Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVII (1955)
- Issue
- 10 (Octubre, 1955)
- Date
- 1955-10-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Octubre, 1956 BOLETIN INFORMATIVO 13 t,r W*t te/ren, ¿rítete, ¿etete. r PORGY Die Opernliebhaber Santiagos koennen auf ein unvergessliches Erlebnis zurueckblicken. Endlich wurde einmal die zwar spaerliche, aber in ihrer Monotonie unendlich wirkende Kette der Aídas, Traviatas und Bohémes unterbrochen, welche ge. woehnlich das gesamte Repertoire der uns gebotenen Auffuehrungen darstellen. So war es kein Wunder, dass die Ankuendigung von “Porgy und Bess”, der bekannten Negeroper des grossen juedischen Komponisten George Gershwin ganz aussergewoehnliches Interesse hervorrief. Wohl nur wenige Mitglieder unserer Gemeinde haben es unterlassen, eine der zahlreichen Auffuehrungen dieser einzigartigen Oper zu besuchen. Alle Erwartungen wurden weit uebertroffen durch eine Darstellung, welche mit gutem Gewissen als absolut perfekt bezeichnet werden darf. Die Auffuehrung einer Oper ist ein ganz besonders schwieriges Unternehmen, denn es summieren sich die Probleme einer Theaterauffuehrung mit denen einer musikalischen Darbietung. Zu einer -erstklassigen Opernauffuehruhg gehoert es, dass jeder Saenger ein guter Schauspieler ist, der Dirigent muss “Theatergefuehl” b e s i t z en und der Regisseur muss Musiker sein. Solche Dop;elbegabungen sind aber selten und so muessen wir Zuschauer uns meist mit einer mehr oder weniger gelung e n e n Kompromissloesung zufrieden geben. Welch freudige Ueberraschung war da doch das Schauspiel, welches “Porgy und Bess’’ uns bot. Jeder Aspekt der Darstellung erreichte hoechste Qualitaet und Schoenheit. Sei es die stimmliche und schauspielerische Leistung der Darteller, die Szenerie, die Kostueme, die Beleuchtung, die musika- UND GEORGE GERSHWIN Der amerikanischste aller amerikanischen Komponisten war Jude. lische Direktion des Orchesters und der C'hoere, die rhythmische und farbige Durcharbeitung der szenischen Wirkung, jedes Detail kann nur als perfekt bezeichnet werden und trug dazu hei. den Gesamteindruck einer Darstellung zu bieten, die in ihrer gleichmaessigen Erstklassigkeit zu den Hoehe. punkten der Opernkunst gerechnet werden muss. Soviel Vollendung ist nur durch die Einzigartigkeit dieses Opernensembles zu erklaeren. Die Kuenstlertruppe; die uns besuchte, hat die Oper “Porgy und Bess” gewissermassen adoptiert. Sie widmet sich seit Jahren ausschliesslich der Darstellung nur dieser einen Oper und wurde nur zu diesem Zwecke geschaffen. So konnten aus der grossen Zahl von Talenten in der Negerbevoelkerung Amerikas die Kuenstler gesucht werden, welche besonders den Anfor- 'S: PRO derungen dieses Werkes gewachsen sind. Es gibt unter den Mitgliedern dieser Gruppe ehemalige Konzertsaenger und Nachtklubtaenzer, Schauspieler und Musikstudenten. Allen gemeinsam ist ihr ausserordentliches Koennen und ihre Eignung fuer die Rolle, die sie darstellen. Seit ihrer Gruendung im Jahre 1952 hat diese ungewoehnliche Operngesellschaft “Porgy und Bess” in fast allen Laendern der Erde aufgefuehrt und ueberall die groesste Bewunderung der Musikwelt hervorgerufen. George Gershwin kam im Jahre 1898 in New York zur Welt. Er war der zweite Sohn eines juedischen Emigranten aus Russland. Schon fruehzeitig begann er sich der Musik zu widmen. Es war sein Bestreben, den Rhythmus des amerikanischen ‘.‘Jazz” der ernsten Musik einzuverleiben. Sein unumstrittener Erfolg in diesem Vorhaben machte ihn zu dem representativsten Komponisten der modernen amerikanischen Musik. Zu seinen bekanntesten Werken gehoeren die “Rhapsody in Blue”, das “Kcnzert in F” und viele Lieder und Melodien, die enorme Popularitaet gewannen, wie z. B. “Swanee” das in der genialen Interpretation Al Jolson’s zum Weltschlager wurde. In “Porgy und Bess” erreichte George Gershwin den Hoehepunkt seines kuenstle. rischen Schaffens. In jahrelangem Bemuehen und mit der uns Juden wohl in besonderem Masse gegebenen Einfühlungsgabe in unsere Umwelt, gelang es ihm, sich Rythmus und Melodik der Negermusik zu eigen zu machen. So gelang es ihm, in jahrelanger genialer Arbeit dieses wirklich grosse Werk zu schaffen, dieses schoene Lied vcm Leben und von der Liebe des schwarzen Mannes. WALTER GOLDSCHMIDT DIE EMANZIPATION Nicht von der Emanzipation der Juden soll hier die Rede sein, sondern von jener modernen Parallelerscheinung, dem Kampf der nordamerikanischen Neger um ihre wirtschaftliche und vor allem auch gesellschaftliche Gleichberechtigung. Aehnlich wie der Jude des Mittelalters lebte der Neger in den meisten Staaten der USA im Ghetto, d. h. es war ihm nicht moeglich, ausserhalb des Negerbezirks eine Wohnung zu finden, nicht einmal der Kauf eines Hauses in einem “weissen” Bezirk war ihm moeglich. Aehnlich wie dem Juden des Mittelalters war dem Neger der Zugang zu den besser entlohnten wirtschaftlichen Positionen verschlossen, er war ausgeschlossen, ein Paria, und wenn auch die moderne kapitalistische Wirtschaftsordnung nach anderen Grundsaetzen verfaehrt als das Feudalsystem, so ist doch beiden Wirtschaftsystemen dieselbe Faehigkeit gleich unerwuenschte Bevoelkerungs gruppen unerbittlich vom wirtschaftlichen A u f s t ie g auszuschalten. Das Feudalsystem des Mittelalters zerbrach und das aufsteigende Buergertum zerstoerte mit dem Motto “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” die geistigen Grundlagen des juedischen Ghettos. Juristisch erhielt der Jude die Gleichberechtigung in Europa und damit die Moeglichkeit, auch fuer seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Emanzipation zu kaempfen. Es scheint nun, als ob der Neger in Nordamerika bei seinem Kampf um Gleichberechtigung sich in einem aehnlichen Stadium befindet wie der europaeische Jude kurz nach der franzoeslschen Revolution. Die Grundlagen des Negerghettos sind bruechig geworden. Die Geschichte unserer Zeit zwang die Vereinigten Staaten, aus ihrer Isolierung herauszutreten und die gewaltigen wirtschaftlichen und damit auch militaerischen Kraefte, ueber die USA verfuegt, brachten es mit sich, dass binnen kurzer Zeit die Vereinigten Staaten die Fuehrung der freien Welt uebernahmen. Mit dieser Fueh. rerstellung aber war die Pariastellung der Neger nicht laenger zu vereinbaren. Immer mehr kam eine ueberwiegende Mehrheit der weissen Bevoelkerung zu der Ueberzeugung, dass nur die voll. staendige Gleichberechtigung der Neger die moralische Grundlage fuer die Fuehrerstellung Nordamerikas in der freien Welt abgeben koenne. Denn als Folge des letzten Krieges treten die farbigen Voelker mehr und mehr in den Vordergrund und wie kcennte eine weisse Nation diesen farbigen V o e 1 k e r n Fuehrung und Vorbild sein, wenn sie gleichzeitig ihre eigenen farbigen Mitbuerger als zweitklassige Menschen be- (Fortsetzung Seite 15) PORGY UND BESS: KONTRA Wahre Prinzen aus Genleland , Zah.en bar was Sie vermehrt, Schiller, Goethe, Lessing, Wle- (land Haben nie Kredit begehrt. Wollten keine Ovationen Von dem Publlko auf Pump, Keine Vorsehuss-Lorbeerkronen, Ruehmten sich nicht keck uni (plump. H. HivLvK Selten ist die Auffuehrung eines Buehnenwerkes in Santiago von solcher Propaganda bekleitet werden wie dieses Mal. . Nach so vielen Vorschusslorbeeren, war es nicht verwunderlich, dass man mit groesster Gespanntheit ins Theater ging und um so enttaeuschter war, als sich das Ganze als ein mittelmaessiges Machwerk entpuppte, welches ohne den gewaltigen und ausgezeichnet durchgefuehrten Propagandaaufwand ziemlich unbeachtet vorbeigegangen waere. Das Stueck hat das traditiensgemaess unglaubwürdige und blutruenstige Argument aller Opern, chne Anspruch auf literarischen Wert, sei es im Aufbau der Handlung, den verschiedenen Situationen oder der Sprache. Da jedoch bei der Oper das Libretto nur eine zweitrangige Rolle spielt, waere dieser Punkt nicht weiter schlimm gewesen, wenn wenigstens das Wesentliche, die Musik, minimalen Anspruechen genuegt haette. Doch auch dies war leider nicht der Fall. Die Musik, die uns als veredelter Jazz praesentiert wurde, liess die wichtigsten und anziehendsten Jazzelemente vermissen; den streng ipoiyohonischen . Aufbau und die Improvisation. Statt dessen bewegt sich Gershwin in einem seichten Verismus, mit einer Tonsprache, die eine Mischung von Puccini, Massenet und Lehar ist, zusammen mit einigen Negro-Spirituals, was alles durch eine Dosis Strawinsky verbunden wird. Einige Ansaetze einer originelleren Musik (das Solo des Schlagzeuges in der 2. Szene des 2, Aktes) werden nicht weiter ausgefuehrt. Ebenso “fin de Siede” ist der grosse Aufwand an Chor. Solisten und Orchester, aber all dies, was bei Mascagni oder Leoncavallo so herzerfrischend vulgaer, anspruchslos und doch anziehend ist, erweckt bei Gershwin den Eindruck des Gekuenstelten. Ein Libretto von zweifelhaftem Wert, zusammen mit Mittelmaessiger Musik, bewirken meistens, dass der Zuhoerer sich langweilt, wenn nicht das Interesse durch hervorragende Leistung der Ausfuehrenden wachgehalten wird. Dieses war leider nicht der Fall. Schauspielerisch kann man allgemein von Saengern nicht viel verlangen, und ich mcechte daher auch diesen Punkt nicht weiter beruehren, wenn ich auch gerade aus diesem Grund die gute Leistung, von Martha Flower als Bess hervorheben muss. Jedoch waren die Stimmen mit Ausnahme von Helen Thigben als Serena, klein, und denkbar ungeeignet, die Oede des Werkes durch Glanz leistungen zu ueberblenden. Das Orchester folgte sauber und ordentlich, jedoch ohne Enthusiasmus den Anweisungen von Alexander Smallens, dessen Auffassung den suesslichromantischen Charakter der Partitur noch unterstrich. Eine be-ondere Kritik verdient die Regie. Es ist mir unbekannt, wie weit diese Art der Auffassung eigentuemlich fuer die amerikanische Buehne ist. Es ist jedoch interessant festzustellen, dass sie einer Tendenz entspricht, die zwischen 1925 und 1930 ohne Zweifel vorherrschend war, aber fuer uns im Jahre 1955 nur mehr eine Kuriositaet darstellt. Die Regie, mehr als alles Andere im Theater, ist dem Zeitgeist und der Mode unterworfen und ist in unserer Zeit, wenigstens westlich des Eisernen Vorhangs, nicht mehr r.aturali.tisch. Wir wollen auf der Buehne nicht mehr DIE DARSTELLUNG DER WIR- K LIC H K EIT, sondern die theatralische Ilusion einer Wirklichkeit, mit ihren-eigenen theatralischen Gesetzen, Gegebenheiten und Formen, und, zugleich eine groesstmoeglichste Vereinfachung des Buehnenbildes. Dies war nicht die Auffassung der Regie, und die Buehne wirkte dadurch konfus und verworren. Ein Beispiel: Die erste Szene, das Leben und Treiben auf der Strasse, verstoesst gegen das Prinzip, einen Punkt zu schaffen, auf welchen sich die Aufmerksamkeit des Zuschauers konzentrieren kann. Statt dessen wird das Publikum durch eine Gruppe von wild durcheinander laufenden und fallenden Statisten staendig abgelenkt, nervoes gemacht und verliert jedèn Kontant mit der Buehne. Wie etwas Aehnliches, eine scheinbar unordentliche Menschenmenge und ein wildes Durcheinander gezeigt werden kann, ohne dass es den Zuschauer ermuedet, sondern ihn im Gegenteil vom ersten Augenblick an mitten in die Handlung stellt, hat uns J. L. Barrault im Auftakt zum “Cristcph Colomb” gezeigt, und mit geringerem Koennen als Barrauit, Domingo Piga in der Wahlversammlungs.zene der “Carta Perdida” von Caragiale. Es gab, obwohl, wie ja auch nicht anders zu erwarten, elbstverstaendlich alles ausgezeichnet klappte, so wenig virklich gute Regieleistungen, lass es leicht ist sie gesondert anzufuehren: a) 1. Art. 1. Szene: Der Vorbeizug der Nachbarn an der Leiche Robbin?. a) 2. Akt 1. und 2. Szene: Die Vorbereitungen zum Auszug und der Beginn.fies Festes. c) 2. Akt 3. Szene: Die Druppenwirkung der Verammlung der Nachbarn in 1er Wohnung Serenas wachsend des Sturmes. Die Regie machte noch einen Grundfehler. Sie strich zu wenig. Wenn die Oper um ein Drittel gekuerzt worden wae- :e, haette die Auffuehrung ohne Zweifel an Spannung md Schwung gewonnen, und vir waeren nicht durch die -,chier endlosen Laengen und Wiederholungen ermuedet worden. Am meisten ist zu bedauern dass diese Tournée inter dem Patronat der AN- TA durchgefuehrt wird. Es vaere zu wuenschen, dass diese Organisation, welche anscheinend in den Vereinigten Staaten die Kultur :ropafanda durchfuehren soll, sich nicht durch Kassenerfolge md politische, Erwaegungen beeinflussen liesse, sondern ihre Entscheidungen nur vom künstlerischen Standpunkt aus treffen wuerde. Es gibtin der USA. genug wertvolle Kunst, wie wir es jetzt am (Fortsetzung Seite 15)