen und irgendwie belustigte ihn die Tatsache. Er begab sich zu seinem Schreibtisch, wischte ganz mechanisch mit dem Rockaermel etwas Staub yreg und stellte mit Befriedigung fest, dass das gestern von ihm fertiggestellte Aktenpaket bereits versiegelt vom Revisions- Schacht ausgespieen, wieder auf seinem Schreibtisch lag. Er warf es daher in den Korrektur-Schacht, nicht ohne es vorher fast liebevoll noch einmal angesehen zu haben. Wieviel Arbeit steckte doch darin! 72 Seiten fuer die neue gewaltige Ausgabe der Enzyklopaedie, mit einer Abhandlung ueber Grochanow und Grochanowismus. Die Instruktionen hatten auf Plus- Lob gelautet und manchmal hatte er fast gefuerchtet, durch die angeordnete Aus-! dehnung die Grenzen zum Sui perplus-Lob zu ueberschreii ten. Die allgemein ueblichen! Plus - Lob - Besprechungen j nahmen selten mehr als! zwanzig bis hoechstens dreissig Seiten ein und waren mit einer Zusammenreihung von schaetzungsweise vierhundert der zur Auswahl vorliegenden \ Plus-Lob-Saetzen leicht herj zustellen. Fuer siebzig Seiten | brauchte er aber normaler-1 weise fast tausend Fertigj Phrasen und es war nurj schwer moeglich. (Jabel niqht I den Eindruck der Maessigung zu ueberschreiten, der ihm anbefohlen worden war. Schliesslich war es ihm gelungen, durch Beimengung von einem halben Dutzend von Quasi-Kritik-Saetzen, sowie durch Wiederholung einiger Lob- und Super-Lob- Saetze wie auch schliesslich dank des Vorschlags, die uebliche Anzahl von Abbildungen etwas zu erhoehen, sich seines Auftrags befehlsgemaess zu entledigen. Natuerlich konnte er mit voller Sicherheit nicht wissen, ob in dem versiegelten Paket auch wirklich seine Abhandlung lag. Zwar war es entsprechend versiegelt, aber er wusste, dass einige Kollegen im Stillen der Ueberzeugung huldigten, dass das “Ja”- Siegel in Wirklichkeit “Nein” bedeutete und das “Nein-“Siegel “Ja”. Gewissheit konnte natuerlich niemand darueber gewinnen, da es ja bekanntlich verboten war, diejenigen Drucksachen zu lesen, an denen man selbst mitarbeitete. Nun, schlimmstenfalls sollte ueber Grochanow etwas anderes erscheinen oder gar nichts. Igor hatte ehedem nie viel fuer ihn uebrig gehabt und sich schon des oefteren dabei ertappt, im Taumel einer Hass- Versammlung mehr an ihn gedacht zu haben als an Goldstein. Das System der unbezahlten Ueberstunden! Das mochte gut sein fuer die Plebejer in ihrer grauen Uniform aus Sackleinen, aber fuer Funktionaere von zwei Sternen aufwaerts daeuchte es Igor doch ein recht fortschrittliches (5) System. Eine Plus-Kritik haette man ihm auftragen sollen und er haette' nicht siebzig, nein, hundertvierzig Seiten haette er geschrieben und noch obendrein auf die Hilfe des Fertig-Phrasen-Diktionaers verzichtet. Aber die Ratschluesse des Wami (6) waren eben unerforschlich. Es sei denn... Ja, es sei denn -Igor erschrak nun schon langsam ueber die gefaehrlichen Ideen, die ihm heute so durch den Kopf gingen—, es sei denn — dachte er also—, der Wami habe nicht nur angeordnet, das Bild des Grossen Bruders uebermalen zu lassen, son- (Fortsetzung Seite 14) (1) Koltrans war seit der 10. Ausgabe des Neusprache-Lexikons vom Jahre 1984 der zülaessige Ausdruck fuer oeffentliche Verkehrsmittel. (2) Dank der merklichen Liberalisierung der Strafgesetze (“Liebesmassregeln” hiessen dieselben seit der genannten 10. Ausgabe), die zu Ehren des Grossen Bruder nach dessen Tode erlassen worden waren, durften Kinder sich in Gruppen bis zu drei zusammenscharen. Fuer Erwachsene ueber 12 Jahre galt allerdings weiter das Verbot, in Mengen, d. h. zu mehr als zwei Personen auf der Strasse zu gehen oder gar stehen zu bleiben, mit Ausnahme der eingezauenten und gekennzeichneten Wartestellen an den Halteplaetzen der Koltrans, sowie vor den Verkaufsräumen gewisser Luxusartikel wie Zucker, Milch u.s.w., wo die Registriermaschinen dann . allerdings manchmal mehr als fuenfzigtausend Kennkarten in der Stunde abstempelten. (3) “Perraz” bedeutete ‘ Persoenliche Razzia” und kam einer Art Leibesvisitation gleich, von der Art, wie diese in vergangenen Zeiten bei besonderen Verdachtsfaellen von Zollbehoerden vorgenommen wurden. Dieselben wurden in irgendeiner der unzaehligen fensterlosen, einstoeckigen Baulichkeiten durchgefuehrt, die das Liebesministerium zu diesem Zweck in der ganzen Stadt hatte errichten lassen. Objekt einer Perraz wurden im allgemeinen diejenigen Buerger, die sich durch falsches Ueberqueren der Strasse, Fluestem, Ansprechen von Unbekannten oder ueberhaupt auffaelliges Benehmen in irgendwelcher Weise verdaechtig gemacht, hatten. Die meisten Registriermaschinen waren auch dergestalt eingestellt, dass sie nach gewissen, unregelmaessigen Zeitabstaenden, zu klingeln begannen. Wer gerade das Pech hatte, in diesem Moment seine Kennkarte abzustempeln, musste sich dann selbstverstaendlich auch einer Perraz unterziehen. Im Uebrigen war es notorisch, dass die weitaus groesste Zahl der Buerger nach kuerzester Zeit -die Untersuchung selbst dauerte selten mehr als eine Viertelstunde, nur das Warten nahm manchmal mehrere Stunden in Anspruchdie “Limi-Stas” (Liebesministerium-Stationen) wieder unbehelligt verliessen. Voraussetzung war natuerlich, dass sie keinerlei ‘ kompromittierende Objekte, wie etwa Schreibgeraete, Bilder oder Zeitungsausschnitte bei sich trugen. (4) Gruendliche, bez. besonders gruendliche Untersuchungen. Letztere dauerten tatsaechlich manchmal mehrere Tage und die Moeglichkeit war nicht von der Hand zu weisen, dass der Betroffene nicht zurueckkam und seine Familie die alte Kennkarte mit dem Vermerk: “auf eigenen Wunsch umgesiedelt” zugestellt bekam. (5) Man muss sich vor Augen halten, dass in der Neusprache “fortschrittlich” mehr oder weniger dasselbe bedeutet wie etwa 30 Jahre vorher der Begriff “ueberholt” oder “rueckschrittlich”, in Uebereinstimmung mit der nunmehr offiziell gueltlgen Ansicht, dass es wuenschenswert sei, dass die Entwicklung Verschlechterungen mit sich bringe. (6) Wami: Wahrheitsminister.