Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVIII (1956)
- Issue
- 4 (Abril, 1956)
- Date
- 1956-04-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Abril, 1956 BOLETIN INFORMATIVO 17 ZÜHUECK ZUM DIALOG von Martin Buber Wir fragen nach Hoffnung fuer diese Stunde. Damit ist gesagt, dass wir Fragenden djese Stunde nicht blots als eine der schwersten Bedraengnis empfinden, sondern auch als eine, tuer die es keinen Ausblick in kuenftige wesensverschiedene Stunden, in eine Zeit der Helle und der Hoehe zu geben scheint. So.ch ein Ausblick ist es ja, den wir im spezifischen Sinne als Honnung bezeichnen. Die Menschenwelt ist heute, wie zuvor, in zwei Lager aufgespalten, von denen jedes das andere als die leibhafte Fa.schheit und sich selber als die leibhafte Wahrheit versteht. Der Mensch begnuegt sich nicht mehr, wie in frueheren Epochen, das eigne Prinzip fuer das allein wahre und das ihm gegenueberstehende fuer durchaus falsch zu halten, er ist ueberzeugt, dass es auf seiner Seite mit rechten Dingen zugehe, auf der Gegenseite mit Unrechten, dass es ihm um die Erkenntnis und Verwi.klichung des Richtigen zu tun sei, dem Gegner um die Maskierung seiner selbstsüchtigen Interessen, in der modernen Terminologie ausgedrueckt: dass bei ihm d,ie Ideen, bei dem andern nur Ideologien seien. Von dieser QueLe wird das Misstrauen gespeist, das zwischen den beiden Lagern herrscht. Waehrend des ersten Weltkrieges ist mir offenbar geworden, dass sich ein Prozess vollzieht, d;sn ich bis dahin nur geahnt hatte: Die zunehmende Erschwerung des echten Gespraechs, und ganz besonders des echten Gespraechs zwischen Menschen verschiedener Art und Gesinnung» Dar unmittelbare, rueckhaltlo e Dia.og Wird im. mer schwerer und seltener, immer unbarmherziger drohen die Abgruende zwischen Mensch und Mensch unueberbrueckbar zu werden. Dies, so ging mir damals, vor 35 Jahren, auf ist die eigentliche Schicksalsfrage der Menschheit. Seither habe ich unablaessig darauf hingewiesen, dass die Zukunft des Menschen von einer Wiedergeburt des Dialogs abhaengt. Es gilt, das massive Misstrauen im andern zu ueberwinden, aber auch das in uns selbst. Ich meine damit nicht das angestammte Urmisstraui en etwa das gegen den Artfremden den Unsteten, den Traditionslosen, das Misstrauen des Bauern im abgelegenen Gehoeft gegen den ploetziich vor ihm auftauchenden Landstreicher. Ich meine das universale Misstrauen unseres Zeitalters. Nichts steht dem Aufstieg einer Kultur des Dialogs so sehr im Wege wie die daemonische Macht, die unsere Welt regiert, d.ie Daemonie des grundsaetzlichen Misstrauens, Es ist wichtig, deutlich wahrzunehnen, worin sich das spezifische moderne Misstrauen von dem uralten, ja dem Menschenwesen anscheinend inhaerenten unterscheidet, das in allen Kulturen seine Zeichen hinterlassen hat. Immer hat es zahllose Situationen gegeben, wo ein Mensch im Umgang mit einem Mitmenschen vom Zweifel ergriffen wurde, ob er ihm vertrauen duerfte, das heisst, ob der andere auch wirklich meine, was er sagt, und ob er handeln wuerde, wie er spricht; wo ein Mensch glaubte sein Lebensinteresse fordere von ihm, den Verdacht zu hegen, der andere lege es darauf im, ihm anders zu erscheinen als er ist, und er muesse auf der Hut sein, das and,raengende Scheinbild abzuwehren. In unserer Zeit ist etwas wesentlich anderes hinzugekommen, das mit weit grosserer Maechtigkeit die Grundlagen des zwischenmenschlichen Daseins zu untergraben geeignet ist. Es wird nun nicht mehr einfach befuerchtet, der andere verstelle sich willentlich, sondern es wird schlechthin vorausgesetzt, er koenne gar nicht anders; die bei ihm angenommene Differenz zwischen Meinung und, Aeus'.erung, zwischen Aeusserung und Handlung wird hier nicht mehr als Absicht, sondern als Wesensnotwendigkeit verstanden. Der andere teilt mir den Aspekt mit, den er von einem bestimmten Gegenstand gewonnen habe, aber ich nehme seine Mitteilung gar nicht wirklich zur Kenntnis, sie ist mir nicht ein ernst zu nehmender Beitrag zur Information ueber diesen Gegenstand; ich hoere vielmehr vor allem etwas heraus, was den andern antreibe, das zu sagen, was er sagt, ein unbewusstes Motiv, einen “Komplex” etwa, Er aeussert einen Ge.d,anken ueber ein Lebensproblem, das mich beschaeftigt, aber ich frage mich gar ¡nicht nach dem Wahrheitsgehalt des Geaeusserten, ich achte nur darauf, welches Interesse der Gruppe, der der andere angehoert, sich in dieses dem Schein nach so sachliche Urteil verkleidet habe; die Id.ee ist mir, eben als die Idee des andern, nur noch eine “Ideologie”: Die Hauptaufgabe im Umgang, mit meinem Mitmenschen wird mehr und mehr, ihn, sei es individualpsychologisch oder soziologisch, zu durchschauen und, zu entlarven — wobei im klassischen Fall gar nicht mehr eine Larve gemeint ist, die er sich gesetzt habe, um mich zu taeuschen, sondern eine, die sich ihm ohne sein Wissen aufgesetzt, ja geradezu aufgepraegt habe, so dass der eigentlich Getaeuschte sein eigenes Bewusstsein ist; dazwischen gibt es natuerlich unzaehHge Uebergangsformen. Mit dieser veraenderten Grundhaltaung, die in den Lehren von Marx und Freud wissenschaftliche Rationalisierungen gefunden hat, ist I das Misstrauen zwischen I Mensch und Mensch existentiell geworden, und zwar im doppelten Sinn: Es stellt nicht mehr b’oss die Aufrichtigkeit, die Redlichkeit des andern in Frage, sondern die innere Uebereinstimmung seines Daseins selber, und es hebt nicht mehr bloss das zuverlaessige Gespraech zwischen offenen oder geheimen Gegnern auf, sondern die U,n.! mittelbarkelt des Mitelnanderssins von Mensch und Mensch ueberhaupt. Die Durchschauung und Entlarvung wird jetzt der grosse i zwischenmenschliche Sport,! von d,em, die ihn treiben, ■ freilich nicht ahnen, wohin; er sie verlockt. Dass wir von 1 einem Lager zum andern kein echtes Gespraech mehr fuehren koennen, ist das staerkste Symtom der Krankheit des Menschen von heute; das existentielle Misstrau. : en its diese Krankheit sel- : ber: aber die Zerstoerung des Vertrauens zum menschlichen Dasein ist die innere Vergiftung des gesamtmenschlichen Organismus, der diese Krankhe.t entstammt. | Wo hat der Wille zur Ue- , berwindung anzusetzen? Ge- I nauer: Von welcher geistigen Position aus ist aer Mensch, fuer den das existentiehe Misstrauen sehen zur selbstverstaendlichen Eingangssii tuation im Umgang mit seinen Mitmenschen geworden , ist, zur Selbstkritik in die- I sem entscheidenden Belange . zu veranlassen? Es ist eine Position, die als Kritik der Kritik bezeichnet werden kann. Es handelt sich darum, einen fundamentalen und ungeheuerlich 'einflussreichen Irrtum aller Durch- | schauungs und Entlarvungs-; theorien aufzuzeigen. Das Wesen dieses Irrtums ist, dass man ein vordem nicht oder zu wenig beachtetes,; nun entdecktes oder erhell-! tes Element im seelischen und geistigen Bestand des Men~chen mit seiner Gesamtstruktur identifiziert, statt es in diese ein- . zugliedem.' Betrachten wir | als Beispiel die Ideologientheorie, wonach Ansichten und Urteile eines einer bestimmten Gesellschaftsklasse angehoerigen Menschen im wesentlichen als Produkt dieser seiner Klassenlage, das heisst, im Zusammenhang d.er Aktion seiner Klasse zur Durchsetzung ihrer Interessen zu untersuchen sind. War das Problem der Klassenlage! und ihres Einflusses mit aller Deutlichkeit gestellt, so haette die wissenschaftliche Eingangsfrage lauten mues^en: Da der Mensch in seine Welt als in einen vielfältigen Zusammenhang von beeinflussenden Sphaeren, von der kosmischen zur erotischen, gefuegt ist, als eine, von dej nen die soziale Schichtung er-! scheint, im welchem Gewichtsverhaeltn's und in welcher Wechselwirkung steht d.er Klasseneinfluss in der Gestalt der Ideologie zu dem nichtideolcgischen Bestand der Person? j Die Hoffnung fuer diese Stunde geht auf eine Erneuerung der dialogischen Unmitttelbarkeit zwischen den Menschen. Aber las~t uns ueber die draengende Not. die Angst und Serge dieser Stunde hinausgehen, lasst uns diese Not in dem Zusammenhang, des grossen Menschenweges sehen, und wir werden erkennen: Nicht zwij sehen Mensch und Mensch allein, sondern zwischen dem Urgründe des Seins ist die Unmittelbarkeit verletzt worden. Im Innersten des Widerstreits von Misstrauen und i Vertrauen zum Menschen birgt sich der Widerstreit zwischen Misstrauen und Ver. trauen zur Ewigkeit. Geraet es unserem Munde, wahrhaft Du zu sagen, dann haben wir, | nach langem Schweigen und j Stammeln, unser ewiges Du von neuem angesprcchen, Versoehnung wirkt Versoeh- Inung. GABRIEL RIES SER Zur ISO. Wiederkehr seines Geburtstages Am. 2. April jaehrte sich zum 150. Male der Geburtstag desjenigen Mannes, den man einst den “Anwalt der deutschen Juden” genannt hat und der ein Vorkaempfer fuer ihre Emanzipation war, Seine Bedeutung noch lange ueber seine Epoche hinaus ist gross genug, um sie unseren juedischen Menschen von heute ins Gedaechtnis zurueckzurufen. _ Gabriel Riesser, 1806 in Hamburg zur Welt gekommen, Enxel des OberraDomers seiner Heimatstadt, war von einer tiefen und echten Liebe zur juedischen Lehre erfuellt. Ihn, den Rechtsgelehrten, kraenkte die Zuruecxsetzung, denen seine Glaubensbrueder in deutschen Landen ausgeliefert waren, und dieses verletzte Rechtsgefuehl veranlasste ihn senon in jungen Jahren, oeffentlich gegen das verkuemmerte Menschenrecht der Juden aufzutreten. Im Jahre 1831 liess Riesser eine Schrift ueber “die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland” erscheinen. “Nichts von Rechtfertigungen und Zugestaendnissen”, heisst es dort, und weiter wird gesagt: “Wir haben keine andere Waffe als die der Humanitaet, keinen anderen Stolz als den der Menschenwuerde. Das Menschenrecht kann Gewalt uns vorenthalten, aber an Menschenwuerde, an reiner, ungetruebter, mensch-! licher Bildung sollen sie! uns kein Haar breit raujben...” Vergessen wir nicht, dass diese Worte anderthalb | Jahrzehnte vor den Freiheits-! stuermen der Maerztage von 1848 geschrieben worden sind, und es gehoerte viel Mut dazu, in jenen Jahren solche Worte oeffentlich zu gebrauchen. Mit edler Entruestung wandte sich der junge Hamburger Gerichtsrat gegen die damalige Methode vieler Behoerden und Amtsstellen, die religioese Treue und Ehrlichkeit der Juden als “Rechtsverweigerung” zu bestrafen, waehrend nicht selten ein aus niedriger Selbstsucht erfolgter Uebertritt zum Chris tentum mit Ehren und Rechten belohnt wurde. Leidenschaftlich kaempfte Riesser gegen Luege und Heuchelei, seine juedischen Glaubensgenossen gleichzeitig ermahnend, nichts von ihrem : Judentum preiszugeben, bei der Fahne zu bleiben und es abzulehnen, die Emanzipation durch religioese Zugestaendnisse zu erkaufen. Eine seiner vielen Streitschriften (1840 -42: “Juedische Briefe”) schloss mit den schoenen Worten: “Das Vaterland darf von uns fordern, was es von seinen Buergern zu fordern berechtigt ist; willig werden wir ihm alles opfern, nur Glauben und Treue, Wahrheit und Ehre nicht”. Gabriel Riesser war ein echter Prophet; die oeffentliehe Meinung trat mehr und mehr auf seine Seite, und als die Freiheitsbewegung von 1848 heraufzog, war die Gleichstellung der Juden eine jener Forderungen, deren Bewilligung sich Fuersten und Staatsmaenner nicht laenger widersetzen konnten. Ein Jahr zuvor, 1847, hatte Preussen mit den achtzehn verschiedenen Gesetzgebungen, nach denen bis dahin die Juden in den einzelnen Landesteilen beurteilt worden waren, auf geraeumt. Nunmehr gab das Gesetz, ueber das der Vereinigte Landtag am 23. Juli 1847 abstimmte, den preussischen Juden die volle buergerliehe Gleichberechtigung, und am 6. April 1848 erhielten sie die gleichen staatsbürgerlichen Rechte. Bald folgten die sueddeutschen Staaten mit aehn liehen Verordnungen nach; auch die freie Hansestadt Hamburg stand nicht zurueck und ernannte ihren Buerger Gabriel Riesser zum Obergerichtsrat. Fuer ihn, der die Judennot noch am eigenen Leibe erfahren hatte sein Vater hatte die Judenaus treibung aus Luebeck miterlebt war ein hart erkaempftes Ziel gluecklich erreicht worden. Hatte er doch, letzten Endes, nicht nur fuer seine Glaubensgenossen gekaempft, sondern fuer die Gesamtheit der Deutschen, denen er wuenschte, dass sie in einem wahren Rechtsstaate leben moechten. Zum Abgeordneten in die Frankfurter Nationalversammlung entsandt (1848-1849) war er dort mit 228 gegen 43 Stimmen zum Vizepresidenten gewaehlt worden. Auch als er in die Deputation delegiert wurde, die dem Koenig Friedrich Wilhelm IV, die deutsche Kaiserkrone anbietensollte, ist dieser Beschluss allgemein gebilligt worden, ein Beweis fuer die Wertschaetzung, der sich Riesser erfreute. In einer seiner hinreissenden Reden war er damals fuer das preussische Erbkaisertum eingetreten, und wenngleich bereits die fuenfziger Jahre politische Rueckschlaege fuer die Juden brachten, so hat Riessers Beispiel eine gute Wirkung auf die damalige juedische Jugend gehabt und diese in freiheitlichem Geiste beeinflusst. Allzufrueh, erst 57 Jahre alt, ist dieser Kaempfer fuer Freiheit und Recht am 22. Anril 1863 dahingegangen; in der Geschichte der juedischen Emanzipationsbewegung wird er immer einen besonderen Ehrenplatz einnehmen. C. W. ANZEIGEN ANNAHME fuer das BOLETIN INFORMATIVO NUEVA YORK 52 - QF. 605 Telefon £6603 Buerozeii 9-1 und 4-7 Auf Wunsch werden die Anzeigen abgeholt