Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVII (1955)
- Issue
- 10 (Octubre, 1955)
- Date
- 1955-10-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Octobre, 1955 BOLETIN INFORMATIVO 9 JOSEPH, DER TRAUMDEUTER DIE DICHTUNG "Da traeumten beide einen Traum in einer Nacht, jeder seinen Traum, jeder wie die Deutung seines Traumes, der Schenke und der Baecker des Koenigs von Mizrajim, die ge. fangen sassen in dem Gefaengnis. Als Joseph zu ihnen kam in der Fruehe, und sie ansah, und siehe, sie waren verstoert: Da frug er die Hofbedienten Pharaos, die bei ihm im Gewahrsam seines Herrn, also: Warum ist euer Gesicht heute so boese? , , | v , t! Und sie sprachen zu ihm: Einen Traum haben wir getrauend;, und keiner ist da, der ihn deute. Da sprach Joseph zu ihnen: Sind nicht Gottes die Deutungen? Erzaehlet mir doch”. (Bereschith, 40; 5-8) DIE NACHDICHTUNG “Heute aber zeigten sie sich ausgesprochen rueckfaellig in der Verwoehntheit und ergingen sich, sobald nur Joseph zu ihnen getreten war, in den alten bitteren Klagen darueber, wie ihnen doch alles und selbst das Notwendigste abgehe, und wie sich ihr Leben dahier, so redlich sie auch sich mit ihm zu befreunden versucht haetten, doch immer wieder als ein Hundeleben herausstelle. AUS DER ANTWORT AUF DIE ABERKENNUNG DES EHREN¬ DOKTORATS DER UNIVERSITAET BONN “Ich haette nicht leben, nicht arbeiten koennen, ich waere erstickt, ohne dann und wann, wie alte Voelker sagten, “mein Herz zu waschen”, ohne von Zeit zu Zeit meinen unergruendlichen Abscheu vor dem, was zu Hause in elenden Worten und elenderen Taten geschah, unverhohlenen Ausdruck zu geben. Verdient oder nicht ,mein Name hatte sich nun einmal fuer die Welt mit dem Begriff eines Deutschtums verbunden, dass sie liebt und ehrt; dass gerade ich der wuesten Verfaelschung klarwiderspraeche, welche dies Deutschtum jetzt erlitt, war eine in alle freien Kunsttraeume, denen ich mich so gern ueberlassen haette, beunruhigend hineintoenende Forderung. Eine Forderung, schwer abzuweisen fuer einen, dem immer gegeben gewesen war, sich auszudruecken, sich im Wort zu befreien, dem immer Erleben eins gewesen war mit reinigend bewahrender Sprache”. (Dezember 1936) Ein SchoepSerisches Leben Schichten der Arbeiterschaft in jene gefaehrliche Gleichgueltigkeit verfielen, die es den staendig an Zahl wachsenden Nazis leicht machten, sich des deutschen Volkes zu bemaechtigen. Thomas Mann ging ,1933, ins Exil. Er wurde dort einer der Mittelpunkte eines heuen Lebens in Freiheit und Wuerde, Vorbild fuer die deutsche politische und auch fuer die juedische Emigration. Viele Male in den schweren Jahren, die folgen, vertrat er das Recht und die Menschlichkeit, die in Hitler - Deutschland taeglich geschaendet wurden, sprach den Juden als den Erben einer stolzen Vergangenheit Mut zu und ermahnte die Weltoeffentlichkeit, sich nicht vor all dem Furchtbaren zu verschliessen, das der Menschheit widerfahre. Es war keine geringe Sache, die Ahnen des juedischen Volkes zu feiern, Israels Patriarchen und Stamm vaeter in seinem “Josefsroman” als leuchtende Beispiele reinen Gottesglaubens und, Repraesentanten einer hohen Ethik zu verherrlichen in einer Epoche, die dazu neigte, sich vor den Maechtigen der Erde zu beugen. Dieser groess. te biblische Roman ist zwischen 1932 und 1944 entstanden. Diese Tatsache allein zeigt schon die beabsichtigte Ehrung des Volkes -der Bibel durch ein Werk ueber die 'Bibel. Der Schriftsteller Thomas Mann begnuegte sich niemals damit, das menschliche Leben in all seinen Aspekten zu analysieren Er fueiüte stets (Fortsetzung von Seite 1) eine starke Verantwortung in sich, in seinen Werken Menschen zu gestalten, die ganze and blutvolle Gottesgescnoepfe sind von denen Lebenskraft ausgeht. Aus einem an Erfahrung reichen Leben hat er seinen Gestalten und Figuren mitgeteilt, und sie haben allesamt ein Innenleben, und nichts Menschliches ist Ihnen fremd. Immer enstanden Kunstwerke, weil versucht wurde, etwas Allge. meingueltiges zu sagen und dabei tiefe E'nsicht ln Men. schenschicksale und menschliche Tragoedien zu nehmen. Und dies alles mit der Weisheit eines abgeklaerten Geistes und einer hohen Kunst des Wortes, des sprachlichen Ausdruckes. Vor tvenigen Wochen erging aus Israel eine Botschaft, zu deren Unterzeichner der Justizminister Pinchas Rosen gehoert, die zur Schaffung eines Thomas Mann-Waldes auf dem Boden des Juedischen Nationalfonds aufruft und mit dem Wunsch schliesst, dass der Dichter bald dasjenige Land besuchen moege, das er mit seinem geistigen Auge erschaut habe, als er das Josefswerk schrieb. Diese Hoffnung sollte sich leider nicht verwirklichen. Der Achtzigjaehrige, voller Plaene und auf unverminderter Hoehe der dichterischen Gestaltung» kraft hat zu leben aufgehoert. CURT WILK (Buenos Aires) Sie haetten getraeumt diese Nacht, sagten sie auf Josephs teilnehmende Frage, beide gleichzeitig, ein jeglicher seinen eigenen Traum; und es seien Traeume von der sprechendsten Lebendigkeit gewesen, hoechst eindringlich, unvergesslich und von ganz eigentümlichem Geschmack fuer die Seele, wahre Sinn- Traeume mit dem Zeichen “Versteh’ mich recht” an der Stirne, und welche nach Auslegung geradezu schrieen. Zu Hause haetten sie jeder einen eigenen Traumdeuter gehabt, gewiegte Experten fuer allerlei Ausgeburten der Nacht, mit Augen' fuer jede Einzelheit eines Gesichtes dem ein Anspruch auf Bedeutung und Vorbedeutung anzumerken gewesen sei, ausgestattet ueberdies mit den besten Traum-Katalogen und —Kasuistiken babylonischer sowohl wie einheimischer Her. kunft, worin sie nur haetten WORTE DES DICHTERS “Ich habe die ruchlosen Verderber Deutschlands und Europas gehasst, mit unbedingtem und toedlichem Hass, dessen ich mich nicht zu schaemen hatte, auf den ich stolz sein durfte”. (Rede in der Frankfurter Paulskirche, am 25.7.1949) “Das “Gute Deutschland”, das ist die Kraft, gesegnet durch Musische, gesittete Groesse. So konnte ein Deutscher musterhaft werden. Vorbild und Vollender seines Volkes nicht nur, sondern der Menschheit, zu deren Selbst er sein Selbst erweiterte”. (Zum 200. Geburtstag Goethes). “Aber ein anderes, groesse. res Vorzeichen noch muss die Zeit unserer Gedenkfeier verleihen: sie stehe im Zeichen universe 11er Teilnehmung nach dem Vorbild seiner hochherzigen Groesse, die nach einem ewigen Bund rief des Menschen mit der Erde, seinem muetterlichen Grund. Von seinem sanft gewaltigen Willen gehe durch das Fest seiner Grablegung und Auferstehung etwas in uns ein: von seinem Willen zum Schoenen, Wahren und Guten, zur Gesittung, zur inneren Freiheit, zur Kunst, zur Liebe, zum Frieden, zu rettender Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst”. (Zu Schillers 150. Todestag). nachzuschlagen brauchen, wenn ihnen selbst die Idee ausgegangen waere. Notfalls, in schwer zu erschliessen. den und nicht dagewesenen Faellen, haetten sie, die Herren, ein Consilium von Tempel-Propheten und Schriftgelehrten zusammenrufen koen nen, das mit vereinten Kraef ten der Sache bestimmt auf den Grund gekommen waere. Kurzum, in jedem Falle seien sie prompt, zuverlaessig und herrschaftlich bedient worden. Aber nun und hier?! Da haetten sie nun getraeumt, ein jeder seinen besonderen, hoechst auffallend betonten und eigentuemlich gewuerzten Traum, von dem ihm die Seele voll sei, und niemand sei da, in dieser verfluchten Grube, der ihnen die Traeume deute und sie bediene, wie sie’s gewohnt seien. Das sei eine Entbehrung, weit haerter als die von Daunen, “Er hatte die Liebenswuerdigkeit, den gewinnenden Zauber Caesars. Er hatte auch sein Glueck. Seine Groesse selbst hatte viel Verwandtschaft mit der des Roemers. Wie dieser, war er Aristokrat, ein Kind des Reichtums und ein Freund des Volkes, der Hort des kleinen Mannes. Und wie Caesar den roemischen Gedanken zu der dem Christentum als Weltreligion vorarbeitenden Konzeption eines universellen Reichsbuergertums erweiterte, so sah Rooseveltdie abendlaendische Kulturidee aufgehen in einer Weltzivilisation mit der Atmosphaere des religioesen und sozialen Humanismus, dem sein Herz gehoerte. Das Wort “Religion” hatte kaum Konfessionellen, es hatte universellen Sinn in seinem Munde. Klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben, fein und stark, hochentwickelt und einfach wie das Genie, erleuchtet von intuitivem Wissen um die Notwen, digkeit der Zeit, den Willen des Weltgeistes —eingerechnet das Wissen, dass der der Gluecklichste ist, der diesem Willen am mutig-gehorsamsten, zaehesten und geschmeidigsten dient —genau der Mann jenes “Glaubens”, von dem Goethe sagt, dass er “sich stets .erhoeht, bald kuehn hervordraengt, bald geduldig schmiegt, damit das Gute wirke, wachse, fromme... ” — so sehe ich ihn, so kannte, bewunderte, liebte Gansbraten und Vogeljagd, und lasse sie ihre unleidliche Reduziertheit recht bis zu Traenen empfinden. Joseph hoerte ihnen zu und schob die Lippen ein wenig empor. “Ihr Herren”, sagte er, "wenn es euch fuer den An. fang troestlich sein kann, dass jemand eueren Kummer nachfuehlt, so seht in mir Einen, der das tut! Ueberdies aber koennte dem Mangel, der euch bedrueckt und beleidigt, allenfalls abzuhelfen sein. Ich bin als euer Diener und Pfleger bestellt und bin sozusagen fuer alles da, warum nicht auch schliesslich fuer Traeume? Ich bin nicht ganz unbewandert auf diesem Gebiet und darf mich einer gewissen Familiaritaet mit Traeumen ruehmen —nehmt das Wort nicht fuer ungut, nehmt es fuer zutreffend, denn in meiner Familie und Sippe ist allezeit viel und anzueglieh getraeumt werden. Mein Vater, der Herdenkoenig, hatte an bestimmter Stelle, auf Reisen, einen Traum ersten Ranges, der sein ganzes Wesen fuer immer mit Wuerde ge. faerbt hat, und von dem ihn erzaehlen zu hoeren ein ausserordentliches Vergnuegen war. Und ich selbst hatte in meinem Vorleben soviel mit Traeumen zu tun, dass ich unter meinen Bruedern sogar einen Necknamen hatte, der auf diese Eigenheit gutmuetig ansoielte. Ihr habt im Vorliebnehmen so grosse Uebung gewonnen —wie waere es, wenn ihr mit mir vorlieb naehmet und mir euere Traeume erzaehlet, dass ich versuche, sie euch zu deuten?” (Aus; “Joseph, der Ernaehrer”). ich ihn und war stolz, unter seiner Aegide ein civis roma. nus zu werden”. “Was wir erlebt hatten, was wir kommen sahen, wovor wir zu warnen versuchten, konnte oder wollte niemand begreifen. Eine Art von Selbstschutz hinderte die Welt am Verstaendnis. Hier war einer, zum ersten Mal einer, der alles verstand, alles wusste, alles sah, dem die Worte, die wir sprachen, kein leerer Schall waren, weil der Weltbuergerkrieg, in dem wir standen, seinem Geist ein le. bendig empfundenes Faktum war. Und dieser Eine war zufaellig der maechtigste Mann der Erde. Man vergisst das nicht”. “Ich habe in Franklin Delano Roosevelt immer den geborenen und den bewussten Gegenspieler des abgruendig boesen, aber eben damit auch abgruendig dummen und weltblinden Diabolismus gesehen, dem das arme Deutsch land verfallen und durch den es der Welt so gefaehrlich geworden war”. “Wir koennen dahingehen mit der Erfahrung, dass zwar auf diesem Stern das Niedertraechtige immer sei. nen Platz behaupten wird, dass aber das Niedertraechtigste, Hitlers Geist und Herrschaft, nicht darauf geduldet, sondern mit vereinten Kraeften hinweggefegt wurde. Und wir koennen sterben in dem Bewusstsein, einen grossen Mann gesehen zu haben”. (Aus dem “Aufbau vom 20. 4.1945). POLITISCHES BEKENNTNIS “Fuerchtet euch nicht! Wahrheit und Vernunft moegen im Aeusseren unterdrueckt sein fuer eine schwarze Weile, —in uns bleiben sie ewig frei, und aus der heiteren Hoehe der Kunst mag der Geist des siegenden Unsinns spotten, nicht allein und nicht verlassen, sondern im sicheren Bunde mit allen Besten”. (Aus dem Aufsatz “Die- . ser Friede”, in der Zeit der muenchener Kapitulation und Hitlers Einmarsch in die Tschechoslowakei). Zur “Nationalsozialistischen Erhebung“ “Falsch und boese ist meiner tiefsten Ueberzeugung nach diese “Deutsche Revolution”. Es fehlt ihr alles, was echten Revolutionen, und waeren sie viel blutiger gewesen, regelmaessig die Sympathie der Menschheit eingetragen hat. Sie ist ihrem Wesen nach nicht “Erhebung” — was ihre Traeger auch sagen und schreien moegen—, sondern Hass, Rache, Totschlagelust, Gemeinheit, und es kann nichts Gutes aus ihr kommen, weder fuer das unglueckliche Deutschland noch fuer die Welt”. (Am 15. Mal 1933) THOMAS MANN ZUM TODE FRANKLIN DELANO ROOSEVELTS